Universität TübingenErstes Zentrum für Islamische Theologie eingeweiht

In Tübingen ist das erste von vier geplanten Islam-Zentren in Deutschland eröffnet worden. Dort werden Imame und islamische Religionslehrer ausgebildet. von afp und dpa

In Tübingen ist am Montag das erste Zentrum für Islamische Theologie eingeweiht worden. An den insgesamt vier geplanten Zentren in Deutschland sollen islamische Religionslehrer und auch Imame ausgebildet werden. Noch wirkt das Tübinger Zentrum etwas provisorisch: Es gibt einen kleinen Seminarraum, als Bibliothek dient die private Büchersammlung des Professors, und der geplante Gebetsraum ist noch im Bau. Doch die 36 Studenten, darunter 23 Frauen und 13 Männer, stört das nicht. "Viele sind froh, dass wir jetzt überhaupt hier Theologie studieren können", sagt Studentin Farina Stockamp.

Wenn einige der Tübinger Studenten in ein paar Jahren eine Stelle als Imam antreten , dann werden sie die ersten Vorbeter sein, die in Deutschland ausgebildet wurden. Integrationspolitiker sind überzeugt, dass damit viel für die Integration der vier Millionen Muslime in Deutschland getan wäre. Denn bislang kommen die Imame meist aus der Türkei , sprechen kein Deutsch und kennen die westeuropäische Kultur nicht. Allerdings haben Kritiker die Sorge, dass die Islam-Zentren auch zum Einfallstor für konservative Glaubenslehrer an deutschen Universitäten werden könnten.

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Im ersten Semester steht für die Studenten vor allem Arabisch auf dem Plan. Zum Curriculum gehören auch Einführungen ins wissenschaftliche Arbeiten, in die islamische Theologie und in die Geschichte. Die Atmosphäre sei offen: "Wir haben oft spannende Diskussionen, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind", sagt Stockamp. Befürchtungen, dass islamische Traditionen mehr gelten könnten als wissenschaftliche Freiheit hält sie für unbegründet: "Jeder kann seine Meinung sagen, sofern er sie begründen kann."

Kritiker fürchten Einfluss konservativer Verbände

Dabei hat gerade der bislang einzige Professor der Zentrums, der international hoch angesehene Koran-Experte Omar Hamdan , mit seinem wissenschaftlichen Ansatz Kritik hervorgerufen. In Interviews hatte Hamdan gesagt, die islamische Theologie werde nicht infrage stellen, dass Gott selbst der Verfasser des Korans ist. Doch Kritiker fordern eben diese Distanz zur heiligen Schrift des Islam, so wie sie auch in der christlichen Theologie üblich ist.

Es bestehe die Gefahr, dass sich eine "unkritische islamische Theologie" an deutschen Universitäten etabliere, fürchtet Friedmann Eißler, Islam-Experte der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin . "Auch ein christlicher Theologe glaubt, dass die Bibel Gottes Wort ist." Aber die christliche Theologie erkenne an, dass biblische Texte eben auch ein Produkt ihrer Zeit seien. "Dieses Wissenschaftsverständnis fehlt der islamischen Theologie, wenn sie den Koran sozusagen über die Geschichte hebt und als absolut gegebenes Wort Gottes betrachtet."

Kritiker fürchten außerdem einen starken Einfluss der als konservativ geltenden islamischen Verbände auf Forschung und Lehre. Im Beirat des Tübinger Islam-Zentrums sitzen nur zwei unabhängige Experten, die übrigen fünf Vertreter durften die Verbände Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (Ditib), Verband der Islamischen Kulturzentren e.V. (VIKZ) und Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland e.V. (IGBD) benennen. "Dadurch kann es dazu kommen, dass etwa in der Auslegung des Korans bestimmte Maximen eingehalten werden sollen, die westlichen Wissenschaftsstandards widersprechen", befürchtet Islam-Experte Eißler.

Leserkommentare
  1. und die Bürger wundern sich, da der fundamentalistische Islam, mit seiner Ungleichbehandlung und Unterdrückung sowie der santionierten Gewalt gegenüber Frauen, Homosexuellen und Atheisten sehr verbreitet unter den Anhängern dieser Religion ist und sogar Ehrenmorde und Zwangsheiraten in Deutschland häufiger publik werden. Zunächst haben die Moselmen eine Bringschuld diese Mißstände zu bennen und Lösungen aufzuzeigen. Doch davon ist nie die Rede. Wenn schon vor Beginn vom Einfluß konservativer Kräfte gewarnt wird, ist das ein schlechter Beginn.

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  2. Friedmann Eißler, Islam-Experte der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin wird folgendermaßen zitiert:

    "Auch ein christlicher Theologe glaubt, dass die Bibel Gottes Wort ist." Aber die christliche Theologie erkenne an, dass biblische Texte eben auch ein Produkt ihrer Zeit seien. "Dieses Wissenschaftsverständnis fehlt der islamischen Theologie, wenn sie den Koran sozusagen über die Geschichte hebt und als absolut gegebenes Wort Gottes betrachtet."

    Solche Einschätzung ist nur die halbe Wahrheit. Es gibt nun mal christlich theologische Ausbildungsstätten, die es ablehnen, die Bibel auch als Produkt ihrer Zeit zu sehen. Somit ist es einfach falsch zu behaupten, der islamischen Theologie fehle ein Wissenschaftsverständnis, das "die" christliche Theologie hätte.

    Auch hier ist die Welt, sagen wir mal, bunt. Und es steht jedem christlichen Theologen gut an, diese Weltreligion Islam, mit all ihren verschiedenen Konfessionen, mit Wertschätzung anzusehen, und nicht unter Fundamentalismusverdacht zu stellen.

    Zumal auch aus dem Christentum immer wieder Fundamentalismus entstanden ist und entsteht.

    Ich wünsche mir sehr, dass in der christlichen Theologie die Haltung von Überheblichkeit und Belehrung dem Islam gegenüber aufhört. Ich wünsche mir, dass christliche Theologen ihren isallamischen Kollegen die Hand reicht zur gemeinsamen Arbeit für den Frieden auf der Welt.

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    "Es gibt nun mal christlich theologische Ausbildungsstätten, die es ablehnen, die Bibel auch als Produkt ihrer Zeit zu sehen." An einer Universität finden Sie derlei Obskuranten nicht.

    "Ich wünsche mir, dass christliche Theologen ihren isallamischen Kollegen die Hand reicht zur gemeinsamen Arbeit für den Frieden auf der Welt."

    Das geht in der Praxis wahrscheinlich nur, wenn der christliche Theologe kein Mann, und der islamische Kollege keine Frau ist ...

    • okmijn
    • 17. Januar 2012 14:44 Uhr

    Der Staat sollte überhaupt keine Theologen bezahlen, weder christlich noch sonst was.

    Historiker mit Schwerpunkt auf einer Religion, Latein, Arabistik, Psychologen mit Schwerpunkt auf Religionen und anderen außernatürlichen Erklärungsmustern, usw. gerne aber wer nicht wissenschaftlich arbeiten will - und die Annahme der Existenz einer Wesenheit, die sich nicht falsifizieren lässt, ist bereits unwissenschaftlich - sollte nicht von Steuergeldern für seine pseudowissenschaftliche Arbeit bezahlt werden.

    Man könnte sich ja darüber streiten irgend welche Immanausbildungen als kulturellen Beitrag zu unterstützen, wissenschaftlich ist Theologie (schon der Begriff ist absurd) aber nicht.

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    Lieber, die Theologen werden hier (unter staatlicher Kontrolle) ausgebildet als in irgendwelchen Hinterzimmern von radikalen Fundamentalisten.

    Eigentlich sollte der staat sich hier raushalten. Das tut er aber auch bei den Christen schon nicht, warum also bei anderen Religionen?

    • felix78
    • 17. Januar 2012 23:04 Uhr

    ist wissentschaft, im studium der theologie wird nicht "glauben" gelehrt und gelernt, sondern man geht wissentschaftlich an die thematik herran. dabei geht es nicht darum zu beweisen das es einen gott gibt. Die theologie ist eine wissentschaft die sich interdisziplinär mit philosophie religionswissentschaft, literaturwissentschaft und anderen fachbereichen befast.

    von daher wird die theologie zu recht an den universitäten angeboten und aus öffentlichen geldern finanziert.

    und es wird endlich zeit das der islam an den universitäten aufgenommen wird. den der islam ist teil unserer gesellschaft und das ist ein schritt der anerkenung und der integration der längst überfällig war.

    • R_B
    • 18. Januar 2012 8:03 Uhr

    "und die Annahme der Existenz einer Wesenheit, die sich nicht falsifizieren lässt, ist bereits unwissenschaftlich".

    Ihre Aussage ist es bereits auch. Der poppersche Falsifikationismus steht auch nur neben anderen Methoden, die sich als Zugang zur Wahrheit verstehen, auch wenn die poppersche momentan - leider - auf fast gänzlich allen Feldern der Natur-, mithin aber auch in einigen geisteswissenschaftlichen Disziplinen hegemonial ist. Das muss aber nicht weiterhin so sein und könnte sich bald ändern. Einen Methodenpluralismus anzuerkennen, fiel bereits dem besagten Philosophen schwer. Umso weniger erstaunlich dann, dass seine Jünger, entgegen der Intention ihres Meisters, seinen Methodenmonismus wie eine gottgegebene Religion verehren und sich somit aus dem wissenschaftlichen Diskurs bereits vor langer Zeit verabschiedet haben. Der poppersche Falsifikationismus, gepaart mit der Vehemenz seiner wutschnaubenden Verteidiger, ist heute das unverrückbare Dogma einer enorm anwachsenden Vielzahl junger Studenten, die sich leider nie ernsthaft mit Wissenschaftstheorie und -philosophie beschäftigt haben.Sie ist so zur Religion des kleinen Mannes geworden. Welchen Nachteil diese davontragen sollte ersichtlich geworden sein.

    • okmijn
    • 17. Januar 2012 14:50 Uhr

    Man sollte hier als Atheist (das ist erst mal nicht mehr als keinen Gott anzunehmen) auch keinen besondern Respekt vor Religionen haben. Ein kurzer Blick in ein Geschichtsbuch oder die Nachrichten gibt genug Anlass die Aufklärung (und ich meine Aufklärung inkl. ihrer viel älteren Wurzeln als die Periode, die historisch als Aufklärung bezeichnet wird) gegen die Theisten zu verteidigen.

    Und alle Ethik und Moral sind mit Göttern genauso bestreitbar wie ohne möglich.

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    Verehrter Mitkommentator,
    welcher Gott (a-theist) existiert denn nach Ihrer Auffassung nicht?
    Und wer behauptet denn, dass es ohne Gott keine Ethik bzw. Moral gibt?

  3. Verehrter Mitkommentator,
    welcher Gott (a-theist) existiert denn nach Ihrer Auffassung nicht?
    Und wer behauptet denn, dass es ohne Gott keine Ethik bzw. Moral gibt?

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    Antwort auf "Nachtrag"
  4. Lieber, die Theologen werden hier (unter staatlicher Kontrolle) ausgebildet als in irgendwelchen Hinterzimmern von radikalen Fundamentalisten.

    Eigentlich sollte der staat sich hier raushalten. Das tut er aber auch bei den Christen schon nicht, warum also bei anderen Religionen?

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Der Staat"
    • okmijn
    • 17. Januar 2012 15:09 Uhr

    Äh, natürlich existiert nach atheistischer Auffassung gar keiner, bzw. gibt es nach weniger strenger Definition (die ich Teile) keinen Grund, irgend einen Gott für existent zu halten ("Es existiert mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Gott").

    Viele Theisten reagieren auf Atheisten mit dem Vorwurf, bzw. dem Vorurteil, sie könnten (da ohne Gebote und ohne Heilsversprechen) nicht ethisch, bzw. moralisch, handeln. Suchen Sie einfach mal per youtube nach Interviews in den USA. Dass dies falsch ist habe ich ja gerade geschrieben.

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    Mit Verlaub, wenn Sie sich klar sind, was Sie mit Atheismus meinen, können wir gerne weiter unsere Meinungen austauschen.
    Übrigens: Ich argumentiere nicht, dass ein atheistischer Staat keine Moral und Ethik hat.
    Doch bedenken Sie bitte einmal, welche Ethik im atheistischem deutschen Staat gefordert war.

    • okmijn
    • 17. Januar 2012 15:10 Uhr

    "Eigentlich sollte der staat sich hier raushalten. Das tut er aber auch bei den Christen schon nicht, warum also bei anderen Religionen?"

    Wieso die Missstände verschärfen? Statt islamische Theologie einzuführen sollte man die christliche auslaufen lassen.

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    wenn die Schule sie noch dazu anleitet, dass am Irrealen etwas dran sei und sie damit rückwärts erzieht, anstatt vorwärts.

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