Wahrscheinlich war es die nette Linguistik-Dozentin, die Thomas Bopp um sein Deutschlandstipendium gebracht hat. Als sie Mitte Juli die letzte Stunde in ihrem Seminar "Einführung in die Linguistik" an der Universität Heidelberg hielt, war Thomas nicht da. Stattdessen berichtete der Lehramtsstudent im dritten Semester gerade zukünftigen Entwicklungshelfern von seinem Zivilersatzdienst als Mathe- und Biologielehrer an einer Mädchenschule in Uganda . "Die Leute hatten tausend Fragen, da konnte ich mich schlecht davonstehlen und lernen", sagt der 25-Jährige. In der Klausur eine Woche später wollte seine Dozentin wohl das Langzeitgedächtnis ihrer Studenten schonen und fragte vor allem die Inhalte aus der letzten Sitzung ab. Pech für Thomas: Ohne den Stoff der letzten Woche reichte es nur für eine 3,0. Zu schlecht für Deutschlands neue Studenten-Elite.

Mit dem Deutschlandstipendium, das viele Universitäten seit dem vergangenen Jahr vergeben, will die Bundesregierung "begabte und leistungsstarke" Studenten fördern. Doch in der konkreten Umsetzung ist Leistung meist sehr eng definiert. Wer die 300 Euro pro Monat, finanziert von Bund und privaten Spendern, bekommen will, braucht vor allem Bestnoten. Man wolle zwar "Persönlichkeiten ganzheitlich betrachten", sagt Friederike Nüssel, Prorektorin für Studium und Lehre an der Universität Heidelberg und Vorsitzende des Auswahlgremiums für das neue Stipendium.

Doch außer dem Inhalt eines zweiseitigen Motivationsschreibens erfährt ihr Gremium nichts über die Persönlichkeit der Bewerber. Auswahlgespräche finden wegen der hohen Bewerberzahlen – in Heidelberg über 1.300 – keine statt. Am Ende werden Noten bei der Stipendienvergabe in Heidelberg mit 60 Prozent gewichtet, Besonderheiten wie ein Migrationshintergrund und soziales Engagement neben der Uni nur mit jeweils 20 Prozent. Die Folge: Eine missglückte Klausur, und schon kann sich selbst der engagierteste Student die Bewerbung sparen.

Zwei Stunden am Tag für das Ehrenamt

Außergewöhnliche Lebensläufe fallen mitunter komplett durchs Raster: Thomas gründete nach seinem Zivilersatzdienst den Verein "Freundeskreis Uganda" , der eine Krankenstation und eine Schule in dem ostafrikanischen Land betreibt. Dafür veranstaltet er regelmäßig Benefizkonzerte, hält Kontakt mit Spendern und den Kräften vor Ort. Daneben bereitet er seine Nachfolger für den Dienst in Afrika vor und hält Workshops für Jugendliche zu entwicklungspolitischen Themen. "Im Durchschnitt bin ich pro Tag zwei Stunden mit meinen Ehrenämtern beschäftigt", sagt er.

Glaubt man den Beteuerungen von Bildungsministerin Annette Schavan ( CDU ) müsste Thomas das Paradebeispiel eines Deutschlandstipendiaten sein: In Interviews schwärmt die Ministerin von "jungen Menschen, die Großartiges geleistet haben und dabei bereit sind, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen". Thomas Bopp hat ein Jahr lang Kinder in Uganda unterrichtet, viel weiter über den Tellerrand schauen kann man in dem Alter wohl kaum. "Die Arbeit hat mich auch für meinen späteren Beruf als Lehrer unheimlich weitergebracht. Ich habe dort in einer Woche mehr gelernt als in einem Jahr Studium", sagt Thomas. Mag sein, doch für das Deutschlandstipendium zählt der Linguistikschein eben mehr.