Es geht ruhig zu an diesem Nachmittag vor der Universidad de Chile. Nur eine Hand voll Demonstranten harrt vor dem Gebäude mit der gelben Fassade aus. Über ihren Köpfen flattert das schwarze Banner mit der wichtigsten Forderung der chilenischen Jugend im Wind. "Alle gemeinsam für kostenlose Bildung" steht dort in weißen Buchstaben mit rotem Rand. Es gibt schwerlich ein besseres Symbol für den chilenischen Studentenstreik als das gigantische Spruchband. Seit einem halben Jahr umspannt es die gesamte Vorderfront der altehrwürdigen Universität im Herzen Santiagos und verkündet aus luftiger Höhe die Forderung nach dem Systemwechsel.

Genauso lange halten hartnäckige Studenten das Gebäude schon besetzt. Dutzende Male haben Jugendliche unter dem Banner für kostenlose Bildung und besseren Unterricht gesungen und getanzt, die Straßen blockiert, den Wasserwerfern und dem Tränengas der chilenischen Polizei getrotzt. Nun ist das Banner von Wind und Wetter gezeichnet. Von manchen Lettern blättert die Farbe ab, das Banner hat Risse. In der Mitte hängt es schlaff durch, weil die Aufhängung ihren Dienst versagt hat.

Auch damit steht das Spruchband symbolisch für die chilenische Jugendbewegung. Denn die hat zur Zeit ebenfalls einen Durchhänger. Die Protestmärsche, die seit Ende Mai nahezu wöchentlich im ganzen Land Zehn- oder gar Hunderttausende auf die Straßen trieben, blieben zuletzt aus. Nach einem Monat fruchtloser Hinterzimmergespräche mit Regierung und Parteien riefen die Studentenführer Ende vergangener Woche wieder zu Demonstrationen auf. Doch die gewohnte Resonanz blieb aus: Nach offiziellen Zahlen kamen nur 5.000 Menschen zum Protest in Santiago. Das Zentrum des Protests blieb fast lautlos. Nun macht in den Medien das Wort von der "schwindenden Mobilisierungskraft" der Jugendbewegung die Runde.

Viele Studenten und Schüler sitzen wieder in Hörsälen und Klassenräumen

Passend dazu sind viele Studenten mittlerweile in die Hörsäle zurückgekehrt. Die meisten haben die Klausuren des Frühjahrssemesters 2011 doch noch geschrieben. Matias Morales ist einer von ihnen. "Letztendlich haben wir uns dem Druck des Bildungsministeriums gebeugt", sagt der 22-Jährige. An der Universidad de Chile studiert er Agrarökonomie. Die Regierung hatte den streikenden Studenten mit dem Entzug ihrer Stipendien gedroht. Mit derselben Drohung forderte sie dann, das zweite Semester bis spätestens zum 11. November zu beginnen. Viele Studenten sind dem nachgekommen. Auch ein erheblicher Teil der streikenden Schüler drückt wieder die Schulbank. In Santiago nimmt rund die Hälfte der Betroffenen teil am Regierungsprogramm "Salvemos el AñEscolar" – "Lasst uns das Schuljahr retten." Mit Online-Kursen und schriftlichen Zusatzarbeiten sollen die Schüler den durch die Proteste verpassten Stoff aufholen.

Doch die vermeintliche Schwächung der Jugendbewegung ist nur die eine Seite der Medaille, die auf der Straße sichtbar ist. Auf der anderen, auf den ersten Blick weniger auffälligen Seite steht die politische Agenda in Chile. Die bestimmt der Bildungskonflikt nach wie vor, besetzt Titelseiten und Auftaktmeldungen in den Nachrichtensendungen. In dieser Woche stimmt das Parlament über den Haushaltsentwurf der Regierung ab, die linke Opposition hat ihren Widerstand angekündigt. Der Grund sind die Bildungsausgaben. Die Opposition fordert eine weitere Erhöhung des geplanten Budgets um rund 750 Millionen Euro. Die Regierung will davon nur etwa ein Drittel zahlen, könnte sich aber in dieser Woche noch weiter bewegen. Denn kraft ihrer Mehrheit im Senat könnten die Oppositionsparteien den Haushaltsentwurf am Mittwoch vorläufig stoppen. Dann würde eine Art Vermittlungsausschuss auf den Plan treten.

Auch jenseits der Haushaltsdebatte hat die Regierung den streikenden Studenten weitere Zugeständnisse angeboten. Das "Sofortangebot" von Vollstipendien für die ärmsten 40 Prozent der Hochschüler will die Regierung später schrittweise auf mehr Studenten ausweiten und öffentliche Schulen und Universitäten stärker subventionieren.