Bessere Lehre – so lautet der aktuelle Auftrag der Politik an die Hochschulen. Seit Humboldt bedienen sich Hochschulen für die Vermittlung von Wissen an die Studierenden sehr erfolgreich des Prinzips der engen Verknüpfung von Lehre und Forschung, im Vertrauen auf die Kraft der disziplinär geordneten Wissenschaft. Sie soll erlauben, Forschungsprozesse mit Vermittlungsprozessen zu verbinden. Viele Jahrzehnte sollte dies als Grundprinzip akademischer Lehre ausreichen, besondere Vermittlungstechniken erschienen vielen Hochschullehrern als äußerlich, nur ablenkend vom Fachinhalt.

Die meisten der heute an Hochschulen Lehrenden haben eine solche Bildung erfahren und sind in diesem System erfolgreich gewesen. Warum also soll man nun einen laufenden Esel schlagen? Sicher gab es schon immer Hochschullehrer, die mit ihren Studenten einfach nicht zurecht kamen. Aber gute und schlechte Lehrer gibt es auch in Schulen, aller modernen Didaktik und Qualitätssicherung zum Trotz. Warum soll also der Praktiker mit langjähriger akademischer Erfahrung plötzlich seine Lehre verbessern, wie es Politik und Hochschulrektorenkonferenz fordern?

Für mich als Biologen ist die Antwort einfach: weil die Rahmenbedingungen sich ändern. Anders als noch vor zehn Jahren ist der Zugang zu Wissen heute an fast jedem Ort in Echtzeit möglich. Für junge Studierende besteht hierin ein neuartiges Motivationsproblem: Warum soll ich mühsam Fakten lernen, wenn diese jederzeit online abrufbar sind? Der Verweis auf eine spätere berufliche Tätigkeit als Ingenieurin oder Wissenschaftler trägt dabei oft noch nicht: Das Berufsleben ist in den Augen der jungen Studierenden noch sehr weit entfernt. Zudem sind sie in Bezug auf ein Leben nach dem Studium meist sehr verunsichert. Wer mag schon Voraussagen über den künftigen Beruf wagen in den Zeiten von Finanzkrisen und Globalisierung?

Je virtuoser die Studierenden mit Internetrecherchen umgehen können, umso weniger fällt die fachliche Oberflächlichkeit auf.

In der Praxis beobachten wir zunehmend, dass viele der jungen Leute, die zu uns an die Hochschulen kommen, um sich bilden zu lassen, aus der Schule zwar den virtuosen technischen Umgang mit Information mitbringen. Aber das Lernen, genauer das Studieren beherrschen sie nicht: das mühevolle, langwierige Eindringen in ein Fachgebiet, das Erschließen der notwendigen Systematik, den Erwerb einer eigenen Wissensbasis. Sie sind statt dessen bestens darauf trainiert, mehr oder weniger beliebige Informationen zu Sachverhalten zu recherchieren, und diese zu bestimmten Terminen präsent zu haben. Ein Aufbereiten des Stoffes schien oft nicht notwendig, copy & paste tat es auch.

Bemerkenswerterweise erleben die Studierenden ihr Defizit in Bezug auf die tiefere Durchdringung eines Sachverhaltes zunächst nicht einmal als solches. Im Gegenteil, je virtuoser sie mit Internetrecherchen umgehen können, umso weniger fällt die fachliche Oberflächlichkeit auf. Das Wort von Konfuzius scheint heute aktueller denn je: Denken ohne zu lernen sei gefährlich.

Das Umfeld der Hochschulen hat sich also geändert, wie sollen die Lehrenden darin reagieren? Unbestreitbar ist die Humboldtsche Einheit von Forschung und Lehre ein bewährter, unverzichtbarer Baustein für Erhalt und Weiterentwicklung unserer Wissenschaften. Die Lehre gelingt aber zumindest bei Studienanfängern nicht einfach per Diffusion von Wissen. Es ist mehr denn je erforderlich, die jungen Studierenden in die Lage zu versetzen, das Studieren zu lernen.