Doktor an der FH : Weiblich, technisch, zielgenau

An der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg können FH-Absolventen jetzt promovieren. Durch eine Kooperation mit Universitäten, die zum Vorbild werden könnte.
Doktorandin Anastassia Küstenmacher mit Roboter © Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Aus den eigenen Fehlern lernen – diese Intelligenzleistung will die Informatikerin Anastassia Küstenmacher auch Robotern beibringen. Durch Belohnung und Strafen – technisch gesagt, positives oder negatives Feedback – sollen die Automaten an einer begrenzten Zahl von Übungsbeispielen erfolgreiche Rechen- und Handlungsprogramme für alle Fälle entwickeln: Für das situationsgerechte Passspiel beim Roboterfussball etwa, fürs Bierzapfen, ohne, dass das Glas überläuft. In dem Forschungsfeld schreibt Küstenmacher jetzt ihre Doktorarbeit an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg . Eine Freundin versucht das gleichzeitig in den Biowissenschaften. Die beiden Doktorandinnen sind zwar seltene Ausnahmen unter FH-Absolventen. Ihr Beispiel ist aber kein reiner Zufall, sondern Ausdruck einer neuen Hochschulstrategie.

Die Forschungsvorhaben kosten immerhin drei Jahre Zeit und solange natürlich auch das nötige Geld zum Leben. Die Gleichstellungsbeauftragte der Hochschule verschaffte den Kandidatinnen dafür Promotionsstipendien von 1000 Euro im Monat. Die stammen aus einem Landesfonds, mit dem der Frauenanteil unter den Wissenschaftlern erhöht werden soll. In Verbindung damit haben die Nachwuchstalente jeweils eine halbe Mitarbeiterstelle an ihrem Lehrstuhl. "Das gehört zu unserer Personalentwicklung", sagt Hochschulpräsident Hartmut Ihne. "Wie Universitäten brauchen wir in unseren Labors und Forschungsstätten promovierte Fachkräfte und davon mehr Frauen."

Ohne jedes Selbstmitleid fügt Ihne hinzu: "Bei den erforderlichen Promotionsstipendien können wir uns in Zukunft natürlich nicht nur auf Staatsgelder verlassen. Die müssen alle Hochschulen zunehmend auch aus der Wirtschaft einwerben." In einem eigenen "Graduierteninstitut", wie es bislang noch keine FH kennt, sollen sie gezielt zum zeitigen Abschluss geführt werden.

Von solch strukturiertem Doktorandenstudium können die allermeisten FH-Absolventen bislang nur träumen. Da Fachhochschulen herkömmlich kein eigenes Promotionsrecht haben, müssen sich die Bewerber in der Regel selber einen Betreuer an irgendeiner Uni suchen. Da stoßen sie oft auf verschlossene Türen. Volker Eickenberg, Diplom-Kaufmann (FH) und heute selbst Professor der Europäischen Fachhochschule Rhein/Erft, kann aus persönlicher Erfahrung ein leidiges Lied davon singen. Deshalb wenden sich manche Bewerber mit viel Geld lieber gleich an Unis in Osteuropa. Je nachdem darf der Doktortitel von dort auch hierzulande ohne Herkunftsangabe geführt werden.

Demgegenüber hat die Hochschule Bonn ihren Doktorandinnen den nächsten Weg geebnet. Sie ist beispielsweise zusammen mit den Universitäten Köln, Bonn, Aachen und einem Fraunhofer Institut Partner des inzwischen weltberühmten Bonn-Aachen International Center for Information Technology (B-IT) . In dem Rahmen konnte Anastassia Küstenmachers Professor unschwer einen Kollegen von der Technischen Hochschule Aachen als Mitbetreuer gewinnen. Die Doktor-Urkunde kommt letztlich von der TH. Die Biologin Martina Krämer wird an der Uni Bonn promovieren. In diesem Falle ist ihr Fachhochschul-Lehrer zugleich (Privat-)Dozent an der Uni und kann deshalb aus eigenem Recht mitprüfen.

Anzeige

Schlau durch das Studium.

Lernen Sie jetzt DIE ZEIT und ZEIT Campus im digitalen Studentenabo kennen.

Hier sichern

Kommentare

86 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

demütigende Auflagen

Ich finde nicht, dass diese Auflagen demütigend klingen. Es ist ja nur gut und richtig, dass wir in Deutschland eine gewisse Teilung im Studium haben. Nach dem traditionellen Bild arbeitet die FH nun mal praxisbezogener und somit oft für den Beruf deutlich effektiver. Die Uni dagegen beschäftigt sich deutlich mehr mit der Theorie. Das ist oft - nicht jedoch immer - mit der Forschung besser vereinbar.

Ich sehe keinen Grund den FH-Professoren das Promotionsrecht vorzuenthalten, allerdings muss dabei einfach sicher gestellt sein, dass wissenschaftliche Standards gewährleistet sind. Einen Dr zweiter Klasse möchte schließlich niemand in Deutschland.

Es heißt ja nicht, dass die FH eine Uni zweiter Klasse ist. Denn anderenfalls wäre jeder Universitätsabsolvent ein Arbeitnehmer zweiter Klasse.
Bloß ist es offensichtlich, dass das Studium an einer Universität deutlich besser für die Forschung vorbereitet. Ob da nur Vorurteile mit reinspielen, wage ich stark zu bezweifeln.

Es grüßt,
Cando

Differenz FH - Uni

Ich finde FHs sollte ruhig bestehen und man soll dort auch promovieren können. Nur eines versteh ich nicht: Für mich sind FHs primär für technische Gebiete zuständig bzw. arbeiten in diesen. Also quasi "angewandter". Diese Studiengänge sind teilweise sehr speziell und oftmals auch nicht an der nächsten Voll-Uni verfügbar. Beispielsweise Schiffstechnik etc. Warum aber gibt es an machen FHs exakt die gleichen Studiengänge die es auch an der Uni nebenan gibt? Ich kenn min. 2 Personen die BWL an einer FH studieren weil es leichter ist als an der Universität (in der gleichen Stadt). Wenn ich also in diesen Fachbereichen auch an der FH promovieren kann versteh ich schon warum sich Universitäts Doktor. etwas ärgern.

Für mich sollten Anwendungsorientierte Studiengänge an den FHs sein und man soll dort in diesen auch promovieren können. Es soll aber nicht der "leichtere Weg" zu einem Abschluss sein.

Abwirtschaften

kann man den Wert eines Doktortitels auf diesem Wege schnell und gut. International hat er ohnehin schon im Geschäfdtsleben an Wert verloren. Mein Vorschlag wäre, gleich mit dem Abitur die Berechtigung zum Führen des Titel Juniordoktor zu vergeben. Dann kann man sich den Rest sparen und sich auf die berufsnahe Ausbildung bei der FH konzentrieren und bei Bestehen der Prüfung das "Junior" nur streichen.

Minderwertigkeitskomplex

Die FH-ler haben sich immer als Akademiker 2ter klasse von den Universitätsabsolventen hinstellen lassen müssen - jetzt wollen sie AUCH promovieren.
Warum haben Sie denn nicht gleich an der Uni Studiert? wenn man egal auf welchem bildungsweg das abitur erreicht, kann man an die uni gehen und forschen bis der Doktor kommt.

Als FH-ler geniest man eine eher Praxisorientierte Ausbildung die mit weniger akademischer selbstbeweihräucherung aber dafür mit praxisrelevantem wissen daherkommt. nix fürs ego aber für die realität.

Der promovierte fh ingenieur ist für mich deshalb der personifizierte minderwertigkeitskomplex.
er schielt ständig nach oben und fühlt sich minderwertig.

Der Dipl.Ing FH sollte sich darauf konzentrieren seinen Titel auszufüllen, ein guter ingenieur ist man nicht einfach so - das ist eine lebensaufgabe.

Dümmliche Unterstellungen

Sie unterstellen einem FH Absolventen Minderwertigkeitskomplexe, der promovieren will? Wenn Sie die Promotion als das betrachten was sie ist, eine wissenschaftliche Forschungsarbeit, und kein Namenszusatz, kämen Sie auf diese Idee gar nicht. Geben Sie sich nicht mit solchen dümmlichen Allgemeinplätzen ab, Warum sollten wir auf eine gute Doktorarbeit verzichten, nur weil der Urheber an einer Fh studiert hat? Ach ja, diese Akademiker haben ja Minderwertigkeitskomplexe...

Minderwertigkeit?

"Warum haben Sie denn nicht gleich an der Uni Studiert?"

Das deutsche Bildungssystem eröffnet nicht jedem den direkten Weg an die Universität. Mit einem Abschluss einer Fachoberschule ist man berechtigt an einer FH zu studieren. Mehr nicht. Erst nach dem ersten Abschluss an einer FH steht der Weg an die Uni offen. Dieses abstruse Hin-und Her fordert jedoch seine Opfer in dem Bereich, wo praxisnahes Denken gefordert ist. Das kann nicht zielführend sein.

"Der promovierte FH Ingenieur ist für mich der personifizierte minderwertigkeitskomplex.
Er schielt ständig nach oben und fühlt sich minderwertig."

Allem Anschein nach sind Sie es, der einem Minderwertigkeitskomplex unterliegt. Angst vor der Konkurrenz? Es ist kein Geheimnis, dass FH-Absolventen technisch weitaus versierter ausgebildet werden und somit abstrakter die notwendigen Prozesse im Bereich der Ingeneurstätigkeit angehen können. Das der Uni-Absolvent mit derartiger Leichtigkeit im Umgang mit Problemen nicht mithalten kann liegt auf der Hand. Dieser hat andere Vorzüge. Wissenschaftliche Vorzüge, die dem FH-Absolventen fehlen.

Die Promotion ist eine wissenschaftliche Abhandlung, die lediglich des Nachweises vertiefter Kenntnisse in einem Gebiet dient. Sie sollte dem offenstehen, der die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt. Ob derjenige von der Uni kommt oder ein FH'ler ist kann dahingestellt sein...

Die Promotion...

...ist mehr! Sie dient nicht ausschliesslich dem Nachweiss vertiefter wissenschaftlicher Kenntnisse. Ziel einer Dissertation ist es NEUE wissenschaftlichen Erkenntnisse zu beschreiben und diese in den Kontext des Faches und den vorherigen Forschungsstand zu setzten. Die Promotion ist die erste Hürde bei der ein Wissenschaftler das erste mal wirklich selbst Wissen schafft und dies in einem formalen Verfahren nachweist.

Dies ist die Hürde und nach meiner Erfahrung ist genau diese Hürde zu nehmen das Problem bei FH-Absolventen. Im übrigen scheitern auch viele Uniabsolventen an diesem Anspruch. Allerdings ist dieser Anspruch ein Kernmerkmal. Gibt man ihn auf, wie z.b. in strukturierten Promotionsprogrammen, gibt man die Wissenschaft auf. Dann hat man NUR schöne Titel vergeben. Nichts weiter!

Inkonsequent

"Das deutsche Bildungssystem eröffnet nicht jedem den direkten Weg an die Universität. Mit einem Abschluss einer Fachoberschule ist man berechtigt an einer FH zu studieren. Mehr nicht."

Ja, da haben Sie den Status Quo richtig erkannt. Aber wieso folgern Sie daraus ein Promotionsrecht für FHs? WENN es zwei unterschiedliche Schulabschlüsse gibt, die unterschiedlich qualifizieren, und zwar für zwei unterschiedliche Hochschultypen, die ihrerseits wiederum unterschiedlich qualifizieren (ich will gar nicht von "höher" oder "niedriger" sprechen, nur von "unterschiedlich"), warum soll dann am Ende das Gleiche rauskommen? Das erinnert mich an einen alten Sketch, ich glaube von und mit Dieter Hallervorden (aber ohne Gewähr):

Kommt ein Mann in eine Kneipe mit vielen Zapfhähnen auf dem Tresen. Der Wirt stellt ihm minutenlang die unterschiedlichen Biersorten vor und preist sie an. Der Mann, dem die Wahl schwerfällt, entscheidet sich irgendwann dann doch für ein Bier und als sich der Wirt ans Zapfen an einem der vielen Zapfhähne macht, sieht man- quasi als Pointe- dass alle Schläuche unter dem Tresen letztendlich in ein und dasselbe Fass münden.

Also, wenn, dann sollte man gleich das Fachabi abschaffen, anstatt hinterher wieder so zu tun, als ob alle Abschlüsse prinzipiell ja doch gleich gut (bzw. schlecht) seien. MIR wäre das egal, ich störe mich einfach nur an der Inkonsequenz innerhalb des Systems.

@silence of my soul

Also Grundsätzlich kann sich jeder ingenieur FH Student nach dem vordiplom für einen wechsel an die universität entscheiden wenn er seine zukunft in der naturwissenschaftlichen forschung sieht.

Der Ingenieur arbeitet im beruf eher auf systemebene und hat neben der reinen technischen funktion seine produktes noch wirtschaftliche und rechtliche aspekte mit einzubeziehen die sehr produktspezifisch sind.
wenn jetzt jemand an einer FH oder TU an einem technischen entwicklungsprojekt teilnimmt sammelt er berufserfahrung in der technischen etwicklung, wie die dame in artikel. sie erhält dafür wahrscheinlich einen Dr.
Soll denn jetzt jeder ingenieur der erste berufserfahrung sammelt dafür einen Dr bekommen?

einen titel der ihn als naturwissenschatler ausweist?
als jemanden dessen ausbildungsziel darin besteht bestenfalls in labormuster gegossene physik zu produzieren?

die forschung die in promotionen abläuft hat mit der entwicklung eines Normgerechten, zertifizierten, konkurenzfähigem industrieproduckt nicht viel gemein.
darum halte ich es für unsinnig sich als ing. über eine promotion "weiterzuqualifizieren" - sie qualifizieren sich direkt an den berufsanforderungen vorbei ins Berufliche nirvana. an ende bleibt nur der wunsch nach einem akademischen titel als motivation für einen FH ler.

Ich habe einfach den eindruck das titel heutzutage gesammelt werden wie freunde auf facebook.

was dahinter steht juckt keinen mehr?
titel müssen am ende auch ausgefüllt werden können!