Leider ist das keine Zukunftvision, sondern bereits Realität: Eine Gruppe junger Studenten steckt die Köpfe zusammen. Dicht gedrängt sitzen sie um einen kleinen Bistrotisch in der Mensa. Hier gibt es das beste WLAN, die schnellste Verbindung in die Cloud. Eine junge Frau mit schickem Kopftuch tippt mit rot lackierten Fingernägeln in den Laptop, auf den sich die kleine Gruppe konzentriert. Auf dem Bildschirm erscheinen Resultate einer Google-Bildersuche, man bereitet die Powerpointpräsentation für den Seminarvortrag vor.

Am Tisch nebenan starrt ein junger Mann konzentriert in sein Smartphone, mit Kopfhörern ist er direkt damit verkabelt. Er wirkt wie hypnotisiert und ein wenig ferngesteuert. Es scheint, als würde von den jungen Studenten ein Teil des Denkens an das Internet "outgesourct". Anscheinend glauben sie, dort über unbegrenztes Wissen verfügen zu können. Man müsse nur richtig die richtigen Seiten anpeilen und vor allem kreativ mit Powerpoint umgehen können, dann klappe das schon mit dem Studium.

Lange Zeit war klar, wie ein wissenschaftliches Studium aussehen sollte. Professor Hermann Jahrreiß, damals Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz, formulierte es Ende 1959 in einem Spiegel -Gespräch so: "Die wissenschaftliche Methode, die nach unserer Auffassung die Methode der Hochschule zu sein hat, besteht darin, dass Forschende lehren, das heißt, junge Menschen an dem Forschen teilnehmen lassen und sie daran gewöhnen, den jeweils erreichten Stand des Wissens nie als ein Endgültiges anzusehen, sondern immer wieder erneut zu fragen, bei jeder Frage nach einer Fülle von Perspektiven zu suchen, sich nie zu begnügen und zu wissen, dass man nie ans Ende kommen kann. Wir sind überzeugt, dass diese Methode nicht nur kritisches Denken anregt und die Fähigkeit zum kritischen Denken fördert, sondern auch den Charakter nachhaltig bildet. Diese Methode brauchen wir auf alle Fälle, um künftige Forscher heranzuziehen."

Unter dieser Prämisse wurden an den Universitäten Generationen von jungen Leuten ausgebildet und erwarben dabei das Wissen, mit dem sie die heutige Gesellschaft und unsere moderne Technologie aufbauten.

Aber wie sieht das Studium heute aus? In Zeiten von Bachelor und Master scheint vielfach nicht die individuelle Bildung einer Wissenschaftlerpersönlichkeit im Mittelpunkt zu stehen. Im Gegenteil beobachten wir, wie Konrad-Paul Liessmann schrieb, eine zunehmende Industrialisierung des Lernens. Fachinhalte werden in gleichförmige, austauschbare Module verpackt, Leistungen werden anhand von Standards gemessen und bewertet, das ECTS-System ist zur Stechuhr des Studenten geworden. Diese industrialisierte Wissensvermittlung zielt auf standardisierte Produkte, Absolventenklone, ausgestattet mit zahlreichen nützlichen Kompetenzen in zertifizierter Qualität.

Nun sind unsere Studenten durchaus findig und ehrgeizig. Sie wollen zumeist den vom System (ein anderes kennen sie nicht) an sie gestellten Ansprüchen genügen. Also instrumentalisieren sie die aufgenommene Information: Sie wird eingesetzt, um Leistungen zu erfüllen, und nicht, um das eigene Denken zu erweitern oder zu verändern. Das gilt besonders für Fächer, die als schwierig gelten, die mit dem mühsamen Erwerb einer spezifischen Terminologie und der Erarbeitung komplexer Konzepte verbunden sind. Die vermittelte Information ist in den Augen der jungen Leute ja immer vorhanden, wichtig sei nur zu wissen, wo man diese wieder findet. Skripte stehen im Netz, Fachbücher kann man downloaden, und zur Not sagt Wikipedia ja auch noch etwas zum Thema. Die Folge ist eine zunehmende Copy-and-paste-Kultur ohne echte Aneignung des Inhalts.

Zu kritisieren ist bei dieser Form des Studiums nicht die effiziente Form der Prüfungsvorbereitung oder die kreative Komposition von PowerPoint-Vorträgen aus dem Internet. Das Problem liegt tiefer, und es liegt auch auf der Seite der Lehrenden!

Das Internet ist heute ein dominierender Teil des Arbeits- wie des Privatlebens. Es wird die Art, wie wir arbeiten und leben auch zukünftig wesentlich beeinflussen und verändern. Wir können dies nicht mehr rückgängig machen oder einfach ignorieren.