Begabtenförderung Streber beim Deutschlandstipendium im Vorteil
Weil viele Unis mit dem Deutschlandstipendium überfordert sind, zählen vor allem die Noten der Bewerber. Soziales Engagement kann sogar schaden. Von Alexander Demling
Wahrscheinlich war es die nette Linguistik-Dozentin, die Thomas Bopp um sein Deutschlandstipendium gebracht hat. Als sie Mitte Juli die letzte Stunde in ihrem Seminar "Einführung in die Linguistik" an der Universität Heidelberg hielt, war Thomas nicht da. Stattdessen berichtete der Lehramtsstudent im dritten Semester gerade zukünftigen Entwicklungshelfern von seinem Zivilersatzdienst als Mathe- und Biologielehrer an einer Mädchenschule in Uganda. "Die Leute hatten tausend Fragen, da konnte ich mich schlecht davonstehlen und lernen", sagt der 25-Jährige. In der Klausur eine Woche später wollte seine Dozentin wohl das Langzeitgedächtnis ihrer Studenten schonen und fragte vor allem die Inhalte aus der letzten Sitzung ab. Pech für Thomas: Ohne den Stoff der letzten Woche reichte es nur für eine 3,0. Zu schlecht für Deutschlands neue Studenten-Elite.
Mit dem Deutschlandstipendium, das viele Universitäten seit dem vergangenen Jahr vergeben, will die Bundesregierung "begabte und leistungsstarke" Studenten fördern. Doch in der konkreten Umsetzung ist Leistung meist sehr eng definiert. Wer die 300 Euro pro Monat, finanziert von Bund und privaten Spendern, bekommen will, braucht vor allem Bestnoten. Man wolle zwar "Persönlichkeiten ganzheitlich betrachten", sagt Friederike Nüssel, Prorektorin für Studium und Lehre an der Universität Heidelberg und Vorsitzende des Auswahlgremiums für das neue Stipendium.
Doch außer dem Inhalt eines zweiseitigen Motivationsschreibens erfährt ihr Gremium nichts über die Persönlichkeit der Bewerber. Auswahlgespräche finden wegen der hohen Bewerberzahlen – in Heidelberg über 1.300 – keine statt. Am Ende werden Noten bei der Stipendienvergabe in Heidelberg mit 60 Prozent gewichtet, Besonderheiten wie ein Migrationshintergrund und soziales Engagement neben der Uni nur mit jeweils 20 Prozent. Die Folge: Eine missglückte Klausur, und schon kann sich selbst der engagierteste Student die Bewerbung sparen.
Zwei Stunden am Tag für das Ehrenamt
Außergewöhnliche Lebensläufe fallen mitunter komplett durchs Raster: Thomas gründete nach seinem Zivilersatzdienst den Verein "Freundeskreis Uganda", der eine Krankenstation und eine Schule in dem ostafrikanischen Land betreibt. Dafür veranstaltet er regelmäßig Benefizkonzerte, hält Kontakt mit Spendern und den Kräften vor Ort. Daneben bereitet er seine Nachfolger für den Dienst in Afrika vor und hält Workshops für Jugendliche zu entwicklungspolitischen Themen. "Im Durchschnitt bin ich pro Tag zwei Stunden mit meinen Ehrenämtern beschäftigt", sagt er.
Glaubt man den Beteuerungen von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) müsste Thomas das Paradebeispiel eines Deutschlandstipendiaten sein: In Interviews schwärmt die Ministerin von "jungen Menschen, die Großartiges geleistet haben und dabei bereit sind, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen". Thomas Bopp hat ein Jahr lang Kinder in Uganda unterrichtet, viel weiter über den Tellerrand schauen kann man in dem Alter wohl kaum. "Die Arbeit hat mich auch für meinen späteren Beruf als Lehrer unheimlich weitergebracht. Ich habe dort in einer Woche mehr gelernt als in einem Jahr Studium", sagt Thomas. Mag sein, doch für das Deutschlandstipendium zählt der Linguistikschein eben mehr.
Dabei hat Thomas mit seiner Uni fast noch Glück. Denn an anderen Hochschulen zählen Engagement, Auslandaufenthalte und Praktika noch weit weniger: Das Auswahlgremium an der FU Berlin bezieht die zusätzlichen Kriterien nur dann ein, wenn zwei Bewerber aus dem gleichen Fach exakt die gleiche Note haben, aber das kommt kaum einmal vor. In Tübingen können die Bewerber ihre "ganzheitliche Persönlichkeit" gleich ganz für sich behalten: Wer den geforderten Schnitt von 1,2 in Abitur oder Studium nicht erreicht, kann seine Bewerbung nur noch durch Preise in Wissenschaftswettbewerben aufwerten. Welcher Studententyp hier gesucht wird, ist offensichtlich.
Unis sind überfordert
Gesetzlich vorgeschrieben ist dieser Notenfetisch nicht: Laut Stipendiengesetz sollen gesellschaftliches Engagement und besondere soziale Umstände durchaus eine Rolle bei der Vergabe spielen. Für die Universitäten bedeutet das jedoch eine Menge zusätzliche Arbeit: Alleine in Heidelberg mussten in diesem Semester über 1.300 Lebensläufe und etwa 2.600 Seiten Motivationsschreiben gelesen, bewertet und verglichen werden. Hilfe von der Bundesregierung gibt es dabei nicht: Die Verwaltung des Stipendiums und den Aufwand bei der Auswahl der Stipendiaten müssen die Unis mit vorhandenem Personal schultern, und die sind bereits mit dem Gewinnen der nötigen Sponsoren oftmals überfordert. "Allein für die Vorsortierung der Bewerbungen, das Versenden der Bescheide und für Nachfragen der Studierenden mussten wir zwei Kräfte über mehrere Wochen abstellen", erklärt Prorektorin Friederike Nüssel. Universitäten, die sich das nicht leisten können oder wollen, verlassen sich dagegen vollständig auf ein Kriterium, das leicht vergleichbar scheint: Noten eben.
Dass auch die meist hart erarbeitet sind, das steht außer Frage. Wer aber derzeit an ein Deutschlandstipendium kommen will, scheint bessere Chancen zu haben, wenn er sein Vereinsamt abgibt, das Auslandssemester in Südamerika oder das Praktikum beim Traumarbeitgeber absagt und sich an den Schreibtisch setzt. Denn nur hier lohnt sich Leistung wirklich.
- Datum 06.02.2012 - 16:31 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 41
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Mehr lernen fürht zu besseren Noten, aber noch lange nicht zu (sehr) guten. Dazu muss man entsprechendes Talent und kein Pech haben. Aber vielleicht ist das ja sogar gewollt, survival of the fittest. Die anderen überfüllen ohnehin die Hörsäle - Exzellent!
Umgekehrt klappt es aber auch nicht, nur mit viel Talent klappt es mit den sehr guten Noten auch nicht.
"Aber vielleicht ist das ja sogar gewollt, survival of the fittest."
Autsch.
Umgekehrt klappt es aber auch nicht, nur mit viel Talent klappt es mit den sehr guten Noten auch nicht.
"Aber vielleicht ist das ja sogar gewollt, survival of the fittest."
Autsch.
Umgekehrt klappt es aber auch nicht, nur mit viel Talent klappt es mit den sehr guten Noten auch nicht.
"Aber vielleicht ist das ja sogar gewollt, survival of the fittest."
Autsch.
An der Uni Stuttgart kümmern sich die Fakultäten um die Stipendienvergabe, der Arbeitaufwand wird also verteilt. Ehrenamtliches Engagement wird mit Leistungen annähernd gleich gewichtet. Ich kenne sowohl Fälle, bei denen durchschnittliche Leistungen und außerstudentisches Engagement für ein Stipendium gereicht haben, als auch solche, bei welchen ein Student mit Durchschnittsnote 1,2 wegen fehlenden Engagements abgelehnt wurde.
Und wieder ein wunderbares Beispiel wie schlecht die Abstimmung zwischen Universitäten und der Politik funktioniert.
Natürlich, das Deutschlandstipendium hat einen Aussagekräftigen Namen. Unterstützung aus der Wirtschaft zur Finanzierung zeugt von Vernetzung, Moderne und Vorwärtsgewandheit. Also genau das richtige um in den Abendnachrichten Eindruck zu machen. Aber bis auf die äußere Fasade wurde mal wieder nichts durchdacht.
Die wirkliche Arbeit wurde wieder mal den Universitäten auferlegt, die schon seit einer gefühlten Ewigkeit unterbesetzt sind.
Anstatt alle Studenten zu fördern, z.b. mit höheren Bafög setzen, oder das Geld den Universitäten zur Verfügung zu stellen, z.b. für mehr Hilfskräfte oder menschenwürdige Arbeitsverhältnisse, werden wieder hunderte Projekte und Förderungen ins Leben gerufen, die unterm Strich mehr Kosten, als dass sie Mehrwert bringen..
Die Unvereinbarkeit von guten Noten im Studium und sozialem Engagement ist konstruiert.
Wer durch ein Stipendium gefördert werden möchte, sollakademische Leistung und soziales Engagement verbinden. Kann er das nicht, eignet er sich nicht.
Ob soziales Engagement unter den Tisch fällt weil kein Interesse besteht sich zu engagieren oder weil "keine Zeit" dafür ist, spielt eigentlich keine Rolle.
Der Unterschied zwischen Fachidiot und Wunschstipendiat besteht eben genau darin, eine Work-Life Balance zu finden, die beides gleichzeitig möglich macht.
Das das einfach sei hat keiner behauptet.
Ja, es stimmt, dass man sich auch durchaus mit guten Noten sozial engagieren kann. Aber dieses soziale Engagement wird immer in einem, man verzeihe mir das holprige Wort, konventionellen Rahmen bleiben. Das mag in den einzelnen Studiengängen ganz unterschiedlich sein: Für Außergewöhnliches findet sich selten Platz.
Ein Stipendium sollte nicht die durchschnittliche Bildungselite finanzieren, die sich n a t ü r l i c h sozial engagiert und auch gute Noten hat.
Ein Stipendium muss vor allem dem Besonderen Raum geben. Man kann außergewöhnliche Kreativität nicht bewerten. Sie zeichnet sich auch nicht im Notendurchschnitt ab. Aber man kann sie fördern.
Als Idealist glaube ich übrigens daran, dass Noten nicht besonders viel über einen Menschen aussagen. Außer, dass er sich einige Mühe gemacht hat, um ein Stipendium zu bekommen.
Ja, es stimmt, dass man sich auch durchaus mit guten Noten sozial engagieren kann. Aber dieses soziale Engagement wird immer in einem, man verzeihe mir das holprige Wort, konventionellen Rahmen bleiben. Das mag in den einzelnen Studiengängen ganz unterschiedlich sein: Für Außergewöhnliches findet sich selten Platz.
Ein Stipendium sollte nicht die durchschnittliche Bildungselite finanzieren, die sich n a t ü r l i c h sozial engagiert und auch gute Noten hat.
Ein Stipendium muss vor allem dem Besonderen Raum geben. Man kann außergewöhnliche Kreativität nicht bewerten. Sie zeichnet sich auch nicht im Notendurchschnitt ab. Aber man kann sie fördern.
Als Idealist glaube ich übrigens daran, dass Noten nicht besonders viel über einen Menschen aussagen. Außer, dass er sich einige Mühe gemacht hat, um ein Stipendium zu bekommen.
...aus dem Haus mit sowieso schon mehr Geld usw. solch ein Stipendium bekommen würden.
Während wir "normalos" uns durch das Studium von der Klausur zu der Klausur kloppen und auch noch nebenher einen Job brauchen, sind die "Besserverdiener" total gechillt, hauen sich ihre Nachhilfestunden, die von den Eltern bezahlt werden um die Ohren und bestehen die Klausuren mit den Bestnoten. Ohne ihrer Nachhilfe wären sie normalerweise genauso aufgeschmissen wie der Rest auch, den die Vorlesungen sind in vielen Bereichen sehr oberflächlich gehalten, man muss schon selber in die Tiefe gehen (wäre ja nichts dran auszusetzen, wenn man da die Zeit und ggf. die Hilfe dafür hätte).
So gedeiht seit ehe und je wieder eine "Elite" die sowieso schon besser hat. Durch das Vitamin B werden sie später auch sicher bessere Jobs bekommen, da bin ich davon überzeugt.
Also mal ganz ehrlich, bei uns läuft das so ab, wenn man etwas nicht versteht:
Zuerst sucht man sich Leute, die ebenfalls in einem Fach wenig verstehen und versucht zusammen die Probleme anzugehen. Dabei wird meistens einem dann doch ein Einfall kommen und der erklärt (und übt damit) das dem Rest des Trupps. So hangelt man sich möglicherweise durch den ganzen Prüfungsstoff.
Dann gibt es Probleme, die man halt so nicht versteht. Dann hat man immer noch die Möglichkeit, den Übungsleiter, Tutor oder Professor während der Sprechstunde zu fragen und sich das Problem erklären zu lassen.
Und zu guter Letzt: Bei fundamentalen Problemen gibt es z.B. in Studentenwohnheimen immer auch Leute, die weiter als man selbst im Studium und sehr hilfsbereit sind.
Ich habe bisher IMMER Hilfe gefunden, ganz ohne Geld.
Dass man dann dem Kommilitonen, der einem geholfen hat, mal ein Bier ausgibt, kommt natürlich trotzdem vor. ;)
Also mal ganz ehrlich, bei uns läuft das so ab, wenn man etwas nicht versteht:
Zuerst sucht man sich Leute, die ebenfalls in einem Fach wenig verstehen und versucht zusammen die Probleme anzugehen. Dabei wird meistens einem dann doch ein Einfall kommen und der erklärt (und übt damit) das dem Rest des Trupps. So hangelt man sich möglicherweise durch den ganzen Prüfungsstoff.
Dann gibt es Probleme, die man halt so nicht versteht. Dann hat man immer noch die Möglichkeit, den Übungsleiter, Tutor oder Professor während der Sprechstunde zu fragen und sich das Problem erklären zu lassen.
Und zu guter Letzt: Bei fundamentalen Problemen gibt es z.B. in Studentenwohnheimen immer auch Leute, die weiter als man selbst im Studium und sehr hilfsbereit sind.
Ich habe bisher IMMER Hilfe gefunden, ganz ohne Geld.
Dass man dann dem Kommilitonen, der einem geholfen hat, mal ein Bier ausgibt, kommt natürlich trotzdem vor. ;)
Notendurchschnitt von 1,3, soziales Engagement, Werkstudententätigkeit, Arbeit am Lehrstuhl und aus einer Arbeiterfamilie stammend.
Abgelehnt.
Was muss man in dieser Gesellschaft machen um was zurück zu bekommen?
Sie dürfen nahezu kostenfrei studieren. Was genau erwarten sie "Mehr"?
Sie dürfen nahezu kostenfrei studieren. Was genau erwarten sie "Mehr"?
Notendurchschnitt von 1,3, soziales Engagement, Werkstudententätigkeit, Arbeit am Lehrstuhl und aus einer Arbeiterfamilie stammend.
Abgelehnt.
Was muss man in dieser Gesellschaft machen um was zurück zu bekommen?
1,05 in der Zwischenprüfung bekommen, in den Hauptseminaren nur Note "sehr gut". Aus Nichtakademikerfamilie stammend, soziales Engagement, umfangreiche berufliche Tätigkeit neben dem Studium.
Ebenfalls abgelehnt.
Studiere ein geisteswissenschaftliches Fach, vielleicht liegt's ja daran? Geisteswissenschaftler werden mit dem Deutschlandstipendium sowieso kaum gefördert.
In zwei Semestern bin ich raus aus der Uni. Arbeiten werde ich vorerst im Ausland.
1,05 in der Zwischenprüfung bekommen, in den Hauptseminaren nur Note "sehr gut". Aus Nichtakademikerfamilie stammend, soziales Engagement, umfangreiche berufliche Tätigkeit neben dem Studium.
Ebenfalls abgelehnt.
Studiere ein geisteswissenschaftliches Fach, vielleicht liegt's ja daran? Geisteswissenschaftler werden mit dem Deutschlandstipendium sowieso kaum gefördert.
In zwei Semestern bin ich raus aus der Uni. Arbeiten werde ich vorerst im Ausland.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren