Campus der Uni Rostock

"Mit dem ersten Abschluss, möglichst dem Bachelor, direkt in den Job", lautet heute eine gängige Empfehlung von Berufsberatern. Den Master und den Doktor könne man später ja immer noch berufsbegleitend machen. Wie es spätberufenen Doktoranden aber in Wirklichkeit ergehen kann, zeigt ein aktuelles Beispiel an der Universität Rostock.

Als ein Wirtschaftsprofessor 2008 auf unabsehbare Zeit erkrankte, war das für seine Doktoranden, wie einer sagt, "der GAU, der größte anzunehmende Unfall". Sie hatten durchweg neben dem Beruf oft schon mehrere Jahre lang als amtlich anerkannte Promovenden ihres Professors über der Dissertation gebrütet. Plötzlich teilte ihnen der Fachbereichsrat mit: Wer im nächsten halben Jahr seine Arbeit einreicht, dem stellt die Uni von sich aus Ersatzprüfer. Wer später kommt, muss sich dann selber einen neuen Doktorvater oder eine -mutter suchen.

Diese Mitteilung empfanden die betroffenen Doktoranden nicht gerade als einladend. Vielmehr heißt es doch im Landeshochschulgesetz ohne jedes zeitliche Ultimatum: "Die Hochschulen wirken auf die wissenschaftliche Betreuung ihrer Doktorandinnen und Doktoranden hin." Freilich war den externen Bewerbern von nah und fern schon länger klar: Der Doktorvater hatte sich mit ihnen zwar einen bundesweiten Namen, in der Uni aber keine Freunde gemacht. Allerdings: Mit ihm als Betreuer und Erstgutachter war noch jede Doktorarbeit erfolgreich.

Der krankheitsbedingte Prüferwechsel führte tatsächlich aber dazu, dass sechs fristgemäß eingereichte Dissertationen unwiderruflich als "ungenügend" (non sufficit) abgeschmettert wurden – von "vorher mit der Arbeit nicht befassten Gutachtern", wie die Uni selbst zu Protokoll gibt. Das Verwaltungsgericht Schwerin stellt dazu in einem jetzt veröffentlichten Urteil (vom 9.11.2010, 3 A 795/09) immerhin klar: "Angesichts der allgemein bekannten engen Bindung an die Vorstellungen des Doktorvaters in der Dissertation kommt dem personellen Moment für die Frage der Abfassung eine erhebliche Bedeutung zu."

Doch keiner der Doktoranden hatte Gelegenheit, sein Werk mit den neuen Prüfern durchzusprechen und vor der Abgabe je nachdem zu überarbeiten. Solches Entgegenkommen sei bei einer "selbständigen wissenschaftlichen Leistung" auch nicht nötig, sagt die Uni. Praktisch reichten die Bewerber ihre Arbeit wie im blinden Vertrauen auf einen Lottoschein ein. Für das Verwaltungsgericht Schwerin liegt darin trotzdem kein entscheidender Verfahrensfehler.

Demgegenüber stellt der Bonner Rechtsprofessor Wolfgang Löwer, in anderer Funktion auch Chef des bundesweiten Ombuds-Gremiums für wissenschaftliches Fehlverhalten, fest: Nach der Erkrankung des Erstbetreuers hätten "die Gutachter die Pflicht gehabt, sich die Arbeiten vor offizieller Eröffnung des Prüfungsverfahrens anzusehen, ob die Einreichung empfohlen werden konnte".