Europäischer QualifikationsrahmenGleichmacherei bei Bildungsabschlüssen

Politik und Wirtschaft einigen sich auf eine einheitliche Rangliste, um Bildungsabschlüsse europaweit vergleichbar zu machen. Die Hochschulen wurden dabei nicht gefragt.

"Nach meiner persönlichen Einschätzung wird die Entscheidung, Meister dem gleichen Niveau zuzuordnen wie den Bachelor, die größte bildungspolitische Wirkung haben", sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan vor wenigen Tagen. Denn so werde deutlich: "In Deutschland hat jeder die Chance zum Aufstieg, über den akademischen Weg genauso wie über den Weg der beruflichen Bildung." Anlass war ein Gipfeltreffen Schavans mit Vertretern der Kultusministerkonferenz, der Wirtschaftsminister sowie der Spitzenverbände von Arbeitgebern und Gewerkschaften.

Dabei ging es um einen umfassenden "Qualifikationsrahmen" für berufstaugliche Abschlüsse aller Art auf nationaler wie europäischer Ebene, in acht Stufen vom Azubi bis zum Doktor. Auf Level 7 beispielsweise stehen beruflich Fortgebildete im IT-Bereich ("Strategic Professionals") neben dem Master mit Fachhochschul- oder Uni-Abschluss. Allein der Doktorgrad überragt alle beruflichen Aus- und Weiterbildungen. Mit dieser Rangliste will die amtliche Bildungspolitik internationale Headhunter und Personalchefs bei der Bewerberauswahl unterstützen, rechtlich allerdings völlig unverbindlich.

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Deutscher Hochschulverband lehnt Rangvergleiche ab

Hochschulvertreter waren zu den Verabredungen nicht eingeladen. Die Interessenvertretung der Wissenschaftler an Universitäten, der Deutsche Hochschulverband, lehnt die offiziellen Rangvergleiche gänzlich ab. Diese seien der Versuch, "den Unterschied von beruflicher und akademischer Bildung durch pauschale Gleichsetzungen einzuebnen statt zwischen beiden Wegen Brücken zu bauen." Auch Tarifexperten der Gewerkschafter halten von der Vergleichsliste nicht viel. So heißt es von der IG Metall im Vorzeigebundesland Baden-Württemberg, Meister und Ingenieur-Bachelor etwa verdienten in der Industrie ohnehin nach Tarifvertrag bereits das Gleiche, rund 4.000 € im Monat. Viel hänge natürlich vom konkreten Arbeitsplatz ab: Der junge Bachelor habe womöglich gute Chancen als Ideengeber in einer Entwicklungsabteilung, während der Meister eher für Aufsichtsfunktionen etwa in der Produktion in Frage komme.

Nach wie vor ist der nächste Anschluss in der Bildungskarriere viel wichtiger als der bereits erzielte Abschluss, sagt ein Stuttgarter Gewerkschaftsreferent und verweist als Vorbild auf das Hightech-Unternehmen Bosch. "Im Rahmen der Personalentwicklung fördern wir derzeit mehr als hundert Ausbildungsabsolventen im Bachelor-Studium", sagt Sprecher Dirk Haushalter. "Die Mitarbeiter werden für die Zeit freigestellt und erhalten eine Wiedereinstellungszusage. Wir geben ihnen Stipendien bis zu 600 € im Monat."

Nach einer Empfehlung der Kultusministerkonferenz können sich Absolventen dank des Berufsabschlusses das halbe Studienpensum ersparen. Im Bundesdurchschnitt hat tatsächlich mehr als die Hälfte aller Fachhochschulstudenten bereits eine Berufsausbildung hinter sich, etwa auch in den Assistenzberufen des Gesundheitswesens – zum Beispiel als Ergotherapeut. Ganz offenkundig steht für sie alle ein ergänzendes Studium als Karrieresprungbrett ganz außer Frage.

Der bildungspolitischen Gleichmacherei von beruflicher und akademischer Bildung leisten die Hochschulen allerdings selbst Vorschub. Das zeigt sich rein äußerlich schon an der Studiendauer. Das Bachelor-Studium umfasst heute meist sechs Semester, eins weniger als bis zum früheren FH-Diplom. Demgegenüber machen 15 und mehr Prozent aller Abiturienten heute eine drei- oder dreieinhalbjährige Ausbildung in Betrieb und Berufsschule. Häufig sind die fachlichen Qualifikationen (neudeutsch: Learning Outcomes) fast zum Verwechseln ähnlich, beispielsweise beim Chemikanten und dem Bachelor der Chemie.

Für fast jeden ein Angebot

Schönredner sprechen dann von einer Anreicherung des Wettbewerbs. Mitunter, vor allem in "regulierten Berufen" wie dem des Architekten, erreicht die vielbeschworene Berufsbefähigung des Hochschulabsolventen von vornherein keinerlei akademisches Niveau: So kann der Bachelor of Arts nach sechs Semestern Architekturstudium kein Mitglied in der Architektenkammer werden und einem anerkannten Berufsvertreter (BDA) höchstens in Konkurrenz mit einem gelernten Bauzeichner oder Techniker zuarbeiten. Und der Bachelor im Facility Management, also für die Hausverwaltung, bewegt sich in einem Tätigkeitsfeld, für das man überhaupt keinen bestimmten Abschluss braucht und trotzdem sehr erfolgreich sein kann.

Das "Unternehmen Hochschule" scheint offenbar auf dem Weg, fast jedem fast alles anzubieten. Bislang vergeblich plädiert etwa Michael Hartmer vom Deutschen Hochschulverband für ein "Abstandsgebot" zwischen den ganz besonderen Ausbildungsprofilen für Studenten und Azubis. Ganz in dem Sinne bezeichnete schon der Philosoph Friedrich Nietzsche Gleichmacherei als ein "Merkmal schwacher Augen".

 
Leserkommentare
  1. Das klingt ja nach englischen Verhältnissen.

    Jede noch so kleine Tätigkeit bekommt ihren Bachelor...

    Was dann passiert kann man sehr schön in England beobachten...

    Eine Leserempfehlung
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    Klären sie uns mal auf!

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  2. Die anderen EU-Staaten haben es geschafft. Das deutesche Bildungssystem, insbesondere das Hochschulsystem, wurde sturmreif geschossen.

    Die Waffe: Bologna.

    Heute dürfen unterklassige Ausbildungsstätten wie Berufsakademien als "Hochschulen" firmieren. Als ob da tatsächlich akademische Ausbildung stattfinden würde. Berufsakademien und auch FHs waren die Reaktion auf einen gestiegenen Bedarf an schnell und gut ausgebildeten Praktikern, die aber durch das nach unten nivellierte deutsche Schulsystem (Hauptschule als Resteschule, Realschule als das was früher die Hauptschule war) nicht mehr die nötige Ausbildungsfähigkeit besessen haben. Also hat man die Abiturienten auf diesem Weg doch wieder zu besseren Azubis gemacht.

    Und in spätestens 10 Jahren wird wohl auf die Putzfrau einen Bachelor haben. Wie in anderen europäischen Ländern heute schon werden dann Ausbildungen die eigentlich in das in D bewährte duale Ausbildungssystem mit Berufsausbildung undanschließender Weiterbildung zum Meister/ Techniker gehören künstlich pseudoakademisiert. Die ersten Ansätze in D sind ja heute schon erkennbar. Für jeden Murks gibt es einen eigenen Bachelor. Das Ergebnis ist dann, dass ein Bachelor auf Stellen arbeitet, auf denen davor ganz normale Mitarbeiter mit Berufsausbildung gearbeitet haben.

    "Früher" gab es den Dipl.-Ing. Das war einheitlich. Und jeder mit diesem Titel hatte eine solide Grundausbildung bekommen. Und heute? Egal was, hauptsache Urkunde...

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  3. finde ich manche Aspekte der Vereinheitlichung doch sehr fragwürdig - beispielsweise, wenn der Titel des Handwerksmeisters offiziell einem Bachelor gleichgestellt wird (http://www.pnp.de/nachric...). Da werden doch von den Voraussetzungen her Äpfel mit Birnen verglichen!

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  4. Richtig ist: "... Der junge Bachelor habe womöglich gute Chancen als Ideengeber in einer Entwicklungsabteilung, während der Meister eher für Aufsichtsfunktionen etwa in der Produktion in Frage komme. ..."

    Knapp daneben ist: "... Häufig sind die fachlichen Qualifikationen fast zum Verwechseln ähnlich, beispielsweise beim Chemikanten und dem Bachelor der Chemie. ..."

    Richtig ist hier, dass der Chemikant für die Produktion ausgebildet wird, als handwerklich und theoretisch gut qualifizierter Facharbeiter. Die Ausbildung setzt eine gute mittlere Reife voraus, manchmal werden auch junge Leute mit Fachhochschulreife genommen. In einige Betrieben gibt es für Abiturienten und nur für diese die Möglichkeit des dualen Studiums, also Chemikantenausbildung mit anschließendem Bachelor, auf den ein Teil der Chemikantenausbildung angerechnet wird, weil dieser Teil integraler Bestandteil des Bachelors im dualen Studium ist.

    Die Ausbildungsinhalte der technischen Berufsausbildungen (z.B. Chemie, Mechatronic, Elektrotechnik) ähneln zwar denen der entsprechenden Studiengänge, aber das taten sie schon immer. Schließlich wird im Studium nicht das Rad neu erfunden. Aber der Bachelor ist gegenüber einer Berufsausbildung in der Laborpraxis (Messtechik und Versuchsaufbau) sowie theoretisch weitaus fundierter und anspruchsvoller. Daran ändert auch die Verkürzung des früheren FH-Studiums von 7 auf 6 Semester nichts.

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  5. Die Wirtschaft braucht produktive Arbeitskräfte. Ein guter Facharbeitrer ist für sie oft mehr wert als eine B.A.-Absolventin irgendwelcher "Denk Studies".

    Die Politik will für den internationalen statistischen Vergleich möglichst viele möglichst hochwertige Abschlüsse. Deshalb ging die Entwicklung lange in Richtung möglichst viele Studenten - auch wenn diese nicht unbedingt gebraucht wurden und auch nicht in jedem Fall fachlich Großartiges leisteten. IN DIESER HINSICHT wird diese Entwicklung nicht sclecht sein: Wenn Lehre und B.A. formal gleichgestellt sind, wird die Wahl zwischen den Ausbildungen hoffentlich vernünftiger getroffen (als Facharbeiter verdient man oft besser als als B.A. Denk) und die Politik kann den unsinnigen Weg zur Billig-Akademisierung ganzer Bevlkerungskreise beenden.

    Die Hochschulen haben sich an die Politiok verkauft. Mit dem B.A.-Programm haben sie das akademische Niveau oft gesenkt, Humboldt verraten und sind letztlich in Konkurrenz zur Lehre getreten. Entweder sie achten wieder auf Exzeptionalität oder sie werden überflüssig oder zu Berufsschulen herabgestuft.

    Die Bildungspolitik hat mit der Verwahrlosung und dann der Aufgabe der Hauptschule nicht nur einen Großteil der Jugend zu Hoffnungslosugkeit verurteilt, sie hat zum Differenzabbau schon in der Schule beigetragen. Möge das neue Konzept Einheitsschule den Schülern wieder ihren Interessen entsprechende Befähigung für von ihnen rational gewählte VERSCHIEDENE Wege mitgeben!

  6. An die Redaktion
    Ein Chemikant ist ein Facharbeiter, dessen Chemiekenntnisse unterhalb dem Anforderungsbereich der 12 Klasse liegen.
    Wer die Anforderungen eines Chemikanten mit dem eines Bachelors of Chemie gleichsetzt, hat einfach keine Ahnung.
    Ein Chemikant lernt großtechnische Chemieanlagen zu bedienen und sonst nur chemische Grundkenntnisse.

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  7. Klären sie uns mal auf!

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    Englische Bildung zieht nicht darauf ab Wissen zu vemritteln sondern "Unternehmensfertige Mitarbeiter" zu produsieren (ja, produzieren). Es geht nicht um einen allgemeinen hiehn Bildungsstand, sondern um spezialisierte Drohnen.

    Gleichzeitig muss man kontinuierlich Erfolge aufweisen - so muessen zum Beispiel 90% eines Jahrgangs and der Uni bestehen. (Bestehen heit aber auch "third".)
    Durch diesen Druck Erfolge vorzuweisen sind Universitaeten geneigt das gelehrte auf ein Mindestmass zusammenzuschneiden - damit auch keiner Durchfallen kann. Kompensiert wird dann durch unsinnige massnahmen bei denen die gleiche Aufgabe je nach Leistung unterschiedlich bewertet werden kann. (Wenn jemand Probleme hat gibt es fuer einfachste Details Punkte, wenn nicht muss man schon alles richtig machen um eine hohe Punktzahl zu erreichen...).

    Ferner wird es dadurch attraktiv unsinnige Kurse azubieten oder extrem zu spezialisieren. So gibt es in den Ingenieurwissenschaften dann ploetzlich 30 Verschiedene Abscluesse, alle mit ihrer eigenen Spezialisierung.
    Gleiczeitig gibt es Kurse wie "Media Studies" die kein Mensch braucht welche aber als einfach gelten. Das Resultat besteht auch vielen jungen Leuten die Zeit mit Abschluessen vergeuden die nicht das Papier wert sind auf dem sie gedruckt sind.

    Englische Bildung zieht nicht darauf ab Wissen zu vemritteln sondern "Unternehmensfertige Mitarbeiter" zu produsieren (ja, produzieren). Es geht nicht um einen allgemeinen hiehn Bildungsstand, sondern um spezialisierte Drohnen.

    Gleichzeitig muss man kontinuierlich Erfolge aufweisen - so muessen zum Beispiel 90% eines Jahrgangs and der Uni bestehen. (Bestehen heit aber auch "third".)
    Durch diesen Druck Erfolge vorzuweisen sind Universitaeten geneigt das gelehrte auf ein Mindestmass zusammenzuschneiden - damit auch keiner Durchfallen kann. Kompensiert wird dann durch unsinnige massnahmen bei denen die gleiche Aufgabe je nach Leistung unterschiedlich bewertet werden kann. (Wenn jemand Probleme hat gibt es fuer einfachste Details Punkte, wenn nicht muss man schon alles richtig machen um eine hohe Punktzahl zu erreichen...).

    Ferner wird es dadurch attraktiv unsinnige Kurse azubieten oder extrem zu spezialisieren. So gibt es in den Ingenieurwissenschaften dann ploetzlich 30 Verschiedene Abscluesse, alle mit ihrer eigenen Spezialisierung.
    Gleiczeitig gibt es Kurse wie "Media Studies" die kein Mensch braucht welche aber als einfach gelten. Das Resultat besteht auch vielen jungen Leuten die Zeit mit Abschluessen vergeuden die nicht das Papier wert sind auf dem sie gedruckt sind.

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