HistorieUni Greifswald arbeitet ihre Nazi-Vergangenheit auf

In einem Forschungsprojekt geht die Uni Greifswald ihrer Rolle in der NS-Zeit nach. Viele historische Originaldokumente sind bereits online zugänglich. von 

Das Hauptgebäude der Universität Greifswald zur NS-Zeit

Das Hauptgebäude der Universität Greifswald zur NS-Zeit  |  © Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald

Zahlreiche Papiere belegen die tiefe Verstrickung der Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald mit den Nationalsozialisten. 14 Einrichtungen forschten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs direkt für das Regime, darunter zum Beispiel das Institut für Physik. Gleich mehrere Geheimprojekte arbeiteten etwa für das Reichsluftfahrtministerium und das Heereswaffenamt. "Uns liegen dazu Code-Nummern vor, aber den genauen Inhalt der Forschungsprojekte kennen wir noch nicht", sagt Dirk Alvermann, Leiter des Greifswalder Universitätsarchivs .

Alvermann leitet ein Forschungsprojekt über die NS-Vergangenheit der Uni, das die Hochschule in diesem Jahr gestartet hat. Nach Berlin, Jena, Leipzig und Halle ist Greifswald die fünfte ostdeutsche Hochschule, die ihre nationalsozialistische Vergangenheit nun gründlich untersuchen will.

Anzeige

"Wir wollen systematische Aufarbeitung leisten, an Stellen in die Tiefe bohren, an denen das bisher nicht geschehen ist und neue Anknüpfungspunkte für weitere Forschung erarbeiten", sagte Alvermann über die Ziele des Projekts.

Website zum Forschungsprojekt

Auf einer eigenen Website sind bereits etliche Originaldokumente aus der Nazizeit zugänglich, darunter die Satzung der Studentenschaft der Uni Greifswald von 1933 oder Dokumente, die "kriegswichtige Forschung" belegen. Die Öffentlichkeit kann sich online entlang einer Chronik von 1933 bis 1945 orientieren oder über die Menüpunkte "Gleichgeschaltete Universität", "Mobilisierte Universität" und "Universität im Krieg". Die fortlaufend angefütterte Website soll einen Einblick in die Forschung geben, diese aber nicht im Detail abbilden.

Ob die Hochschule mehr oder weniger als andere akademische Einrichtungen mit dem NS-System verstrickt gewesen sei, das lasse sich bislang nicht sagen, sagte Alvermann. Allerdings könne man bereits einige Mythen widerlegen. Etwa, dass Greifswald eine Heimat für politisch missliebige Wissenschaftler gewesen sei. "Greifswald war wie alle anderen Unis voll in das NS-System integriert und war kein Zufluchtsort für Forscher, die andernorts verfolgt wurden."

Leserkommentare
  1. Arbeitet die Uni eigentlich auch Ihre Rolle als Kaderschmiede der sozialistischen DDR-Diktatur auf? Gibt es Mittel zur Finanzierung eines solchen Projekts? Durften bürgerliche Professoren in Greifswald lehren oder galten dort ähnliche Gesetze wie im Dritten Reich, so daß nur genehme Gruppen lehren und forschen durften? Noch leben zahlreiche Zeitzeugen des DDR Unrechtsstaates, während die Aktenlage zum Dritten Reich wohl stabil bleiben dürfte. Ich würde die Priorität daher auf eine Aufarbeitung der zweiten Diktatur auf deutschem Boden Richten.

    6 Leserempfehlungen
  2. Der NS-Politiker schreibt sich Göring ohne h. Dies nur als Anmerkung.

    MfG

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Aus dem unveränderten Artikel:
    //Hermann Göhring hatte die Uni 1933 nach dem Publizisten Ernst Moritz Arndt (1769-1860) benannt, der in seinen Schriften unter anderem gegen Juden hetzte und dafür von den Nazis verehrt wurde. Arndt lehrte ab 1801 in Greifswald. //

    Genossinnen und Genossen,

    der Kampf gegen Rechts ist zuallererst ein Kampf gegen die Rechtschreibung.

  3. Aus dem unveränderten Artikel:
    //Hermann Göhring hatte die Uni 1933 nach dem Publizisten Ernst Moritz Arndt (1769-1860) benannt, der in seinen Schriften unter anderem gegen Juden hetzte und dafür von den Nazis verehrt wurde. Arndt lehrte ab 1801 in Greifswald. //

    Genossinnen und Genossen,

    der Kampf gegen Rechts ist zuallererst ein Kampf gegen die Rechtschreibung.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Rechtschreibung"
  4. macht es doch wie die franzosen, stimmt einfach ab. :)

    - wer ist dafür, dass wir mit dem ns-system verstrickt waren?
    - wer ist dagegen?

  5. ...in Heidelberg,Göttingen,Gießen, Tübingen etc. auch schon ihre Nazi-Vergangenheit aufgearbeitet?Ist man auch dort auf Unterlagen gestoßen,die die tiefe Verstrickung der Fakultäten mit den Nationalsozialisten belegen, oder waren diese Universitäten Horte des antifaschistischen Widerstandkampfes?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    bei der ZEIT keine Lobby, siehe die jüngsten Nazimorde und Pauschalverdächtigungen. Aber das ist ja keine Überraschung. Jetzt ist eben die Uni Greifswald dran, das muss politisch korrekt abgearbeitet werden. Die üblichen Nazischergen werden sich schon finden lassen, die mal durch Greifswald durchgefahren sind. Damit ist der Zusammenhang schon hinlänglich bewiesen -sofern Typen wie Heidegger nicht zu finden ist. Aber der hat ja an der Uni Freiburg gelehrt und wurde von 68ern beweihräuchert. Was die Uni Freiburg (u.a. westdt.) gewissermaßen sakrosankt macht... Die TAZ würde übrigens genauso verfahren.

  6. Mal ehrlich: Die ZEIT kann sich aber auch nicht damit abfinden, dass die Mehrheit der Studenten der Uni Greifswald nicht den Namen ablegen wollte, sondern den Namen EMAU beibehält? Dies war, nach umfangreicher Information, nun der Wille der Mehrheit - diesen Willen gilt es zu respektieren, auch wenn er einem nicht gefällt, so ist es eben In der Demokratie...

    Ich finde es sehr gut, dass meine Hochschule die Vergangenheit, ich hoffe auch die der DDR, aufarbeitet, dies ist in vielen Bereichen und anderen Orten dringend nötig. In der Wahrnehmung vieler "Westler" ist Greifswald ja eine Nazi-Stadt, was wirklich nicht stimmt. Hier gibt es in einem sehr guten Umfeld eine ausgezeichnete Hochschule, die Perle in Pommern (das ländlich viele Defizite besitzt)! Die Studentenzahlen und die Erfahrungen sprechen für sich.

    Die ZEIT hat viel Engagement in die Debatte eingebracht, dies gilt es anzuerkennen. Leider haben im Zuge der Namendebatte einige fast neurotische Botschafter, so Herr Jabbusch, das Ruder, und die Aufklärung oder besser "Überzeugung" der Studentenschaft übernommen, bis alle genervt waren.

    Richtig ist: Arndt war vor der Nazi-Zeit und ist vielschichtig zu sehen, ich wünschte mir auch einen andere Namen (statt belanglos Ostsee-Uni lieber C.D.Friedrich -Universität oder Beitz-Uni), aber hier war eben die Berichterstattung sehr einseitig...

    Eine Leserempfehlung
  7. heißt: Man steht zu seiner Vergangenheit, zu begangenen Fehlern und Verbrechen und bekennt sich einsichtig und reumütig dazu, gravierend falsch gehandelt zu haben, um es in Zukunft besser zu machen. Institutionen fällt dies naturgemäß leichter als Privatpersonen - sind doch nach einem Generationswechsel nicht mehr die Handelnden selbst es, die zu Fehlern stehen müssen, sondern "nur" deren Nachfolger, die sich sogar Lob damit erwerben können, die Fehler ihrer Vorgänger bekannt zu machen und sich von ihnen zu distanzieren.

    Dennoch ist der Vergleich zwischen Einzelperson und Institutiuon nicht uninteressant: Ein Verbrecher ändert seinen Namen, wenn er seine Identität verbergen, wenn er "untertauchen" und seine Täterschaft verheimlichen will. Adolf Eichmann hat nach 1945 wie viele andere Ex-Nazis unter falschem Namen weitergelebt.

    Bei Instituitionen werden Namenwechsel oft mit der Begründung gefordert, sie sollten sich von ihrer Vergangenhet distanzieren.

    ALSO WAS NUN? Sollen sie bekennend zu ihr stehen oder sich von ihr als etwas verabschieden, womit sie nichts zu tun haben? Vergangenheitsbewältigung und Namensänderung passen nicht zusammen, da letztere ein Vergessenmachen dessen bedeutet, was erstere bekannt machen will.

  8. bei der ZEIT keine Lobby, siehe die jüngsten Nazimorde und Pauschalverdächtigungen. Aber das ist ja keine Überraschung. Jetzt ist eben die Uni Greifswald dran, das muss politisch korrekt abgearbeitet werden. Die üblichen Nazischergen werden sich schon finden lassen, die mal durch Greifswald durchgefahren sind. Damit ist der Zusammenhang schon hinlänglich bewiesen -sofern Typen wie Heidegger nicht zu finden ist. Aber der hat ja an der Uni Freiburg gelehrt und wurde von 68ern beweihräuchert. Was die Uni Freiburg (u.a. westdt.) gewissermaßen sakrosankt macht... Die TAZ würde übrigens genauso verfahren.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Ernst Moritz Arndt | Hermann Göring | Chronik | Forschung | Archiv | Schrift
Service