Hochschule Über die Lehre in Zeiten des Bachelors
Internet und Bologna-Reform haben das Studium verändert. Warum Hochschullehrer in der Pflicht sind, sich darauf einzustellen.
Bessere Lehre – so lautet der aktuelle Auftrag der Politik an die Hochschulen. Seit Humboldt bedienen sich Hochschulen für die Vermittlung von Wissen an die Studierenden sehr erfolgreich des Prinzips der engen Verknüpfung von Lehre und Forschung, im Vertrauen auf die Kraft der disziplinär geordneten Wissenschaft. Sie soll erlauben, Forschungsprozesse mit Vermittlungsprozessen zu verbinden. Viele Jahrzehnte sollte dies als Grundprinzip akademischer Lehre ausreichen, besondere Vermittlungstechniken erschienen vielen Hochschullehrern als äußerlich, nur ablenkend vom Fachinhalt.

Prof. Dr. Gerd Klöck ist Professor für Bioverfahrenstechnik an der Hochschule Bremen. Studium der Biologie und Chemie in Bonn, Habilitation als Biotechnologe am Biozentrum der Universität Würzburg, mehrjährige Forschungstätigkeit in der Industrie. Zahlreiche Veröffentlichungen zu neuen Lehr- und Lernformen in den Naturwissenschaften.
Die meisten der heute an Hochschulen Lehrenden haben eine solche Bildung erfahren und sind in diesem System erfolgreich gewesen. Warum also soll man nun einen laufenden Esel schlagen? Sicher gab es schon immer Hochschullehrer, die mit ihren Studenten einfach nicht zurecht kamen. Aber gute und schlechte Lehrer gibt es auch in Schulen, aller modernen Didaktik und Qualitätssicherung zum Trotz. Warum soll also der Praktiker mit langjähriger akademischer Erfahrung plötzlich seine Lehre verbessern, wie es Politik und Hochschulrektorenkonferenz fordern?
Für mich als Biologen ist die Antwort einfach: weil die Rahmenbedingungen sich ändern. Anders als noch vor zehn Jahren ist der Zugang zu Wissen heute an fast jedem Ort in Echtzeit möglich. Für junge Studierende besteht hierin ein neuartiges Motivationsproblem: Warum soll ich mühsam Fakten lernen, wenn diese jederzeit online abrufbar sind? Der Verweis auf eine spätere berufliche Tätigkeit als Ingenieurin oder Wissenschaftler trägt dabei oft noch nicht: Das Berufsleben ist in den Augen der jungen Studierenden noch sehr weit entfernt. Zudem sind sie in Bezug auf ein Leben nach dem Studium meist sehr verunsichert. Wer mag schon Voraussagen über den künftigen Beruf wagen in den Zeiten von Finanzkrisen und Globalisierung?
Je virtuoser die Studierenden mit Internetrecherchen umgehen können, umso weniger fällt die fachliche Oberflächlichkeit auf.
In der Praxis beobachten wir zunehmend, dass viele der jungen Leute, die zu uns an die Hochschulen kommen, um sich bilden zu lassen, aus der Schule zwar den virtuosen technischen Umgang mit Information mitbringen. Aber das Lernen, genauer das Studieren beherrschen sie nicht: das mühevolle, langwierige Eindringen in ein Fachgebiet, das Erschließen der notwendigen Systematik, den Erwerb einer eigenen Wissensbasis. Sie sind statt dessen bestens darauf trainiert, mehr oder weniger beliebige Informationen zu Sachverhalten zu recherchieren, und diese zu bestimmten Terminen präsent zu haben. Ein Aufbereiten des Stoffes schien oft nicht notwendig, copy & paste tat es auch.
Bemerkenswerterweise erleben die Studierenden ihr Defizit in Bezug auf die tiefere Durchdringung eines Sachverhaltes zunächst nicht einmal als solches. Im Gegenteil, je virtuoser sie mit Internetrecherchen umgehen können, umso weniger fällt die fachliche Oberflächlichkeit auf. Das Wort von Konfuzius scheint heute aktueller denn je: Denken ohne zu lernen sei gefährlich.
Das Umfeld der Hochschulen hat sich also geändert, wie sollen die Lehrenden darin reagieren? Unbestreitbar ist die Humboldtsche Einheit von Forschung und Lehre ein bewährter, unverzichtbarer Baustein für Erhalt und Weiterentwicklung unserer Wissenschaften. Die Lehre gelingt aber zumindest bei Studienanfängern nicht einfach per Diffusion von Wissen. Es ist mehr denn je erforderlich, die jungen Studierenden in die Lage zu versetzen, das Studieren zu lernen.
- Datum 01.02.2011 - 15:17 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 12
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







wenn man mal etwas genauer darüber nachdenkt, welche Faktoren für die Qualität der Lehre entscheidend sind, und wenn man sich wirklich mit der Struktur deutscher Universitäten auskennt, dann stellt man schnell fest, dass die Forderung, deutsche Hochschullehrer mögen doch, bitteschön, einfach mal und endlich mal ihre Lehre "verbessern" reichlich naiv ist.
Diese Forderung unterstellt nämlich, dass erstens zeitliche Freiräume dafür vorhanden sind -- Lehrvorbereitung kostet Zeit, und exzellente Lehrvorbereitung kostet extrem viel Zeit -- und dass zweitens deutsche Hochschullehrer mit ihrer Lehrleistung bewusst deutlich unter dem bleiben, was sie eigentlich leisten könnten. Unterstellt wird also eine Verweigerung von Leistung in großem Maßstab. Und zu genau dieser Behauptung sollte doch bitte erst mal nachprüfbare Belege geliefert werden.
Wer sich wirklich auskennt, weiss, wie gerade die jungen Nachrücker im Professorenamt zwischen dem enormen Publikationsdruck, Projektverpflichtungen, Beantragung von neuen Projekten, Begutachtungen von Publikationen, Anträgen, Bewerbern und Projekten einerseits, und den Verpflichtungen aus der Lehre andererseits förmlich zerrissen werden.
Wenn man bessere Lehre will: bitte sehr: keine Lehrprofessuren an zweitklassige Leute, sondern mehr Professuren mit weniger Lehrverpflichtung; das ist der Weg, den auch die exzellenten Unis in den USA gehen. Aber das kostet eben Geld. Und in Deutschland will man Verbesserungen zum Nulltarif.
...meine Meinung!
...meine Meinung!
...hat bitteschön in Zeiten von Hochschulrahmengesetz und der Generation 'Befristete Stelle' noch Zeit, sich um die Lehre zu scheren? Wie soll man lernen, wie man richtig lehrt, wenn dafür überhaupt keine Zeit bleibt? Der Fehler liegt im System, weder auf Seiten der Lehrenden noch auf Seiten der Lernenden.
...meine Meinung!
Ich studiere im Bachelorstudiengang Psychologie an der Uni Wien und die Prüfungen sind ein Herunterbeten von Fakten. Inwiefern es mir für meine spätere Tätigkeit als Psychologe hilfreich ist, zu wissen, wer im 16. Jhdt. als Erster den Begriff Psychologie gebrauchte, wie es kürzlich in der Prüfung abgfragt wurde, ist mir schleierhaft.
Wenn man etwas mehr auf Anwendungsaufgaben achten würde und als Student(in) nachvollziehen kann, inwiefern einem dieses und jenes Wissen weiterhilft... das wäre etwas motivierender.
Wenn nicht mal mehr ein Psychologe wissen soll, wer der erste Psychologe war, wer denn dann? Ich finde schon, dass es zu einer akademischen Ausbildung auf Universitätsniveau dazu gehört, auch mal ein bisschen was von der Geschichte seines Faches mitbekommen zu haben, auch wenn Sie dieses Wissen nie im Beruf brauchen werden. Aber stellen Sie sich vor, Sie sind als erfolgreicher, gut verdienender Therapeut mit Doktortitel mal irgendwann auf einer Cocktailparty und jemand fragt Sie, wer denn eigentlich der erste Psychologe war oder was denn eigentlich das "Cocktailpartyphänomen" sei. Mag ja sein, dass Ihnen nichts peinlich ist, aber ich würde mich schämen, müsste ich in so einer Situation Unkenntnis offenbaren!
Wenn nicht mal mehr ein Psychologe wissen soll, wer der erste Psychologe war, wer denn dann? Ich finde schon, dass es zu einer akademischen Ausbildung auf Universitätsniveau dazu gehört, auch mal ein bisschen was von der Geschichte seines Faches mitbekommen zu haben, auch wenn Sie dieses Wissen nie im Beruf brauchen werden. Aber stellen Sie sich vor, Sie sind als erfolgreicher, gut verdienender Therapeut mit Doktortitel mal irgendwann auf einer Cocktailparty und jemand fragt Sie, wer denn eigentlich der erste Psychologe war oder was denn eigentlich das "Cocktailpartyphänomen" sei. Mag ja sein, dass Ihnen nichts peinlich ist, aber ich würde mich schämen, müsste ich in so einer Situation Unkenntnis offenbaren!
Ich zitiere unseren Dekan in der ersten Vorlesung:"... 95% der Dinge, die sie hier erlernen, brauchen Sie im Berufsleben nie wieder..."
95% der Bevölkerung in Deutschland wird in ihrem Berufsleben auch nie wieder in die Verlegenheit kommen, eine Differentialgleichung behandeln zu müssen. Ebenso ist die Kenntnis von Goethes "Faust" zum Einkauf von Brot nicht zwingend erforderlich. Den meisten Menschen würden desgleichen Kenntnisse über die Hauptsatzform einer Sonate in ihrem Alltag wenig vermissen.
Dennoch gehört dies alles zu dem, was man gemeinhin "Bildung" nennt. Bildung ihrerseits ist integraler Bestandteil von Kultur.
Da die Fähigkeit eine Kultur zu entwickeln uns gegenüber vielen anderen intelligenten Arten auf diesem Planeten auszeichnet, würde ich dafür plädieren diese nicht verfrüht als unnötig zu betrachten.
Da ich dies für so wichtig halte, bin ich der Meinung, dass wir Beschimpfungen der Art "diese sollten mehr lernen" oder "jene sollten besser lehren" als unfruchtbar hinter uns lassen sollten und uns besser der Frage zuwenden sollten, was man ändern muss, damit es besser wird.
95% der Bevölkerung in Deutschland wird in ihrem Berufsleben auch nie wieder in die Verlegenheit kommen, eine Differentialgleichung behandeln zu müssen. Ebenso ist die Kenntnis von Goethes "Faust" zum Einkauf von Brot nicht zwingend erforderlich. Den meisten Menschen würden desgleichen Kenntnisse über die Hauptsatzform einer Sonate in ihrem Alltag wenig vermissen.
Dennoch gehört dies alles zu dem, was man gemeinhin "Bildung" nennt. Bildung ihrerseits ist integraler Bestandteil von Kultur.
Da die Fähigkeit eine Kultur zu entwickeln uns gegenüber vielen anderen intelligenten Arten auf diesem Planeten auszeichnet, würde ich dafür plädieren diese nicht verfrüht als unnötig zu betrachten.
Da ich dies für so wichtig halte, bin ich der Meinung, dass wir Beschimpfungen der Art "diese sollten mehr lernen" oder "jene sollten besser lehren" als unfruchtbar hinter uns lassen sollten und uns besser der Frage zuwenden sollten, was man ändern muss, damit es besser wird.
Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Der Job eines Hochschullehrers ist inzwischen ohnehin in jeder Hinsicht unattraktiv geworden. Noch dazu wurde stark im Mittelbau gespart. Ich bin gespannt, wo Deutschland überhaupt zukünftige Hochschullehrer herbekommen will...
95% der Bevölkerung in Deutschland wird in ihrem Berufsleben auch nie wieder in die Verlegenheit kommen, eine Differentialgleichung behandeln zu müssen. Ebenso ist die Kenntnis von Goethes "Faust" zum Einkauf von Brot nicht zwingend erforderlich. Den meisten Menschen würden desgleichen Kenntnisse über die Hauptsatzform einer Sonate in ihrem Alltag wenig vermissen.
Dennoch gehört dies alles zu dem, was man gemeinhin "Bildung" nennt. Bildung ihrerseits ist integraler Bestandteil von Kultur.
Da die Fähigkeit eine Kultur zu entwickeln uns gegenüber vielen anderen intelligenten Arten auf diesem Planeten auszeichnet, würde ich dafür plädieren diese nicht verfrüht als unnötig zu betrachten.
Da ich dies für so wichtig halte, bin ich der Meinung, dass wir Beschimpfungen der Art "diese sollten mehr lernen" oder "jene sollten besser lehren" als unfruchtbar hinter uns lassen sollten und uns besser der Frage zuwenden sollten, was man ändern muss, damit es besser wird.
Die Reform ist den selbstverwalteten Unis ohne jede demokratische Debatte europäisch aufgezwungen worden. Daher lehnen sie sie ab und können sich auch nicht mit ihnen anfreunden.
Es ist weiterhin eine Schande, dass jetzt deutsche Universitären fremdsprachliche Abschlüsse vergeben. Die ganze neoliberale Reform tangiert den Kern des deutschen Hochschulwesens, die preussischen Reformer wie Humboldt steuerten in eine ganz andere Richtung. Bildung wird nur noch an wirtschaftliche Zwecke gebunden statt allenfalls an aufklärerische Zwecke, dieses Selbstverständnis unserer Kultur ist neoliberal kaputt gemacht worden. Die Umwandlung von Universitäten zu Berufsakademien und positivistischen Schleifinstitutionen von Spezialisten entkernt die deutschen Universitäten und entwürdigt unsere universitäre Kultur.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren