Online-StudiumDeutsche Unis tasten sich ins Internet

Hochschulen in aller Welt tüfteln an neuen Online-Studienmodellen. An deutschen Unis verläuft der digitale Wandel nur zäh. Doch einige Experimente machen Hoffnung. von Rick Noack

Jana Vormwald lebt in der Zukunft – aber das liegt nicht daran, dass sie an der FH Bielefeld Regenerative Energien studiert. Als die 18-Jährige im Winter mit einer Grippe im Bett lag, besuchte sie trotz der Krankheit einige ihrer Vorlesungen – von zu Hause aus. Auf YouTube.

Die Studentin ist Teil eines zukunftsträchtigen Online-Experiments, gestartet von ihrem Mathematik-Professor Jörn Loviscach. Loviscach filmt all seine Vorlesungen und stellt sie online; 1.800 Videos hat der Professor schon aufgenommen. Seine Studenten freuen sich. Wer mal nicht zur Uni kommen kann, schaut sich die Vorlesungen einfach online an – wann er will, wo er will.

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Doch onlineaffine Professoren wie der von Jana Vormwald sind hierzulande eher die Ausnahme. Viele Deutsche studieren, als hätte das Internet einen Bogen um ihre Universität geschlagen.

Während Hochschulen in aller Welt an neuen Online-Studienformen tüfteln, halten sich deutsche Innovationen in Grenzen. "Die Deutschen sind sich nach wie vor nicht bewusst, dass man auch außerhalb einer real greifbaren Uni studieren kann", sagt Jörg Eisfeld-Reschke, Experte des Kommunikations-Instituts Ikosom. Er selbst experimentiert als Lehrbeauftragter an der Universität Magdeburg mit einem Blog, auf dem er seine Studenten auf die kommende Vorlesung vorbereitet.

160.000 Studenten gleichzeitig

Wer mehr als nur Experimente sehen möchte, muss sich in den USA umschauen. Dort lebt der wohl erfolgreichste Online-Professor der Welt, Sebastian Thrun. Der langjährige Stanford-Dozent unterrichtet 160.000 Studenten aus aller Welt auf einmal. Seine Online-Kurse bietet er auf der Online-Plattform Udacity kostenlos und ohne Zulassungsbeschränkung an, jeder darf alles studieren.

Thruns englischsprachige Informatik-Module erstrecken sich über acht Wochen. Am Ende können die Studenten eine Prüfung ablegen, die inzwischen auch von einigen etablierten Universitäten anerkannt wird. Das ändert nicht nur das Studentenleben. "Unser Online-Studium kann guten Professoren die Popularität von Rock-Stars verschaffen", sagt Thrun. Seine These für die Zukunft: "Schlechte Dozenten werden mehr Druck verspüren. Das wird die Qualität unserer Bildung erheblich verbessern."

Gibt es bald Professoren, die zu Unternehmern werden? Und die dann auch pleite gehen, wenn zu wenige Studenten – ihre Kunden – ihnen zuhören? In den USA, wo private Elite-Unis schon immer einen erbitterten Wettkampf geliefert haben, mag das funktionieren. Aber in Deutschland? "Ehrlich gesagt habe ich dort noch keine wirklich gute Idee einer großen Universität gesehen", sagt Thrun. Doch es herrsche Aufbruchsstimmung. Und die Nachfrage sei da: Er habe so viele Web-Studenten aus Deutschland, dass er bereits über eine deutsche Version von Udacity nachdenke.

Leserkommentare
  1. Früher hat man halt, wenn man krank zu Hause lag und nicht in die Vorlesung konnte, das entsprechende Lehrbuch hergenommen und den Stoff selbst erarbeitet. Oft wird vergessen, dass das Selbststudium einen erheblichen Teil des Studiums ausmacht (oder ausmachen sollte) und man mit einer reinen Konsumheltung nicht so weit kommt.

    Trotzdem können aufgezeichnete Vorlesungen eine sehr sinnvolle Ergänzung zum normalen Lehrbetrieb sein, und wenn man dadurch mehr Zeit in die Lehrformen investieren kann, die nur offline funktionieren (Laborpraktika, Lektüreseminare, Übungen, Abschlussarbeiten etc.), dann kann das in der Tat die Lehre verbessern.

    Eine Leserempfehlung
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    studium an sich bedeutet..sich mit sich selbst beschäftigen.

    zu den onlinemodellen der deutschen unis. sie sind wieder mal hinten dran. wer hat es wieder mal MIT treibend erfunden. die amis

  2. ... denn die sind in der Regel ohnehin wenig interaktiv. Der Professor könnte seine Vorlesung aufnehmen und immer die Teile auswechseln, die gerade aktualisiert werden müssen. Man könnte auch wunderbar animierte Erklärungen dazwischenschalten - wo das Sinn macht, denn "Blinkgewitter" helfen Studenten nicht wirklich weiter. Gut wäre auch, dass der Professor sich seine "Vorstellung" ansehen und danach Aussprache, Sprechgeschwindigkeit, Lautstärke und Ausdrucksweise anpassen könnte - ich glaube, im Hörsaal merken viele überhaupt nicht, ob der Vortrag ankommt. Die Zeit, die man spart, weil man die Vorlesung nicht jedes mal neu halten muss, könnte man dann zum Beispiel investieren, um mehr mit Studenten zu diskutieren.

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    ...das geht online nicht. Außerdem vereinsamt man doch, wenn man nur zu Hause sitzt und sich nicht mit den Kommilitonen austauschen und auch messen kann. Und so neu sind die Ideen auch nicht: Man denke an Telekolleg & Co. Da hat es auch keinen Durchbruch gegeben.

    M.E. eignen sich die Angebote nur für diejenigen, die nebenberuflich studieren und deshalb auf die Abrufbarkeit Lehrveranstaltungen "zur Unzeit" angewiesen sind. Ansonsten geht das auf die Qualität.

  3. Vielen Dank für den Hinweis. Bei dem Studiengang "Wirtschaftsrecht Online" handelt es sich jedoch nicht um einen reinen Online-Studiengang. Nach wie vor wird Material per Post verschickt, bei den drei neuen Studiengängen ist dies nicht mehr der Fall.

    Dennoch haben Sie aber Recht: Auch "Wirtschaftsrecht Online" ist ein interessantes Experiment!

    Rick Noack

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    Nein, bei Wirtschaftsrecht Online werden keine Unterlagen verschickt. Wer erzählt diese Falschinformationen?

    Ich studiere es im 8. Semester und habe bisher nur Rechnungen per Post bekommen. Es gibt zwar Skripte, aber nicht in allen Fächern, aber das ist auch nicht anders als bei den 3 neuen Studiengängen. Die Softwareplattform ist eine andere (und m. E. die bessere)

    Es gibt eine freiwillige Präsenz von 4 Tagen für Verhandlungstraining etc. was halt oOnnline nur schwerlich geht. Wismr liegt an der Ostsee, im Endeffekt Urlaub und in manchen Bundesländern als Bildungsurlaub anerkannt.

    Eigentlich haben Sie das interesannteste an der HS übersehen und ein Experiment ist er mit ca. 700 Studierenden auch nicht mehr.

    Hier sind Sie falsch informiert Herr Noack.

    Ich befinde mich jetzt im 6. Semester des Onlinestudienganges Bachelor of Law.
    In all dieser Zeit habe ich nie Unterlagen für die einzelnen Module zugesandt bekommen!

    Das einzigste was per Post versandt wird, sind Unterlagen für die Wahlen der Gremien, des StuPa's und des FSR, was mittlerweile sogar teilweise online angeboten und rege benutzt wird.

    Alles was zu den Vorlesungen der Module gehört wird in T@keLaw hinterlegt oder befindet sich im HS-Wismar Studentenforum.

    Der Austausch zwischen den Studenten hat eine rege Beteiligung. Wir kommunizieren teilweise über Skype oder Email, denn vielen ist es aus beruflichen und/oder familiären Gründen nicht möglich an einem persönlichen Treffen teilzunehmen. Die Verteilung der Studenten über ganz Deutschland und auch das Ausland, u.a. die USA und Canada, ist dieser Online-Studiengang nur vorteilhaft.

    Die einzigsten Präsenztermine sind die Prüfungen, welche mittlerweile mehr als 2mal im Jahr angeboten werden und ein Präsenzseminar, welches über 1 Woche läuft und auch mit einer Prüfung endet.
    Zudem sind die Prüfungsorte über ganz Deutschland verteilt, so dass bspw. ein Student aus Bayern nicht ständig nach Wismar pendeln muss.

    Das Engagement von Prof. Möller ist mehr als bewundernswert. Er kümmert sich sehr um uns Online-Studenten.

    Lieber "Rick Noack",

    der - selbstverständlich - herzliche Dank für einen Hinweis auf einen schlecht recherchierten Artikel hätte besser zugunsten einer sorgfältigeren Recherche gespart werden können. Mein einziger postalischer Kontakt zur Hochschule Wismar während des Studiums "Wirtschaftsrecht Online" war die Einsendung meiner Anmeldung.

    Vielleicht mögen Sie ja in Kürze einmal detaillierter über das "interessante Experiment" aus Wismar berichten. Für Rückfragen über tatsächliche Gegebenheiten stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

  4. Das Internet hat die Macht, verkrustete Strukturen aufzubrechen, insbesondere dort, wo Dinge leicht vervielfältigbar sind, ständiger Aktualisierung bedürfen und bisher durch eher künstlich konstruierte Hindernisse knapp gehalten werden. So bröseln die klassischen Geschäftsmodelle der Musikrechteverwerter, die des Versandhandels und Büchern. Die Apotheken haben sich dank Pharma-Lobby bisher noch halten können.

    Lehre ist auch leicht vervielfältigbar (für mich gehören in der Arbeit Schulungen mit elektronischen, auch interaktiven Videos zum Alltag), ist elektronisch leicht auf dem neuesten Stand zu halten, und wird bisher mit einem völlig selbstverliebten, verkrusteten System aus akademischen Titeln, Hirarchien und Traditionen von jeglichem Wettbewerb abgeschottet. Die Selbstüberheblichkeit an den Universitäten, der Glaube "die besten der besten zu sein" (mitnichten!), die Ausgrenzung von Innovationen durch Titel ("Nur der Prof darf es erfunden haben. Leider hat er selbst noch nie eine gute Idee gehabt.") ist unerträglich.

    Die wachsende Konkurrenz ist sehr willkommen, bald wird das verkrustete deutsche System mit hochmodernen vernetzten Vorlesungen in der ganzen Welt im Wettbewerb stehen. Die Professoren hierzulande bekommen dann eine ehrliche Antwort auf die Qualität ihrer Arbeit und können sich nicht mehr länger hinter Titeln und Ämtern verstecken. Natürlich nicht alle, aber ein paar werden dort landen, wo sie hingehören: Auf dem Komposthaufen der Bildungsgeschichte.

  5. studium an sich bedeutet..sich mit sich selbst beschäftigen.

    zu den onlinemodellen der deutschen unis. sie sind wieder mal hinten dran. wer hat es wieder mal MIT treibend erfunden. die amis

    Antwort auf "Online - Offline"
    • HerrS
    • 23. Mai 2012 10:30 Uhr

    Ich bin selbst ein großer Freund der Vorlesungs-Videos im Netz, insbesondere wenn sie frei verfügbar sind. Gerade wenn es darum geht, einen kurzen Einblick in ein Themengebiet zu bekommen, schaue ich mir diese sehr gerne an.

    Andererseits kann ich aber auch gut verstehen, wenn Lehrende sich davor scheuen, ihre Materialien zu veröffentlichten. Die Gefahr, dass einem salopp gesagt "jemand ans Bein pinkelt", ist deutlich höher. Das gilt sowohl für inhaltliche Fehler, als auch urheberrechtlich geschützte Inhalte. Des Weiteren bedarf es einer Vor- und Nachbereitung: die entsprechende Technik muss vorhanden sein, die Videos müssen danach geschnitten werden. Den Arbeitsaufwand darf man nicht unterschätzen und gerade kleine Lehrstühle dürften dabei schnell an ihre Grenzen stoßen.

    Ein weiterer Punkt, den ich bei reinen Online-Kursen auch zu Bedenken geben möchte, ist die Kooperation mit Kommilitonen. Natürlich werden die Kurse durch Internetforen unterstützt, in denen es eine rege Diskussion gibt. Dies ersetzt allerdings nicht die fachlichen Diskussionen, die man auch mal in der Kneipe bei einem Bier führt.

    • J_P
    • 23. Mai 2012 12:44 Uhr

    Zitat: "Die Deutschen sind sich nach wie vor nicht bewusst, dass man auch außerhalb einer real greifbaren Uni studieren kann", sagt Jörg Eisfeld-Reschke, Experte des Kommunikations-Instituts Ikosom.

    Kommentar: Knapp 80.000 Studierende der FernUniversität in Hagen würden das sicher anders bewerten.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Internet | Fachhochschulen | Student | Video | USA | Wismar
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