Wissenschaftsplagiate : Angeschwärzt bei Vroniplag

Wie bringe ich einen Nachwuchswissenschaftler ins Straucheln? Durch einen Lesetipp an Plagiatjäger im Netz. Dafür liefert die Uni Hamburg jetzt ein fragwürdiges Beispiel.
Juristische Fakultät der Uni Hamburg © UHH/Dichant

In der ersten Augustwoche erschien auf der Internet-Plattforum Vroniplag ein anonymer Hinweis auf eine ins Stocken geratene Habilitation an der Hamburger Juristenfakultät. Die Rede ist von Untreue, Bestechung und Vorteilsannahme, mithin Stoff für den Staatsanwalt. Der Habilitand und Rechtsanwalt Arne Heller soll den Prüfer Marian Paschke mit einem Mitarbeitervertrag seiner Kanzlei zu einem positiven Gutachten verleitet haben, was beide bestreiten. Aber, bemerkt der Anonymus weiter, vielleicht scheitere das ganze Prüfungsverfahren schon an einer Voraussetzung, nämlich an der Doktorarbeit des Kandidaten aus dem Jahre 1998.

Denn die sei womöglich mit Plagiaten verseucht. Das kann der Informant nur aus dem Habilitationsausschuss wissen, der aber zur Verschwiegenheit verpflichtet ist. Einzelne Mitglieder hatten den Plagiatverdacht auf die Tagesordnung gebracht und in der Sitzung vom 8. Juni einen förmlichen Nachforschungsauftrag durchgesetzt. Bis zur amtlichen Klärung frühestens im kommenden Wintersemester bleibt der Habilitand Heller in der Warteschleife.

Sofort nach der ersten Meldung auf Vroniplag stürzte sich ein ganzer Schwarm von Plagiatjägern auf die fragliche Dissertation, ähnlich wie früher bei zu Guttenberg, Koch-Mehrin und anderen Politikern. "Es schadet jedenfalls nicht, wenn andere an der Aufklärung mitwirken", sagt Tilman Repgen, der Leiter der Hamburger Juristenfakultät. Denn die selber kommt mit der nötigen Klärung während der laufenden Semesterferien noch nicht in Gang. Demgegenüber dokumentieren die ehrenamtlichen Privatermittler inzwischen schon auf mehr als jeder vierten Seite der Doktorarbeit mutmaßliche Plagiate.

"Ich mache das aus Idealismus", sagt ein an Vroniplag Beteiligter unter seinem Decknamen Martin Klicken. Diese Motivation der durchweg jüngeren Plagiatjäger vergleicht ein älterer Sachkenner allerdings mit dem "Idealismus von Rentnern, die Falschparker aufschreiben" – statt das den offiziell Zuständigen zu überlassen. Dabei folgen die Vroniplag-Fahnder eigenen Kriterien, nicht den aktuellen Hamburger Zitiervorschriften oder den früheren seit 1999. Die fragliche Doktorarbeit stammt gar aus dem Jahr davor. Heute wirft Vroniplag dem Autor und damit auch den Prüfern fehlende Anführungszeichen vor. "Die sind aber nur zwingend bei buchstäblichen Zitaten", sagte Doktorvater Klaus-Peter Martens ZEIT ONLINE. Ansonsten reichen nach seiner Meinung Literaturhinweise in den Fußnoten. Sein Schüler hat davon mehr als 800 auf 180 Druckseiten untergebracht.

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Kommentare

308 Kommentare Seite 1 von 37 Kommentieren

Ich bin ehrlich gesagt sprachlos, Herr Horstkotte.

Haben Sie das geschrieben? Was wollen Sie damit ausdrücken?
Dass der Nutzen bzw. die Sinnhaftigkeit einer Aufarbeitung wissenschaftlichen Fehlverhaltens nur im Zusammenhang mit dem Hickhack der betreffenden Fakultät im Hintergrund beurteilt werden kann?
Rechtsfrieden für ein Leben lang geführte akademische Grade, egal auf welcher Basis die zustande kamen? Es geht doch nicht um die Strafbarkeit, sondern darum, ob jemand den Grad weiter führen kann. Jetzt schon zögern viele Promovenden die Veröffentlichkeit so lang hinaus, dass kaum mehr als wenige Monate bleiben, um vor Ablauf der 5-Jahres-Frist noch die Dissertation anzuschauen. Damit sind sie wg. Eides oder urheberrechtlichen Fragen bequem aus dem Schneider.
Und was schreiben Sie da von "eigenen Kriterien" der "Vroniplag-Fahnder"? Was für "eigene Kriterien"? Glauben Sie, dass irgendwelche hanebüchenen Anweisungen des Doktorvaters bzw. unzureichende Zitierregeln einer Fakultät die Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens außer Kraft setzen können? Weil jemand sagt "irgendwo Fußnoten", ggf. sogar falsche oder verwirrende, platzieren reicht, reicht das?
Gut, dann mögen diese "eigenen Kriterien" für den Doktorvater reichen. Aber eine öffentliche Diskussion des Ergebnisses und der Einstellung dazu, was "reicht" und was nicht, die ist, so finde ich, dann erst recht nötig. Und hilfreich.

Zitierregeln sind keine DIN Norm

Jede Universität kann sich, in einem gewissen Rahmen, die Regeln zum richtigen Zitieren selbst aussuchen. Denken Sie doch kurz über den Sinn des Zitierens nach. Im Prinzip gibt es zwei Gründe: 1. Urheberrecht 2. (bei den Naturwissenschaften zumindest VIEL wichtiger) Eine Hilfe um die zitierte Stelle zu finden und sie nachlesen/überprüfen zu können.
Für beides sind kleinkarierte Dinge wie richtig gesetzte Anführungszeichen etc. völlig belanglos.
Und eine öffentliche Diskussion zum richtigen Zitieren ist m.E. nicht zielführend. Es kommt auf die Art der Arbeit an, in welcher Art und Weise vernünftig zitiert wird. Das können Aussenstehende nicht so gut nachvollziehen und brauchen es auch garnicht. Das korrekte Zitieren ist ein essentieller Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens und wurde von den Wissenschaftlern selbst "erfunden und entwickelt". Es wäre falsch da jetzt andere mitreden zu lassen.

Ich finde Projekte wie VroniPlag ja nicht schlecht, aber man sollte sich doch auf echte Plagiate konzentrieren und nicht auf formellen Dingen hermureiten. Wenn jemand in seiner Arbeit in allen sagen wir 300 Zitaten die Anführungszeichen vergessen hat, obwohl sie laut Regeln hingehören würden, aber JEDER DEPP die Zitate den richtigen Quellen zuordnen kann, dann handelt es sich nicht um ein Plagiat, sondern um einen Formfehler. Ist doch irgendwie logisch oder nicht? Jemanden deswegen zu belästigen ist kleinkariert und auch ein bisschen lächerlich.

Mit besten Grüßen :)

300 mal weniger Anführungszeichen, Schlusszeichen

sind per Defintione bereits ein oder mehrere Plagiate. [Bereich Sozial-und Geisteswissenschaften]

Warum?

Wenn ich einen Text schreibe und bei 300 Zitaten die Anführunsgezeichen, wie Schlusszeichen "vergesse", dann glaubt mein Leser die Ideen die ich da wiedergebe seien meine eigenen. Sind sie aber nicht.

Nein Formfehler hören bereits bei zwei nicht korrekt ausgewiesenen Sätzen auf.

Wollte Ihnen nur die Uni-Interna (Fachbereich siehe oben) erzählen, ja und bei einem Studenten bedeutet das Vergehen 1. Blacklist-Member, beim 2. Mal Zwangsexmatrikulation.

Nicht lustig aber berechtigt. Man sollte sein Handwerk eben können und das Zitieren gehört dazu.

Nein und die Zitierarten variieren vielleicht nur in der Reihenfolge, wie ich das Zu Zitierende aufzuführen habe. Eine Nicht-Aufführung ist allerdings nicht als Alternative zugelassen.

Best E.

Man sieht hier sehr gut....

... dass man sich eben nicht auf "irgendwelche" selbsternannten Plagiatsjäger aus dem Netz verlassen sollte, sondern das es durchaus sinnvoll sein kann, wenn hier ein entsprechend wissendes Gremium der Prüfung nachgeht. Denn das man hier nicht die Zitationsregeln der Fakultät zum Zeitpunkt der Erstellung der Doktorarbeit als Zitationsreferenz heranzieht zeigt schon eine gewisse Willkühr der Plagiatsjäger. Geht es hier doch um die korrekte Angabe der Quellen nach den Vorgaben der Fakultät und nicht nach den wie_auch_immer gearteten Vorstellung einiger Individuen aus dem Internet, die sich unter den verschiedensten Motiven an solch einer Arbeit abarbeiten.

Insofern sollten solche Institutionen wie die Anti-Plagiatsseiten (ich sammle die jetzt mal unter diesem Banner) als erster Anhaltspunkt gesehen werden. Ich bin aber heilfroh, dass die tatsächliche Entscheidung von einem Gremium getroffen wird, das auch einen entsprechend sachlich-korrekten Maßstab anlegt.

Die "Willkür" sind

ganz allgemeingültige, und den meisten Menschen intuitiv zugängliche Standards. Das ist auch Nichtakademikern klar. Es muss erkennbar bleiben, wer die Dissertation geschrieben hat. Wie man das hinbekommt, kann jeder regeln, wie er möchte. Sobald aber der Eindruck entsteht, Arne Heller hätte ein Buch geschrieben und sich ein paar interessante Sachen ausgedacht, obwohl er es nicht hat - gibt es ein Problem.

Wenn ich den Artikel richtig verstanden habe...

... dann wurde dort erwähnt, dass in der Ausewrtung unterschiedliche Standards bzw. Regeln angewandt wurden. Wenn hier bspw. für indirekte Zitate (Quellenangabe in der Fußnote) z.B. keine Anführungszeichen verwandt wurden, dann - so verstehe ich den Artikel - war dies laut der Fakultät durchaus in Ordnung. Wenn dieses Fehlen nun zehn Jahre später von den Aktivisten der Website als Plagiat gewertet wird, machen mMn. die Aktivisten einen Fehler und nicht der Autor zur damaligen Zeit. Punkt.

Die Zitierstandarts

haben sich nicht in den letzten zehn Jahren so deart "gewandelt" wie es durchaus die Rechtschreibung, dank Rechtsschreibreform getan hat.

Wenn die Uni Hamburg zu der Zeit der Einreichung der Diss von dem womöglichen Habilitanten ihm zugestanden hat, auf Anführungszeichen-Schlusszeichen bei einem Teilzitierten Stück wegzulassen, so muss aber trotzdem in der Fußnote auftauchen von wem er das hat. Wenn dies nicht der Fall ist/war, dann ist diese nicht-gekenntzeichnete Stelle ein Plagiat.

Ich kann mich nicht erinnern, dass das Harward-Referencing (um etwas Internationales zu nennen) jünger als 10 Jahre ist.

Wenn er das so haben möchte hätte er Mathematik oder Physik studieren sollen... (mit dem Fingerzeig auf meine Beiträge an Herrn Horstkotte.)

So weit von mir E.

sie vergessen,

dass es nie anders war.

entscheiden tut ein gremium oder in letzer folge der souverein - nämlich das volk.

plagiate jagen muss ausserdem keine arbeit sein, das ist für manche ein vergnügen - und zwar ein sinnvolles.

echtes jagen und töten von tieren zu hobbyzwecken ist dann schon eher weniger sinnvoll.

also ein bisschen mehr umsicht bei der beurteilung so manchen menschen würde nicht schaden!

ich bin irritiert

Was ist das denn für ein Artikel? Und könnte der Autor bitte den letzten Satz erläutern? Warum ist "Rechtssicherheit vor selbsternannten Plagiatjägern" nötig? Rechtssicherheit in welcher Hinsicht? Soll nach zehn Jahren nicht mehr auf Plagiate hingewiesen werden dürfen? Wer bei der Dissertation schummelt, soll den Doktor-Grad behalten dürfen, wenn die Plagiate (oder evtl. andere Schummeleien) nicht innerhalb von zehn Jahren aufgedeckt werden?
Nach der Lektüre dieses Artikels bin ich sehr irritiert. Was genau ist die Hauptaussage des Autors?

bin immer noch irritiert

Woher weiß der Autor, wie alt die sogenannten Plagiatjäger sind ("Diese Motivation der durchweg jüngeren Plagiatjäger...").
Und wie soll der Hinweis auf die 800 Fußnoten auf 180 Seiten gedeutet werden? Für mich ist das kein Hinweis auf Qualität, sondern auf mangelnde Eigenleistung. Schon Guttenberg hatte auf seine vielen Fußnoten hingewiesen *räusper*