Protestforscher"Studenten sind ein Unruheherd"

Wenn es um Demokratieforderungen geht, sind Studenten enorm wichtig, sagt Dieter Rucht. Ihre tragende Rolle in Tunesien bezweifelt der Protestforscher aber. von 

Proteste in den Straßen von Tunis Mitte Januar

Proteste in den Straßen von Tunis Mitte Januar  |  © Lucas Dolega/dpa


ZEIT ONLINE : Herr Rucht, welche Rolle spielen Studenten und junge Akademiker in den Aufständen von Tunesien? Sind sie die treibende Kraft?

Dieter Rucht : Ich bin nicht sicher, ob die tunesischen Studenten diese tragende Rolle spielen. Wir sehen den Aufstand durch das Fenster der Medien. Auslandskorrespondenten, die jetzt durch Tunis laufen, suchen sich natürlich Gesprächspartner, die gut Französisch oder Englisch sprechen. Dementsprechend stark werden die gut Gebildeten auch wahrgenommen. Insgesamt ist der Anteil der Studenten in Tunesien aber nicht so hoch. Von den mehr als 10 Millionen Einwohnern studieren nur 370.000. Über die Studenten und ihre Berufsaussichten erfährt man nun etwas, weil sie sich äußern. Aber ob der Aufstand primär von ihnen ausging, ist nicht ausgemacht.

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ZEIT ONLINE : Die Regierung hat die Schulen und Universitäten landesweit geschlossen, um den Protesten entgegen zu wirken.

Dieter Rucht
Dieter Rucht

Dieter Rucht, Jahrgang 1946, forscht unter anderem zu sozialen Bewegungen und politischem Protest. Er lehrt und forscht an der Freien Universität Berlin sowie am Wissenschaftszentrum Berlin.

Rucht : Auch das muss nicht heißen, dass der Aufstand von dort ausging. Es liegt in der Logik von Machthabern, alle Orte unter ihre Kontrolle zu bringen, an denen sich Menschen unter einem gewissen Schutz zusammenrotten, absprechen und Aktionen planen können.

ZEIT ONLINE : Welche Rolle spielt die Universität als sozialer Ort? Welche Rolle spielen Studenten und junge Akademiker in totalitären Regimen oder in Staaten mit mangelhaften demokratischen Strukturen?

Rucht : Insbesondere in Dritte-Welt-Ländern sind Studenten enorm wichtig, wenn es um Demokratieforderungen geht. Sie stehen aber nicht überall an der Spitze. Je nach Land können es auch die Gewerkschaften sein oder wie in Brasilien die Landlosen, die zur treibenden Kraft werden. Aber gerade in totalitären Ländern, die dazu neigen, sich abzuschotten, sind die Studierenden meist ein Unruheherd. Sie sind besser informiert, können Vergleiche ziehen, reisen ins Ausland oder haben Kontakte dorthin. Und sie kommen mit Ausländern in ihrem eigenen Land eher ins Gespräch.

ZEIT ONLINE : Eine Rolle spielt der bessere Zugang Studierender zur Informationstechnologie. Offenbar ist das Internet für den Protest in Tunesien wichtig.

Rucht : Die Rolle des Internet für die Protestmobilisierung wird vermutlich überschätzt. Nur wenige Journalisten sind vor Ort und reden gar mit den Leuten in der Provinz. Journalisten nutzen das Internet als Informationsquelle und nehmen es daher auch als Mobilisierungsinstrument stark wahr. Die Kommunikation von Mund-zu-Mund-Propaganda innerhalb von Familien, Nachbarschaften und anderen herkömmlichen Netzwerken war und ist sehr effektiv. Das Internet ist ein begleitender Kanal, der zudem nach außen gerichtet ist. Auch das führt zu Überschätzung. Eine große Rolle spielt allerdings die Visualisierung. Videos von schrecklichen Ereignissen zu sehen, erhitzt die Gemüter natürlich viel mehr als ein trockener Zeitungsbericht. Allerdings hat das Fernsehen da in der Vergangenheit auch schon viel geleistet.

ZEIT ONLINE : Mittlerweile kann im Grunde jeder Videos ins Internet stellen, ohne dass redaktionell gefiltert wird.

Rucht : Das schafft eine breite Öffentlichkeit und erlaubt die Korrektur von offiziellen Berichten. Jedes Handy kann ein Dokumentationsinstrument sein, zum Beispiel um prügelnde Polizisten zu identifizieren. Das sorgt für eine gewisse Vorsicht auf Seiten der Ordnungskräfte. Aber natürlich nutzen auch die Regierungen moderne Techniken für ihre Zwecke der Überwachung und Kontrolle.

ZEIT ONLINE : In Tunesien hat es auch in den vergangenen Jahren Protestaktionen gegeben. Der Funke sprang aber nicht auf größere Teile der Bevölkerung über. Was hat dazu geführt, dass die jüngsten Proteste so schnell Erfolg hatten?

Rucht : Hungerstreiks wie im März 2009 fanden nicht die große Beachtung und wurden vom tunesischen Regime gleich im Keim erstickt. Außenstehende hatten natürlich den Eindruck, dass alles unter Kontrolle ist. Entscheidend ist, dass die Protestierenden nun breite Bündnisse zustande gebracht haben. Gerade bei Studentenprotesten war das in der Vergangenheit häufig nicht der Fall, wie etwa in Deutschland in den sechziger Jahren und auch später. Wenn Studenten als solche sehr distinkt auftreten, bleiben sie eher isoliert. Zudem werden sie oft verdächtigt, nur für ihre eigenen Privilegien zu sorgen. So verpuffen die meisten dieser Proteste.

Studenten werden oft verdächtigt, nur für ihre eigenen Privilegien zu sorgen

ZEIT ONLINE : Auch im Jemen gehen dieser Tage Studenten auf die Straße und berufen sich auf die Bewegung in Tunesien. Denken Sie, dass der Funke auf andere Länder in der arabischen Welt überspringen wird?

Rucht : Viele Kräfte sind derzeit in Wartestellung, allerdings nicht nur progressive Demokraten. Es gibt auch islamische Kräfte, die unter säkularen Regimen leiden und die Situation ebenfalls als Gunst der Stunde interpretieren – in ihrem Sinne. Machthaber wie etwa der ägyptische Präsident oder der jordanische König sind nun sicherlich in Habacht-Stellung und gewarnt. Sie werden mehr Kontrolle ausüben und gleichzeitig Zugeständnisse machen, um den Druck zu mindern. Wie lange sie damit Erfolg haben, vermag aber wohl niemand vorherzusehen.

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Leserkommentare
  1. "Wir sehen den Aufstand durch das Fenster der Medien. Auslandskorrespondenten, die jetzt durch Tunis laufen, suchen sich natürlich Gesprächspartner, die gut Französisch oder Englisch sprechen. Dementsprechend stark werden die gut Gebildeten auch wahrgenommen."

    Letztendlich muss ich sagen ,dass die Massenmedien ihren Job sehr schlecht erledigen:Es gab tatsächlich auch einige die noch nichtmal wussten,dass Tunesien eine Diktatur war! Jeder halbwegs intelligente Mensch hätte schon vermuten können,dass das keine bürgerliche Revolution ist.Überhaupt muss man sich abgewöhnen westliche Begriffe auf das Morgenland zu übertragen.Tatsächlich hatten die anfänglichen sozialen Struckturen grosse Teile der Bevölkerung zusammengeschweisst und nicht zu vergessen das Militär - ohne die postive Parteinahme des Militärs wäre der Erfolg auch augeblieben.

  2. Es ist faszinierend, wie überdeutlich Herr Rucht die "Erkenntnisse" der Journalisten eingrenzt. Einige der Fragen scheinen die Hoffnung auf Selbstbestätigung zu haben - und scheitern dann kläglich. So die Rolle der Studenten, die Macht des Internets und den Einfluss auf andere Länder. Die Aussage scheint eher:
    Man weiß (zu) wenig und kann noch weniger einschätzen...

  3. gegen so etwas helfen anderswo gestraffte lehrpläne, verkürzte studienzeiten und ein ordentlich aufgebauter erfolgsdruck, gepaart mit der aussicht auf jahrelange ehrenamtliche praktika. sprich, das studium darf nicht länger als zeit der persönlichen entwicklung mißbraucht werden, da kommen die jungen leute nur auf so hippiegedanken. ironie aus.

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  • Schlagworte Tunesien | Französisch | Internet | Protest | Student | Video
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