An einem langen Donnerstagabend im Labor verlor Myrica Nikovia ihren Glauben an das griechische Bildungssystem: Zum dritten Mal hatte die Chemiestudentin aus Thessaloniki die weiße Gasflasche an den silbernen Reaktor angeschlossen und ein getrocknetes Lösungsmittel dazugegeben. Eigentlich ein banales Experiment. Myrica öffnete den Reaktor. Keine Reaktion.

Drei Wochen hatte Myrica noch, bis ihre Bachelorarbeit fertig sein musste. Das Experiment war die Grundlage ihrer ganzen Arbeit. Und es klappte nicht.

Als die 22-Jährige ihrem Professor von dem Problem erzählte, war der nicht mal überrascht. Der Apparat, mit dem das Lösungsmittel getrocknet wird, war schon seit Wochen kaputt. Einen neuen würde es so bald nicht geben, sagte er. Die Universität hat kein Geld.

Wie Myrica geht es derzeit Hunderttausenden Studenten in Griechenland. Der Sparkurs von Premierminister Giorgos Papandreou trifft die Universitäten hart: Um 20 Prozent wurden ihre Budgets alleine in diesem Jahr gekürzt. Während sich die Studienbedingungen rapide verschlechtern, lösen auch andere Reformschritte massive Proteste aus: Am Mittwoch schaffte die Regierung das weltweit einzigartige Universitäts-Asyl ab. Durch das Asyl durfte die Polizei bei Studentenunruhen auf dem Uni-Campus praktisch nicht eingreifen, was militante Gruppen in den vergangenen Jahren immer wieder missbraucht hatten. Die Proteste gegen die Reform fielen heftig und gewalttätig aus.

Dabei haben die griechischen Hochschulen ganz andere Probleme: Laut Schanghai-Ranking ist keine von ihnen unter den 300 besten Universitäten der Welt. Professuren werden oft über Beziehungen statt nach Leistung vergeben. Die mangelnde Qualität geht zu Lasten der Studenten: Kein Land hat so eine hohe Abbrecherquote wie Griechenland. Die, die es schaffen, ihr Studium abzuschließen, sind laut einer OECD-Studie nur schlecht auf den Arbeitsmarkt vorbereitet.

Wer kann, sucht das Weite: Gemessen an der Bevölkerung fliehen aus keinem Land der Welt so viele Studenten wie aus Griechenland. Ioanna Tousi verließ ihre sonnige Heimat schon vor zwei Jahren, um ihren Master in Personalmanagement im regnerischen Brüssel zu machen: "Die Regierung hat die Zahl der Masterplätze so zusammengestrichen, dass kaum noch einer in Griechenland weiterstudieren kann", sagt die 23-jährige Athenerin. Für einen Masterplatz hätte Ioanna an vielen griechischen Universitäten Berufserfahrung gebraucht. Blanke Ironie bei fast 25 Prozent Arbeitslosigkeit unter BA-Absolventen.

Alternativen zu den schlechten staatlichen Universitäten gibt es nicht. Artikel 16 der griechischen Verfassung verbietet Studiengebühren für das Erststudium oder Spenden reicher Gönner. Private Universitäten sind damit so gut wie unmöglich. "Kostenlose Bildung klingt vielleicht gerecht. In Wahrheit jagt das unsere besten Studenten aus dem Land", sagt Panos Tsakloglou, Bildungsökonom an der Wirtschaftsuniversität Athen.