Der Motor des dunkelgrünen, gepanzerten Polizeiwagens heult auf, dann verschwindet er im Rauch. Alles wird weiß. "Das ist Tränengas, lauft!", brüllt ein Jugendlicher und rennt los. Wie Funken stieben die Demonstranten auseinander, in alle Richtungen, weg von dem rasenden Polizeiauto und den beißenden Gaswolken.

Ein Mädchen ist zu langsam. Würgend geht sie im Qualm in die Knie und spuckt auf den Boden. Doch dann steht sie wieder auf und läuft durch das Tor der Escuela del Derecho der Universidad de Chile.

Hier, wo die besten Juristen des Landes ausgebildet werden, treffen sich an diesem Morgen Hunderte Demonstranten. Schulter an Schulter stehen die Jugendlichen in bunten T-Shirts vor den sandsteinfarbenen Säulen. Eine Mauer aus Menschen blockiert den Eingang der renommierten Rechtsschule. "Chilenische Bildung ist nicht zum Verkaufen da", singen sie im Chor.

Aus Sicht der Jugendlichen hat die Regierung das noch immer nicht verstanden. Seit fünf Monaten protestieren sie für kostenlose Bildung und besseren Unterricht an staatlichen Schulen und Universitäten – und stoßen immer wieder auf taube Ohren. Die Regierung zeigte sich lange Zeit unnachgiebig. Öffentliche, gebührenfreie Bildung sei nichts anderes als ein "Attentat auf die Freiheit", verkündete Präsident Sebastián Piñeira noch vor Kurzem. Annäherungen an die streikenden Studenten schienen nahezu ausgeschlossen.

Nach langem Stillstand deutete sich dann schließlich ein Ausweg aus dem seit Ende Mai dauernden Konflikt an: Vor einigen Tagen verhandelten Studentenführer mit der Regierung über den Staatshaushalt 2012. Mit Erfolg: Die Regierung kündigte an, die Mittel für öffentliche Schulen und Universitäten um rund sieben Prozent zu erhöhen. "Ein gutes Signal", hieß es aus dem Führungszirkel der Jugendlichen. Weitere Gespräche sollten folgen. Doch dann der große Knall: Das zweite Treffen mit Bildungsminister Felipe Bulnes, in dem die Studentenführer ihre Kernforderung nach gebührenfreien Schulen und Universitäten durchsetzen wollten, endete mit dem lautstarken Abbruch der Verhandlungen.

"Die Regierung zeigt sich absolut unbeweglich", beklagte der Schülersprecher Alfredo Vielma angesichts des Angebots des Bildungsministers, nur den "ärmsten zwei Fünfteln der Jugendlichen" das Studium zu finanzieren. "Unter diesen Bedingungen können wir die Gespräche nicht weiterführen", erklärte Studentenführerin Camila Vallejo. Das Recht auf kostenlose Bildung ließe sich schließlich nicht auf "statistische Armut" reduzieren. "Es gilt für alle Jugendlichen." Die streikenden Hochschulprofessoren signalisierten ebenfalls ihre Unterstützung und zogen sich von den Verhandlungen zurück.

Die chilenischen Jugendlichen stützen den Kurs ihres Führungszirkels. Auch in der vergangenen Woche gingen rund 250.000 Menschen im ganzen Land auf die Straße. In der Hauptstadt Santiago protestierten am Donnerstag Zehntausende, obwohl die Regierung Kundgebungen untersagt hatte. Derartige Verbote waren bei früheren Protesten stets die Garantie für zahlreiche Festnahmen und polizeiliche Gewalt gegen friedliche Demonstranten. So auch dieses Mal: Allein in Santiago gab es laut Behörden 132 Verhaftungen, mindestens 30 Menschen wurden verletzt. Videos zeigen, wie bewaffnete Polizisten musizierende Jugendliche in die Enge trieben. Bürgermeister Pablo Zalaquett sprach von "einem der gewaltsamsten Märsche überhaupt."