Fall AlthusmannWer nur ein bisschen umschreibt, der denkt nicht

Die Doktorarbeit von Kultusminister Bernd Altusmann ist textueller Missbrauch. Die Kritik ist berechtigt, denn die Dissertation untergräbt Wissenschaft.

"Corporate Identity ist der Prozeß, durch den kulturelle Identität entsteht und weiterentwickelt wird." Diesen Satz schrieb ein gewisser A. B. Schneyder in der Zeitschrift Führung + Organisation im Jahr 1991. Dieser Satz findet sich auch in der Dissertation von Bernd Althusmann, auf Seite 167, allerdings ohne Anführungszeichen. Stattdessen setzt der Kultusminister, der nun unter Plagiat-Verdacht steht, den Satz wie folgt fort: "(...) , wenn die Unternehmenskultur eigenständig, konkret und sinnstiftend ausgeprägt ist und mit ihren Ausdrucksformen eine authentische Ganzheit bildet". Auch dieser Satzteil ist bei Althusmann als Fließtext ohne Anführungszeichen ausgewiesen, am Ende des Absatzes verweist eine Fußnote mit "vgl." zum Referenztext (übrigens nicht mit der korrekten Seitenzahl). Der Satzteil "wenn die Unternehmenskultur ..." stammt ebenfalls wörtlich von Schneyder. Allerdings definiert er damit, einen Absatz weiter oben, nicht "Corporate Identity", sondern "Kulturelle Identität". Nach diesem, teils sogar inhaltlich widersinnigen, Strickmuster ist die Doktorarbeit von Althusmann über weite Strecken entstanden: Abschreiben, ein wenig umschreiben, mit "vgl." belegen, fertig. Einige weitere Tricks, unter anderem das Abschreiben von Zusammenfassungen von Primärliteratur aus Lehrbüchern, kommen dazu. Das ist textueller Missbrauch, nichts anderes.

Text-Collagen Althusmannscher Art kann fast jeder

Dem Nicht-Akademiker mögen solche Nachweise vielleicht als zu penibel, als "typisch deutsche" überzogene Gründlichkeit erscheinen. Allerdings sollte jeder Nicht-Akademiker Folgendes bedenken: Wissenschaft muss penibel sein. Im Zweifel hängt unser Überleben davon ab, dass Wissenschaft gründlich und sauber arbeitet, dass der Wissenschaftler sein Hirn einsetzt und dass das, was er sagt und tut, auf Wissen und Erfahrung, auf ehrlicher Wiedergabe und deren Anwendung beruht. Jeder erwartet das von seinem (studierten) Hausarzt, jeder vom (studierten) Mikrobiologen auf den Spuren des Ehec-Erregers. Es geht immer um Präzision – gäbe es die nicht in der Wissenschaft, würden viele Entscheidungen über Leben und Tod permanent falsch gefällt.

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Analyse der Dissertation von Bernd Althusmann

Im Auftrag der ZEIT haben zwei wissenschaftliche Mitarbeiter an deutschen Universitäten ein Gutachten zur Doktorarbeit des niedersächsischen Kultusministers Bernd Althusmann (CDU) angefertigt. Die Analyse  basiert auf den wichtigsten Anleitungsbüchern zum korrekten wissenschaftlichen Arbeiten. Die Gutachter wollen anonym bleiben, weil sie mögliche berufliche Nachteile ausschließen möchten.

Sie können hier eine Analyse der bislang geprüften Dissertation von Bernd Althusmann als PDF-Datei herunterladen. Sie umfasst vier der sieben Kapitel der Doktorarbeit.

Die Originaldoktorarbeit des Politikers können sie hier herunterladen, eine Auflistung beanstandeter Stellen finden Sie hier.

Für die restlichen Kapitel gibt es eine erste Analyse, Sie finden sie hier.

Anm. d. Redaktion: Die hier veröffentlichte Analyse der Doktorarbeit von Bernd Althusmann wurde im Nachhinein noch einmal korrigiert.

Was Althusmann in seiner Doktorarbiet gemacht hat – und viele weitere Beispiele ließen sich ergänzen – hat mit Wissen und Erfahrung (beim Dissertanten: Leseerfahrung) aber nichts zu tun: Seine Dissertation ist mehrheitlich eine Text-Collage oder ein Text-Kompilat. Man könnte einem x-beliebigen Bundesbürger einen Stapel wissenschaftlicher Literatur zum Thema von Althusmanns Doktorarbeit überreichen und ihm folgende Grundregeln mitgeben:

Erstens: Lies die Texte mehr oder weniger genau durch, markiere markante, Dir wissenschaftlich erscheinende Sätze mit einem Textmarker.
Zweitens: Lege ein Inhaltsverzeichnis an – nach den Begriffen, die besonders häufig vorgekommen sind. Ordne dann die markierten Sätze nach diesen Begriffen und nummeriere sie durch.
Drittens: Schreibe Deine Doktorarbeit: Wenn Du wortwörtlich abschreibst, zitiere mit Anführungszeichen.
Viertens: Wenn Du fast wortwörtlich abschreibst, also maximal ein paar Wörter veränderst, dann zitiere ohne Anführungszeichen, aber mit "vgl.".
Fünftens: Verwende weitere Tricks nach Absprache.

Stefan Weber
Stefan Weber

Der Privatdozent Dr. Stefan Weber ist Medienwissenschaftler aus Salzburg. Aus seiner eigenen Dissertation haben drei Plagiatoren abgeschrieben, bei zweien wurde in der Folge der akademische Grad aberkannt. Er hat das Buch Das Google-Copy-Paste-Syndrom geschrieben und betreibt Webangebote als Plagiatsgutachter und ein Plagiatswiki.

Der Kopierer muss seinen Verstand ausschalten

Mit diesen einfachen Grundregeln lässt sich eine Doktorarbeit im Stile Althusmanns erstellen. Benjamin Lahusen schrieb in seiner brillanten Analyse und Demontage des plagiatorischen Lehrbuchs Juristische Methodenlehre von Schwintowski: "Vielmehr wird man den Verdacht nicht los, dass der Kopie Kritik per definitionem fremd ist, der Kopierer also erst einmal seinen Verstand vollständig ausschalten muss, bevor er sich an die Arbeit macht." Jeder, der selbst wissenschaftlich arbeitet, wird das bestätigen müssen: So wie Althusmann den Text von Schneyder rekonfiguriert hat, kann nur jemand vorgehen, der seine eigene Gedankenarbeit gerade nicht auf den Referenztext anwendet, der sich nicht näher auf den Text einlässt, ihn vielmehr geistig auf Distanz hält. Man muss Wissenschaft und sein Thema nicht mögen, um so vorzugehen.

Der Verrat am "Vgl."

Althusmann ist nach einer Methode vorgegangen, vor deren Grassieren ich bereits 2006 in einem Artikel unter der Überschrift "Der Verrat am Vgl." gewarnt habe: "Der Eigentext des Autors wurde früher mit einem 'vgl.' abgeschlossen, wenn auf die soeben skizzierten Ideen in der existierenden Literatur oder auf weiterführende Literaturtitel verwiesen wurde. Heute heißt 'vgl. XY' am Ende eines Satzes, Absatzes oder Abschnitts: Von der Quelle XY habe ich ab- oder ein wenig umgeschrieben. Die endlose Abfolge von 'Vgl.'s dieser Art ist fast so schlimm wie die Aneinanderreihung von Plagiatstellen."

Leserkommentare
    • E.Wald
    • 08.07.2011 um 18:45 Uhr

    Schade, dass die Unterüberschrift so missverständlich formuliert wurde: ich denke nicht, dass der Autor der Kritik unterstellt, die Wissenschaft zu untergraben, sondern dass er ausdrücken wollte, dass die von Althusmann angewandte Art, eine Dissertation anzufertigen, die Wissenschaft untergräbt, oder?

    Dass nun so viele plagiierte Dissertationen im Politikbereich auffliegen, begrüße ich. Im Grunde kann das medial sichtbare Aufdecken zusammen mit hoffentlich jetzt höherem Misstrauen gegenüber "Titel"-Arbeiten dazu führen, dass eine Dissertation wieder mehr zu dem wird, als was sie gedacht war: eine Forschungsarbeit, angefertigt von Menschen, die sich für eine Sache wirklich interessieren und die den Stand der Forschung vorantreiben soll; nicht eine Arbeit, die das curriculum vitae aufhübschen soll und nur Profilierungszwecken dient.

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    Redaktion

    Leider war der Untertitel des Textes tatsächlich missverständlich formuliert. Nun ist es eindeutig. Vielen Dank für den Hinweis.

    Redaktion

    Leider war der Untertitel des Textes tatsächlich missverständlich formuliert. Nun ist es eindeutig. Vielen Dank für den Hinweis.

    • PW
    • 08.07.2011 um 18:47 Uhr

    Ich empfinde es als arg beckmesserisch, ein "vgl.", das auf eine Weiterentwicklung, Paraphrasierung oder sonst eine Umformulierung eine Originalquelle verweist, als Täuschungsversuch zu werten, wenn Sie bereits 2006 wußten, wie "vgl." heutzutage gebraucht wird. Wenn Sie sich am gewandelten Gebrauch des "vgl." stören, dann ist es das eine, das andere ist es, daraus Täuschung ableiten zu wollen.

    Der Link auf den Artikel ist übrigens fehlerhaft, es ist wohl beim copy and past ein Fehler unterlaufen: es ist ein "]" zuviel am Ende der URL.

    9 Leserempfehlungen
    • Ron777
    • 08.07.2011 um 18:48 Uhr

    Vielen Dank für diese fundierte Einschätzung. Endlich sagt einmal jemand, dass es im Kern nicht nur um formale Verstöße geht, sondern um den Kern wissenschaftlichen Arbeitens. Das bloße Zusammenschreibseln von Textstellen - egal ob direkt übernommen oder sprachlich abgeändert - hat mit Wissenschaft und Forscherdrang nichts zu tun. Es ist eine sinnentleerte Collage von Gedachtem, die leider aber zur häufigen Praxis geworden ist. Es ist Denkfaulheit oder wissenschaftliches Unvermögen. Wer so arbeitet, besitzt auch im späteren Berufsleben wenig Qualifikationen eines wirklichen Entscheiders. Menschen solchen Kalibers sind meist Mainstream-Opportunisten statt Lenker. Gerade in der Politik aber hat sich dieser Typus von Karrierist zum leidwesen der Bürger breit gemacht. Hordenverhalten statt eigene Meinung, in Deckung gehen statt Meinungen vertreten. Dass nun scheinbar auch der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz so gehandelt hat ist ein bildungspolitisches Desaster!

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    • lepkeb
    • 08.07.2011 um 19:04 Uhr

    die perfekte Beschreibung für einen dt. Politiker und ein solcher ist Herr Althusmann.
    Gilt übrigens auch für die anderen aufgeflogenen Eliten.

    @Thema
    Im Rahmen der Kritik des Autors, der ja auch Plagiatsgutachter ist, wäre es mal interessant zu erfahren, warum in großen Teilen der Welt, die in D-land angewandte Zitiermethodik, kaum Anwendung findet und meist direkt im Text Quellenangaben gemacht werden und auf den Fußnoten Masochismus verzichtet wird. Was übrigens imho auch ungemein zur Lesbarkeit beiträgt.
    Und über mangelnde Ethik und akademischen Anstand im dt. Uni-betrieb
    braucht man sich doch wirklich nicht mehr zu wundern. Dazu ist der Filz zwischen Politik und Teilen der Professorenschaft einfach zu dick, denn nur wer mitspielt bekommt die notwendige Förderung und gut-dotierte Beraterverträge.

    • gorgo
    • 09.07.2011 um 10:05 Uhr

    Es ist tatsächlich der erste Artikel zum Thema Plagiat, der den Kern wissenschaftlichen Arbeitens, nämlich: ÜBERPRÜFBARKEIT und die ganz praktischen Folgen anspricht, wenn die Überprüfbarkeit hintergangen wird.

    Mit stark wachsendem Unbehagen habe ich die Debatten seit Gutenberg verfolgt und dieses Argument selbst in den Stellungnahmen der großen Wissenschaftsorganisationen oder der Doktoranden vermisst.

    Es ist nebenbei das beste und einzige Argument, das auch Nichtakademikern einleuchten kann: Was wäre wenn Hausarzt, Handybauer, Pharmazeut oder Apotheker, selbst Autobauer sich nicht auf Texte und andere Forschungsergebnisse verlassen können, die durch die korrekte Ursprungsangabe in ihrer Herkunft nachvollziehbar und überprüfbar werden?

    Wissenschaftler haben nicht bloß "geistiges Eigentum" - was natürlich neoliberalen das wichtigste scheint - sondern stehen mit ihrer Person, mit ihrem Namen für die Korrektheit oder auch auch Angreifbarkeit (!) ihrer Ergebnisse ein. Dabei ist Wirtschaft nicht unwichtig: Faktisch würde ohne Einhaltung des Plagiatsverbots als Regel die gesamte wissenschaftsbasierte Wirtschaft in sich zusammenbrechen!

    Setzen Sie sich in VWL in Lehrveranstaltungen, lesen Sie Publikationen und versuchen Sie mit Professoren zu diskutieren - Sie werden dann verstehen, dass das Problem des "Falsch zitierens" nicht des Pudels Problemkern ist.

    Wie in dem von mir kommentierten Kommentar angesprochen ist das Kernproblem die Frage der Wissenschaftlichkeit der heutigen Wissenschaft bzw. des universitären Wissenschaftsbetriebs.

    Das ist des Pudels Kern. Die Universität als Institution ist in meinen Augen in vielen Bereichen korrumpiert, zersetzt und weit weit von dem Ideal entfernt, dass Sie einmal verkörperte. Wir befinden uns aktuell wieder in einer Art dunklen Zeit, in der die Proffesur vererbt wird - diesmal nicht an den männlichen Nachkommen sondern an das eigene geistige Kind.

    Aus persönlicher Erfahrung: In der VWL verengt sich die "Wissenschaft" auf "Modelle" und "Zahlenspiele" - ehemals große politische Strömungen wie z.B. die Currency Lehre (Geld nur vom Staat 100% Vollgeld) vs. die aktuelle Banking Lehre (Geld Erschaffen von der Bank) werden noch nicht einmal ERWÄHNT.

    Wie soll in einem solchen Umfeld eine korrekte Disseration verfasst werden?

    Im Internet finden sich viele Schicksale von intelligenten und redlichen Wissenschaftlern - die nie eine Promotion anstreben konnten, weil Sie zu innovativ waren, weil Sie nicht angepasst genug gewesen sind.

    Das Problem ist nicht die Zitierweise - das Problem ist die korrupte Proffessorenschaft.

    Sie sprechen mir aus dem Herzen. Ihr Beitrag trifft die Sachlage zielgenau.
    Vor ca. 20 Jahren habe ich selbst eine Dissertation in Biologie angefertigt.
    Noch heute denke ich oft an die anstrengenden Feldmessungen, Freilandexperimente und das mühsame Zusammentragen von Messdaten zurück, ebenso wie an die durchgelesenen, durchgeschriebenen und durchgegrübelten Nächte, und besonders an den Stress, als die Zeit knapp wurde.
    Als ich dann das fertig gebundene Werk in meinen Händen hielt, war ich stolz, trotz aller Schwierigkeiten und Probleme das Forschungs- und Arbeitsziel meiner Dissertation erreicht, und ein kleines Bauteil zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn beigetragen zu haben.
    Natürlich war ich auch stolz auf den mir dafür verliehenen Titel "Doktor der Naturwissenschaften". Und ich hatte das ehrliche Gefühl, mir diesen Titel durch meine Ausdauer und Beharrlichkeit auch ehrlich verdient zu haben.
    Deswegen erfüllt es mich auch mit ziemlicher Wut, wenn sich einige durch geistigen Diebstahl an der Denkarbeit Anderer bereichern und sich dadurch den Doktortitel erschleichen. Zu eigenständiger wissenschaftlicher Arbeit sind diese Leute aufgrund ihrer "Denkfaulheit und ihres wissenschaftlichen Unvermögens"* nicht in der Lage. Ihr Ziel ist einzig und allein die politische Reputation, wenn ihr "Dr." neben ihrem Konterfei an Wahlplakaten hängt.
    So wird die seröse Wissenschaft durch dieses geistige Diebsgesindel verunglimpft und beschädigt.

    * vgl. Originalbeitrag

    Ja, Sie haben Recht: Es ist fatal, wie häufig angeblich wissenschaftliche Arbeiten mit genau diesen nichts zu tun haben - übrigens auffällig oft eben die von Menschen, die in Ämtern oder der Politik Karriere machen wollen.

    Aber an einer Stelle möchte ich - auch den weiteren Antworten auf diesen Artikel - widersprechen: Dort, wo es dann in die Richtung eines Pauschalverdachts der heutigen Wissenschaft geht, schlecht zu arbeiten. Ich selbst habe an einer Uni gearbeitet und eine Reihe Dissertationen gelesen, auch selbst Forschungsmethodik in anderen Fächern unterrichtet und begleite viele Promovierende.
    Und der Einsatz dieser ist vorbildlich, die hier beschriebenen "anstrengenden Feldstudien" werden heute oft genau so betrieben! Gerade auch die hier geäußerte Kritik an der Arbeit mit Fußnoten und vgl. ist immer seltener der Fall, da z.B. mehr und mehr Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zur strengeren, angelsächsischen Zitationsweise ohne Fußnoten übergehen (z.B. Psychologie, Soziologie, in Teilbereichen die Erziehungswissenschaft und die nicht immer so arg naturwissenschaftliche Medizin).
    Umso mehr verärgert mich der dreiste Dilletantismus der Personen, die versuchen, sich ohne eigene FORSCHUNGsleistung einen Karriere-Türöffner-Titel zuzulegen. Der Dr. ist ein wissenschaftlicher Grad, wem die Wissenschaft egal ist, der möge auf diese verzichten!
    Aber im Umkehrschluss sollten wir nicht anfangen, alle Menschen mit Dr. zu verdächtigen.

    • lepkeb
    • 08.07.2011 um 19:04 Uhr

    die perfekte Beschreibung für einen dt. Politiker und ein solcher ist Herr Althusmann.
    Gilt übrigens auch für die anderen aufgeflogenen Eliten.

    @Thema
    Im Rahmen der Kritik des Autors, der ja auch Plagiatsgutachter ist, wäre es mal interessant zu erfahren, warum in großen Teilen der Welt, die in D-land angewandte Zitiermethodik, kaum Anwendung findet und meist direkt im Text Quellenangaben gemacht werden und auf den Fußnoten Masochismus verzichtet wird. Was übrigens imho auch ungemein zur Lesbarkeit beiträgt.
    Und über mangelnde Ethik und akademischen Anstand im dt. Uni-betrieb
    braucht man sich doch wirklich nicht mehr zu wundern. Dazu ist der Filz zwischen Politik und Teilen der Professorenschaft einfach zu dick, denn nur wer mitspielt bekommt die notwendige Förderung und gut-dotierte Beraterverträge.

    • gorgo
    • 09.07.2011 um 10:05 Uhr

    Es ist tatsächlich der erste Artikel zum Thema Plagiat, der den Kern wissenschaftlichen Arbeitens, nämlich: ÜBERPRÜFBARKEIT und die ganz praktischen Folgen anspricht, wenn die Überprüfbarkeit hintergangen wird.

    Mit stark wachsendem Unbehagen habe ich die Debatten seit Gutenberg verfolgt und dieses Argument selbst in den Stellungnahmen der großen Wissenschaftsorganisationen oder der Doktoranden vermisst.

    Es ist nebenbei das beste und einzige Argument, das auch Nichtakademikern einleuchten kann: Was wäre wenn Hausarzt, Handybauer, Pharmazeut oder Apotheker, selbst Autobauer sich nicht auf Texte und andere Forschungsergebnisse verlassen können, die durch die korrekte Ursprungsangabe in ihrer Herkunft nachvollziehbar und überprüfbar werden?

    Wissenschaftler haben nicht bloß "geistiges Eigentum" - was natürlich neoliberalen das wichtigste scheint - sondern stehen mit ihrer Person, mit ihrem Namen für die Korrektheit oder auch auch Angreifbarkeit (!) ihrer Ergebnisse ein. Dabei ist Wirtschaft nicht unwichtig: Faktisch würde ohne Einhaltung des Plagiatsverbots als Regel die gesamte wissenschaftsbasierte Wirtschaft in sich zusammenbrechen!

    Setzen Sie sich in VWL in Lehrveranstaltungen, lesen Sie Publikationen und versuchen Sie mit Professoren zu diskutieren - Sie werden dann verstehen, dass das Problem des "Falsch zitierens" nicht des Pudels Problemkern ist.

    Wie in dem von mir kommentierten Kommentar angesprochen ist das Kernproblem die Frage der Wissenschaftlichkeit der heutigen Wissenschaft bzw. des universitären Wissenschaftsbetriebs.

    Das ist des Pudels Kern. Die Universität als Institution ist in meinen Augen in vielen Bereichen korrumpiert, zersetzt und weit weit von dem Ideal entfernt, dass Sie einmal verkörperte. Wir befinden uns aktuell wieder in einer Art dunklen Zeit, in der die Proffesur vererbt wird - diesmal nicht an den männlichen Nachkommen sondern an das eigene geistige Kind.

    Aus persönlicher Erfahrung: In der VWL verengt sich die "Wissenschaft" auf "Modelle" und "Zahlenspiele" - ehemals große politische Strömungen wie z.B. die Currency Lehre (Geld nur vom Staat 100% Vollgeld) vs. die aktuelle Banking Lehre (Geld Erschaffen von der Bank) werden noch nicht einmal ERWÄHNT.

    Wie soll in einem solchen Umfeld eine korrekte Disseration verfasst werden?

    Im Internet finden sich viele Schicksale von intelligenten und redlichen Wissenschaftlern - die nie eine Promotion anstreben konnten, weil Sie zu innovativ waren, weil Sie nicht angepasst genug gewesen sind.

    Das Problem ist nicht die Zitierweise - das Problem ist die korrupte Proffessorenschaft.

    Sie sprechen mir aus dem Herzen. Ihr Beitrag trifft die Sachlage zielgenau.
    Vor ca. 20 Jahren habe ich selbst eine Dissertation in Biologie angefertigt.
    Noch heute denke ich oft an die anstrengenden Feldmessungen, Freilandexperimente und das mühsame Zusammentragen von Messdaten zurück, ebenso wie an die durchgelesenen, durchgeschriebenen und durchgegrübelten Nächte, und besonders an den Stress, als die Zeit knapp wurde.
    Als ich dann das fertig gebundene Werk in meinen Händen hielt, war ich stolz, trotz aller Schwierigkeiten und Probleme das Forschungs- und Arbeitsziel meiner Dissertation erreicht, und ein kleines Bauteil zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn beigetragen zu haben.
    Natürlich war ich auch stolz auf den mir dafür verliehenen Titel "Doktor der Naturwissenschaften". Und ich hatte das ehrliche Gefühl, mir diesen Titel durch meine Ausdauer und Beharrlichkeit auch ehrlich verdient zu haben.
    Deswegen erfüllt es mich auch mit ziemlicher Wut, wenn sich einige durch geistigen Diebstahl an der Denkarbeit Anderer bereichern und sich dadurch den Doktortitel erschleichen. Zu eigenständiger wissenschaftlicher Arbeit sind diese Leute aufgrund ihrer "Denkfaulheit und ihres wissenschaftlichen Unvermögens"* nicht in der Lage. Ihr Ziel ist einzig und allein die politische Reputation, wenn ihr "Dr." neben ihrem Konterfei an Wahlplakaten hängt.
    So wird die seröse Wissenschaft durch dieses geistige Diebsgesindel verunglimpft und beschädigt.

    * vgl. Originalbeitrag

    Ja, Sie haben Recht: Es ist fatal, wie häufig angeblich wissenschaftliche Arbeiten mit genau diesen nichts zu tun haben - übrigens auffällig oft eben die von Menschen, die in Ämtern oder der Politik Karriere machen wollen.

    Aber an einer Stelle möchte ich - auch den weiteren Antworten auf diesen Artikel - widersprechen: Dort, wo es dann in die Richtung eines Pauschalverdachts der heutigen Wissenschaft geht, schlecht zu arbeiten. Ich selbst habe an einer Uni gearbeitet und eine Reihe Dissertationen gelesen, auch selbst Forschungsmethodik in anderen Fächern unterrichtet und begleite viele Promovierende.
    Und der Einsatz dieser ist vorbildlich, die hier beschriebenen "anstrengenden Feldstudien" werden heute oft genau so betrieben! Gerade auch die hier geäußerte Kritik an der Arbeit mit Fußnoten und vgl. ist immer seltener der Fall, da z.B. mehr und mehr Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zur strengeren, angelsächsischen Zitationsweise ohne Fußnoten übergehen (z.B. Psychologie, Soziologie, in Teilbereichen die Erziehungswissenschaft und die nicht immer so arg naturwissenschaftliche Medizin).
    Umso mehr verärgert mich der dreiste Dilletantismus der Personen, die versuchen, sich ohne eigene FORSCHUNGsleistung einen Karriere-Türöffner-Titel zuzulegen. Der Dr. ist ein wissenschaftlicher Grad, wem die Wissenschaft egal ist, der möge auf diese verzichten!
    Aber im Umkehrschluss sollten wir nicht anfangen, alle Menschen mit Dr. zu verdächtigen.

    • Nevil
    • 08.07.2011 um 18:50 Uhr

    wenn viele Doktorarbeiten jetzt so - wie vom Autor beschrieben - aussehen würden. Hier geht es ja nicht nur um nichtvorhandenes Zitieren, sondern um die völlig falsche Wiedergabe von Argumenten, Definitionen, Fakten usw. Wer solche Texte verfasst, steht mit dem Thema auf dem Kriegsfuß, hat den Stoff, die Zusammenhänge nie verstanden, ist also alles andere als ein Wissenschaftler. Es hat schon immer den Fall gegeben, dass "aus drei Büchern ein neues" erstellt wird. Wenn es aber zur Norm wird, dann ist es um die Wissenschaft wirklich traurig bestellt. Leider gibt es auch das genaue Gegenteil: es werden Arbeiten mit neuen Erkenntnissen publiziert, die aber von der comunity genau aus diesem Grund (wegen des Neuheitswertes!) totgeschwiegen werden. Das eine ist so erbärmlich wie das andere...

    15 Leserempfehlungen
    • priexo
    • 08.07.2011 um 18:55 Uhr
    5. Bombe?

    Der letzte Absatz sollte eigentlich bei den deutschen Universitäten einschlagen wie eine Bombe, stellt er doch das gesamte Dissertationssystem in Frage, und, wie mir scheint, nicht zu Unrecht!

    Das Schweigen der deutschen Universitäten zu dem Thema ist ebenfalls äußerst vielsagend! In der Öffentlichkeit hört man gar nichts von deren Seite, obwohl die Frequenz an aufgedeckten Plagiaten deutlich zunimmt!

    Aus eigener Erfahrung als externer Gutachter kann ich zumindest sagen, dass sich deutsche Professorinnen und Professoren sehr schwer tun mit dem Konzept Peer Review. Eine Möglichkeit wäre, es zu ermöglichen, dass Dissertationen unabhängig voneinander von mehreren nicht mit der Arbeit verbundenen Gutachtern geprüft werden. Dies würde den eigentlichen Betreuern schnell deutlich machen, dass sie etwas mehr an Betreuungs- und Korrekturpflicht aufwenden müssen, sonst fällt etwaiger Missbrauch auf sie selbst zurück!!

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • jojocw
    • 08.07.2011 um 22:48 Uhr

    kommen den Verantwortlichen an den Universitäten Bedenken ... auch in Bezug auf ihre eigenen (Doktor-)Arbeiten.
    .. wer im Glashaus sitzt ..

    sogar ein Juraprof hat bei uns mal zugegeben, dass jemand, der einen Doktor in Rechtswissenschaften macht vor allem zeigt, dass er "sich durch ein dickes Brett boren kann". Das kann allerdings auch ein Handwerker :)

    • jojocw
    • 08.07.2011 um 22:48 Uhr

    kommen den Verantwortlichen an den Universitäten Bedenken ... auch in Bezug auf ihre eigenen (Doktor-)Arbeiten.
    .. wer im Glashaus sitzt ..

    sogar ein Juraprof hat bei uns mal zugegeben, dass jemand, der einen Doktor in Rechtswissenschaften macht vor allem zeigt, dass er "sich durch ein dickes Brett boren kann". Das kann allerdings auch ein Handwerker :)

    • lepkeb
    • 08.07.2011 um 19:04 Uhr

    die perfekte Beschreibung für einen dt. Politiker und ein solcher ist Herr Althusmann.
    Gilt übrigens auch für die anderen aufgeflogenen Eliten.

    @Thema
    Im Rahmen der Kritik des Autors, der ja auch Plagiatsgutachter ist, wäre es mal interessant zu erfahren, warum in großen Teilen der Welt, die in D-land angewandte Zitiermethodik, kaum Anwendung findet und meist direkt im Text Quellenangaben gemacht werden und auf den Fußnoten Masochismus verzichtet wird. Was übrigens imho auch ungemein zur Lesbarkeit beiträgt.
    Und über mangelnde Ethik und akademischen Anstand im dt. Uni-betrieb
    braucht man sich doch wirklich nicht mehr zu wundern. Dazu ist der Filz zwischen Politik und Teilen der Professorenschaft einfach zu dick, denn nur wer mitspielt bekommt die notwendige Förderung und gut-dotierte Beraterverträge.

    9 Leserempfehlungen
  1. Dem Nicht-Akademiker mögen Folgendes bedenken: Wissenschaft muss penibel sein. Allerdings sollte jeder Nicht-Akademiker als "typisch deutsche" überzogene Gründlichkeit erscheinen.
    Im Zweifel hängt unser Überleben davon ab. Was er sagt und tut, auf Wissen und Erfahrung, auf ehrlicher Wiedergabe und deren Anwendung beruht: dass der Wissenschaftler sein Hirn einsetzt.

    Solche Nachweise vielleicht als zu penibel?

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