StudiengängePolitikwissenschaft ist Mist!

Die Dozentin Christiane Florin ärgerte sich über diskussionsfaule Politikstudenten. Unser Autor erwidert, er wolle im Studium nicht labern, sondern Nützliches lernen. von Julian Kirchherr

Frau Florin, in Ihren Veranstaltungen wünschen Sie sich mehr Diskussionen. Sie sind enttäuscht von uns Studenten, weil wir so schweigsam sind.

Ich will Ihnen sagen, warum wir nicht leidenschaftlich über die Barschel-Affäre diskutieren und warum uns Endlosgespräche zu Themen wie Macht kalt lassen: Wir wollen in unseren Seminaren endlich etwas Nützliches lernen. Aber Sie bringen uns nichts Nützliches bei.

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Das Studium der Politikwissenschaft ist für uns ein Mittel zum Zweck. Wir erwarten, dass die Dozenten uns die Werkzeuge an die Hand geben, die wir brauchen, um etwas zu bewirken: Als Entwicklungshelfer in Mali , Freelancer bei Spiegel Online oder auch als Berater bei McKinsey .

Sie wollen Theorie, wir wollen Praxis

Das sind unsere Träume, aber die Antwort unserer Dozenten lautet immer nur: "Wie wäre es mit einer Diskussion zu Max Weber oder Karl Marx?" Doch diese Diskussionen führen nicht zu Antworten.

Julian Kirchherr

studierte Politik- und Verwaltungswissenschaften in Münster und Enschede. Heute belegt er den Masterstudiengang Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre an der London School of Economics and Political Science.

Als ich ein Praktikum beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Brüssel absolviert habe, sollte ich Förderanträge schreiben, um Mittel des Europäischen Sozialfonds anzuzapfen. Mein Studium hat mich darauf nicht vorbereitet. Dafür weiß ich Bescheid über regionale Integrationstheorien und den Konstruktivismus. Na toll.

Frau Florin, Sie wohnen in einem akademischen Elfenbeinturm. Sie sind verliebt in Theorien und Definitionen. Wegen Dozenten wie Ihnen ist das Studium der Politikwissenschaften so trocken und theoretisch.

Während die Studenten in Ihrem Seminar schweigen, Frau Florin, brodelt es in den meisten von ihnen. Viele von uns haben schon über einen Studienabbruch nachgedacht. Spätestens zum Masterstudium wählen wir dann eine andere Fachrichtung als Politikwissenschaft. Oder gehen ins Ausland, denn dort wird der Praxisbezug des Studiums hochgehalten.

Leserkommentare
    • cvnde
    • 24. Mai 2012 17:11 Uhr

    HSG in Berlin, da sitzt der Meister des Faches für die EU in Deutschland.

    Antwort auf "Foederantrage"
    • cvnde
    • 24. Mai 2012 17:16 Uhr

    ich hoffe der Herausgeber des L. liest ihren Kommentar.

    • cvnde
    • 24. Mai 2012 17:19 Uhr

    PW studiert und eine Ausbildung im ÖD.

    Wenn man sich ansieht was sich im letzteren tummelt, kann man sich nur schömen, wenn man das erste mal erlebt hat.

    • Puh
    • 24. Mai 2012 17:27 Uhr
    92. Denken

    lernt man beim Denken - und da ist es eigentlich ziemlich egal, bei welchem Fach man Denken lernt. sofern man es dann lernt. Politikwissenschaft ist von daher per se kein Mist, sondern der Versuch, jungen Menschen - sagen wir ruhig mal - Algorithmen an die Hand zu geben, die ihnen helfen, Probleme zu lösen.
    Diskussionsfähigkeit ist hierbei die Grundlage für jede Entscheidungsfähigkeit. Wer sich dem Erlernen dieser Kernkompetenz verweigert, wird wohl, das ist zu befürchten, nie wirklich in der Lage sein, angemessene Entscheidungen zu treffen.

    By the way, wer denken gelernt hat, dem fällt es ziemlich leicht, Anträge an den Europäischen Sozialfond zu stellen, da gibt es nämlich nicht wirklich viel, was man können muss. Außer denken vielleicht.

  1. Studenten der Politischen Wissenschaft wollen nicht denken, sie wollen schon gar nicht kritisieren, das können sie auch gar nicht, denn sie sind nicht in der Lage einen kritischen Gedanken zu fassen. Die Verhältnisse werden vo ihnen derart hypostasiert und ontologisiert, dass nur noch bleibt, sich innerhalb dieser Verhältnisse zurechtzufinden und erfolgreich zu sein. Studenten der Politischen Wissenschaft wollen Karriere machen! Das sage ich, der das höchst zweifelhafte Glück hatte, in Mannheim Politische Wissenschaft zu studieren.

    2 Leserempfehlungen
  2. Seite 1: Ich empfehle Herrn Kirchherr eine Ausbildung. Zum Beispiel zum Buchhalter, da lernt er auch die doppelte Buchführung. Oder den Gang in die Politik.
    Seite 2: Ich empfehle Herrn Kirchherr eine Beschäftigung mit seinem Studium - da lernt er die Instrumente, die er so schmerzlich vermißt.
    Warum studiert er dieses Fach überhaupt, wenn er Theorie so schlimm findet? Es ist eine Wissenschaft, was hat er erwartet? Ein Studium zum Politiker?

    3 Leserempfehlungen
  3. Entfernt. Über respektvolle Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

  4. Als Student der Geschichte weiß ich aus meiner bescheidenen kurzjährigen Erfahrung nur folgendes. Die meisten der Professoren sind ihren Vorlesungen so unempfänglich für Fragen und Debatten, dass sie nur schnauzend erwidern: "Das ist hier keine Fragestunde! Wenn sie Fragen zur Lektüre oder den Prüfungsmodalitäten haben, kommen Sie in meine Sprechstunde oder fragen Sie einen Kollegen!". Für Diskussion und breiten Dialog sind Proseminare und Kurse da, zumindest auf der Uni, die ich besuche.

    Eine Leserempfehlung

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte McKinsey | Vereinte Nationen | Einwanderung | Essay | Kommunalpolitik | Praktikum
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