Lehrbeauftragte: Prekär im Hörsaal
Die Zahl der Lehrbeauftragten ist in zehn Jahren um 40 Prozent gewachsen. Sie unterrichten umsonst oder für fast nichts und hoffen doch auf eine Karriere an der Uni.
"Warum man sich das antut?" fragt Olaf Jann. "Im Kern sind wir Leute, die über viele Jahre hoch motiviert dabei sind. Wissenschaftler, die besonderes Interesse daran haben, Lehre und Forschung zu betreiben, und die das offensichtlich nicht des Geldes wegen machen. Wir kriegen ja kaum was dafür."
Olaf Jann ist einer von 76.773 Lehrbeauftragten an deutschen Unis, die das Statistische Bundesamt 2010 zählte. Die meisten von ihnen verfolgen wie Jann eine akademische Laufbahn. Sie promovieren, habilitieren oder sind bereits als Privatdozenten tätig. Der Lehrauftrag verpflichtet zu mindestens zwei Stunden Seminar pro Woche. Doch das ist längst nicht alles. Dazu kommen Vor- und Nachbereitung, Sprechstunden, Korrekturen von Semesterarbeiten, oftmals Prüfungsleistungen und Betreuungsaufgaben. Dafür erhalten sie, wenn ihr Auftrag überhaupt vergütet wird, ein einmaliges Honorar von durchschnittlich 500 Euro pro Semester. "Faktisch bringt man Geld mit", sagt Jann.
Viele der Lehrbeauftragten sind bereits über 40 Jahre alt und haben mitunter 20 Jahre in ihre akademische Ausbildung investiert. An den Hochschulen zählen sie zum nebenberuflichen Personal. Als Selbständige mit Honorarvertrag sind sie keine Mitglieder der Hochschule. Sie haben kein Wahlrecht und keine Interessenvertretung. Den Hochschulen entstehen so keine Sozialversicherungskosten. Offiziell sind Lehrbeauftragte nicht berechtigt, universitäre Bibliotheken, Arbeits- oder Besprechungsräumen zu nutzen. In der Mensa zahlen sie die höchste Preisklasse. Sie sind Gäste.
Forscher der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) attestieren in ihrer Studie Wissenschaftliche Karrieren von 2010 den Lehrbeauftragten generell einen starken Eigenantrieb. Problematisch, so die Forscher, sei allerdings, dass dadurch soziale Aspekte in den Hintergrund treten. "Es herrscht eine defensive Bereitschaft vor, sich irgendwie mit den Gegebenheiten abzufinden", sagt Olaf Jann. "Es ist tatsächlich so, dass man gegen die Etikette verstößt, wenn man über die Situation redet. Soziale Probleme gibt es vielleicht draußen in der richtigen Welt, aber in der akademischen ist man selbst dafür verantwortlich." Jede prekäre Beschäftigung in Deutschland würde ernster genommen als die vor der eigenen akademischen Haustür, findet Jann.
Er selbst brach ein Tabu. Im Vorwort seiner 2007 erschienenen Dissertation benannte er die Missstände. Lehraufträge würden "von Semester zu Semester neu erkämpft" und "im besten Fall mit (beschämend niedrigen) Lehrvergütungen" abgegolten. Er habe sich als "wissenschaftliche Ich-AG" ohne Förderung durchschlagen müssen und sich als "prekarisierter Intellektueller" gefühlt, schrieb er. Bis zu fünf Lehraufträge pro Semester hat Jann an verschiedenen Universitäten gleichzeitig bewältigt, um seinen Lebensunterhalt zu sichern und seine Doktorarbeit schreiben zu können.
"Der Lehrauftrag wird heute völlig anders genutzt als ursprünglich gedacht", sagt Matthias Neis von der Gewerkschaft ver.di. Eigentlich waren Lehraufträge Zusatzangebote, die die grundständige Lehre bereichern sollten. Die lehrenden Praktiker gingen andernorts ihrer Hauptbeschäftigung nach. Die aktuellen Hochschulrahmengesetze der Länder, die mittlerweile sehr unterschiedlich ausfallen, verlangen hingegen nur in anwendungsbezogenen und künstlerischen Studiengängen Berufserfahrung. Die jüngste Umfrage des Deutschen Hochschulverbands (DHV) Struktur des wissenschaftlichen Personals an Universitäten stellt fest: "Da Not erfinderisch macht, stehen manche Lehrbeauftragungen unter dem Verdacht, eigentlich Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern vorbehaltene Lehraufgaben für wenig Geld zu delegieren."
Die Zahl der Lehrbeauftragten verweist auf ein problematisches Sparprogramm. Um 40 Prozent ist die Zahl der Lehrbeauftragten in den vergangenen zehn Jahren gestiegen, was angesichts der steigenden Studierendenzahlen nicht verwundert. "Allerdings hat sich die Zahl der Professuren im selben Zeitraum praktisch nicht verändert", sagt Andreas Keller von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). "Das heißt, wir können von einer Verlagerung der Lehre weg von den regulären Professuren hin zu den prekären Lehrbeauftragten sprechen."







Die Einrichtung, welche sich seit Jahren auf die Fahren geschrieben hat, Bildung zu behindern. Dank ihr haben Professoren kein Problem wenn sie nur 5 Stunden in der Woche Lehre leisten und selbst die schlechtesten Lehrer sind unkündbar. Dass dadurch weder das Geld noch die Lehr-Leistung reicht muss dann über unterbezahlte Referendare und Lehrbeauftragte ausgeglichen werden.
Dieses selbst verschuldete Elend deutet die GEW jetzt in ein fremd-verschuldetes um. So lässt sich eine übertriebene Gehaltsforderung für alle auf die eigenen Fahnen schreiben. Man vertritt die Meinung die bisherigen Privilegien seien legitim. Es sei nur der Unverantwortlichkeit der Politik zu verdanken, dass diese nicht mehr Geld für Lehre locker macht. Im Erfolgsfall findet sich dadurch frisches Blut für zusehends verrentete Mitgliederschaft.
So lässt sich weiter demonstrieren gegen das eigentliche Feindbild: "Gehalt nach Leistung".
Meine Frau und ich (wir waren beide länger im akademischen 'beschäftigt', wir kennen diesen Wahnsinn) sind irgendwann in nacktem Entsetzen geflüchtet.
Die Übergangsphase war holprig, aber es hat sich mehr als gelohnt. Es ist natürlich in der Wirtschaft nicht alles rosig, aber es ist 1000-mal besser als die wahnwitzigen Zustände an der deutschen Uni denen alle Ränge unterhalb der Professorenschaft unterworfen sind. Es ist besser in jeglichen Aspekten: Bezahlung (sowieso), Arbeitszeiten (oh ja!), Anerkennung durch Vorgesetzte, Lebenszufriedenheit, Zukunftsfähigkeit, Vereinbarkeit mit Familie.
Müsste ich als junger Mann mein Berufsleben wieder planen, mit meinem heutigen Wissen würde ich das niemals mehr machen. Keine einzige Sekunde mehr würde ich mich als "akademisches Proletariat" verheizen lassen. Ich würde meinen Studienabschluss holen, und dann nichts wie weg.
Falls es irgendwie machbar ist, würde ich allen akademischen Ausgebeuteten empfehlen: Flüchtet. Überlegungen wie "Loyalität" oder "Idealismus" sind hierbei fehl am Platze. Das akademische honoriert irgendwelche missverstandene Loyalität oder gar Idealismus nicht im geringsten. Der Moloch Universität ist unreformierbar, und muss wohl erst komplett zusammenbrechen bevor er einigermaßen gerecht wieder aufgebaut werden kann.
...ist das hier der beste Kommentar dazu. Genau.
...ist das hier der beste Kommentar dazu. Genau.
Da die meisten Nachwuchsakademiker/innen aus dem Bildungsbürgertum stammen, haben wir keine Ahnung von praktischer Solidarität, sprich: sich organisieren und eingestehen, dass man am schwächeren Hebel sitzt. Stattdessen fällt jede(r) für sich allein auf die immer alten und immer neuen Versprechungen rein. Ich habe den Tanz nicht mit, sondern mich selbständig gemacht. Jetzt nehme ich nur ordentlich bezahlte Lehraufträge, bezahlte Vorträge und gute Publikationen an. Die Vorbereitung und Betreuung der Seminare entspricht der Bezahlung, d.h. in der Schweiz, wo die Vergütung korrekt ist, ist sie aufwändiger als in Deutschland. Das sage ich den Student/innen auch offen: für das, was die Uni für mich ausgibt, können sie eine bestimmte Leistung erwarten, aber nicht mehr. Dann können auch sie entscheiden, ob sie nicht dagegen protestieren wollen. Aber viele PDs haben Angst, sich zu „outen“.
Oft kann man hören, wir wollten in Deutschland keine "Amerikanischen Verhältnisse". Hätten wir sie nur an der Uni! Da kommt man immerhin bald auf einen "Tenure Track", d. h. auf eine Assistenzprofessorenstelle mit der Aussicht auf einen Lehrstuhl bei Bewährung. Bei uns muss man sich andauern "bewähren", unterrichten, veröffentlichen, ohne Aussicht auf eine Stelle.
Gerade bei den Lehrbeauftragten zeigt sich in diesen unseren Universitäten doch erst, wie sehr unser Bildungssystem tatsächlich im Argen liegt.
Dabei handelt es sich hier ja um nichts anderes als eine Form moderner Sklaverei: Lehrbeauftragte schuften ohne Ende, haben keinerlei Rechte, keinerlei Sicherheiten, sind hoffnungslos unterbezahlt und stehen immer mit einem Bein auf der Straße oder im Schuldenturm...
Herr Olaf Jann wird vorgestellt als typisches Beispiel von 76.773 Lehrbeauftragten. “Viele …. sind bereits über 40 Jahre alt und haben mitunter 20 Jahre in ihre akademische Ausbildung investiert.” – “Sie promovieren, habilitieren oder sind bereits als Privatdozenten tätig.”
Um seine “Doktorarbeit zu schreiben”, und da diese von niemandem gefördert wurde, gründete Herr Jann eine “wissenschaftliche Ich-AG” und hielt sich mit bis zu fünf Lehraufträgen pro Semester über Wasser. Das brachte nicht viel ein, und daher bezeichnet er sich als "prekarisierter Intellektueller”. - Zur Sprache kommt auch, dass viele dieser “wissenschaftlichen Ich-AGs” an ihre drohende Altersarmut denkt. - Viele dieser nur der “reinen Wissenschaft” ergebenen “Träumer” haben offensichtlich sehr früh jede Fähigkeit zur selbstkritischen Analyse verloren und tragen damit auch Selbstverantwortung.
Wichtiger ist mir, wie “verkommen” inzwischen die deutschen Universitäten sind, wenn es um die Betreung des wissenschftlichen Nachwuchses geht. Was für ein “Doktorvater” ist das, der sich einen Dreck schert um die soziale Lage seiner Doktoranden. Was für eine Universität ist das, die in ihrer Promotions- und Habilitationsordnung “Ich-AG” solches zuläßt. Und warum wird noch immer dieser unheilige Titel “Privatdozent” verliehen ?
Meines Erachtens verbleiben einem Graduierten 12 Jahre bis zur Übernahme einer Professur, ansonsten bleibt nur die freiberufliche Tätigkeit. Mitunter kann man sogar lesen, das die Leute HartzIV beziehen. Daran krankt es doch. Auch diese ganze Teilungen von ganzen Stellen. Teilweise werden sogar Viertel-Stellen angeboten. Mich haben diese Löhne bereits als Student abgeschreckt. In den freien Wirtschaft ist nicht alles gut, mitunter muss man sogar ziemlich langweilige Dinge tun, aber diese Zustände gibt es dort allenfalls zum Kennenlernen (in Form von Praktika), in den Naturwissenschaften und bei den Ingenieuren kenne ich so etwas gar nicht.
Wenn der Staat es ernst meint mit dem Kampf um die besten Köpfe, dann müssen auch ordentliche Löhne her. Das muss ja kein Luxus sein, aber wissenschaftliche Mitarbeiter sind auch als solche zu kennzeichnen (mit einem Einkommen äquivalent Jeder erfahrener Ingenieur (ohne Promotion) verdient bei weitem mehr als ein Professor mit W1 und W2.
Die Kommentatoren Nr. 10, 11, 12, 13, 14 und 15 haben alle Recht.
Frage: Wer sich - trotz sehr langjähriger Ausbildung - so ausnutzen lässt - ist der nicht einfach nur doof?
Klingt jetzt provozierend, aber Mitleid haben die 77 000 und mehr krass unterbezahlten Privatdozenten eigentlich keines verdient. Es gibt ja massenhaft gute Jobs, nur eben nicht an der Universität. Was hält diese doch sicherlich hochintelligenten Leute dort, bitte ? Mangelnder Mut?
aj
...nicht die Dozent_innen.
Als Student, der im letzten Semester ein Seminar bei Olaf Jann machen durfte, kann ich nur sagen: Erstklassige Arbeit, spannende Inhalte, Aufopfern für Studierende trotz widriger Bedingungen und trotzdem mies bezahlt und gegangen worden. Sehr traurig, habe sehr viel gelernt, von dem, was Wissenschaft bedeutet:
Kritisch Dinge zu hinterfragen, statt affirmativ ein Studium als Ausbildung zu begreifen. Gerade in den Geisteswissenschaften.
Es soll noch Menschen geben, die nicht meinen ihr Humankapital in den Dienst des Bestbezahlten stellen zu müssen und sich zu verkaufen.
Danke, Olaf Jann, für die kritischen Perspektiven auf die Welt! Es lohnt sich, kein Opportunist zu sein. Leider nicht in Geld, was ja für viele alles zu sein scheint, was zählt.
Sagen Sie mir doch bitte, wo es massenhaft gute Jobs für Fremdsprachdozenten gibt.
Ich habe mehrere Sprachen, Literaturwissenschaft und European Studies abgeschlossen und bin trotzdem seit Jahren auf einen Lehrauftrag angewiesen.
Nachdem Sie es offenbar so gut wissen, erlösen Sie bitte meine Frau, meine Töchter und mich von unserem wirtschaftlichen Druck und sagen Sie mir, WO ich ansonsten weiterkomme.
Bislang hat nur jede Bewerbung meine Moral weiter untergraben.
...nicht die Dozent_innen.
Als Student, der im letzten Semester ein Seminar bei Olaf Jann machen durfte, kann ich nur sagen: Erstklassige Arbeit, spannende Inhalte, Aufopfern für Studierende trotz widriger Bedingungen und trotzdem mies bezahlt und gegangen worden. Sehr traurig, habe sehr viel gelernt, von dem, was Wissenschaft bedeutet:
Kritisch Dinge zu hinterfragen, statt affirmativ ein Studium als Ausbildung zu begreifen. Gerade in den Geisteswissenschaften.
Es soll noch Menschen geben, die nicht meinen ihr Humankapital in den Dienst des Bestbezahlten stellen zu müssen und sich zu verkaufen.
Danke, Olaf Jann, für die kritischen Perspektiven auf die Welt! Es lohnt sich, kein Opportunist zu sein. Leider nicht in Geld, was ja für viele alles zu sein scheint, was zählt.
Sagen Sie mir doch bitte, wo es massenhaft gute Jobs für Fremdsprachdozenten gibt.
Ich habe mehrere Sprachen, Literaturwissenschaft und European Studies abgeschlossen und bin trotzdem seit Jahren auf einen Lehrauftrag angewiesen.
Nachdem Sie es offenbar so gut wissen, erlösen Sie bitte meine Frau, meine Töchter und mich von unserem wirtschaftlichen Druck und sagen Sie mir, WO ich ansonsten weiterkomme.
Bislang hat nur jede Bewerbung meine Moral weiter untergraben.
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