Es kam, wie zu erwarten war: Die Philosophische Fakultät der Bonner Uni hat der Politikberaterin und Unternehmerin Margarita Mathiopoulos ihren Doktortitel von 1986 entzogen . Der äußere Druck auf die Hochschule vor allem von den Plagiatsjägern auf der Internetplattform VroniPlag schien offensichtlich zu groß, um die  Dissertation "Geschichte und Fortschritt im Denken Amerikas" mit ihren versteckten Anlehnungen an Fremdautoren noch länger auf sich beruhen zu lassen.

Seit dem Plagiatsskandal im vergangenen Jahr um den damaligen Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sehen sich die deutschen Universitäten von Konstanz bis Hamburg vielmehr von einem Ansehensverlust in der breiten Öffentlichkeit bedroht. Deshalb beeilen sie sich neuerdings immer wieder rückwirkend reinen Tisch zu machen, aber auch immer nur dann, wenn akademische Privatdetektive über die Medien erschummelte Doktorarbeiten bloßstellen.

Dabei ist jedoch gerade am Fall Mathiopoulos unverkennbar, wo die Reinkultur an Grenzen stößt – der Entzug ihres Titels geschieht nämlich zur völligen und gut verständlichen Überraschung der ehemaligen Doktorandin. Bedenken gegen fragliche Textübernahmen wurden in der Fachwelt und der Presse schon Ende der achtziger Jahre erhoben, blieben in Bonn aber wirkungslos. Der Doktorvater Karl Dietrich Bracher bemängelte nachträglich zwar die "Arbeitsmethoden" seiner Schülerin, sah dadurch aber den "Kern der geistigen Leistung von Frau Mathiopoulos nicht beeinträchtigt." Basta!

Auch die Universitäten in Braunschweig und Potsdam sahen sich trotz der notorischen Beanstandungen keineswegs gehindert, der mittlerweile politisch bestens vernetzten Vorzeigefrau 1995 und 2002 eine Honorar- oder Ehrenprofessur zu verleihen. Der renommierte Politologe Claus Leggewie schrieb in einem empfehlenden Gutachten nach Braunschweig: "Die TU hat einen 'großen Fisch' an der Angel, sie sollte ihn nicht vorbeiziehen lassen."

Was damals üblich, soll heute nicht mehr redlich sein

Die akademische Karriere von Mathiopulos lässt sich nur mit einem erweiterten Wissenschaftsbegriff erklären. Dieser missversteht die Hochschule nicht als eine Isolierstation, sondern fasst sie realistischerweise stets mit den Einflüssen aus dem sozialen Umfeld, im sozialen Kontext, auf. Die Exil-Griechin Mathiopoulos war schon seit Schulzeiten in der Bonner Politszene gut aufgehoben, der SPD-Chef Willy Brandt ein Freund der Eltern.

Ihr akademischer Lehrer Bracher zählt zu den Begründern der demokratischen Politikwissenschaft in der frühen Bonner Republik und war an der Uni eine unangreifbare Respektsperson. Deshalb traute sich damals kein Kollege, den Daumen über seine Meisterschülerin zu senken. Die Saubermänner von heute trauen sich das jetzt aus reiner Angst vor VroniPlag und der davon gesteuerten öffentlichen Meinung. Was damals üblich war, soll heute nicht mehr redlich sein. Mathiopoulos zieht gegen die Titelaberkennung jetzt vor Gericht und darf sich zumindest auf absehbare Zeit noch Prof. Dr. nennen.

Dabei drücken sich alle Kritiker um eine Grundfrage unserer Rechtsordnung: Wann verjährt eine Sache? Totschlag nach 20 Jahren, arglistige Täuschung bei Staats-, Diplom-, Bachelor- und Masterprüfungen häufig nach fünf oder zehn Jahren. Dagegen steht der Doktorgrad bisher lebenslänglich auf dem Spiel. Promi-Bashing gilt für Mathiopoulos bis in alle Ewigkeit. Wie scheinheilig ist es doch von der Bonner Uni, all die Schuld und berechtigten Mängel nur auf Mathiopoulos abzuwälzen? Der Titelentzug bedeutet vor allem eins: Die Hochschule stiehlt sich aus der Verantwortung von damals, sie betreibt Selbstschutz und präsentiert sich nun geläutert. Ein sauberer Laden hätte schon 1986 womöglich anders gehandelt.