Karriereförderung : Mehr Vielfalt an den Hochschulen

Lehrstühle für Geschlechterforschung und Personalmanagement sollen unterschiedliche Talente fördern. Vor allem eröffnen sie neue Hochschullaufbahnen.

So sieht eine Karriere für die Geschlechtergerechtigkeit aus: Nach der Hamburger Doktorarbeit über Das Recht auf Gleichberechtigung (2000) baute die Politologin Carmen Leicht-Scholten über mehrere Jahre an der Technischen Hochschule Aachen Mentoring-Programme auf, in denen berufserfahrene Wissenschaftler vor allem Doktorandinnen bei ihrer Berufsplanung beraten. Als die TH im millionenschweren Exzellenzwettbewerb des Bundes und der Länder 2007 zur Elite-Universität erhoben wurde, gehörte Leicht-Scholten mit zu den Siegern: Sie hatte das Zukunftskonzept der Hochschule zugunsten von Frauen und Internationalisierung bearbeitet.

Die in- und ausländischen Gutachter waren davon angetan. Der Rektor machte seine Ratgeberin deshalb zur Spitzenkraft im Gender and Diversity Management (G&D) der Hochschule mit insgesamt 15 Mitarbeitern. Gender steht dabei praktisch für Frauenförderung und diversity , für Vielfalt und die Beseitigung ethnischer und anderer Vorurteile, wie sie hierzulande etwa im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz benannt sind. Anfang dieses Jahres wurde Leicht-Scholten aus der Hochschulverwaltung auf eine Professur namens G&D in den Ingenieurwissenschaften berufen. Ab Sommersemester können Studierende in dem Gebiet für ihr Bachelor- und Masterexamen punkten.

Überprüfung vonLehrplänen anvielen Hochschulen

Ähnliche Professuren gibt es sogar schon länger an den Technischen Universitäten in München oder in Berlin . Andere Hochschulen haben zu ihrer Profilierung eigens sogenannte Rektoratsbeauftragte für G&D ernannt, wissenschaftliche Kommissionen eingesetzt oder hochschulübergreifende Netzwerke geschaffen. Die Wegbereiter sollen alle Lehrpläne entsprechend überprüfen und verbessern. Zudem zählt der offizielle Hochschulkompass der Rektorenkonferenz ein gutes Dutzend ganz spezieller Bachelor- und Master-Studiengänge zu dieser Thematik.

Allemal hängt das Studienangebot natürlich vom Vorverständnis der Dozenten ab. Dabei hat Geschlechterforschung oft den Schwerpunkt Frauenforschung, und diversity den Stachel Antidiskriminierung. Solche Akzentuierungen entsprechen den im Grundgesetz verankerten Menschenrechten. Insoweit bezeichnet die Konstanzer Management-Professorin Sabine Boerner G&D als eine "politisch-normative Notwendigkeit" in Hochschule und Gesellschaft, die internationale Fachliteratur spricht plastisch vom "moral justice case".

Damit verbindet sich je nachdem auch die Erwartung eines wirtschaftlichen, zumindest aber Image-Vorteils, der "business case". So verspricht der Deutsche Bank-Chef Jürgen Fitschen: "Ich werde nicht in den Ruhestand treten, bevor wir nicht eine Frau im erweiterten Vorstand haben." Und für internationale Unternehmen wie die Telekom ist diversity bei der Personalrekrutierung natürlich selbstverständlich, die Wertschätzung sozio-kultureller Eigenheiten ein offenes Geschäftsgeheimnis. G&D-Anstrengungen in Forschung und Lehre spiegeln diese praktische Entwicklung akademisch.

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Kommentare

33 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Wie sieht

es eigentlich mit der Geschlechterparität im Bereich Geschlechterforschung aus?

Eine sehr berechtigte Kritik des Feminismus an der alten Universität bestand ja darin, dass Frauen in ihr vielleicht als Objekte männliucher Forschung vorkamen, aber nicht als Subjekte der Forschung.

Wie sieht das nun heute aus?

Ich hoffe doch, dass die Geschlechterforschung Subjektpositionen bereitstellt für Frauen und Männer aller sexuellen Orientierung.

Als Interessierter wäre ich deshalb dankbar für Namen: Wer steht für heterosexuelle männliche Geschlechterforschung?

Warum nennt man es dann nicht so?

"Gender steht dabei praktisch für Frauenförderung"

Und kann es sein, dass die DDR auf diesem Gebiet schon mal weiter war? Ich glaube mich an ein Interview mit dem weiblichen Direktor (sic! in der DDR bevorzugte man die generische Terminologie) eines Braunkohle-Tagebaus in der DDR zu erinnern ...

Aber ich finde schon, dass eine Professorin für sagen wir Materialforschung oder organische Chemie oder Verkehrswesen oder Brandschutz oder Bauphysik oder ... an einer TU ein größerer Fortschritt in Richtung Gleichberechtigung wäre, als eine für ausgerechnet "Geschlechterforschung".

Erinnern wir uns an Marie Curie, an Liese Meitner, an Maria Goeppert-Mayer, an Emmy Noether, an Sofia Kovalevskaya, ...

Interessant ist

auch dieses Zitat:

"Deshalb rät Boerner lieber, Gender und diversity "ausschließlich normativ zu legitimieren" statt das gut gemeinte Vorhaben durch womöglich enttäuschende wirtschaftliche Ergebnisse zu diskreditieren."

Wenn die Wirklichkeit nicht der Norm entspricht, ist halt die Wirklichkeit falsch. Willkommen in Ideologistan...

P.S.: Wenn man schon die Personalpolitik gendert - könnte man nicht auch die Ergebnisse gendern?

P.P.S.: Unsereins befindet sich außerhalb des Informationsflusses der Netzwerke. Umso mehr erstaunt das Auftauchen DIESES Arguments im zeitlichen Umfeld der triumphal gewordenen Quotendiskussion. Gibt es Gründe dafür?

Wiurd da gegen noch nicht allgemein bekannte Evaluationsergebnisse eine rhetorische Schutzwand aufgebaut?

FÜR EINE ANTWORT WÄRE ICH DANKBAR.

Gender steht dabei praktisch für Frauenförderung

In den Gender Studies gab es in den 1980er/1990ern einen "Paradigmenwechsel" von "Frauenforschung" bzw. "feministischen Studien" hin zu gender. Der Witz war, dass die alte Überzeugung, Frauen würden von Männern unterdrückt, überwunden wurde, und etwas komplexere Theorien entwickelt wurde. Schön, dass man das im Rahmen des "gender mainstreamings" ohne Probleme wieder zurück drehen kann. Genau deswegen sehe ich nicht, warum man gender und diversity-kram mit solchen Schwerpunkten ernst nehmen soll. Und verstehe in Ansätzen sogar die Menschen, die Gender Studies für heiße Luft halten.