FachkräftemangelForschungsweise fordern Hochschulreformen

Experten fordern die Regierung zu entschiedenen Bildungsreformen auf. Sonst drohe ein Fachkräftemangel, Deutschland könnte ins wirtschaftliche Abseits geraten.

Eine von der Bundesregierung beauftragte Expertengruppe warnt vor einem gravierenden Fachkräftemangel in Deutschland. Sorgen bereite vor allem der deutliche Rückgang des Anteils ingenieurwissenschaftlicher Absolventen an den Hochschulabsolventen, erklärte die Expertenkommission Forschung und Innovation (Efi) am Mittwoch in Berlin. Deutschland drohe ein wirtschaftlicher Abstieg.

Die sechs "Forschungsweisen", die allesamt Wirtschaftswissenschaftler sind, empfehlen Hochschulreformen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. So sollten Bachelor-Studiengänge möglichst breit anwendbares Grundlagenwissen vermitteln, um die berufliche Mobilität zu erhöhen. Die Bildungspolitik dürfe zudem nicht ausschließlich darauf ausgerichtet sein, eine möglichst hohe Zahl an Akademikern zu produzieren. Vielmehr sollte auf allen Stufen eine möglichst hochwertige Ausbildung gewährleistet sein – und eine "maximale Durchlässigkeit zwischen beruflichen und akademischen Bildungsgängen". Die Hochschulen sollten mehr Weiterbildungsangebote machen.

Anzeige

Die Efi-Gutachter fordern auch eine bessere finanzielle Ausstattung der Hochschulen. Durch eine Änderung des Grundgesetzes solle "die regelmäßige institutionelle Förderung der Hochschulen durch den Bund" wieder zugelassen werden. Ansonsten blieben die Hochschulen gegenüber der außeruniversitären Forschung und der internationalen Konkurrenz benachteiligt. Empfohlen wird eine Änderung von Artikel 91 b, wie sie auch Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) vorschlägt.

Notwendig sei die Grundgesetzänderung auch wegen des Auslaufens der Exzellenzinitiative, erklären die Gutachter. Noch aber fehlten dafür "politische Konzepte". Ansätze wie das Engagement des Bundes bei der Fusion von Charité und Max-Delbrück-Centrum entsprängen lokalen Gegebenheiten und "zufälligen politischen Konstellationen".

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leserkommentare
  1. Wieder Mal die alte Mär vom Fachkräftemangel !

    In Deutschland fehlen mindestens 6 Millionen Arbeitsplätze, der weitaus grösste Teil davon sind Fachkräfte (auf ALLEN Gebieten).

    Die Faktenlage in Deutschland ist:
    - die Löhne für Fachkräfte steigen nur unterdurchschnittlich
    - die meisten angebotenen Stellen sind Dienstleistungsstellen
    - ein grosser Teil der Stellen ist befristet
    - ältere Arbeitnehmer (ab 40) werden nach wie vor freigesetzt
    - deutsche Fachkräfte wandern ins Ausland ab

    Bei einem Fachkräftemangel dürfte keine dieser 5 Fakten bestehen, nicht einmal im Ansatz: deshalb ist der Fachkräftemangel eine Arbeitgebererfindung.

    13 Leserempfehlungen
  2. So läßt es sich kurz zusammenfassen. Denn die Berufsausbildungen in der Industrie sind immer noch hochwertig, allein die Plätze werden schon sei 20ig Jahren nicht mehr ausreichend angeboten.

    Durch die Machenschaften von Kohl und Schröder wurde das alte Arbeitsförderungsgesetz schrittweise ruiniert, dann zerschlagen und schließlich ganz abgeschafft. Damit schaffte man die Aufstiegsfortbildung zum staatlich geprüften Techniker ab, also die untere mittlere Ebene.

    Mit der von Bertelsmann forcierten Halbausbildung zum Bachelor ruinierte man die breitgefächerte, fundierte und gute Ingenieursausbildung in Deutschland.

    Die rabiate Verwertung der Menschen mittels Zeitarbeit, befristeten Verträgen und Niedrigst- und Hungerlöhnen tat ein übriges.

    Dazu kommt, dass den Fachkräften die Arbeit verweigert wurde und wird sowie, dass einige ausgewandert sind.

    9 Leserempfehlungen
  3. ...denn in CDU/CSU und FDP ist man alles andere, als daran interessiert, dass das deutsche Bildungswesen durchlässiger wird oder dass mehr junge Menschen studieren. Und die deutsche Wirtschaft will lieber "billig" und "willig" - sprich also "ausländische" Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern. Die stellen nämlich im Zweifelsfall keine dummen Fragen.

    7 Leserempfehlungen
  4. Leider wird in dem Artikel und auch von dem Expertengremium wieder der wichtigste Punkt übersehen.

    Schon mit Öffnung der Hochschulen für Meister blieb der erwartete Sturm auf diese aus. Gleiches wird auch bei einer Öffnung für Gesellen und ältere Arbeitnehmer geschehen.

    Der Grund für die geringen Akademikerzahlen ist nämlich nicht, dass es zu schwer wäre zur Studienberechtigung zu kommen, sondern das denen, die diese über den 2ten Bildungsweg erreicht haben, schlicht Versorgungssicherheit fehlt, sobald diese Menschen anfangen zu studieren.

    Wer bereits Meister ist oder auch schon lange Jahre im Beruf verbracht hat, der wird seine Position dort schlecht aufgeben können, nur um zu studieren.
    Bafög allein reicht dort bei Weitem nicht, ganz zus chweigen davon, dass viele Berufserfahrene gar keinen Anspruch mehr haben.

    Speziell wenn er Familie oder ähnliches ernährt, ist ein Wegfall der Bezüge untragbar.

    Studieren bleibt in Deutschland ein großer Luxus, dessen Kosten man sich kaum ansparen kann, da hier fast ausschließlich Dumpinglöhne gezahlt werden, dessen Kosten sich aber auch kaum dauerhaft bestreiten lassen, wenn andere von einem abhängig sind.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • bayert
    • 01.03.2012 um 12:12 Uhr

    ein erfolgreicher Meister hat meist kein Interesse an einem Vollzeitstudium. Man kann Gesellen gerne zulassen, sollte aber bedenken, dass fehlende Mathematik-Kenntnisse schnell zur Aufgabe führen. D.h. die Zulassung sollte mit einer Zusatzqualifikation einhergehen.

    • bayert
    • 01.03.2012 um 12:12 Uhr

    ein erfolgreicher Meister hat meist kein Interesse an einem Vollzeitstudium. Man kann Gesellen gerne zulassen, sollte aber bedenken, dass fehlende Mathematik-Kenntnisse schnell zur Aufgabe führen. D.h. die Zulassung sollte mit einer Zusatzqualifikation einhergehen.

  5. Wie kommen Wirtschaftswissenschaftler auf den Titel Forschungsweise? Auf der Basis der zur Zeit herrschenden Krise sollten sie schon glücklich sein, dass man sie mit Wissenschaftler tituliert.
    Dass aber solche Leute über Bildung, Ausbildung und Forschung in den Ingenieurwissenschaften sich auslasses, ist es sehr amüsant.
    Die glauben tatsächlich, dass Innovation und neue Technologien mit "produzierten Fachkräften" zu erreichen seien.

    3 Leserempfehlungen
  6. "Genauere Betrachtungen und Berechnungen führten zu dem Ergebnis, dass bei der Erfassung im Gesamtbereich MINT nur jeder zehnte  Absolvent überhaupt betrachtet wird. Und das sind die Absolventen, welche vorher nicht fachfremd gearbeitet haben oder aber längere Zeit arbeitslos waren. Von zehn Absolventen aber arbeitet gerade noch einer im Rahmen einer adäquaten Beschäftigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. (...) . Aus Daten, die sogar auf die Bundesagentur für Arbeit zurückgehen, geht hervor, dass der Stand der offiziell erfassten Absolventen in der Mathematik und in der Physik im Jahre 2005 bei 5.595 lag. Die Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen für diese Berufsgruppe wird jedoch mit 21.372 für das Jahr 2006 angegeben. Bei einer durchschnittlichen Verweildauer von 35 Jahren im Beruf ergäbe das eine mittlere jährliche Rate von 611 zu ersetzenden Arbeitnehmern jedes Jahr. Die Anzahl der Absolventen ist aber fast zehnmal so hoch."

    http://info.kopp-verlag.d...

    3 Leserempfehlungen
    • Ranjit
    • 01.03.2012 um 12:14 Uhr

    "Die sechs "Forschungsweisen", die allesamt Wirtschaftswissenschaftler sind"

    Die Wirtschaftswissenschaften können zu diesem Thema sicher Produktives beitragen, aber nur Wirtschaftswissenschaftler?

    Fehlen da nicht Soziologen, Psychologen, Erziehungswissenschaftler, oder Vertreter der MINT-Richtungen um die es ja hier gehen soll?

    So blenden die Wirtschaftswissenschaften z.B. aus, dass es strukturelle Benachteiligungen einzelner Bevölkerungsgruppen im Bildungssystem gibt. Ebenso ausgeblendet werden die Einflüsse vieler Studiengänge, wenn sie nicht direkt als Geldwert angebbar sind.

    2 Leserempfehlungen
    • tuo
    • 01.03.2012 um 13:05 Uhr

    Das Hauptproblem, das so viele Menschen von Ingenieurstudiengängen fernhält ist doch, dass trotz großen Arbeitsaufwands es viele Studenten nicht schaffen. Nicht wegen eines Mangels an Intelligenz, sondern weil die Professoren Durchfallquoten unter 50% als Indikator für unzureichende Stoffvermittlung werten (irgndwie paradox, aber na ja...). In Deutschland gilt nach wie vor eine sehr raue Gangart in den ersten Semestern. "Fressen oder gefressen werden. Wer es nicht drauf hat, ist selber schuld. Da mussten wir auch durch..." Das sind die Regeln nach denen in vielen Studiengängen schon vor Bologna gespielt wurde und die nach der Reform noch schärfer wurden. Die, die es schaffen, enden oft mit mittelmäßigen Abschlüssen. So sehe ich das Problem nicht als politisches, sondern in der professoralen Ausbildungskultur in Deutschland, die ihr Elitenbewusstsein aus der Härte eines Studiengangs zieht. Das Problem ist nur, dass Studien wie die obige stets von Leuten erstellt werden, die sich in diesem System bewährt haben, die also von Natur aus gar nicht nachvollziehen können, wie jemand an dem System scheitern konnte. Wie wäre es also mal mit einer Befragung der vielen Studienabbrecher (von denen es ja scheinbar ganze Heere gibt) anstatt sich dauernd von denen, die es geschafft haben versichern zu lassen, dass "es ja eigentlich gar nicht so schlimm war"?

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Blickt man einmal hinter die Kulissen des Unibetriebs wird man schnell feststellen, dass sich die Mähr vom "Rausprüfen" nicht hält. Im Gegenteil, die Durchfallgrenzlinien werden nicht selten nach unten korrigiert - aber von "nach oben korrigieren" hab ich noch nie gehört.
    Und wenn man einmal ein, zwei Jahre später auf die Aufgaben guckt, dann sind sie wirklich eher leicht einzustufen.

    Niemand an einer Uni hat die Ressourcen dafür sich die Mühe des "Rausprüfens" zu machen. Wozu auch? Wem soll das nützen?

    • Rudi01
    • 01.03.2012 um 21:58 Uhr

    "tuo" schreibt in Kommentar 10:
    "Das Hauptproblem, das so viele Menschen von Ingenieurstudiengängen fernhält ist doch, dass trotz großen Arbeitsaufwands es viele Studenten nicht schaffen. Nicht wegen eines Mangels an Intelligenz, sondern weil die Professoren Durchfallquoten unter 50% als Indikator für unzureichende Stoffvermittlung werten (irgndwie paradox, aber na ja...)."

    Ich halte das (auf der Grundlage ziemlich guter Vertrautheit mit MINT-Studiengängen) für eine ziemlich deutliche Fehleinschätzung. Es ist nicht die mangelnde Intelligenz der Studierenden, und ebensowenig die Arroganz oder die Gemeinheit der Profs, sondern einfach die absolut bestehende Schwierigkeit des Stoffes. Das war auch schon vor 100 Jahren so. Man kann nicht z.B. "die Thermodynamik leichter machen". Ein normal begabter Student muss ziemlich viel Fleiss und Zähigkeit entwickeln, um da durch zu kommen.

    Die Möglichkeit, die Prüfungen leichter zu machen, besteht auch nicht. Es geht ja darum, dass in diesen Fächern Dinge vermittelt werden, bei denen im späteren Berufsalltag Fehler einfach nicht auftreten dürfen. Nun komme man nicht hämisch mit geschehenen Flugzeugabstürzen, Brückenzusammenbrüchen, Fukushima, und ähnlichen Fehlleistungen. Würde man das Studium "leichter" machen, würden genau diese Dinge deutlich zunehmen.

    Ich glaube es gibt auch keine breite Mehrheitsmeinung, dass man das Medizinstudium leichter machen sollte. Aus gutem Grund, und da versteht es jeder.

    • tuo
    • 02.03.2012 um 8:14 Uhr

    ...wieso sind die Abbrecherquoten nach Bologna dann angestiegen. Ist die Thermodynamik über Nacht ein schwereres Thema geworden? Sind die Studenten dümmer geworden? Oder lag es an den überfordernden Prüfungen?

    Und ich habe nicht von leichteren Klausuren gesprochen, sondern von vernünftig gestellten. Wer einmal den Studienbetrieb in den USA erlebt hat, weiß was ich meine. Den Stoff kriegen die da auch vermittelt. Aber die Lernatmosphare ist eine völlig andere. "Wer sich anstrengt, schafft es auch." wird dort gelebt, nicht nur erzählt.

    Blickt man einmal hinter die Kulissen des Unibetriebs wird man schnell feststellen, dass sich die Mähr vom "Rausprüfen" nicht hält. Im Gegenteil, die Durchfallgrenzlinien werden nicht selten nach unten korrigiert - aber von "nach oben korrigieren" hab ich noch nie gehört.
    Und wenn man einmal ein, zwei Jahre später auf die Aufgaben guckt, dann sind sie wirklich eher leicht einzustufen.

    Niemand an einer Uni hat die Ressourcen dafür sich die Mühe des "Rausprüfens" zu machen. Wozu auch? Wem soll das nützen?

    • Rudi01
    • 01.03.2012 um 21:58 Uhr

    "tuo" schreibt in Kommentar 10:
    "Das Hauptproblem, das so viele Menschen von Ingenieurstudiengängen fernhält ist doch, dass trotz großen Arbeitsaufwands es viele Studenten nicht schaffen. Nicht wegen eines Mangels an Intelligenz, sondern weil die Professoren Durchfallquoten unter 50% als Indikator für unzureichende Stoffvermittlung werten (irgndwie paradox, aber na ja...)."

    Ich halte das (auf der Grundlage ziemlich guter Vertrautheit mit MINT-Studiengängen) für eine ziemlich deutliche Fehleinschätzung. Es ist nicht die mangelnde Intelligenz der Studierenden, und ebensowenig die Arroganz oder die Gemeinheit der Profs, sondern einfach die absolut bestehende Schwierigkeit des Stoffes. Das war auch schon vor 100 Jahren so. Man kann nicht z.B. "die Thermodynamik leichter machen". Ein normal begabter Student muss ziemlich viel Fleiss und Zähigkeit entwickeln, um da durch zu kommen.

    Die Möglichkeit, die Prüfungen leichter zu machen, besteht auch nicht. Es geht ja darum, dass in diesen Fächern Dinge vermittelt werden, bei denen im späteren Berufsalltag Fehler einfach nicht auftreten dürfen. Nun komme man nicht hämisch mit geschehenen Flugzeugabstürzen, Brückenzusammenbrüchen, Fukushima, und ähnlichen Fehlleistungen. Würde man das Studium "leichter" machen, würden genau diese Dinge deutlich zunehmen.

    Ich glaube es gibt auch keine breite Mehrheitsmeinung, dass man das Medizinstudium leichter machen sollte. Aus gutem Grund, und da versteht es jeder.

    • tuo
    • 02.03.2012 um 8:14 Uhr

    ...wieso sind die Abbrecherquoten nach Bologna dann angestiegen. Ist die Thermodynamik über Nacht ein schwereres Thema geworden? Sind die Studenten dümmer geworden? Oder lag es an den überfordernden Prüfungen?

    Und ich habe nicht von leichteren Klausuren gesprochen, sondern von vernünftig gestellten. Wer einmal den Studienbetrieb in den USA erlebt hat, weiß was ich meine. Den Stoff kriegen die da auch vermittelt. Aber die Lernatmosphare ist eine völlig andere. "Wer sich anstrengt, schafft es auch." wird dort gelebt, nicht nur erzählt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service