Proteste in den Straßen von Tunis Mitte Januar © Lucas Dolega/dpa


ZEIT ONLINE : Herr Rucht, welche Rolle spielen Studenten und junge Akademiker in den Aufständen von Tunesien? Sind sie die treibende Kraft?

Dieter Rucht : Ich bin nicht sicher, ob die tunesischen Studenten diese tragende Rolle spielen. Wir sehen den Aufstand durch das Fenster der Medien. Auslandskorrespondenten, die jetzt durch Tunis laufen, suchen sich natürlich Gesprächspartner, die gut Französisch oder Englisch sprechen. Dementsprechend stark werden die gut Gebildeten auch wahrgenommen. Insgesamt ist der Anteil der Studenten in Tunesien aber nicht so hoch. Von den mehr als 10 Millionen Einwohnern studieren nur 370.000. Über die Studenten und ihre Berufsaussichten erfährt man nun etwas, weil sie sich äußern. Aber ob der Aufstand primär von ihnen ausging, ist nicht ausgemacht.

ZEIT ONLINE : Die Regierung hat die Schulen und Universitäten landesweit geschlossen, um den Protesten entgegen zu wirken.

Rucht : Auch das muss nicht heißen, dass der Aufstand von dort ausging. Es liegt in der Logik von Machthabern, alle Orte unter ihre Kontrolle zu bringen, an denen sich Menschen unter einem gewissen Schutz zusammenrotten, absprechen und Aktionen planen können.

ZEIT ONLINE : Welche Rolle spielt die Universität als sozialer Ort? Welche Rolle spielen Studenten und junge Akademiker in totalitären Regimen oder in Staaten mit mangelhaften demokratischen Strukturen?

Rucht : Insbesondere in Dritte-Welt-Ländern sind Studenten enorm wichtig, wenn es um Demokratieforderungen geht. Sie stehen aber nicht überall an der Spitze. Je nach Land können es auch die Gewerkschaften sein oder wie in Brasilien die Landlosen, die zur treibenden Kraft werden. Aber gerade in totalitären Ländern, die dazu neigen, sich abzuschotten, sind die Studierenden meist ein Unruheherd. Sie sind besser informiert, können Vergleiche ziehen, reisen ins Ausland oder haben Kontakte dorthin. Und sie kommen mit Ausländern in ihrem eigenen Land eher ins Gespräch.

ZEIT ONLINE : Eine Rolle spielt der bessere Zugang Studierender zur Informationstechnologie. Offenbar ist das Internet für den Protest in Tunesien wichtig.

 Das Handy als Dokumentationsinstrument

Rucht : Die Rolle des Internet für die Protestmobilisierung wird vermutlich überschätzt. Nur wenige Journalisten sind vor Ort und reden gar mit den Leuten in der Provinz. Journalisten nutzen das Internet als Informationsquelle und nehmen es daher auch als Mobilisierungsinstrument stark wahr. Die Kommunikation von Mund-zu-Mund-Propaganda innerhalb von Familien, Nachbarschaften und anderen herkömmlichen Netzwerken war und ist sehr effektiv. Das Internet ist ein begleitender Kanal, der zudem nach außen gerichtet ist. Auch das führt zu Überschätzung. Eine große Rolle spielt allerdings die Visualisierung. Videos von schrecklichen Ereignissen zu sehen, erhitzt die Gemüter natürlich viel mehr als ein trockener Zeitungsbericht. Allerdings hat das Fernsehen da in der Vergangenheit auch schon viel geleistet.

ZEIT ONLINE : Mittlerweile kann im Grunde jeder Videos ins Internet stellen, ohne dass redaktionell gefiltert wird.

Rucht : Das schafft eine breite Öffentlichkeit und erlaubt die Korrektur von offiziellen Berichten. Jedes Handy kann ein Dokumentationsinstrument sein, zum Beispiel um prügelnde Polizisten zu identifizieren. Das sorgt für eine gewisse Vorsicht auf Seiten der Ordnungskräfte. Aber natürlich nutzen auch die Regierungen moderne Techniken für ihre Zwecke der Überwachung und Kontrolle.

ZEIT ONLINE : In Tunesien hat es auch in den vergangenen Jahren Protestaktionen gegeben. Der Funke sprang aber nicht auf größere Teile der Bevölkerung über. Was hat dazu geführt, dass die jüngsten Proteste so schnell Erfolg hatten?

Rucht : Hungerstreiks wie im März 2009 fanden nicht die große Beachtung und wurden vom tunesischen Regime gleich im Keim erstickt. Außenstehende hatten natürlich den Eindruck, dass alles unter Kontrolle ist. Entscheidend ist, dass die Protestierenden nun breite Bündnisse zustande gebracht haben. Gerade bei Studentenprotesten war das in der Vergangenheit häufig nicht der Fall, wie etwa in Deutschland in den sechziger Jahren und auch später. Wenn Studenten als solche sehr distinkt auftreten, bleiben sie eher isoliert. Zudem werden sie oft verdächtigt, nur für ihre eigenen Privilegien zu sorgen. So verpuffen die meisten dieser Proteste.

Studenten werden oft verdächtigt, nur für ihre eigenen Privilegien zu sorgen

ZEIT ONLINE : Auch im Jemen gehen dieser Tage Studenten auf die Straße und berufen sich auf die Bewegung in Tunesien. Denken Sie, dass der Funke auf andere Länder in der arabischen Welt überspringen wird?

Rucht : Viele Kräfte sind derzeit in Wartestellung, allerdings nicht nur progressive Demokraten. Es gibt auch islamische Kräfte, die unter säkularen Regimen leiden und die Situation ebenfalls als Gunst der Stunde interpretieren – in ihrem Sinne. Machthaber wie etwa der ägyptische Präsident oder der jordanische König sind nun sicherlich in Habacht-Stellung und gewarnt. Sie werden mehr Kontrolle ausüben und gleichzeitig Zugeständnisse machen, um den Druck zu mindern. Wie lange sie damit Erfolg haben, vermag aber wohl niemand vorherzusehen.