"Corporate Identity ist der Prozeß, durch den kulturelle Identität entsteht und weiterentwickelt wird." Diesen Satz schrieb ein gewisser A. B. Schneyder in der Zeitschrift Führung + Organisation im Jahr 1991. Dieser Satz findet sich auch in der Dissertation von Bernd Althusmann, auf Seite 167, allerdings ohne Anführungszeichen. Stattdessen setzt der Kultusminister, der nun unter Plagiat-Verdacht steht, den Satz wie folgt fort: "(...) , wenn die Unternehmenskultur eigenständig, konkret und sinnstiftend ausgeprägt ist und mit ihren Ausdrucksformen eine authentische Ganzheit bildet". Auch dieser Satzteil ist bei Althusmann als Fließtext ohne Anführungszeichen ausgewiesen, am Ende des Absatzes verweist eine Fußnote mit "vgl." zum Referenztext (übrigens nicht mit der korrekten Seitenzahl). Der Satzteil "wenn die Unternehmenskultur ..." stammt ebenfalls wörtlich von Schneyder. Allerdings definiert er damit, einen Absatz weiter oben, nicht "Corporate Identity", sondern "Kulturelle Identität". Nach diesem, teils sogar inhaltlich widersinnigen, Strickmuster ist die Doktorarbeit von Althusmann über weite Strecken entstanden: Abschreiben, ein wenig umschreiben, mit "vgl." belegen, fertig. Einige weitere Tricks, unter anderem das Abschreiben von Zusammenfassungen von Primärliteratur aus Lehrbüchern, kommen dazu. Das ist textueller Missbrauch, nichts anderes.

Text-Collagen Althusmannscher Art kann fast jeder

Dem Nicht-Akademiker mögen solche Nachweise vielleicht als zu penibel, als "typisch deutsche" überzogene Gründlichkeit erscheinen. Allerdings sollte jeder Nicht-Akademiker Folgendes bedenken: Wissenschaft muss penibel sein. Im Zweifel hängt unser Überleben davon ab, dass Wissenschaft gründlich und sauber arbeitet, dass der Wissenschaftler sein Hirn einsetzt und dass das, was er sagt und tut, auf Wissen und Erfahrung, auf ehrlicher Wiedergabe und deren Anwendung beruht. Jeder erwartet das von seinem (studierten) Hausarzt, jeder vom (studierten) Mikrobiologen auf den Spuren des Ehec-Erregers. Es geht immer um Präzision – gäbe es die nicht in der Wissenschaft, würden viele Entscheidungen über Leben und Tod permanent falsch gefällt.

Was Althusmann in seiner Doktorarbiet gemacht hat – und viele weitere Beispiele ließen sich ergänzen – hat mit Wissen und Erfahrung (beim Dissertanten: Leseerfahrung) aber nichts zu tun: Seine Dissertation ist mehrheitlich eine Text-Collage oder ein Text-Kompilat. Man könnte einem x-beliebigen Bundesbürger einen Stapel wissenschaftlicher Literatur zum Thema von Althusmanns Doktorarbeit überreichen und ihm folgende Grundregeln mitgeben:

Erstens: Lies die Texte mehr oder weniger genau durch, markiere markante, Dir wissenschaftlich erscheinende Sätze mit einem Textmarker.
Zweitens: Lege ein Inhaltsverzeichnis an – nach den Begriffen, die besonders häufig vorgekommen sind. Ordne dann die markierten Sätze nach diesen Begriffen und nummeriere sie durch.
Drittens: Schreibe Deine Doktorarbeit: Wenn Du wortwörtlich abschreibst, zitiere mit Anführungszeichen.
Viertens: Wenn Du fast wortwörtlich abschreibst, also maximal ein paar Wörter veränderst, dann zitiere ohne Anführungszeichen, aber mit "vgl.".
Fünftens: Verwende weitere Tricks nach Absprache.

Der Kopierer muss seinen Verstand ausschalten

Mit diesen einfachen Grundregeln lässt sich eine Doktorarbeit im Stile Althusmanns erstellen. Benjamin Lahusen schrieb in seiner brillanten Analyse und Demontage des plagiatorischen Lehrbuchs Juristische Methodenlehre von Schwintowski: "Vielmehr wird man den Verdacht nicht los, dass der Kopie Kritik per definitionem fremd ist, der Kopierer also erst einmal seinen Verstand vollständig ausschalten muss, bevor er sich an die Arbeit macht." Jeder, der selbst wissenschaftlich arbeitet, wird das bestätigen müssen: So wie Althusmann den Text von Schneyder rekonfiguriert hat, kann nur jemand vorgehen, der seine eigene Gedankenarbeit gerade nicht auf den Referenztext anwendet, der sich nicht näher auf den Text einlässt, ihn vielmehr geistig auf Distanz hält. Man muss Wissenschaft und sein Thema nicht mögen, um so vorzugehen.

Der Verrat am "Vgl."

Althusmann ist nach einer Methode vorgegangen, vor deren Grassieren ich bereits 2006 in einem Artikel unter der Überschrift "Der Verrat am Vgl." gewarnt habe: "Der Eigentext des Autors wurde früher mit einem 'vgl.' abgeschlossen, wenn auf die soeben skizzierten Ideen in der existierenden Literatur oder auf weiterführende Literaturtitel verwiesen wurde. Heute heißt 'vgl. XY' am Ende eines Satzes, Absatzes oder Abschnitts: Von der Quelle XY habe ich ab- oder ein wenig umgeschrieben. Die endlose Abfolge von 'Vgl.'s dieser Art ist fast so schlimm wie die Aneinanderreihung von Plagiatstellen."