Es ist schon ein vertrautes Szenario: Am Mittwoch wird das Statistische Bundesamt die aktuellen Studentenzahlen verkünden und wieder einmal fallen diese höher aus, als alle Prognostiker es vermutet haben. 2,38 Millionen junge Menschen studieren nach ZEIT-Berechnungen in diesen Tagen an einer deutschen Hochschule, fast 160.000 mehr als vor einem Jahr. Noch atemberaubender ist die Entwicklung bei den Studienanfängern: 440.000 haben sich voraussichtlich in diesem Wintersemester erstmals immatrikuliert, satte 14 Prozent mehr als 2010. Auf das ganze Jahr gerechnet wird die Marke von 500.000 Erstsemestern, die bislang als die Grenze aller Vorstellungen galt, gleich um mehrere Tausend Menschen überschritten.

So sehr, wie schon diese Meldung manchem Beobachter als Déjà-vu erscheinen mag, so wird es ihm auch mit den öffentlichen Reaktionen darauf gehen. Die verantwortlichen Bildungspolitiker in Bund und Ländern werden die Zahlen als großartige Nachricht für den Bildungsstandort begrüßen, Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) wird darauf hinweisen, dass die im Rahmen des sogenannten Hochschulpaktes ergriffenen Maßnahmen funktionierten, dies beweise ja gerade das steile Wachstum bei den Erstsemesterzahlen. Die Landeswissenschaftsminister, vor allem jene mit grünem oder SPD-Parteibuch, werden vor der Finanzierungslücke warnen, die sich auftue, wenn der Bund nicht in Sachen Hochschulfinanzierung bald nachlege.

Nur eine Reaktion bleibt aus: die der Studenten. Nein, nicht die irgendwelcher Funktionäre vom "freiwilligen zusammenschluss der studentinnenschaften" bis hin zum Linkspartei-Ableger SDS. Deren Mahnungen sind so sicher wie das Amen in der Kirche. Auffällig aber ist, dass der vergangene Woche unternommene Versuch, eine Neuauflage des Bildungsstreiks mit Massenprotesten und Hörsaalbesetzungen zu organisieren, mangels Teilnehmern kläglich gescheitert ist. Dabei, könnte man denken, gäbe es sicherlich dieses Jahr nicht weniger, sondern eher mehr Gründe, gegen die Studienbedingungen zu protestieren als noch vor zwei Jahren. Warum also die Zurückhaltung, ausgerechnet im Jahr des absoluten Studentenrekords?

Die Proteste in der Vergangenheit haben viel gebracht

Wer jetzt vorschnell Apathie bei der jungen Generation vermutet, der tut ihr wieder einmal Unrecht. Womöglich sollten sich alle Streikbewegten von einst und heute eingestehen, dass ihre Proteste vor zwei Jahren mehr erreicht haben, als sie selbst für möglich gehalten haben. Die verlangten Nachbesserungen bei der Bologna-Studienreform, die zu viele überladene und unstudierbare Studiengänge produziert hatte, haben an vielen Hochschulen merklich Erleichterung gebracht; mehr und mehr Professoren lassen sich zudem auf die mit den neuen Studienstrukturen einhergehenden Betreuungsverpflichtungen ein und kümmern sich um ihre Studenten intensiver als jemals zuvor.

Und wenn auch einige Bundesländer angesichts klammer Kassen ihren Hochschulen Geld gestrichen haben – der Bund hat die Verluste durch eine Vielzahl von Programmen überkompensiert, sodass die Bildungsausgaben pro Student in den vergangenen Jahren trotz der enormen Wachstumsraten gestiegen sind. Und das während in den meisten anderen Industrieländern die Universitäten gerade eine nie gekannte Schrumpfkur erleiden. Wahr ist allerdings auch: Vom Ausstattungsniveau amerikanischer, britischer oder auch nur skandinavischer Universitäten ist die Bundesrepublik immer noch meilenweit entfernt.

Wie geht es also jetzt weiter? Absehbar ist, dass sich das vertraute Szenario der rapide steigenden Studentenzahlen noch ein paar Jahre lang fortsetzen dürfte – bevor der Ende der 1990er Jahre geschehene Geburtenknick in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts mit Macht die Hochschulen erreicht. Bis dahin aber muss Deutschland, wenn es auch nur in Ansätzen Bildungsrepublik sein will, die Anstrengungen der vergangenen Jahre fortsetzen und weiter in seine Hochschulen investieren. Es darf nicht geschehen, dass intelligente, studierwillige junge Menschen vor den Türen der Hochschulen abgewiesen werden – und genau diese Menschen nur ein paar Jahre später umso schmerzlicher als Fachkräfte fehlen. Im Übrigen, und für diese Prognose braucht es keine Experten, wäre es dann bis zum nächsten Bildungsstreik nur noch eine Frage der Zeit – und der würde dann umso heftiger ausfallen. Völlig zu Recht.