Karl Theodor zu Guttenberg hat für seine Doktorarbeit abgeschrieben, und zwar im großen Stil. Wer dies abstreitet, tut es entweder aus politischem Kalkül, enttäuschter Heldenverehrung oder weil er schlicht keine sonderlich konkrete Vorstellung vom Wissenschaftsbetrieb hat. Die Faktenlage allerdings ist für jedermann einsehbar.

Das Vorgehen Guttenbergs, vom zweifelhaften Zustandekommen seiner Arbeit bis zu seinen unansehnlichen Versuchen der vergangenen Tage, Schaden von sich selbst abzuwenden, sendet ein fatales Signal aus: Schmücke Dich mit fremden Federn, und es hilft Dir, ganz nach oben zu kommen. Leistung lohnt sich nicht, Du kannst es auch einfach haben.

Hatten wir nicht immer gedacht, wir lebten in einer Leistungsgesellschaft und müssten fleißig und redlich sein, um irgendwann dafür belohnt zu werden – hat man uns das nicht spätestens in der Grundschule erzählt? Und nun hebt ausgerechnet ein Konservativer dieses Leistungsprinzip aus den Angeln. Welch Ironie.

Wer eine Doktorarbeit abschreibt oder sogar andere für sich arbeiten lässt, der erspart sich nicht nur Zeit. Er verzichtet auch auf das selbstständige Denken, den Gewinn eigenständig erarbeiteter Erkenntnisse und erworbenen Wissens. Nähmen sich Schüler und Studenten Guttenberg großflächig zum Vorbild, würde sich Kanzlerin Merkels immer wieder ausgerufene Bildungsrepublik in eine verdummte Gesellschaft verwandeln. Bildung gilt hierzulande mittlerweile als Exportgut. Nach Guttenberg könnte es für die deutsche Exportrate jedoch finster aussehen. Oder anders gesagt: Mit Abschreibern ist kein Staat zu machen.

Man kann eine Doktorarbeit auch aufgeben

Guttenberg ist aber nicht nur ein schlechtes Vorbild, sondern er hat auch dem wissenschaftlichen Betrieb geschadet und akademische Abschlüsse in Misskredit gebracht. Vor allem hat er Doktoranden verhöhnt. Über seine Doktorarbeit sagte er: "Sie ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit entstanden." Was er damit eigentlich sagen wollte, ist: "Ich hatte es besonders schwer, schwerer als viele andere." Dies ist nicht der Fall.

Die meisten Doktorarbeiten entstehen über Jahre hinweg in "mühevollster Kleinarbeit". Oft in den Abend- und Nachtstunden neben häufig prekärer Beschäftigung an Universitäten, wo wissenschaftliche Mitarbeiter Professoren zuarbeiten und viele mehr schuften als es ihre Verträge vorsehen. Zahlreiche Doktorarbeiten werden geschrieben, während Fernbeziehung, Kindererziehung und konstante Geldsorgen den Autor plagen. Guttenberg verhöhnt diejenigen, die sich all das aus echtem wissenschaftlichem Interesse antun und eben nicht nur, um sich am Ende einen schönen Titel aufs Klingelschild oder Wahlplakat schreiben zu können.

Niemand ist gezwungen, eine Dissertation zu verfassen. Der Versuch einer Doktorarbeit schließt die Möglichkeit des Scheiterns ein. Ein Doktorand kann feststellen, dass er intellektuell überfordert ist oder den zeitlichen Aufwand nicht bewältigen kann. Er kann merken, dass finanzielle Sorgen zu sehr an den Kräften zehren oder schlicht, dass er keine Lust mehr hat und sich nur noch quält. Für Guttenberg kam Scheitern aber offenbar nicht in Betracht.

Die Universitäten in Deutschland gehen immer noch nachlässig mit Plagiaten um. Dies liegt an mangelnden Ressourcen, an überlastetem Personal. Das Internet hat es sehr viel einfacher gemacht, sich am geistigen Eigentum anderer zu bedienen. Das kann verführerisch sein. Dennoch sollte sich niemand ermutigt fühlen, es Guttenberg gleichzutun. Es ist keine Erfolg versprechende Strategie, selbst wenn man sich beim Abschreiben geschickter anstellen kann. Und Selbstdenken ist nicht nur furchtbar anständig. Es macht auch sehr viel mehr Spaß.