Sie kennen weder Aufnahmeprüfungen noch Stundenpläne, bieten Videovorlesungen von Spitzenprofessoren, individuelles Lerntempo und Studenten-AGs in einem Dutzend Sprachen: Massive Open Online Courses, kurz MOOCs. Interaktive Onlinemassenkurse der US-Elite-Universitäten, die jedem offenstehen, der Internetzugang hat. Und das alles zum Nulltarif.

Nach einhelliger Ansicht der Fachwelt werden MOOCs in den nächsten fünf Jahren das Hochschulwesen weltweit umkrempeln. "Da kommt ein Tsunami auf uns zu", warnte der Präsident der Stanford-Universität John L. Hennessy vor Kurzem seine Kollegen.

Im Herbst 2011 hatte der deutsche Stanford-Professor Sebastian Thrun seinen ersten Onlinemassenkurs über Künstliche Intelligenz angeboten. Er startete mit 160.000 Teilnehmern – das sind gut zehnmal so viele Studenten wie auf dem gesamten kalifornischen Stanford-Campus. Anfang des Jahres machte sich Thrun mit seiner digitalen Plattform Udacity selbstständig.

78.000 Studenten innerhalb einer Woche

Ende April zog Stanford nach. Die Kalifornier gewannen unter anderem die einflussreichen Universitäten Penn und Princeton als Partner. Mit 16 Millionen US-Dollar Startkapital aus dem Silicon Valley gründeten sie die Plattform Coursera. Dort laufen ab September zunächst rund 40 virtuelle Seminare, darunter Kurse über Logarithmen, Software-Entwicklung oder Gentechnik, aber auch Einführungen in die Soziologie und in moderne amerikanische Lyrik. Allein für die neun von Princeton angebotenen Kurse haben sich innerhalb einer Woche 78.000 Studenten eingeschrieben.

Auch Professor Jeremy Adelman bereitet sein erstes Massenseminar vor. Für seinen Coursera-Kurs "Eine Geschichte der Welt seit 1300" hätten sich Studenten aus Europa und Asien angemeldet, aber auch eine Gruppe von Hausfrauen aus dem US-Bundesstaat Iowa, berichtet der Princeton-Historiker.

Anfang Mai dann stellten die Harvard-Universität und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston ihre nichtkommerzielle Plattform edX vor. Sie ist mit 60 Millionen US-Dollar aus dem Vermögen der Partnerunis ausgestattet, weitere Unis können beitreten. Im Herbst sollen zunächst fünf Onlinemassenkurse anlaufen.

"Onlinekurse gibt es schon lange, aber in den vergangenen zehn Jahren hat sich ihre Qualität erheblich verbessert", sagt Kevin Carey, Hochschulexperte beim Forschungsinstitut Education Sector in Washington. Attraktiv sind sie auch deshalb, weil die Kosten für ein herkömmliches Studium in den USA explodiert sind. Jahresgebühren von 40.000 US-Dollar und mehr sind längst nicht mehr nur in Princeton oder Harvard fällig, sondern auch in zweitrangigen Privatunis und, als Folge der Haushaltskrisen, in vielen staatlichen Hochschulen.

Die Kurse sind kostenlos, Abschlussscheine sollen kosten

Hinzu kommt ein immenses Geschäftspotenzial. Globale Plattformen für digitale Bildung sind auch eine Fundgrube für Firmen auf Mitarbeitersuche. Laut Carey könnten Arbeitgeber sogar direkt für berufsqualifizierende Onlinekurse zahlen, "zum Beispiel IT-Unternehmen, die Programmierer brauchen." Als besonders lukrative Einnahmequelle gelten Zertifikate, die den Absolventen ihre Leistung bescheinigen. Entsprechend sind etwa bei edX alle Kursinhalte kostenlos; Abschlussscheine sollen aber nur gegen Gebühren ausgegeben werden.

Bisher allerdings weigern sich viele US-Elite-Unis, darunter Princeton, den Absolventen ihrer Massenkurse Zertifikate auszustellen. Dahinter steht nicht zuletzt die Furcht vor einer Erosion ihres Rufs – etwa durch Betrug bei Online-Prüfungen.

Selbst wenn es zunächst keine virtuellen Scheine mit dem begehrten Princeton-Logo geben mag: Noten sollen die Teilnehmer immerhin bekommen. Die vergibt der Computer oder, vor allem in geisteswissenschaftlichen Kursen, ein Kommilitone: "Das fördert den Lernprozess", ist Adelman überzeugt. Und welcher Professor könnte 25.000 Abschluss-Aufsätze korrigieren?