Wenn sie das gewusst hätten, hätten sie einen größeren Hörsaal reserviert. Bei den ersten beiden Veranstaltungen der Vorlesungsreihe " Mensch und Markt " platzte der Raum in der Mannheimer Uni aus allen Nähten. Mehr als 200 Studenten waren gekommen und wollten wissen, ob der Mensch noch über den Markt bestimmt oder der Markt längst die Kontrolle über den Menschen übernommen hat. Eine Frage, die im Wirtschaftsstudium sonst kaum gestellt wird.

" Dabei bekommen die Studenten dafür weder Scheine oder Leistungspunkte " , sagt Mitorganisator Max Schormair. Das Besondere an der Vorlesungsreihe: Sie ist bei den Studenten nicht nur beliebt, sondern wurde auch von ihnen selbst organisiert. Die Hochschulgruppe Polimiton hat sie auf die Beine gestellt. Die engagierten Studenten fanden, dass Optimalität, Wettbewerb und andere typische Ökonomie-Konzepte " endlich mal hinterfragt werden müssen " , sagt BWL-Student Schormair. Für die nächste Veranstaltung am 9. November rechnen sie mit ähnlichem Andrang. " Eines ist klar " , sagt Schormair, " am Ende soll die Erkenntnis stehen: Es geht auch anders " .

Die deutschen Wirtschafts-Studenten scheinen nach einem solchen Perspektivwechsel zu dürsten. Spätestens seit Bankenchefs und Topmanager wegen der Finanzkrise in die Schusslinie geraten sind und öffentlich über die Moral der Märkte gestritten wird, treibt die deutschen Wirtschaftsstudenten ein Thema besonders um: Wirtschaftsethik. Nicht nur in Mannheim fragen sie sich, welche sozialen Folgen Managerentscheidungen haben, welche Verantwortung Unternehmen tragen und ob man auf Kosten anderer seine Profite maximieren darf.

Da ist zum Beispiel das internationale Studentennetzwerk Oikos . " Studenten für eine nachhaltige Wirtschaftswelt " heißen sie im Untertitel. Mit mittlerweile sieben Lokalgruppen ist Oikos in Deutschland vertreten, in keinem anderen Land sind es so viele. " Jahrelang war das Thema eine Nischensache, erst jetzt wird es unglaublich sexy " , sagt Anna Ritschel, zurzeit Präsidentin des Netzwerkes. Ihre Mitglieder organisieren Ringvorlesungen, Podiumsdiskussionen und andere Veranstaltungen zum Thema nachhaltiges Wirtschaften und Wirtschaftsethik. Genauso wie sneep , eine andere Studentengruppe, die an 29 deutschen Unis vertreten ist. Eine sneep -Onlineumfrage unter rund 3000 Studierenden ergab 2009, dass sich fast die Hälfte von ihnen mehr wirtschaftsethische Inhalte wünscht – und rund zwei Drittel finden, dass Wirtschaftsethik Pflichtfach in Ökonomie-Studiengängen werden sollte.

Doch obwohl die Verfehlungen von Bankern und das Interesse der Studenten kaum offensichtlicher sein können, reagieren die deutschen Universitätsleitungen kaum. Wirtschaftsethik als Pflichtfach? Davon kann keine Rede sein, die Frage nach der Moral spielt an den meisten Hochschulen kaum eine Rolle: Anja Schwerk, Management-Dozentin an der Humboldt-Universität in Berlin, hat vor zwei Jahren die Lehrangebote sämtlicher deutschen Hoch- und Fachhochschulen unter die Lupe genommen. Ihr ernüchterndes Fazit: " In der Bachelor-Ausbildung gehörte die Wirtschaftsethik in aller Regel nicht zu den Pflichtkursen. "

Nur etwa jede zweite Wirtschaftsfakultät bietet hierzulande überhaupt Ethik-Kurse an. Die Betriebswirtin hofft, dass Initiativen wie die Mannheimer Veranstaltungsreihe Signalwirkung haben und in den Dekanaten zu einem Umdenken führen. Der Vertrauensverlust in die Wirtschaft müsse durch ein verändertes Curriculum " reflektiert " werden, fordert die Hochschullehrerin. Das Problem dabei: " Die Universitäten reagieren zu schwerfällig " , sagt Schwerk. Es dauere zu lange, bis neue Kursangebote entwickelt werden. Die Verantwortlichen zögerten oft, weil sie den ohnehin straffen Lehrplan nicht mit weiteren Inhalten belasten wollen.