Die Universität Potsdam hat sich viel Zeit gelassen, die Plagiatsvorwürfe gegen Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) zu überprüfen. Alle anderen Hochschulen, die in diesem Jahr über die vermeintlichen und tatsächlichen Täuschungen und Tricksereien promovierter Politiker zu urteilen hatten, taten dies deutlich zügiger. Nun steht auch im Fall Althusmann das Verdikt fest: Er darf seinen Doktortitel behalten . Die vier Monate des Prüfens und Wägens waren gut investiert. Der Plagiatsverdacht gegen ihn war im Juli dieses Jahres erstmals in der ZEIT geäußert worden.

Die Entscheidung der Untersuchungskommission darüber, ob der derzeitige Präsident der Kultusministerkonferenz in seiner Doktorarbeit abgeschrieben hat, ist mutig, fair und insgesamt nachvollziehbar. Sie spricht Althusmann vom Plagiatsverdacht frei, ohne aber die massiven Verstöße gegen wissenschaftliche Standards in seiner Doktorarbeit kleinzureden.

Und sie gesteht deutlich eine Mitschuld an einer gravierenden Fehlentscheidung ein: Niemals hätte die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät in Potsdam die 270 zusammengestoppelten Seiten als Promotionsschrift anerkennen dürfen. Das ist allen Beteiligten mittlerweile klar, wahrscheinlich auch dem Minister selbst – wenngleich er in einer ersten Stellungnahme am Donnerstag nur von "möglichen Zitierfehlern" spricht.

Denn dass es um weit mehr als ein paar fehlende Anführungszeichen geht, offenbart der Kommissionsbericht: Die Prüfer stellen eine große Zahl von "Verstößen gegen die gute wissenschaftliche Praxis" fest. Schon die ersten drei Angaben im Literaturverzeichnis sind fehlerhaft. Noch gewichtiger sind die vielen Textfragmente, in denen sich Althusmann anderer Autoren bedient, ohne dies, wie es sich gehört, kenntlich zu machen. Das sind keine geschmäcklerischen Petitessen. Die Kommission nennt die Verfehlungen folgerichtig "Mängel von erheblichem Gewicht".

Althusmann hat von der Universität für seine Dissertation die schlechteste mögliche Noten erhalten: rite. Universitäten vergeben sie nur äußert selten. Diese Zensur war dem äußerst dürftigen Erkenntnisgewinn der Arbeit geschuldet. Nun kommt "eine Vielzahl formaler Mängel" hinzu, wie es im Abschlussbericht heißt. Damit spricht die Kommission dem Doktoranden nachträglich die Fähigkeit ab, die eine Promotion unter Beweis stellen soll: Die Fähigkeit, wissenschaftlich zu arbeiten. Das bedeutet, Althusmann hat seinen Titel nicht erschwindelt, aber erschludert.

Im Zweifel für den Angeklagten

Die Versuchung, den Titel abzuerkennen, war angesichts dieser Sachlage groß. Die Öffentlichkeit hätte die Sanktion gewiss gutgeheißen. Dass die Prüfer es dennoch nicht getan haben, spricht für ihre Redlichkeit. Denn der Umstand, dass eine Dissertation formal schlampig und inhaltlich dünn ist, rechtfertigt nicht die Höchststrafe des nachträglichen Titelentzugs. Vielmehr hätte die Universität Althusmann beweisen müssen, dass er mit Vorsatz getäuscht hat. Dies konnte sie aber nicht. Im Zweifel also für den Angeklagten.

Althusmann ist kein zu Guttenberg, das ist nun offenbar. Weder hat er so dreist plagiiert, noch sich so töricht verteidigt. Der Kultusminister aus Hannover hat vielmehr musterhafte Krisen-PR betrieben. Er hat sofort mögliche Fehler zugegeben und seine Dissertation der Öffentlichkeit zur weiteren Prüfung online zur Verfügung gestellt. Er hat seine Kritiker anders als der ehemalige Verteidigungsminister nicht beschimpft, sondern sogar für die Berichterstattung über seine mangelhafte Arbeit gedankt. Zudem hat er keine Behauptungen aufgestellt, die er später zurücknehmen musste. Man kann dies als besondere Gerissenheit interpretieren. Oder als Zeugnis eines "reinen Herzens". Nach dem Urteil der Hochschule muss letzteres gelten.