Wissenschaftliche KarriereAkademischen Smalltalk kann man lernen

Anders als in der Wirtschaft wird strategisches Plaudern in der Wissenschaft meist misstrauisch beäugt. Ein Seminar an der FU Berlin soll Abhilfe schaffen. von Ute Zauft

Der Chef des Lehrstuhls lädt zu Ehren des Gast-Professors zur Cocktail-Party: Die Atmosphäre beim Scotch scheint ungezwungen, die Gäste plaudern entspannt – wäre da nicht die eine Frage, die immer wieder auftaucht: "Und, woran forschen Sie gerade?" Der nur mittelmäßig erfolgreiche Protagonist in dem britischen Campus-Roman "Ortswechsel" ist Meister darin, diese Frage unbeantwortet zu lassen. Sein Trick: gleich die Gegenfrage stellen. Innerhalb deutscher Uni-Kreise kommen solche privaten Cocktail-Empfänge eher selten vor. Und dennoch: In einer international konkurrierenden Wissenschaftswelt ist es wichtig, sich mit seinen Forscherkollegen auszutauschen und zu vernetzen. An der Freien Universität Berlin können Nachwuchswissenschaftler dies nun in einem Seminar lernen. Der Titel: "Academic Smalltalk and Networking".

Die Seminarteilnehmer stehen sich jeweils zu zweit gegenüber und üben. Für 60 Sekunden müssen sie die Aufmerksamkeit ihres Gegenübers gewinnen: Wer bin ich, womit beschäftige ich mich, und warum? Olena Fimyar sitzt aufrecht, lächelt in die Runde. Am Anfang spricht sie etwas leise, dann wird sie lauter und deutlicher. Kurz und knapp stellt sie sich und ihren Forschungsschwerpunkt vor: Die Soziologin untersucht, unter welchen Bedingungen Bildungsemigranten nach ihrer Ausbildung wieder in ihre Heimat zurückkehren. Das Feedback der Runde ist positiv. Besonders gut ist angekommen, dass die 33-Jährige auch ihre persönliche Motivation in die Kurzpräsentation eingeflochten hat: Sie stammt aus der Ukraine und hatte nach ihrer Promotion im englischen Cambridge vergeblich versucht, in ihrer Heimat wieder Fuß zu fassen.

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Die zwölf internationalen Teilnehmer des englischsprachigen Workshops kommen sowohl aus den Geistes- als auch aus den Naturwissenschaften, denn unter dem Dach der Dahlem Research School (DRS) sind 20 Promotionsprogramme der Freien Universität Berlin zusammengefasst. Ein Fokus der fächerübergreifenden Einrichtung liegt auf den "Transferable Skills", so die Leiterin der DRS, Martina van de Sand, also auf Fertigkeiten, die nicht nur im akademischen Kontext, sondern auch in Arbeitsfeldern jenseits der Universität einsetzbar sind. "In diesem Seminar geht es darum, die eigene Arbeit, aber eben auch sich selbst zu präsentieren. Das ist nicht nur für eine wissenschaftliche Karriere wichtig", sagt van de Sand.

Das Erlernte soll auch jenseits der Uni nützlich sein

Die Situation, in die sich die Promovenden innerhalb des Seminars einfühlen sollen, ist wesentlich weniger glamourös als die berühmt-berüchtigten Cocktail-Partys. Vor dem inneren Auge taucht stattdessen eine typische Kaffeepausen-Szene am Rande einer Konferenz auf. Konferenzen seien eine großartige Gelegenheit, um Kontakte für mögliche Kooperationen zu knüpfen, erklärt Millie Baker. Die Kommunikationstrainerin stammt aus London und leitet das Seminar in Berlin. "Wenn man die eigene Forschung schlüssig und interessant kommunizieren kann, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass das Gegenüber erstens die eigenen Ideen versteht und sie dann zweitens auch weiterträgt", so Baker. Zudem könnten sich aus solchen Treffen bisweilen auch neue Finanzierungsmöglichkeiten für die eigenen Forschungsprojekte ergeben.

Leserkommentare
  1. Super - nach dem Publizierseminar jetzt wissenschaftliches Kontakteknüpfen in Seminarform.
    Dafür sollen dann Nachwuchswissenschaftler ihre Zeit verplempern. Um zu lernen, dass man mit anderen Konferenzteilnehmern über deren Konferenzbeitrag plaudern kann. Nur - vom Plaudern kommt keine Kooperation zustande. Für wirkliche Kooperationen muss es handfeste gemeinsame Interessen und Synergien geben, sonst verläuft doch die Kooperation im Sande.
    Vielleicht gibt es deswegen die Zurückhaltung der Wissenschaft gegenüber der Plauderei, weil in der Wissenschaft überwiegend hochintelligente Menschen unterwegs sind, die sich nicht von leerem Geschwätz beeindrucken lassen.

    Ich bin gespannt auf das nächste Seminar für transferable sogft skills aus Dahlem - Schuhe zubinden - oft unterschätzt doch wichtig.

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    Ihr Einwurf überrascht mich und lässt mich wundern, woher Sie ihre erfahrung schöpfen. Als Doktorand, der in den letzten Jahren auf mehreren Konferenzen unterwegs war, ist mir aufgefallen, dass die Fähigkeit der KommunikationsAUFNAHME und die Kommunikation aufrecht zu erhalten absolut nicht jedem Gott gegeben ist. Und ohne Kommunikationsaufnahme keine von Ihnen angesprochene Kooperation.

    Es fällt auf, dass vor allem Wissenschaftler amerikanischen Ursprungs dies sehr gut können. Kein wunder, in durchschnittlichen amerikanischen Schule gehört "Kommunikation" zum Standardlehrwerk, i.e präsentieren, diskutieren, argumentieren. Dies fehlt an europäischen und vor allem an deutschen Schulen.

    Es überwiegt scheinbar die Meinung, dass der Standardstudent sich selbst alles beibringen sollte. Von mir aus. Aber leider ist dies in zeiten von durchstrukturierten Bachelorstudiengängen nicht mehr möglich. Daher verwundert es nicht, dass Studenten keine Kommunikationsfähigkeiten entwickeln, da sie von einem Seminar ins andere rennen (spreche auch aus eigener Erfahrung). Die von Ihnen angesprochenen "Softskills" als Seminar anzubieten folgt einfach dieser Logik

  2. sowas sollte man eigenlich in Kontakt mit Professoren erlernen koennen. Aber vielleicht haben die an der Elite-FU keine Zeit mehr sich um Selbstverstaendlichkeiten zu kuemmern bei durchschnittlich 10-30 Doktoranden...

    Mal ehrlich: wieviele Lehrstuehle in Berlin werden nicht wiederbesetzt um dieses 'Kompetenzzentrum' zu finanzieren? Immerhin sind 15 Personen im Dahlem Research School Management Team aufgelisted (http://www.fu-berlin.de/s... )...

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    ...und das beschäftigungstherapeutische "Angebot" ist obendrein nicht selten kaum von Doktoranden besucht. Aber eine Institution, die selber zwei Hände voll von gescheiterten Wissenschaftlern beschäftigt, kann auf Professorengehälter verzichten und sich als "innovatives" Gemurks nach Außen verkaufen. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Werbung ist wichtiger als Wissenschaft, auch in der Wissenschaft.

  3. Ihr Einwurf überrascht mich und lässt mich wundern, woher Sie ihre erfahrung schöpfen. Als Doktorand, der in den letzten Jahren auf mehreren Konferenzen unterwegs war, ist mir aufgefallen, dass die Fähigkeit der KommunikationsAUFNAHME und die Kommunikation aufrecht zu erhalten absolut nicht jedem Gott gegeben ist. Und ohne Kommunikationsaufnahme keine von Ihnen angesprochene Kooperation.

    Es fällt auf, dass vor allem Wissenschaftler amerikanischen Ursprungs dies sehr gut können. Kein wunder, in durchschnittlichen amerikanischen Schule gehört "Kommunikation" zum Standardlehrwerk, i.e präsentieren, diskutieren, argumentieren. Dies fehlt an europäischen und vor allem an deutschen Schulen.

    Es überwiegt scheinbar die Meinung, dass der Standardstudent sich selbst alles beibringen sollte. Von mir aus. Aber leider ist dies in zeiten von durchstrukturierten Bachelorstudiengängen nicht mehr möglich. Daher verwundert es nicht, dass Studenten keine Kommunikationsfähigkeiten entwickeln, da sie von einem Seminar ins andere rennen (spreche auch aus eigener Erfahrung). Die von Ihnen angesprochenen "Softskills" als Seminar anzubieten folgt einfach dieser Logik

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    "Als Doktorand, der in den letzten Jahren auf mehreren Konferenzen unterwegs war, ist mir aufgefallen, dass die Fähigkeit der KommunikationsAUFNAHME und die Kommunikation aufrecht zu erhalten absolut nicht jedem Gott gegeben ist."

    Nach meiner Beobachtung gibt es kaum einen Gott, dem Kommunikationsfähigkeit gegeben ist.

  4. immer zwei Schritte voraus:

    http://xkcd.com/1032/

    • Acrux
    • 22. März 2012 18:14 Uhr

    aber wenn dann nichts fachliches dahintersteckt, bleibt es natuerlich auch beim smalltalk, da braucht sich kein "Netzwerker" was vormachen.

    Im Prinzip kann man aber jedem juengeren Kollegen nur raten, sich auf Konferenzen nicht mit den anderen Doktoranden in die Ecke zu verziehen. Wenn man meint, dass die Ergebnisse was taugen, soll man mit den grossen Fischen spielen, und sich bei denen fuer's abendliche Bier etc. einhaengen. Es ist wichtig, gerade fuer Studenten und Anfaenger, nicht aus Budgetgruenden z.B. auf's Dinner oder den Konferenzausflug zu verzichten. Die Kosten stehen in keinem Verhaeltnis zum moeglichen Nutzen daraus.

    Dass es fuer diese Erkenntnis Training braucht, ist allerdings traurig genug: Konferenzen waren schon immer nur vordergruendig dazu da, Ergebnisse auf Postern oder in Vortraegen zu praesentieren; die kann man in den meisten Faellen auch irgendwo nachlesen. Auf jeder gelungenen Konferenz wird der Hauptnutzen fuer die Teilnehmer in den Diskussionen nach den Beitraegen oder ganz abseits davon erzielt (und ja, ich habe schon Konferenzen organisiert).

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    > aber wenn dann nichts fachliches dahintersteckt,
    > bleibt es natuerlich auch beim smalltalk, da braucht
    > sich kein "Netzwerker" was vormachen.

    Aber das ist doch eine Selbstverständlichkeit. Umgekehrt wird ein Wissenschaftler mit bestem Fachwissen es schwer haben erfolgreich wissenschaftlich Karriere zu machen, wenn er nicht gelernt hat auf andere zuzugehen, wozu manchmal eben auch (vermeintlich) banaler Smalltalk zum Einstieg gehört.

    Und dieses Angebot für eher schüchterne Menschen die sich sonst bei Konferenzen gerne absondern finde ich daher gar nicht so schlecht.

  5. > aber wenn dann nichts fachliches dahintersteckt,
    > bleibt es natuerlich auch beim smalltalk, da braucht
    > sich kein "Netzwerker" was vormachen.

    Aber das ist doch eine Selbstverständlichkeit. Umgekehrt wird ein Wissenschaftler mit bestem Fachwissen es schwer haben erfolgreich wissenschaftlich Karriere zu machen, wenn er nicht gelernt hat auf andere zuzugehen, wozu manchmal eben auch (vermeintlich) banaler Smalltalk zum Einstieg gehört.

    Und dieses Angebot für eher schüchterne Menschen die sich sonst bei Konferenzen gerne absondern finde ich daher gar nicht so schlecht.

  6. ...und das beschäftigungstherapeutische "Angebot" ist obendrein nicht selten kaum von Doktoranden besucht. Aber eine Institution, die selber zwei Hände voll von gescheiterten Wissenschaftlern beschäftigt, kann auf Professorengehälter verzichten und sich als "innovatives" Gemurks nach Außen verkaufen. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Werbung ist wichtiger als Wissenschaft, auch in der Wissenschaft.

    Antwort auf "Peinlich"
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    Vielleicht sollte man ein Alternativseminar anregen:
    Wie man manipulative Kommunikation von einem offenen, unabhängigen wissenschaftlichen Diskurs unterscheiden lernt.

    Was soll das Ziel dieses Unterfangens sein?
    Solide unabhängige Wissenschaft abzudrängen und bereits an die Uni "head hunter" einzuschleußen, um via "small talk" die Anleitung zum "Quak sprech" zu verbreiten?
    Bzw: Frühzeitig auf Linie umprogrammieren und jetzt bereits an der Uni die Kontakte zu "head huntern" zu ermöglichen?
    Mit "Vitamin B" ist alles gleich karrieremäßig gebahnt?
    http://www.youtube.com/wa...

    Stellt sich doch als erstes die Frage, weshalb ein Psychologe den Nobelpreis für Ökonomie bekam. Wozu braucht
    es "Verhaltensökonomie"? Etwa um Schrottprodukte auf den Markt zu werfen und sich anschließend "small talk"-mäßig mit "Uups, das war nur ein unerwünschter Nebeneffekt" aus der Affaire ziehen zu können?

    Sorry, mit diesem strategischen Konzept kann ich nichts anfangen. Solide evidenzbasierte und unabhängige Wissenschaft, die sich unmittelbar auch Falsifizierungen zu stellen vermag, das sollte das Ziel sein. Auch wenn es bei einem offenen Diskurs nicht gerade so "small talk"-mäßig locker flockig einhergeht. Korrumpieren lassen geht garnicht in der Wissenschaft.

  7. Vielleicht sollte man ein Alternativseminar anregen:
    Wie man manipulative Kommunikation von einem offenen, unabhängigen wissenschaftlichen Diskurs unterscheiden lernt.

    Was soll das Ziel dieses Unterfangens sein?
    Solide unabhängige Wissenschaft abzudrängen und bereits an die Uni "head hunter" einzuschleußen, um via "small talk" die Anleitung zum "Quak sprech" zu verbreiten?
    Bzw: Frühzeitig auf Linie umprogrammieren und jetzt bereits an der Uni die Kontakte zu "head huntern" zu ermöglichen?
    Mit "Vitamin B" ist alles gleich karrieremäßig gebahnt?
    http://www.youtube.com/wa...

    Stellt sich doch als erstes die Frage, weshalb ein Psychologe den Nobelpreis für Ökonomie bekam. Wozu braucht
    es "Verhaltensökonomie"? Etwa um Schrottprodukte auf den Markt zu werfen und sich anschließend "small talk"-mäßig mit "Uups, das war nur ein unerwünschter Nebeneffekt" aus der Affaire ziehen zu können?

    Sorry, mit diesem strategischen Konzept kann ich nichts anfangen. Solide evidenzbasierte und unabhängige Wissenschaft, die sich unmittelbar auch Falsifizierungen zu stellen vermag, das sollte das Ziel sein. Auch wenn es bei einem offenen Diskurs nicht gerade so "small talk"-mäßig locker flockig einhergeht. Korrumpieren lassen geht garnicht in der Wissenschaft.

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  • Schlagworte Karriere | Lernen | Freie Universität Berlin | Ukraine | Berlin | Cambridge
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