Die Familie aus Weißrussland: Natallia, Viachellav und ihr Sohn Nikita © Sigrid Lehmann-Wacker

Natallia Kukharenko und ihr Mann Viacheslav fühlen sich als Studierende zweiter Klasse. Dabei war das Ehepaar aus Weißrussland ausgerechnet nach Deutschland gekommen, um ein erstklassiges Wirtschaftsstudium anzutreten. Doch anstatt sich Lehrbuchinhalten und Vorlesungsstoff widmen zu können, müssen die beiden kämpfen: um die Finanzierung ihres Studiums, für Akzeptanz und gegen Gesetze. Ihr Fall zeigt, wie schwierig es ist, in Deutschland zu studieren, wenn man aus einem Land kommt, das kein Mitglied in der europäischen Union ist. Derzeit betrifft das rund 165.000 junge Menschen an deutschen Unis.

Die Familie aus Weißrussland ist vor rund sieben Jahren über Umwege an der Universität Osnabrück gelandet. Das Paar hat bereits in der Heimat studiert. Doch die Anglistikabschlüsse der beiden wurden in Deutschland nicht anerkannt. Daher können die Kukharenkos neben dem Studium nicht als Lehrer arbeiten. Dabei sprechen sie gut Deutsch und benötigen das Geld dringend. Studierende aus Nicht-EU-Staaten müssen nämlich nachweisen, dass ihnen rund 640 Euro im Monat zur Verfügung stehen – aus ihrem Privatvermögen oder über einen Bürgen.

Natalias und Viacheslavs Eltern können nicht für das Studium ihrer Kinder aufkommen. Das geht vielen so, die keine EU-Bürger sind. Ist das Einkommensniveau im eigenen Land gering, reicht das Geld meist nicht um den Kindern ein Studium im Ausland zu finanzieren, geschweige denn für sie zu bürgen. Nur wenige Studienanwärter bekommen ein Stipendium.

Die Kukharenkos sind deshalb kreativ geworden: "Wir sind für vier Monate in die USA gezogen und haben dort 20.000 Dollar verdient. Wir haben täglich 16 bis 18 Stunden geschuftet, auch am Wochenende und alles Mögliche gemacht − kellnern, kochen, kassieren ... . Mein Mann hat sogar als Schiffsjunge gearbeitet", sagt Natallia Kukharenko. Das Paar bekam ein Austauschvisum für die USA als weißrussische Studenten. Bis zur Vollendung ihres 30. Lebensjahres können Studierende in Nordamerika so relativ problemlos arbeiten.

Insgesamt drei Mal reiste das Paar in die Vereinigten Staaten. Während des zweiten Besuchs war Natallia schon schwanger. Das letzte Mal flog Viacheslav allein, weil Sohn Nikita auf der Welt war. Zu dieser Zeit drohte die deutsche Ausländerbehörde Natalia mit einem Entzug der Aufenthaltserlaubnis, nachdem sie drei Urlaubssemester für die Kinderbetreuung genommen hatte. Die junge Frau hatte vorher keinen der wenigen Plätze in einer Kindertagesstätte bekommen. Die Begründung der Behörde: "Sie sind hier zum Studieren, nicht zum Kindererziehen."

Natallia Kukharenko durfte schließlich mit dem Kind in Deutschland bei ihrem Ehemann bleiben. Doch sie musste weiterhin für den Lebensunterhalt kämpfen, mit Kleinkind und wenig Unterstützung. Laut Gesetz dürfen Studierende aus Nicht-EU-Ländern nur jene Arbeiten verrichten, für die man nicht qualifiziert sein muss. Sie arbeitet deshalb als Zimmermädchen in einem Hotel auf 400-Euro-Basis. Zeit für das Studium bleibt kaum.