Lehre im InternetDas Netz kann den Hörsaal nur ergänzen

Mehr und mehr Hochschulen präsentieren ihre Studieninhalte im Internet. Doch kann das wirklich die Lehre verbessern? von Johannes Schneider

Die Worte, mit denen Apple die neue Version seiner Hochschulsoftware ItunesU vorstellte, waren gewohnt groß. "Jeder, der an einem bestimmten Thema interessiert ist, kann von überall auf der Welt aus lernen – und das nicht nur im Hörsaal", ließ Apple-Vize Eddy Cue via Pressemitteilung verlauten. Und zwar bei den "weltweit prestigeträchtigsten Universitäten". Pädagogen und Studenten werde "alles" an die Hand gegeben, "was sie zum Unterrichten und Belegen eines kompletten Kurses benötigen". Es hätte wohl nicht viel gefehlt, und die Computermacher hätten gleich jede Form akademischer Veranstaltung, die in Seminarräumen und Hörsälen physisch stattfindet, für obsolet erklärt. Allein: Damit hätte man wohl die umworbene Klientel verschreckt.

In der Tat ermöglicht das neue ItunesU fantastische Weltreisen: Von der Finanztheorie bis zur Amerikanischen Revolution, von Yale bis Stanford – in der Universität 2.0 ist die große Tour leicht zu haben. Das liegt auch daran, dass der Einstieg für die Universitäten in diese Form der Verbreitung akademischer Inhalte niedrigschwellig ist, wie diverse, ebenfalls bei dem Dienst eingestellte Tutorials beweisen. Eine Kamera in die Vorlesung gestellt, hinterher mit einer speziellen, ebenfalls kostenfreien Software eventuell vorhandene Powerpointfolien via Splitscreen ins Bild montiert: Fertig ist das Kursangebot. Unis können zudem Literaturlisten und – vor allem das ist neu gegenüber älteren ItunesU-Versionen – PDFs mit den Seminartexten selbst auf der Startseite des Kurses einfügen.

Anzeige

Die deutschen Universitäten bleiben trotz alledem zurückhaltend, was die neue Welt angeht. Nur drei der neun Eliteuniversitäten hierzulande haben bisher Itunes-Auftritte. Von den großen Berliner Unis ist nur die Humboldt-Universität vertreten. Die meisten Hochschulen – wie etwa die LMU München – nutzen die Plattform vornehmlich zum Einstellen von Imagefilmen, nicht aber tatsächlich für die Präsentation von Lehrinhalten. Deutsche Lehrende, die deutsche Kurse im deutschen Netz geben – sie sind grundsätzlich rar gesät. Auch bei dem in Neuenhagen bei Berlin beheimateten Konkurrenzdienst Iversity.org sind es vor allem US-Hochschullehrer, die ihre Inhalte in offenen Kursen präsentieren.

Studium vor dem Rechner keine Alternative zur Präsenz

Glaubt man den großen Berliner Hochschulen, sind es hauptsächlich rechtliche Fragen, die ein zusätzliches Lehrangebot auf ItunesU bis dato nicht möglich machen. "Wir müssen erst klären, wie es mit den Persönlichkeitsrechten aussieht, bevor wir da Videos aus Vorlesungen und Seminaren einstellen", sagt Constanze Haase, Sprecherin der Humboldt-Universität . Das sieht auch die Freie Universität so, erklärt deren Sprecher Goran Krstin: "Rein rechtlich sind die Konditionen für die Nutzung von iTunesU nicht unproblematisch, gerade dieses Thema wird derzeit von einer Arbeitsgruppe der Universität geprüft."

Die Bedenken sind indes auch grundlegender. Daran, dass Studierende bestimmte Lehrinhalte in Zukunft nur noch vom Rechner aus abfragen sollten, glaubt etwa Krstin nicht: "Die Freie Universität misst der Präsenz von Lehrenden und Lernenden eine hohe Bedeutung zu und wird virtuelle Studiengänge in absehbarer Zukunft eher in Ausnahmefällen anbieten." Ein "Studium vor dem Rechner" sei keine erstrebenswerte Alternative zum heutigen Lehrbetrieb. Dennoch würden die "Onlinephasen" des Studiums in Zukunft an Gewicht gewinnen. Allerdings: Für die interaktive Ergänzung der Lehre würden die derzeit im E-Learning der Universität genutzten Systeme ausreichen, die vor allem ermöglichen, Zusatzmaterialien oder Skripte online zu hinterlegen. Dadurch erziele man indes lediglich eine höhere Erreichbarkeit, nicht aber eine bessere Qualität in der Lehre.

Bleibt das E-Learning also auch auf lange Sicht nur eine Ergänzung für die klassische Präsenzlehre? Auch im Umfeld der FU gibt es Leute, die das so nicht hinnehmen wollen. Nicht zuletzt aus der "Profund"-Gründungsförderung der Freien Universität ging im letzten Jahr die Plattform "Iversity.org" hervor, die derzeit weltweit für Furore sorgt. Hannes Klöpper, Mitgründer dieses "ditigalen Campus", sieht große Potenziale für die Universität 2.0. Er glaubt nicht, dass sich E-Learning der klassischen Präsenzlehre dabei unterordnen muss: "Keine Form ist wichtiger als die andere." Allerdings sei es fatal, die Möglichkeiten des Netzes für die akademische Lehre von vornherein auszuschließen: "Die Vermittlung von Wissen basiert auf Kulturtechniken wie Austausch und Dialog." Bestimmte Kanäle dafür nicht zu nutzen, sei nicht im Sinne der universitäten Lehre.

Allerdings ermöglichten derzeitige Systeme – darunter auch ItunesU – genau das nicht: Austausch. "Die Interaktivität fehlt bisher völlig", kritisiert Klöpper. Die Möglichkeiten sozialer Medien, jener Matrix des permanenten Austauschs, in der sich vor allem Jüngere derzeit zunehmend bewegen, würden von allen momentan gängigen Angeboten zur Lehrmittelbereitstellung im Netz nicht genutzt. "Die Vision ist ein globales akademisches Netzwerk, in dem länderübergreifend kollaborativ gearbeitet werden kann."

Auf Iversity.org hat sich diese Vision deutlich niedergeschlagen. Anders als bei ItunesU können hier Inhalte diskutiert, Texte gemeinsam erarbeitet werden. Materialien können direkt am Text für alle Teilnehmer einer Seminargruppe sichtbar kommentiert werden. Ein bisschen mutet das an, wie die politischen Mitbestimmungssysteme Liquid Feedback oder Adhocracy , die seit dem Berliner Wahlsieg der Piratenpartei in aller Munde sind. Das Cloud Computing macht auch vor Wissensinhalten nicht Halt. Iversity.org erscheint als innovativer Agent dieses Wandels.

Doch schon bei ItunesU ist die Frage der Persönlichkeitsrechte komplex. Dass diese Frage noch schwieriger wird, wo Teilnehmer – je nach von den Lehrenden getroffenen Voreinstellungen – sogar öffentlich oder teilöffentlich im Netz diskutieren, gesteht Klöpper zu: "Unsere Plattform ist da agnostisch – wie einsehbar die Inhalte sind, müssen die entscheiden, die sie einstellen."

Wie digital die Universität der Zukunft sein wird – es wird auch davon abhängen, wie präsent Lehrende und Lernende im Internet wirklich sein wollen.

Erschienen im Tagesspiegel

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Soetwas in Hände privater Unternehmen zu geben halte ich generell für bedenklich, insbesondere bei Apple.

    Einen interessanten Ansatz für das E-Learning hat der Professor Sebastian Thrun von der Stanford University angeboten, wie ich finde. Dort erklärt er in Videos den Inhalt, man macht zwischendurch Quizze, macht Hausaufgaben und schreibt in Echtzeit Prüfungen. Dabei kann man sich mit den anderen Kursteilnehmern austauschen.

    Soetwas ersetzt natürlich kein Hochschulstudium, doch finde ich hat es einige signifikante Vorteile:

    *Ich kann jederzeit das Video zurückspulen, wenn ich etwas nicht verstanden habe und es mir so oft angucken wie ich will
    *Ich kann mir aussuchen, wann ich lerne, meinetwegen um 3 Uhr nachts
    *Ich muss nicht in überfüllten Hörsälen aus 300 Metern raten, was der Professor da an die Tafel kritzelt
    *Es können tausende Studenten gleichzeitig teilnehmen (wobei es dann mit der Betreuung und Korrektur von Arbeiten etwas hapern könnte)
    *Ich kann von überall auf der Welt teilnehmen
    *Da der Content, einmal hochgeladen, für das Archiv bleibt und von einer Menge Personen begutachtet wird, wird der Lehrende auf Mängel eher hingewiesen und Aufgabenstellungen klarer/eindeutiger formuliert

    Leider scheinen da insbesondere deutsche Unis/Hochschulen eher ziemlich konservativ zu sein

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich kann über den ganzen Artikel nur den Kopf schütteln, denn ich habe selbst im Studium auch eine Onlinevorlesung gehabt und fand die einfach nur klasse - aus den von Ihnen genannten Gründen. Ich konnte mir das anschauen, wann ich wollte, zurückspulen, hab sogar nebenbei gebügelt ;)
    Mag daran liegen, daß ich sowieso sehr autodidaktisch eingestellt bin, aber die wenigsten Profs haben es verstanden, sich im Hörsaal unersetzlich zu machen. Von daher sind Onlinevorlesungen einfach nur gut. Ich konnte keinen Nachteil feststellen.

  2. http://videoonline.edu.lm...

    Ich persönlich habe noch nie verstanden, was mir der Besuch von Vorlesungen für Vorteile gegenüber dem Streaming-Angebot bringen soll. Wenn ich mir eine Vorlesung online anschaue, dann kann ich mir die Uhrzeit aussuchen (also nicht übermüdet um 8 Uhr morgens), kann Pausen machen und zurückspulen, wenn es Unklarheiten gibt, kann mir auch den Lernzeitraum aussuchen (manchmal kommt man erst in den Semesterferien dazu, sich auf die (Nach-)Klausur vorzubereiten) und werde nicht so sehr durch für Hörsäle typische Störgeräusche abgelenkt.

    Wie in einem überfüllten Hörsaal eine ernsthafte Kommunikation zwischen Dozent und Student stattfinden soll, ist mir schleierhaft. Meiner Erfahrung nach traut sich ohnehin kaum jemand Fragen zu stellen vor so viel Publikum, zudem, wenn man noch unsicher ist, ob die Frage nicht irgendwie banal sein könnte. So werden dann vielleicht eine handvoll Fragen gestellt, von denen ohnehin nur die Hälfte beantwortet werden kann, da die anderen so speziell sind, dass der Dozent sie auch nicht aus dem Stegreif beantworten kann. Die andere Hälfte der Fragen wird inhaltlich oder akustisch nicht richtig verstanden oder die Antwort ist trotz richtigem Verständis der Frage für den Studenten unverständlich oder unbefriedigend. Da bringt es mir mehr, wenn ich dem Dozenten einfach eine E-Mail schreibe.

  3. Warum nehmen sich Universitäten kein Beispiel an den E-Learning Plattformen einiger Fernstudien-Anbieter? Einige sind schon seit Jahren interaktiv, bieten live Online-Seminare an.

    Es liegt doch im Interesse und Vorteil aller, eine solche Plattform anbieterunabhängig zu entwickeln, z.B. nach open-source Vorbild. Warum das Internet nicht nutzen, um ein paar Hörsäle zu entlasten und gleichzeitig noch mehr Bürger zu erreichen?

    In diesem Punkt ist man erstaunlich uninnovativ.

  4. Wenn hier andauernd von iTunes geredet wird ist das für mich reine Werbung. Den eigentlichen Sinn eines Artikels über E-Learning sehe ich darin, dass endlich mal in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt wird, dass es ein Recht auf Bildung und deren Umsetzung gibt! Es ist ein Menschenrecht und das E-Learning im Netz ist die Beste Möglichkeit dieses Recht endlich weiter umzusetzen. Aber bitte ohne Apple und iTunes, denn die Beschränken den freien Zugang durch proprietäre Lizenzmodelle, DRM und Abspielgeräte.

  5. http://audiothek.philo.at/ ist ein funktionierendes Portal, in dem Studierende und Lehrende der Philosophie an der Universität Wien Vorlesungen, Vorträge und Konferenzen aufzeichnen und zugänglich machen.

    • keibe
    • 15. März 2012 20:37 Uhr

    "Die deutschen Universitäten bleiben trotz alledem zurückhaltend, was die neue Welt angeht. Nur drei der neun Eliteuniversitäten hierzulande haben bisher Itunes-Auftritte."

    Irgendwo scheint mir das verständlich. Man stelle sich nur einmal vor, dass ein Professor virtuell 1000 Studenten erreichen könnte und damit 5 seiner Kollegen überzählig machen würde. Kein Wunder, dass nun alle möglichen Gründe bemüht werden, die online-Version des Studiums zumindest zu verzögern.

    Wie lernen eigentlich Schüler (!) in Finnland im Winter? Online. Und wer hat regelmäßig die besten PISA-Ergebnisse? Finnland. Dazu noch Fragen, deutsche Universitäten?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Thems
    • 15. März 2012 23:40 Uhr

    schon noch andere Gründe für die guten Pisa-Ergebnisse Finnlands geben, aber im Prinzip haben Sie Recht.

    Ich für meinen Teil bin auch stark daran interessiert, das Internet stärker in das Hochschulwesen einzubinden. Ich habe zur Zeit im Studium die unglückliche Situation, dass ein mir wichtiges Wahlpflichtfach zur gleichen Zeit stattfindet, wie eine sehr schwierige Veranstaltung, die mit 6 Semesterwochenstunden über 5 Wochen extrem komprimiert und dazu auch anspruchsvoller ist als manch andere. Durch das WPF verpasse ich pro Woche 2 SWS, die ich nun eigenständig mit Literatur und einem sehr lückenhaftem Skript nacharbeiten muss. Das ist jetzt nicht unmöglich, aber es wäre halt unglaublich hilfreich, so eine Aufzeichnung von einer Vorlesung zu haben.

    Wir bieten auch einen Online-Kurs an für Medien-Informatik an (Ba. und Master), und es hat gegenüber dem Präsenzstudium eben auch einige Vorteile, beispielsweise für junge Eltern und Studenten, die nebenbei Arbeiten (kein Minijob) müssen. Denen überlässt man die Aufarbeitung des Stoffes ganz alleine. Sie müssen sich selbst organisieren und disziplinieren, haben aber trotzdem die Möglichkeit, mit den Profs. Rücksprache zu halten. So kann man halbtags (10 Semester) oder Vollzeit (6 Semester) studieren. Das ist eine Flexibilität, die viele brauchen, die aber ein Präsenzstudium nicht bieten kann.

    Ach ja, und wer Werbung für Apple vermutet: Seien Sie nicht so paranoid...

    • Thems
    • 15. März 2012 23:40 Uhr

    schon noch andere Gründe für die guten Pisa-Ergebnisse Finnlands geben, aber im Prinzip haben Sie Recht.

    Ich für meinen Teil bin auch stark daran interessiert, das Internet stärker in das Hochschulwesen einzubinden. Ich habe zur Zeit im Studium die unglückliche Situation, dass ein mir wichtiges Wahlpflichtfach zur gleichen Zeit stattfindet, wie eine sehr schwierige Veranstaltung, die mit 6 Semesterwochenstunden über 5 Wochen extrem komprimiert und dazu auch anspruchsvoller ist als manch andere. Durch das WPF verpasse ich pro Woche 2 SWS, die ich nun eigenständig mit Literatur und einem sehr lückenhaftem Skript nacharbeiten muss. Das ist jetzt nicht unmöglich, aber es wäre halt unglaublich hilfreich, so eine Aufzeichnung von einer Vorlesung zu haben.

    Wir bieten auch einen Online-Kurs an für Medien-Informatik an (Ba. und Master), und es hat gegenüber dem Präsenzstudium eben auch einige Vorteile, beispielsweise für junge Eltern und Studenten, die nebenbei Arbeiten (kein Minijob) müssen. Denen überlässt man die Aufarbeitung des Stoffes ganz alleine. Sie müssen sich selbst organisieren und disziplinieren, haben aber trotzdem die Möglichkeit, mit den Profs. Rücksprache zu halten. So kann man halbtags (10 Semester) oder Vollzeit (6 Semester) studieren. Das ist eine Flexibilität, die viele brauchen, die aber ein Präsenzstudium nicht bieten kann.

    Ach ja, und wer Werbung für Apple vermutet: Seien Sie nicht so paranoid...

    Antwort auf "Bedenkenträger"
  6. In letzter Zeit wurden (ausgehend von einigen Online-Kursen der Stanford University) mit Udacity und Coursera sehr vielversprechende Online-Plattformen erstellt, die über Übungen, Foren und "Office Hours" sogar interaktionsfähig sind und m.E. durchaus eine konkurrenzfähige Alternative zur klassischen Hochschulbildung darstellen.

    Insofern wundert es mich schon, dass hier davon gesprochen wird, dass es den Hörsaal nur ergänzen kann (und dabei vorwiegend auf profitorientierte Plattformen verwiesen wird)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service