Stefan Weber : Der einsame Plagiatsjäger

Andere tun es ehrenamtlich in ihrer Freizeit, für ihn ist es Beruf: Der Österreicher Stefan Weber spürt wissenschaftliche Plagiate auf. Von Hermann Horstkotte
Entlarvte schon einige Hochstapler: Plagiatsjäger Stefan Weber. © Anne Kaiser

Als Stefan Weber , 41, vor sechs Jahren mit seiner Arbeit begann, war er gerade selbst Opfer geworden: Ein Tübinger Gymnasiallehrer hatte seine Doktorarbeit etwa zur Hälfte aus Webers acht Jahre älterer Promotionsschrift kopiert . Seither hat der Medienwissenschaftler, der nebenbei an der Uni Salzburg lehrt, ein ganzes Dutzend Promovierter, Diplomierter und Magister in Österreich um ihre akademischen Titel gebracht. Darunter mehr Hochstapler mit Doktorhut als bislang durch Plagiat-Wikis in Deutschland aufflogen. Dabei arbeitet Weber nach wie vor im Ein-Mann-Betrieb. "Ich brauche meinen Riecher, Google und die Unibibliothek." Wenigstens bis Ende dieses Jahres ist er ausgebucht.

Sein Honorar richte sich ganz nach dem Zeitaufwand, erläutert Weber. Für die erste Grobsichtung einer verdächtigen Arbeit seien schon mal 200 Euro ausreichend, ein Gutachten über eine Dissertation kostet je nachdem bis zu 5.000 Euro. Die Auftraggeber seien meist Anwaltskanzleien, die als Mittler für die eigentlichen Kunden fungieren. "Dass die Klienten mir gegenüber meist anonym bleiben, halte ich auch für sinnvoll."

In der Öffentlichkeit machte sich Weber mit Plagiatsvorwürfen gegen Promis einen besonderen Namen. Jüngstes Beispiel ist die Dissertation von Erbprinz Mario-Max zu Schaumburg-Lippe über die Sozialphilosophie des früheren Kölner Erzbischofs Joseph Höffner. Schon seit vier Jahren hat Weber die Doktorarbeit des ehemaligen österreichischen Wissenschaftsministers und heutigen EU-Kommissars Johannes Hahn über das "Phänomen Stadt" auf dem Kieker. Im Falle Hahn hatte neuerdings der österreichische Grünen-Politiker Peter Pilz den Prüfauftrag gegeben. Aber auch der selbst erlebte eine unliebsame Überraschung: Weber beschuldigt Pilz inzwischen, in seiner eigenen Dissertation ein Selbstplagiat einer längst veröffentlichten Studie vorgelegt zu haben. In allen drei Fällen blieben die Vorwürfe bislang ohne durchschlagenden Erfolg.

Webers eigener Doktorvater Peter Bruck zeichnete schon vor vier Jahren ein mehrdeutiges Bild von seinem Schüler: Er habe "mit Intelligenz und Beharrlichkeit Missbräuche an österreichischen Universitäten aufgedeckt. Er hat die Rolle des Spürhundes übernommen und Dinge gefunden, die viele in der Öffentlichkeit überraschten, in den Universitäten aber auch vielen bekannt waren." Aber Bruck äußerte sich auch kritisch: "Weber hat ein Medien-Halali erzeugt und sich vom Spürhund zum Jäger und vom Jäger zum Richter gewandelt. Das ist illegitim."

Damit geht der Professor allerdings etwas zu weit, denn auch in Österreich entscheiden nicht Privatpersonen, sondern die Hochschulen und letztlich die Gerichte über eine Titelaberkennung. Dabei geht Weber selbst davon aus, dass die Zitierregeln sogar in ein und demselben Fach unterschiedlich sein können, beispielsweise in der Juristerei . Im Gespräch mit ZEIT ONLINE hält er ferner die Grenzen zwischen "echtem Plagiat" im Sinne einer strafbaren Urheberrechtsverletzung und einer "Umschreib-Unkultur", die den Leser über den eigentlichen Autor der einen oder anderen Textpassage hinwegtäuscht, für schwimmend und damit stets für streitanfällig.

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Gesellschaftliche Funktion

Betrachten wir die Situation doch mal nüchtern: "Plagiatsjäger" sind in Teilen der Gesellschaft genauso beliebt wie Steuerfahnder oder Gerichtsvollzieher. Wer immer seine kleinen oder grösseren Leichen im Keller hat, wird sich abfällig über sie als Person oder deren Tätigkeit äussern. Entscheidende Unterschiede gibt es dennoch:
"Plagiatsjäger" befinden sich derzeit noch in einer Art Vakuum, können weder auf eine geregelte "Berufsbezeichnung" noch gesellschaftliche Funktion zurückgreifen. Im Falle von ehrenamtlichen Anonymen müssen sie noch befürchten, als Nestbeschmutzer hingestellt zu werden.
Dabei gibt es vernünftigerweise nur zwei Alternativen:
1. Die Hochschulen könnten sich selbst ernst nehmen und ihre "Selbstkontrolle in der Wissenschaft" glaubhaft und nachhaltig umsetzen. Das erfordert Geld, Personal und Verzicht auf jeglichen Filz.
2. Die Hochschulen könnten auch auf einen Teil ihrer sog. Autonomie verzichten und die Problematik "outsourcen". Das erfordert ebenfalls Geld, schont aber andere Ressourcen. Und genau hier wäre das gesellschaftliche definierte Feld der "Plagiatsjäger", für das ein Profil zu bestimmen wäre.
Das Beispiel Herrn Webers zeigt, dass durchaus Bedarf vorhanden ist. Offenbar gibt es Arbeitgeber, die sicherstellen wollen, dass sie keinen Blender und Betrüger einstellen. Dafür bezahlen sie sogar eine Stange Geld, weil es sich im Endeffekt für sie auszahlt.
Skandalös sind dabei nicht die "Plagiatsjäger", sondern die Bedingungen ihrer Arbeit.