Die Worte, mit denen Apple die neue Version seiner Hochschulsoftware ItunesU vorstellte, waren gewohnt groß. "Jeder, der an einem bestimmten Thema interessiert ist, kann von überall auf der Welt aus lernen – und das nicht nur im Hörsaal", ließ Apple-Vize Eddy Cue via Pressemitteilung verlauten. Und zwar bei den "weltweit prestigeträchtigsten Universitäten". Pädagogen und Studenten werde "alles" an die Hand gegeben, "was sie zum Unterrichten und Belegen eines kompletten Kurses benötigen". Es hätte wohl nicht viel gefehlt, und die Computermacher hätten gleich jede Form akademischer Veranstaltung, die in Seminarräumen und Hörsälen physisch stattfindet, für obsolet erklärt. Allein: Damit hätte man wohl die umworbene Klientel verschreckt.

In der Tat ermöglicht das neue ItunesU fantastische Weltreisen: Von der Finanztheorie bis zur Amerikanischen Revolution, von Yale bis Stanford – in der Universität 2.0 ist die große Tour leicht zu haben. Das liegt auch daran, dass der Einstieg für die Universitäten in diese Form der Verbreitung akademischer Inhalte niedrigschwellig ist, wie diverse, ebenfalls bei dem Dienst eingestellte Tutorials beweisen. Eine Kamera in die Vorlesung gestellt, hinterher mit einer speziellen, ebenfalls kostenfreien Software eventuell vorhandene Powerpointfolien via Splitscreen ins Bild montiert: Fertig ist das Kursangebot. Unis können zudem Literaturlisten und – vor allem das ist neu gegenüber älteren ItunesU-Versionen – PDFs mit den Seminartexten selbst auf der Startseite des Kurses einfügen.

Die deutschen Universitäten bleiben trotz alledem zurückhaltend, was die neue Welt angeht. Nur drei der neun Eliteuniversitäten hierzulande haben bisher Itunes-Auftritte. Von den großen Berliner Unis ist nur die Humboldt-Universität vertreten. Die meisten Hochschulen – wie etwa die LMU München – nutzen die Plattform vornehmlich zum Einstellen von Imagefilmen, nicht aber tatsächlich für die Präsentation von Lehrinhalten. Deutsche Lehrende, die deutsche Kurse im deutschen Netz geben – sie sind grundsätzlich rar gesät. Auch bei dem in Neuenhagen bei Berlin beheimateten Konkurrenzdienst Iversity.org sind es vor allem US-Hochschullehrer, die ihre Inhalte in offenen Kursen präsentieren.

Studium vor dem Rechner keine Alternative zur Präsenz

Glaubt man den großen Berliner Hochschulen, sind es hauptsächlich rechtliche Fragen, die ein zusätzliches Lehrangebot auf ItunesU bis dato nicht möglich machen. "Wir müssen erst klären, wie es mit den Persönlichkeitsrechten aussieht, bevor wir da Videos aus Vorlesungen und Seminaren einstellen", sagt Constanze Haase, Sprecherin der Humboldt-Universität . Das sieht auch die Freie Universität so, erklärt deren Sprecher Goran Krstin: "Rein rechtlich sind die Konditionen für die Nutzung von iTunesU nicht unproblematisch, gerade dieses Thema wird derzeit von einer Arbeitsgruppe der Universität geprüft."

Die Bedenken sind indes auch grundlegender. Daran, dass Studierende bestimmte Lehrinhalte in Zukunft nur noch vom Rechner aus abfragen sollten, glaubt etwa Krstin nicht: "Die Freie Universität misst der Präsenz von Lehrenden und Lernenden eine hohe Bedeutung zu und wird virtuelle Studiengänge in absehbarer Zukunft eher in Ausnahmefällen anbieten." Ein "Studium vor dem Rechner" sei keine erstrebenswerte Alternative zum heutigen Lehrbetrieb. Dennoch würden die "Onlinephasen" des Studiums in Zukunft an Gewicht gewinnen. Allerdings: Für die interaktive Ergänzung der Lehre würden die derzeit im E-Learning der Universität genutzten Systeme ausreichen, die vor allem ermöglichen, Zusatzmaterialien oder Skripte online zu hinterlegen. Dadurch erziele man indes lediglich eine höhere Erreichbarkeit, nicht aber eine bessere Qualität in der Lehre.

Bleibt das E-Learning also auch auf lange Sicht nur eine Ergänzung für die klassische Präsenzlehre? Auch im Umfeld der FU gibt es Leute, die das so nicht hinnehmen wollen. Nicht zuletzt aus der "Profund"-Gründungsförderung der Freien Universität ging im letzten Jahr die Plattform "Iversity.org" hervor, die derzeit weltweit für Furore sorgt. Hannes Klöpper, Mitgründer dieses "ditigalen Campus", sieht große Potenziale für die Universität 2.0. Er glaubt nicht, dass sich E-Learning der klassischen Präsenzlehre dabei unterordnen muss: "Keine Form ist wichtiger als die andere." Allerdings sei es fatal, die Möglichkeiten des Netzes für die akademische Lehre von vornherein auszuschließen: "Die Vermittlung von Wissen basiert auf Kulturtechniken wie Austausch und Dialog." Bestimmte Kanäle dafür nicht zu nutzen, sei nicht im Sinne der universitäten Lehre.

"Die Interaktivität fehlt bisher völlig"

Allerdings ermöglichten derzeitige Systeme – darunter auch ItunesU – genau das nicht: Austausch. "Die Interaktivität fehlt bisher völlig", kritisiert Klöpper. Die Möglichkeiten sozialer Medien, jener Matrix des permanenten Austauschs, in der sich vor allem Jüngere derzeit zunehmend bewegen, würden von allen momentan gängigen Angeboten zur Lehrmittelbereitstellung im Netz nicht genutzt. "Die Vision ist ein globales akademisches Netzwerk, in dem länderübergreifend kollaborativ gearbeitet werden kann."

Auf Iversity.org hat sich diese Vision deutlich niedergeschlagen. Anders als bei ItunesU können hier Inhalte diskutiert, Texte gemeinsam erarbeitet werden. Materialien können direkt am Text für alle Teilnehmer einer Seminargruppe sichtbar kommentiert werden. Ein bisschen mutet das an, wie die politischen Mitbestimmungssysteme Liquid Feedback oder Adhocracy , die seit dem Berliner Wahlsieg der Piratenpartei in aller Munde sind. Das Cloud Computing macht auch vor Wissensinhalten nicht Halt. Iversity.org erscheint als innovativer Agent dieses Wandels.

Doch schon bei ItunesU ist die Frage der Persönlichkeitsrechte komplex. Dass diese Frage noch schwieriger wird, wo Teilnehmer – je nach von den Lehrenden getroffenen Voreinstellungen – sogar öffentlich oder teilöffentlich im Netz diskutieren, gesteht Klöpper zu: "Unsere Plattform ist da agnostisch – wie einsehbar die Inhalte sind, müssen die entscheiden, die sie einstellen."

Wie digital die Universität der Zukunft sein wird – es wird auch davon abhängen, wie präsent Lehrende und Lernende im Internet wirklich sein wollen.

Erschienen im Tagesspiegel