StadtführungUrlauber zu Gast bei Fremden

In Leipzig organisieren Studenten ungewöhnliche Stadtführungen: Bei der Stadt Karawane treffen die Teilnehmer echte Leipziger in ihrem Zuhause oder an ihrem Arbeitsplatz. von Gina Apitz

Bei unbekannten Leuten durchs Schlüsselloch schauen und Probesitzen auf fremden Sofas – eine Stadtführung, wie sie in Deutschland bislang einzigartig ist. Hinter dem Projekt Stadt Karawane stecken sieben Studenten der Leipziger Universität. Eine von ihnen ist Cristina Gutu, 24 Jahre alt, Kulturwissenschaftsstudentin. Eine Kommilitonin hatte ein ähnliches Projekt in Rotterdam kennengelernt, erzählt sie. In den Niederlanden werde das Ganze allerdings kommerziell aufgezogen, in Leipzig arbeiten alle ehrenamtlich.

"Uns geht es darum, dass die Leute die Stadt anders kennen lernen", betont Hannes Rassmann, ein weiterer Karawanen-Gründer. Der 23-jährige Ostslawistikstudent sagt, allein einen passenden Namen zu finden, sei eine Qual gewesen. Im April hat die heiße Phase des Projekts begonnen – fast jedes Wochenende ist nun eine Karawane unterwegs. Das Konzept: Die Teilnehmer – maximal sechs – treffen ihre Gastgeber allein. Nur mit einer Fahrkarte und einem Stadtplan ausgestattet machen sie sich auf den Weg.

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An diesem Tag hat sich eine Mutter mit ihrem ihrem 16-jährigen Sohn angemeldet. Sandra und Erik lieben ausgefallene Freizeitaktivitäten. Was sie sich versprechen? Fremde Leute kennen lernen, sich überraschen lassen. Ihre erste Station: das Ubiquity Theatre in Bahnhofsnähe. Schauspieler Gareth – ein Mann mit Drei-Tage-Bart und beigem Hut – empfängt im Proberaum. Der 30-Jährige ist gebürtiger Engländer, seit sechs Jahren gibt er in Leipzig Schauspielunterricht. Bei ihm werden die Teilnehmer gefordert: Zunächst gymnastische Aufwärmübungen. "Lasst der Schulter kreisen und denkt nur an euch", sagt er. Dann folgen Schauspielübungen. Schritt für Schritt sollen sich Sandra und Erik in einen Elefanten verwandeln. Mit gebeugtem Rücken stampfen sie durch den Raum, Erik trompetet, Sandra kichert. Gareth lobt seine Schüler: "Das ist geil, ich mag das."

Einladung an Neuleipziger

Wer an der Stadt Karawane teilnimmt, weiß nie, was ihn erwartet. Fest steht nur: Statt Oper, Gewandhaus und Völkerschlachtdenkmal werden echte Leipziger besucht. 20 Gastgeber stehen bisher auf der Liste der Organisatoren – darunter mehrere Werkstätten, Künstler, Rentner und ein Hare-Krishna-Mönch. Besondere Vorgaben gebe es nicht, erklärt Hannes Rassmann. Menschen, die er als interessant findet, spricht der junge Mann einfach auf der Straße an. "Wenn du die Karawane organisierst, gehst du mit sehr offenen Augen durch die Stadt."

Manchmal kommt es auch vor, dass die Studenten potenziellen Gastgebern eine Absage erteilen. "Bei einigen sind wir selber kaum zu Wort gekommen", meint Cristina Gutu. "Es soll aber ein Gespräch entstehen in beide Richtungen." Und manch einer reagiert ablehnend auf die Anfrage der Studenten. Bewohner eines Wagenplatzes wollten in keinem Fall Besucher empfangen. "Dabei geht es ja auch darum, Vorurteile abzubauen", sagt Rassmann.

Die Stadt Karawane ist eine Einladung an Neuleipziger, die ihre Stadt auf andere Weise kennen lernen wollen. 15.200 Abiturienten aus westlichen Bundesländern haben sich in diesem Semester an der Universität beworben, so viele wie nie zuvor. Ein Besuch bei den Menschen der Stadt könnte so einige Ossi-Klischees beseitigen. Denn bisher sind es vor allem Studierende, die die meist sechsstündige Karawane buchen. Besucht werden zum größten Teil ältere Leipziger. "Generationen zusammenführen, auch das wollen wir", sagt Rassmann.

Leserkommentare
  1. Mal was noch-nie-Dagewesenes. Hört sich gut an ! Danke für den Artikel !

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  • Schlagworte Europäische Union | Altbau | Kosmos | Kunststoff | Stadt | Student
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