Für Hu Bin (Name von der Redaktion geändert), eine chinesische Biologin mit Kölner Doktorexamen, war es ein verheißungsvolles Angebot: Eine Forschungsstelle zur Alzheimer-Krankheit an der Berliner Uniklinik Charité, befristet von Mai 2008 bis Ende 2011. Dabei ging es im Rahmen eines Förderprojekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft ( DFG ) hauptsächlich um Experimente mit Mäusen. Die Stellenausschreibung warb mit "selbständigem Arbeiten" im Team. Hu machte sich in ihrem Teilprojekt sehr gut und wurde bereits nach einem halben Jahr Probezeit Forschungsgruppenleiterin mit Aufsicht über mehrere wissenschaftliche und technische Mitarbeiter. Diese "herausgehobene Tätigkeit" schlug sich auch in ihrem Gehalt nieder (BAT I b).

Dem Aufstieg auf der Karriereleiter folgte Anfang vergangenen Jahres der Absturz. Denn der sogenannte Principal Investigator (PI) oder gesamtverantwortliche Projektleiter, ein Medizinprofessor, entzog Hu ihr Arbeitsgebiet und gab es an eine Doktorandin. Für den Rest der Vertragszeit wies er der bisherigen Gruppenleiterin ein anderes Unterprojekt zu, diesmal allerdings ohne Mitarbeiter. Diese Entscheidung beruhte auf reinem Direktionsrecht.

Damit hatte Hu nicht gerechnet, aber gemäß ihrem Standard-Arbeitsvertrag offenbar immer rechnen müssen, schlimmstenfalls sogar mit einer vorzeitigen Kündigung. So bestätigte ein Vergleich vor dem Arbeitsgericht Hus Versetzung – und brachte sie zugleich um die Früchte ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Sie erhält zwar Zugang zu den Daten ihrer alten Forschungsgruppe, aber nur "im gleichen Umfang wie dies allen Mitarbeitern im Teilprojekt gewährt wird", und zwar durch den Projektleiter, der sich zu Streitfragen auf Nachfrage von ZEIT ONLINE nicht weiter äußern möchte.

Klagen über Datenhoheit sind häufig

Dabei bedeutet besagter Zugang noch lange kein Recht auf Auswertung der Daten in einer Fachpublikation. Die wäre für Hus Neubewerbung an anderer Stelle aber wichtig, als Nachweis über mehrere fruchtbare Arbeitsjahre. Jetzt steht sie mit leeren Händen da. Denn der Projektleiter sagt Nein zu jeder scheibchenweisen Teilveröffentlichung. Er plant vielmehr eine zusammenfassende oder jedenfalls umfassendere Auswertung des gesamten Alzheimer-Projekts. Vielleicht in ein, zwei Jahren an möglichst prominenter Stelle, wie etwa in der Fachzeitschrift Nature . Dort würde Hu in einer langen Liste von Mitautoren berücksichtigt. Bis dahin muss sie sich aber anscheinend gedulden.

Beschwerden von frustrierten Mitarbeitern über die Datenhoheit gibt es beim bundesweiten Ombudsmann für die Wissenschaft immer wieder, bestätigt der Sprecher, der Bonner Rechtsprofessor Wolfgang Löwer. Auch der international renommierte PI Friedrich Grimminger von der Uniklinik Gießen-Marburg sagt: "Ständige Datenerhebungen in einem von Arbeitshypothesen des PI abhängigen wissenschaftlichen Teilgebiet sind kein hinreichender Grund für eine autonome Publikation."

Dabei hilft Hu auch das Berliner Hochschulgesetz nicht. Es räumt wissenschaftlichen Mitarbeitern Zeit zu eigener Forschung nur "nach Maßgabe ihres Dienstverhältnisses" ein. Dazu sagt der Arbeitsrechtsprofessor Volker Rieble: Ein persönliches Publikationsrecht entsteht, wenn "im Arbeitsvertrag der selbständige Abschluss von Forschungsprojekten vermerkt ist." Wenn nicht, dann eben nicht, wie im Fall Hu. Eine Zusicherung hätte sie bei Vertragsabschluss wohl auch schwerlich verlangen können.