Schavans Dissertation: "Wissenschaft ist oft nur Ideen-Recycling"
Fremde Ideen nur neu zu formulieren sei Wissenschaftsalltag, sagt der Bildungsforscher Barz. Die Aufregung um Ministerin Schavans Dissertation will er nicht verstehen.
ZEIT ONLINE: Vor gut 30 Jahren hat Annette Schavan an Ihrer Uni und in Ihrem Fach promoviert. Jetzt kommt heraus, dass sie fremde Formulierungen ohne Quellenangabe übernommen hat. Sie müssen schockiert sein!
Heiner Barz: Nicht so richtig. Die Arbeitsweise im akademischen Betrieb besteht oftmals darin, aus hundert Büchern ein neues Buch zu machen. Also das zusammenzutragen, was man woanders an Ideen und Lesarten findet. Ob da nicht nur die Ideen, sondern auch die Formulierungen übernommen werden, ist letztlich nur ein gradueller Unterschied.
ZEIT ONLINE: Die heutige Bildungsministerin hat damals fremde Gedanken beinahe eins zu eins für ihre eigenen ausgegeben. Das finden Sie nicht so schlimm?
Barz: Das ist natürlich unzulässig! Nachlässig trifft es aber eher. Ob neben fünf ordnungsgemäß gekennzeichneten Sätzen auch noch ein sechster Satz mehr oder weniger identisch aus einem Buch übernommen wurde, ist fast zweitrangig. Der eigentliche Skandal liegt darin, dass wissenschaftliche Werke viel zu oft aus reinen Anhäufungen von verklausulierten Exzerptsammlungen bestehen.
ZEIT ONLINE: Übertreiben Sie in diesem Punkt nicht? Bislang halten sich die öffentlich gewordenen Fälle in Grenzen.
Barz: Man müsste mal systematisch wissenschaftliche Arbeiten daraufhin durchsehen, wie viel in durchschnittlichen Publikationen tatsächlich neu ist und wie viel aus Recycling von Ideen besteht. Ich hätte die Vermutung, dass die Bilanz da relativ ernüchternd ausfällt.

Heiner Barz ist Professor für Erziehungswissenschaften und Leiter der Abteilung für Bildungsforschung und Bildungsmanagement der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
ZEIT ONLINE: Sie prophezeien den akademischen Untergang?
Barz: Das nicht. Aber Wissenschaft entsteht immer auch in einem Routinebetrieb. Es ist nicht jeder, der eine Doktorarbeit schreibt, zum Einstein oder Galilei geboren – und erfindet oder erforscht wirklich Neues und Herausragendes.
ZEIT ONLINE: Aber das sollte eigentlich der Anspruch sein. Genau das grenzt doch gerade die Dissertation von anderen wissenschaftlichen Arbeiten ab.
Barz: Deshalb muss man junge Wissenschaftler dazu ermutigen, auch mal eine steile, vielleicht nicht ins Letzte belegbare These zu formulieren. Und nicht die hundertfünfzigste Abhandlung über einen Klassiker.
ZEIT ONLINE: Wenn ein Wissenschaftler eine gewagte These vorträgt, gilt er meistens als Spinner.
Barz: Es gibt das Problem der Verkrustung an Hochschulen. Man wird im wissenschaftlichen Wettbewerb von Gutachtergremien und Fachausschüssen beurteilt, die sich an Maßstäbe halten, die sich in der Vergangenheit bewährt haben. Daher ist man immer in der Gefahr, sehr konservativ zu agieren. Meistens kommen diejenigen zum Zug, die sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen.









Als Doktorand ist es mir in der Regel nicht möglich, die wirklich großen Fragen anzupacken. Ich muss schließlich irgendwie in drei bis fünf Jahren fertig werden. Schaffe ich das nicht, bin ich zumindest für die freie Welt verloren.
Will ich an der Uni bleiben, genügt es nicht, wenn ich mit 35 eine herausragende Dissertation habe, weil ich bei weiteren Bewerbungen in der Regel nach der Anzahl meiner Publikationen bewertet werde.
Die Professoren/Gutachter schaffen die Regeln, nach denen die kleinen Doktoranden eben mitspielen müssen.
Achso, einen Aspekt hätte ich fast vergessen: Wenn man sich erdreistet, nebenbei auch noch ein anderes Leben haben zu wollen, wie Familie oder solche Spinnereien, dann sowieso gute Nacht.
Bei mindestens 90% der Promovierenden handelt es sich sowieso nicht um Interesse am Fach oder dem Forschungsgebiet, sondern um reine Titel-Hascherei und Wichtigtuerei mit Illusionen einer steilen Karriere.
Es werden immer mehr, die die schlechten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt mit einer Promotion versuchen für 3-5 Jahre zu verdrängen. Daher wird der Doktortitel mit einer derzeit zunehmenden Anzahl an Promotionsstudenten künftig weniger wert sein.
Ohne Frage beschreiben Sie den Ist-Zustand im Unibetrieb zutreffend. Aber wir können uns damit nicht zufriedengeben!
Ich habe meine Diss in 3 Jahren durchgerockt und behaupte mal, echten wiss. Mehrwert erzeugt zu haben. Ich weiß, Eigenlob... ;) War aber externer Doktorand - hatte deshalb "Freiheit" und wurde nicht vom Doktorvater mit anderer Arbeit aufgehalten.
Ich bin der Meinung, dass eine Diss mehr sein muss, als aus 10 alten Büchern ein neues zu machen. Wo, wenn nicht im Rahmen einer solchen Forschungsarbeit, sollen denn neue Impulse entstehen?
Bei mindestens 90% der Promovierenden handelt es sich sowieso nicht um Interesse am Fach oder dem Forschungsgebiet, sondern um reine Titel-Hascherei und Wichtigtuerei mit Illusionen einer steilen Karriere.
Es werden immer mehr, die die schlechten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt mit einer Promotion versuchen für 3-5 Jahre zu verdrängen. Daher wird der Doktortitel mit einer derzeit zunehmenden Anzahl an Promotionsstudenten künftig weniger wert sein.
Ohne Frage beschreiben Sie den Ist-Zustand im Unibetrieb zutreffend. Aber wir können uns damit nicht zufriedengeben!
Ich habe meine Diss in 3 Jahren durchgerockt und behaupte mal, echten wiss. Mehrwert erzeugt zu haben. Ich weiß, Eigenlob... ;) War aber externer Doktorand - hatte deshalb "Freiheit" und wurde nicht vom Doktorvater mit anderer Arbeit aufgehalten.
Ich bin der Meinung, dass eine Diss mehr sein muss, als aus 10 alten Büchern ein neues zu machen. Wo, wenn nicht im Rahmen einer solchen Forschungsarbeit, sollen denn neue Impulse entstehen?
Erst bagatellisieren, dann ablenken und am Ende allgemeine Platitüden über das angeblich verkrustete System.
Klar, Bildung ist für die Katz, sagt der Düsseldorfer Bildungswissenschaftler Barz. Arbeitslose AkademikerInnen können sich sowieso nicht aussuchen, wo sie in der Produktion aushelfen müssen.
Eins weiß ich genau: Eine Dissertation "aus dem Hause Barz" werde ich nie lesen, denn die ist erklärtermaßen MÜLL (= Recycling).
Klar, Bildung ist für die Katz, sagt der Düsseldorfer Bildungswissenschaftler Barz. Arbeitslose AkademikerInnen können sich sowieso nicht aussuchen, wo sie in der Produktion aushelfen müssen.
Eins weiß ich genau: Eine Dissertation "aus dem Hause Barz" werde ich nie lesen, denn die ist erklärtermaßen MÜLL (= Recycling).
Immer häufiger wird die Befürchtung laut, es sie bereits alles erforscht. Vielleicht sind viele der neueren Dissertationen nur Zusammenstellungen alter. Und die Plagiatsaffären zeugen davon, das manche beim Zusammenfassen die Herkunft dessen vergessen, was Sie da schreiben. Wie Professor Barz sagt: "Ob neben fünf ordnungsgemäß gekennzeichneten Sätzen auch noch ein sechster Satz mehr oder weniger identisch aus einem Buch übernommen wurde, ist fast zweitrangig."
Wenn in seinem Umfeld das Recycling von Ideen als wissenschaftliche Arbeit durchgeht, dann ist das bedauerlich.
Zwischen Recyclen und 'Galilei oder Einstein' ist noch ziemlich viel Platz für wirkliche Wissenschaft.
Eine wissenschaftliche Arbeit befasst sich *stets* mit Neuem, sie bearbeitet *stets* eine Fragestellung durch Einsatz eigener Ideen. Die Fragestellung mag alt sein, die Erkenntnis darf es nicht.
Was in Herrn Bartz' Umfeld offensichtlich passiert ist Wissensverwaltung, nicht Wissenschaft.
Vielleicht lohnt es sich tatsächlich, seine Arbeiten einmal genauer anzusehen.
Da möchte ich Ihnen wiedersprechen. Zumindest in naturwissenschaftlichen Arbeiten besteht in meist eine Dissertation aus einer Einleitung, Material und Methoden, Ergebnisse und eine Diskussion. Die Einleitung beschäftigt sich meist mit den Ideen oder den Erkenntnissen von vorhergehenden Publikationen. Der Material- und Methodenteil ist oft immer gleich, da die technischen Möglichkeiten in einer Institution oft gleich bleiben. Im Ergebnissteil sollten "STETS" neue wissenschaftliche Erkenntnisse sein. Der Diskussionsteil beschäftigt sich mit den eigenen und neuen Ergebnissen und vergleicht diese mit den bereits zuvor publizierten Arbeiten. Ergo: das STETS Neue kann durchaus in einer 100 seitigen Arbeit auf maximal eine Seite zusammengefasst werden.
MfG
Wissenschaft ist ein iterativer Prozess. Es ist absolut unabdingbar, dass die selben Ideen immer wieder überprüft und diese einzelnen Ergebnisse dann zusammengefasst werden. Nur so entstehen belastbare Theorien.
Forschung ist nicht die Leistung einzelner sondern vieler. Sie basiert auf Intersubjektivität, also auf dem Prinzip dass sie Gültigkeit hat unabhängig von individuellen Forschern.
Auch das neukombinieren existierender Ideen ist nicht verwerflich sondern die Grundlage jeglicher Kreativität.
Jedoch ändert all dies nichts daran, dass man angeben muss, woher man die Ideen hat. Wenn man Ideen als die eigenen ausgibt, so raubt man der Wissenschaft einen wichtigen Antrieb: Anerkennung. Ebenso verhindert man die Vernetzung von Wissenschaft. Denn nur durch Quellenangaben vernetzt sich Forschung und Wissen. Und nur im Gesamtbild der Forschung ergibt sich Erkenntnis. Ganze Schatztruhen an wichtigen Artikeln gehen für die Leser verloren, wenn man eine Idee nicht korrekt zuordnet.
Daher: Das nutzen der Ideen anderer ist kein Problem sondern die Grundlage der Wissenschaft. Jedoch nur mit Quellenangabe. Eigentlich ganz einfach.
Da möchte ich Ihnen wiedersprechen. Zumindest in naturwissenschaftlichen Arbeiten besteht in meist eine Dissertation aus einer Einleitung, Material und Methoden, Ergebnisse und eine Diskussion. Die Einleitung beschäftigt sich meist mit den Ideen oder den Erkenntnissen von vorhergehenden Publikationen. Der Material- und Methodenteil ist oft immer gleich, da die technischen Möglichkeiten in einer Institution oft gleich bleiben. Im Ergebnissteil sollten "STETS" neue wissenschaftliche Erkenntnisse sein. Der Diskussionsteil beschäftigt sich mit den eigenen und neuen Ergebnissen und vergleicht diese mit den bereits zuvor publizierten Arbeiten. Ergo: das STETS Neue kann durchaus in einer 100 seitigen Arbeit auf maximal eine Seite zusammengefasst werden.
MfG
Wissenschaft ist ein iterativer Prozess. Es ist absolut unabdingbar, dass die selben Ideen immer wieder überprüft und diese einzelnen Ergebnisse dann zusammengefasst werden. Nur so entstehen belastbare Theorien.
Forschung ist nicht die Leistung einzelner sondern vieler. Sie basiert auf Intersubjektivität, also auf dem Prinzip dass sie Gültigkeit hat unabhängig von individuellen Forschern.
Auch das neukombinieren existierender Ideen ist nicht verwerflich sondern die Grundlage jeglicher Kreativität.
Jedoch ändert all dies nichts daran, dass man angeben muss, woher man die Ideen hat. Wenn man Ideen als die eigenen ausgibt, so raubt man der Wissenschaft einen wichtigen Antrieb: Anerkennung. Ebenso verhindert man die Vernetzung von Wissenschaft. Denn nur durch Quellenangaben vernetzt sich Forschung und Wissen. Und nur im Gesamtbild der Forschung ergibt sich Erkenntnis. Ganze Schatztruhen an wichtigen Artikeln gehen für die Leser verloren, wenn man eine Idee nicht korrekt zuordnet.
Daher: Das nutzen der Ideen anderer ist kein Problem sondern die Grundlage der Wissenschaft. Jedoch nur mit Quellenangabe. Eigentlich ganz einfach.
Es wird tatsächlich immer schlimmer.
Bagatellisierungen aus der Wissenschaft selbst.
Natürlich dürften viele Arbeiten KEINEN wissenschaftlichen Mehrwert erzeugen. Nur gibt es, bei ordentlicher Zitation, aber wenigestens die Möglichkeit zu entscheiden, ob jemand so einen Titel erlangen soll.
Verschleiert man aber, absichtlich oder nicht ist dabei unwichtig, so nimmt man anderen und der Gesellschaft, dies abzuwägen.
Sogar dies zu erkennen.
Und es wird auch nicht allen ersichtlich, dass die ach so tollen "Titel" am Ende nichts anderes als "Heiße Luft" sind - was wiederum ein gesellschaftliches Steuerungsproblem impliziert.
Tut mir leid, nur noch schlimm.
http://mokanterbeobachter...
Man darf hier nicht Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften über einen Kamm scheren, wie es Herr Barz offensichtlich macht. Dass die Reproduktion von bereits Bekanntem zum Alltag in den Geisteswissenschaften gehört, wie z.B. Ökonomie, ist ein offenes Geheimnis. Dies dann aber mit Naturwissenschaftlern wie Einstein oder Galilei zu vergleichen ist unredlich. Weiterhin wurden ihre maßgeblichen Arbeiten auch nicht als Dissertationsschrift veröffentlicht und dauerten erheblich länger (siehe auch Kepler) als eine heutige Doktorarbeit. Nach meiner Erfahrung - als Astrophysiker - wird in den Naturwissenschaften üblicherweise sehr stark darauf geachtet, dass eine Dissertation über das bisher Bekannte hinaus geht. Auch wenn es nur kleiner Schritt ist. Zumal zeichnet sich wissenschaftlicher Fortschritt heute eher als eine kontinuierliche Fortfolge von kleinen Schritten aus, als durch revolutionäre Durchbrüche. Eine Collage aus bekanntem Wissen ist mir als Dissertation bislang nicht untergekommen. Oft sind in den Naturwissenschaften Doktorarbeiten mit Projekten verknüpft, so dass die Resultate die Mosaiksteine eines Gesamtbilds darstellen.
Kurzum, was man heute als Wissenschaft bezeichnet, bedarf in einigen Fällen einer Untersuchung der Definition (Wissen schaffen, nicht wiederkäuen).
Wie Herr Barz hier eine Freifahrtschein für grenzwertige Wissenschaftspraktiken erteilt finde ich katastrophal! Das ist rufschädigend für die Wissenschaft als Ganzes und ein Schlag ins Gesicht der "ehrlichen" Doktoranden.
Wenn ich also ein paar Mal richtig zitiere, darf ich an anderer Stelle fremdes geistiges Eigentum als mein Eigenes ausgeben?
Ich habe in den Neurowissenschaften und Informatik zahlreiche Dissertationen (in ihrer Entstehung und Endform) gesehen. Ausnahmslos handelte es sich dabei um genuine empirische oder auch theoretische Forschung, die parallel in Fachzeitschriften veröffentlich wurde.
Was in den Geisteswissenschaften passiert, weiß ich nicht, aber es klingt besorgniserregend...
Ich stimme der Kritik an Herrn Barz entschieden zu - unmöglich, wie hier Wissenschaft entwertet und die Probleme der Schavan-Arbeit verharmlost werden (es geht u.a. um ganze abgeschriebene Passagen, in denen drei Füllwörter und ein Verb verändert wurden - ohne Angabe).
Ich würde dennoch anregen, das nicht zu nutzen, die Naturwissenschaften gegen die Geisteswissenschaften auszuspielen - da scheint mir viel Unwissenheit und eine gute Portion Ressentiment an die Oberfläche zu treten.
Ich arbeite in einem in dieser Hinsicht gemischten Umfeld wissenschaftlich und kenne auf allen Seiten den dezidierten Anspruch, Wissenschaft als hervorbringen von Neuem zu verstehen.
Vielleicht lesen Sie mal probeweise ein paar geisteswissenschaftliche Rezensionen in angesehenen Journalen etwa der Geschichtswissenschaft - sie werden sich wundern, wie hoch da die Latte gehängt wird.
In allen Disziplinen gibt es übrigens zum Glück auch "Spatenwerk" - Konzentrierte Arbeit auf sehr hohem Niveau mit hoher Spezialisierung - ohne dass das Ergebnis von einigen Jahren harter Arbeit gleich individuellen Ruhm des "Neuen" bringt - dennoch kann nur oft nur so fundiert weiter gedacht werden.
Spatenwerke ist allerdings gerade auch in den Naturwissenschaften nicht selten; hier wird ganz überwiegend im Team geforscht. Langfristige u. arbeitsteilige Projekte bringen durchaus jahrelange Routinearbeit hervor - Wissenschaft ist eben alles bloß kein Schnellschuß (den das populäre "Genie"-sterotyp vorgauckelt).
Wenn ich eine Sache beim wissenschaftlichen Arbeiten gelernt habe, dann das es am einfachsten ist, zu "schummeln", je komplexer das Thema ist.
Schon klar, dass momentan die ganzen geisteswissenschaftlichen möchtegern-Dissertationen in den Bloggs durchleuchtet werden, weil man sie eben schnell durch die Plagiatssoftware laufen lässt.
Was aber ist mit dem Physiker, der seine Versuchsreihe oder Daten "anpasst"? Ohne Validierung Verfahren anwendet und dies hinter Formeln und ausdrücken versteckt, die der normale Mensch eh nicht nachvollziehen kann? Ein komplexes Werk wie eine Diss in Mathe, Physik, usw. bietet wesentlich mehr Möglichkeiten, sich die Wahrheit zurecht zubiegen.
Es ist schon klar, dass der Geisteswissenschaftler in der Regel seine Diss aus anderen Büchern mehr oder weniger gut zusammenkopiert und vielleicht sogar mal einen eigenen Gedanke mit eibringt. Aber ich würde mich als Naturwissenschaftler nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Die Dunkelziffer dürfte auch dort recht hoch liegen. Daher geht auch die Pauschalisierung in diesem Artikel in Ordnung.
Es kommt nicht von ungefaehr dass im angelsaechsischen Raum "science" erstmal nur Naturwissenschaften meint. Oft ist "science" zusammen mit "engineering" in einer Fakultaet. Alles andere ist dann social science, arts, law, ...
Dass eine schaerfere Unterscheidung bei uns fehlt zeigt sich in Aeusserungen wie:
"Die Arbeitsweise im akademischen Betrieb besteht oftmals darin, aus hundert Büchern ein neues Buch zu machen."
Mit der Annahme bekommt der nicht mal einen Bachelor in Naturwissenschaften zustande.
Wie Herr Barz hier eine Freifahrtschein für grenzwertige Wissenschaftspraktiken erteilt finde ich katastrophal! Das ist rufschädigend für die Wissenschaft als Ganzes und ein Schlag ins Gesicht der "ehrlichen" Doktoranden.
Wenn ich also ein paar Mal richtig zitiere, darf ich an anderer Stelle fremdes geistiges Eigentum als mein Eigenes ausgeben?
Ich habe in den Neurowissenschaften und Informatik zahlreiche Dissertationen (in ihrer Entstehung und Endform) gesehen. Ausnahmslos handelte es sich dabei um genuine empirische oder auch theoretische Forschung, die parallel in Fachzeitschriften veröffentlich wurde.
Was in den Geisteswissenschaften passiert, weiß ich nicht, aber es klingt besorgniserregend...
Ich stimme der Kritik an Herrn Barz entschieden zu - unmöglich, wie hier Wissenschaft entwertet und die Probleme der Schavan-Arbeit verharmlost werden (es geht u.a. um ganze abgeschriebene Passagen, in denen drei Füllwörter und ein Verb verändert wurden - ohne Angabe).
Ich würde dennoch anregen, das nicht zu nutzen, die Naturwissenschaften gegen die Geisteswissenschaften auszuspielen - da scheint mir viel Unwissenheit und eine gute Portion Ressentiment an die Oberfläche zu treten.
Ich arbeite in einem in dieser Hinsicht gemischten Umfeld wissenschaftlich und kenne auf allen Seiten den dezidierten Anspruch, Wissenschaft als hervorbringen von Neuem zu verstehen.
Vielleicht lesen Sie mal probeweise ein paar geisteswissenschaftliche Rezensionen in angesehenen Journalen etwa der Geschichtswissenschaft - sie werden sich wundern, wie hoch da die Latte gehängt wird.
In allen Disziplinen gibt es übrigens zum Glück auch "Spatenwerk" - Konzentrierte Arbeit auf sehr hohem Niveau mit hoher Spezialisierung - ohne dass das Ergebnis von einigen Jahren harter Arbeit gleich individuellen Ruhm des "Neuen" bringt - dennoch kann nur oft nur so fundiert weiter gedacht werden.
Spatenwerke ist allerdings gerade auch in den Naturwissenschaften nicht selten; hier wird ganz überwiegend im Team geforscht. Langfristige u. arbeitsteilige Projekte bringen durchaus jahrelange Routinearbeit hervor - Wissenschaft ist eben alles bloß kein Schnellschuß (den das populäre "Genie"-sterotyp vorgauckelt).
Wenn ich eine Sache beim wissenschaftlichen Arbeiten gelernt habe, dann das es am einfachsten ist, zu "schummeln", je komplexer das Thema ist.
Schon klar, dass momentan die ganzen geisteswissenschaftlichen möchtegern-Dissertationen in den Bloggs durchleuchtet werden, weil man sie eben schnell durch die Plagiatssoftware laufen lässt.
Was aber ist mit dem Physiker, der seine Versuchsreihe oder Daten "anpasst"? Ohne Validierung Verfahren anwendet und dies hinter Formeln und ausdrücken versteckt, die der normale Mensch eh nicht nachvollziehen kann? Ein komplexes Werk wie eine Diss in Mathe, Physik, usw. bietet wesentlich mehr Möglichkeiten, sich die Wahrheit zurecht zubiegen.
Es ist schon klar, dass der Geisteswissenschaftler in der Regel seine Diss aus anderen Büchern mehr oder weniger gut zusammenkopiert und vielleicht sogar mal einen eigenen Gedanke mit eibringt. Aber ich würde mich als Naturwissenschaftler nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Die Dunkelziffer dürfte auch dort recht hoch liegen. Daher geht auch die Pauschalisierung in diesem Artikel in Ordnung.
Es kommt nicht von ungefaehr dass im angelsaechsischen Raum "science" erstmal nur Naturwissenschaften meint. Oft ist "science" zusammen mit "engineering" in einer Fakultaet. Alles andere ist dann social science, arts, law, ...
Dass eine schaerfere Unterscheidung bei uns fehlt zeigt sich in Aeusserungen wie:
"Die Arbeitsweise im akademischen Betrieb besteht oftmals darin, aus hundert Büchern ein neues Buch zu machen."
Mit der Annahme bekommt der nicht mal einen Bachelor in Naturwissenschaften zustande.
Zitat Barz:
"Die Arbeitsweise im akademischen Betrieb besteht oftmals darin, aus hundert Büchern ein neues Buch zu machen. Also das zusammenzutragen, was man woanders an Ideen und Lesarten findet. Ob da nicht nur die Ideen, sondern auch die Formulierungen übernommen werden, ist letztlich nur ein gradueller Unterschied."
Antwort: Der "graduelle Unterschied" besteht darin, dass ich, indem ich aus 100 Büchern ein Neues schreibe, in der Art und Weise wie ich gewichte, was ich weglasse, wie ich Thesen gegeneinanderstelle, zeige, dass ich 100 Bücher auf individuelle Weise verstanden habe, und in der Lage bin daraus, in ebenfalls einzigartiger Weise, ein neues Buch zu synthetisieren.
Um zu plagiieren, d.h. Formulierungen anderer abzuschreiben, muss ich dagegen streng genommen noch nicht einmal die Sprache, in der die Gedanken verfasst sind, verstehen. Die Kenntnis der einzelnen Buchstaben reicht zum Abschreiben aus.
Nur wenn man unterstellt, dass jedeR der/die abschreibt im Prinzip auch in der Lage gewesen wäre, ähnliche Gedanken selbst zu verfassen, kann man schlussfolgern, dass es sich nur um Nachlässigkeit handelt.
Zitat Barz:
"Das ist natürlich unzulässig! Nachlässig trifft es aber eher."
Von Klassenarbeiten wissen aber die meisten noch, dass in der Regel nicht die Inhalte waren, die man beherrschte, für die man sich den Spickzettel schrieb.
Der Kreislauf ist doch recht einfach: wer neue Thesen aufstellt, muss mit Kritik rechnen.
Ich kenne Wissenschaftler deren tägliches Brot es ist, Texte von anderen bis in das kleinste Details in Frage zu stellen, anzuzweifeln und sogar zu widerlegen. Wer gut formulieren kann und eine umfangreiche Kenntnis der Fachliteratur hat, schafft das in vielen Fällen problemlos.
Gerade für junge Forscher kann das fatal sein. Nicht zuletzt, weil sie aufgrund mangelnder Erfahrung nicht in der Lage sind, dagegenzuhalten.
Wenn wundert es da, dass keine neuen Ideen publiziert werden?
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