Was ist "Chuzpe"? Die klassische Definition: Wenn einer seine Eltern umbringt und vor Gericht auf mildernde Umstände plädiert, weil er Vollwaise sei. Die Wirklichkeit hat den Witz überholt. Auf den Entzug ihres Doktortitels wegen Plagiats reagiert die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin im Zwei-Sprung. Erst sagt sie, was gewisslich richtig ist. Ihre Dissertation sei "kein Meisterstück", sie sei "nicht selten ungenau, oberflächlich und manchmal geradezu fehlerhaft."

Ein Eingeständnis, das sie ehrt und in dieser Deutlichkeit von Guttenberg nie zu hören war. Aber dann kommt die dialektische Volte, die den Vollwaisen-Witz klar deklassiert: "Der Promotionsausschuss hat mir im Jahr 2000 in voller Kenntnis aller eklatanten Schwächen meiner Arbeit den Doktortitel verliehen." Und nun sieht der Ausschuss "das anders", was Koch-Mehrin "außerordentlich bedauert" .

Härter ausgedrückt: "Ihr seid schuld!" Diese Entlastung wird Rechtsgeschichte machen, aber sie ist nicht ganz neu. Vor zwei Jahren argumentierte so ähnlich ein gewisser Dustin Dribble. Er war volltrunken auf die Gleise der New Yorker U-Bahn gefallen, wo ein Zug ihm den Unterschenkel eines Beines abgequetscht hatte. Er verklagte die Transportbehörde mit dem Argument, der Zugführer hätte ihn auch im Dunkeln sehen und deshalb abbremsen müssen. Die Jury gab ihm Recht – plus 2,3 Millionen Dollar. Mit anderen Worten: Nicht der Suff war schuld, obwohl ein nüchterner Mensch nicht auf die Schienen geplumpst wäre oder, wenn doch, den rettenden Perron erklommen hätte.

Koch-Mehrin argumentiert: Ihr – der Ausschuss – wart besoffen, wohingegen ich nur getäuscht habe. Der Polizist hat nicht aufgepasst, also ist der Dieb salviert. Nicht die Tat ist die Sünde, sondern das Nichts-Tun. Um von Bert Brecht zu borgen: Was ist der Betrug im Vergleich zur Blödheit der Betrogenen?

Nur: Ganz so blöd kann der Ausschuss nicht gewesen sein. Dazu Koch-Mehrins elegante Umformulierung des Plagiat-Tatbestandes: "Es wäre zu wünschen gewesen, dass ich deutlich gemacht hätte, auf welche Literatur ich mich jeweils stütze." Aber wer seine Spuren verwischt, kann doch nicht den Getäuschten vorwerfen, dass sie auf etwas hereingefallen seien, was der Täter getarnt hat. Die Grube hat der Täter gegraben, nicht das Opfer.

Aber warum nur den Promotionsausschuss geißeln? Eigentlich ist der wahre Schuldige Vroniplag . Denn ohne diese Schurken wäre alles gut gewesen. Frau Dr. wäre Frau Dr. geblieben, und die Professoren Sellin und Zimmermann, die Gutachter, könnten heute ruhig schlafen. Es ist aber nicht alles gut. Auf Vroniplag stehen heute sieben Dissertationen im Feuer. Mit welchem Faktor darf man diese Zahl multiplizieren? Mit 100? Mit 500?

Noch eine dialektische Volte: Im weitesten Sinne hat Koch-Mehrin doch Recht – nicht mit ihrer Schuldabweisung, sondern ihrer Anklage, die das deutsche Professorentum heftig aufrütteln müsste. Deshalb soll sie das letzte Wort haben: "Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört es, in einer Doktorarbeit ordentlich zu zitieren. Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört es aber sicher auch, eine vorgelegte Arbeit ordentlich zu prüfen." Dieser Vorwurf hebt ihre Sünden nicht auf. Aber wer entzieht den fahrlässigen Profs das Promotionsrecht?