Anlass zu Ärger gibt es in Hochschulbibliotheken oft: Entweder ist das Buch, das man ausleihen möchte, nicht auffindbar. Oft hat es jemand ins falsche Regal gestellt oder hortet es auf einem der Arbeitstische. Oder ein Buch, das man dringend braucht, ist mit Textmarker und Notizen vollgeschmiert, die einen beim Lesen ganz kirre machen.

Doch die Zeiten, in denen sich Studenten mit solchen Hindernissen herumschlagen mussten, könnten bald vorbei sein. Denn auch in den deutschen Hochschulbibliotheken ist längst das digitale Zeitalter angebrochen. "Ich kenne keine Universitätsbibliothek, die E-Books noch nicht im Angebot hätte", sagt Klaus-Rainer Brintzinger, Bibliotheksdirektor der Ludwig-Maximilians-Universität München . Die Anzahl der angebotenen digitalen Bücher ist jedoch von Hochschule zu Hochschule recht unterschiedlich: Laut eines aktuellen Studienprojekts der Bauhaus-Universität Weimar variiert sie von einstelliger bis hin zu fünfstelliger Höhe.

Fast alle Hochschulen eint aber der Wille, den digitalen Bestand deutlich auszubauen: "Die Hochschulbibliotheken geben etwa 60 bis 80 Prozent ihres Erwerbungetats für eMedien aus", sagt Barbara Schleihagen, Geschäftsführerin des Deutschen Bibliotheksverbands . Die Höhe hänge auch von der fachlichen Ausrichtung der Hochschule ab: "Im Allgemeinen sind E-Books in den Naturwissenschaften weiter verbreitet als in den Geisteswissenschaften."

München war im Jahr 2004 die erste Universität, die E-Books in ihr Angebot aufnahm. Inzwischen stehen den Studenten und Mitarbeitern ganze 17.000 zur Verfügung. Hinzu kommen 30.000 selbst digitalisierte Werke, die nicht unter das Urheberrecht fallen und auf hochschuleigenen Servern gespeichert werden. Die Nachfrage ist groß: Allein auf die regulären E-Books wurde im vergangenen Jahr rund 390.000 Mal zugegriffen.

Kein Wunder, bietet das neue Medium doch unschlagbare Vorteile gegenüber gedruckten Büchern: E-Books können weder versteckt noch bekritzelt werden. Noch dazu muss man mit ihnen nicht mehr in den Copyshop gehen und Seite für Seite kopieren. Vielmehr lassen sich die relevanten Stellen aus den digitalen Büchern bequem zu Hause ausdrucken. Vor einigen Jahren mühten sich Studenten noch mit der Büchersuche per Mikrofiche ab, heute reicht ein Stichwort in der Volltextsuche. Manche Hochschulen bieten ihren Studenten sogar Buchempfehlungen, wie man sie von Online-Portalen kennt. An der TU Berlin etwa erhalten Nutzer bei der Suche nach einem Werk sogenannte "Bib-Tipps". "Um wirklich aussagekräftige Hinweise geben zu können, müssen wir aber unsere Datenbasis noch weiter ausbauen", sagt Andreas Richter, stellvertretender Bibliotheksdirektor.

Vielerorts ist auch der Zugriff über das universitäre Netz gar nicht mehr notwendig. In München etwa können sich die Nutzer mittels eines VPN Clients von zu Hause aus einwählen und jederzeit auf die Bücher zugreifen, ohne Leihfrist. Das war nicht immer so: "Ganz am Anfang hatten wir ein klassisches Ausleihmodell, wie es öffentliche Bibliotheken anwenden", sagt Brintzinger. Damals konnten nur so viele E-Books gleichzeitig ausgeliehen werden, wie Lizenzen vorhanden waren – und nur zeitlich befristet. Ganz so als wären es gedruckte Bücher. Ein wichtiger Vorteil der E-Books, die ständige Verfügbarkeit, war damit hinfällig.

Inzwischen hat die Bibliothek ihr System verändert: "Wir versuchen grundsätzlich E-Books zu kaufen", so Brintzinger. "Es gibt allerdings Verlage, die nur lizensieren. In jedem Fall gilt bei uns das Prinzip, dass wir unseren Nutzern einen nicht-restriktiven Zugang zu den E-Books geben." Die Bücher werden als pdf angeboten oder im ePub-Format, das sich für viele eReader oder das Apple iPad eignet. Diese Geräte werden laut Brintzinger allerdings bislang nur von wenigen Bibliotheksnutzern verwendet.