VorlesungenBessere Lehre mit YouTube

Jörn Loviscach lehrt Mathe und Informatik an der FH Bielefeld und nutzt dazu YouTube. Im Interview spricht er über Aufwand und Nutzen von Video-Vorlesungen.

Jörn Loviscachs Videos auf Youtube wurden schon über drei Millionen mal angeschaut.

Jörn Loviscachs Videos auf Youtube wurden schon über drei Millionen mal angeschaut.

ZEIT ONLINE: Sie stellen Ihre eigenen Vorlesungen und Skripte auf YouTube . Was genau machen Sie da und wie hoch ist der technische Aufwand dafür?

Loviscach: Der Aufwand ist minimal. Ich habe mir vor ein paar Jahren einen gebrauchten Tablet-PC gekauft. Damit halte ich die Vorlesung, indem ich den Bildschirminhalt des Geräts mit einem Beamer an die Wand projiziere. Ich verwende keine Powerpoint-Folien. Das finde ich furchtbar, zumindest in Mathe und Informatik. Auf dem Tablet kann ich schreiben und zeichnen wie auf einem elektronischen Blatt . So kann man zum Beispiel auch live programmieren und zusammen die Programme verbessern. Alles, was ich da schreibe, zeichne und sage wird aufgezeichnet. Das ist dann ein Pencast, abgewandelt vom bekannten Podcast. Mich selbst sieht man nicht. Ich schneide nach der Vorlesung noch einige Störgeräusche heraus, lade alles auf YouTube hoch und das wars.

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ZEIT ONLINE: Machen Sie sich damit als Dozent nicht überflüssig?

Jörn Loviscach
Jörn Loviscach

Jörn Loviscach unterrichtet Mathematik und Physik an der FH Bielefeld. Er hat an der Universität Bielefeld Physik studiert und 1993 in mathematischer Physik promoviert. Er betreibt einen eigenen YouTube-Kanal.

Jörn Loviscach: Das habe ich in letzter Zeit häufiger gehört. In dem Sinne: 'Das ist ein tolles Mittel gegen überfüllte Hörsäle.' Ich fürchte, dieser Gedanke führt nicht weit. Frontalunterricht ist nur ein kleiner Teil der Lehre. Wenn man sich wirklich nur meine Vorlesungen ansieht, hat man eine grobe Vorstellung, worum es geht, aber damit allein kann man überhaupt nichts anfangen. Der größte Teil des Lernens findet statt, wenn man sich selbst mit den Inhalten beschäftigt, sie durchdenkt und übt. Daher bin ich überhaupt nicht überflüssig geworden. Allerdings haben sich meine Vorlesungen durch die Video-Methode mittlerweile stark verändert.

ZEIT ONLINE: Was genau ist jetzt anders als zuvor?

Loviscach: In den Vorlesungen im Hörsaal kann ich jetzt viel interaktiver mit den Studenten arbeiten, mit ihnen Probleme besprechen. Ich gehe durch die Reihen und gucke allen über die Schulter, gebe Tipps und Hinweise. Dann bespreche ich es im Plenum. So wird die Veranstaltung viel lebendiger, als wenn einer 90 Minuten vorne steht und irgendetwas erzählt bis alle einschlafen.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie angefangen, so intensiv mit Videos zu arbeiten?

Loviscach: Erstens fragte ich mich, wie ich meine Vorlesungen verbessern kann. Zweitens hatte ich schon mehrere Jahre lang diese Vorlesungs-Videos angefertigt. Es war also ein nahe liegender Gedanke, den Studenten im Hörsaal zu sagen: "Schaut euch erstmal die Videos an und arbeitet die Skripte durch. In der Vorlesung arbeiten wir das dann zusammen durch".

ZEIT ONLINE: Wie kommt bei Ihren Studenten dieser eher ungewöhnliche Stil an?

Loviscach: Bisher sind die Rückmeldungen sehr positiv. Man muss sehen, wie sich das in den Prüfungsleistungen niederschlägt. Allerdings sehe ich jetzt schon während der Vorlesung, wie die Studenten mit den Aufgaben klarkommen. Ob es geht oder überhaupt nicht geht. Da kann ich noch eingreifen. Solch direktes Feedback ist auf jeden Fall besser als die reguläre Vorlesung, wo man in den Wind spricht und hofft, dass es vielleicht irgendwo ankommt.

ZEIT ONLINE: Könnten Ihre Video-Vorlesungen nicht ein gutes Modell auch für andere Hochschulen sein?

Die schlimmste Art mit Videos zu arbeiten ist, einfach eine normale "Powerpoint-Vorlesung" aufzuzeichnen

Loviscach: Definitiv. Ich sehe ja, wie häufig von anderen Hochschulen auf meine Videos verlinkt wird. Für die sollte es eigentlich kein allzu großes Problem sein, dasselbe Format wie ich zu nutzen. Generell ist es einfacher, in Naturwissenschaften und in Fächern wie Mathe oder Informatik mit Videos zu arbeiten, weil man über viele grundsätzliche Sachen nicht diskutiert. In den Geisteswissenschaften könnte das womöglich schwieriger werden.

ZEIT ONLINE: Welche Fehler sollte man als Dozent vermeiden, wenn man mit Videos in der Lehre arbeitet?

Loviscach: Die schlimmste Art mit Videos zu arbeiten ist, einfach eine normale "Powerpoint-Vorlesung" aufzuzeichnen und diese dann eins zu eins ins Netz zu stellen. Das ist meist schon live kaum zu ertragen. Wenn man sich das auf dem Computer anschaut, lässt man sich schnell von anderen Sachen ablenken, ruft E-Mails ab oder schaut nach, ob bei Google Plus jemand etwas kommentiert hat. Es ist wichtig, die Vorlesung humorvoll und mitreißend zu gestalten. Und es gibt ja gute Vorbilder, zum Beispiel die Videos von den TED-Konferenzen . Da kann man gut sehen, wie man frischer an so etwas herangehen kann, ohne an technischen Krücken wie Powerpoint festzuhalten.

ZEIT ONLINE: Wenn es so einfach ist, warum gibt es diese Art der Lehre nicht längst in ganz Deutschland?

Loviscach: Das frage ich mich auch. Allerdings: Wer solche Videos ins Internet stellt, gibt viel von sich preis . Theoretisch können ja Millionen Leute in die eigene Vorlesung hereinschauen. Da kann man sich nicht leisten, Unsinn zu erzählen.

 
Leserkommentare
    • ORCA
    • 07.12.2011 um 15:06 Uhr

    Da kann man nur staunen, was alles möglich ist, wenn ein Wissenschaftler richtig arbeitet und sich nicht beirren läßt. Bitte weiter so!

    Eine Leserempfehlung
    • Vergin
    • 08.12.2011 um 10:39 Uhr

    Gratulation.
    Von solchen Vorbildern bräuchten wir noch viele mehr.
    Werde das als Link in meine Bildungsseite mit aufnehmen.

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