Bafög-Prüfer : Haben die das verdient?

Hans-Peter Becker, 61, liest die Bafög-Anträge von Studenten und entscheidet, wer Geld bekommt – und wer nicht.

ZEIT CAMPUS: Herr Becker, seit 30 Jahren prüfen Sie Bafög-Anträge. Wie reagieren Leute, die Sie ablehnen?

Hans-Peter Becker: Manche brechen in Tränen aus. Andere sagen ganz still: »Das war’s dann für mich.« Ab und zu gibt es welche, die mich vermöbeln wollen. Einer hat mal einen Tobsuchtsanfall bekommen. Er schrie: »Blödmann, Bürokratenarsch!« Er hat Türen eingetreten und Stühle durch die Gegend geworfen. Den hab ich persönlich rausgeschmissen.

ZEIT CAMPUS: Sie haben während Ihres Jurastudiums selbst Bafög bekommen. Hatten Sie oft Geldsorgen?

Becker: Ich bekam 200 Mark Bafög, aber als meine Schwester fertig mit dem Studium war, wurde das gestrichen. Meine Mutter hat 70 Mark für Miete überwiesen und war ansonsten der Meinung, 3,50 Mark reichen pro Tag. Da waren Zigaretten und so nicht mit drin. Also hab ich gearbeitet. In den Semesterferien war ich als Fernfahrer unterwegs: Spanien, Frankreich, Ostblock. Ich hätte gern mehr Zeit zum Lernen gehabt, aber das ging nicht anders.

ZEIT CAMPUS: Spielt Ihre eigene Geschichte eine Rolle, wenn heute jemand vor Ihnen sitzt und einen Antrag stellt?

Becker: Ich glaube schon. Ich schmettere einen Antrag nicht ab, nur weil jemand einen nicht ganz geraden Lebenslauf hat oder länger krank war. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es nicht einfach ist, mit ein paar Euro auszukommen.

ZEIT CAMPUS: Gibt es auch Studenten, die versuchen, Ihre Nachsichtigkeit auszunutzen? 

Becker: Ja, und ich habe ein ganz gutes Gespür dafür entwickelt, ob mich jemand belügt und mir ein gefälschtes Attest unter die Nase hält. Aber grundsätzlich bin ich der Meinung: Wir heißen Amt für Ausbildungsförderung. Mit Betonung auf dem »für«. So verstehe ich meine Aufgabe.

ZEIT CAMPUS: Haben die Studenten, denen Sie Bafög verschafft haben, das eigentlich verdient?

Becker: Das ist die falsche Frage. Es ist kein persönliches Verdienst, wenn man Bafög bekommt, sondern ein Recht, das einem das Gesetz zusichert. Viele Studenten muss ich wieder nach Hause schicken, weil sie zu alt oder die Eltern zu wohlhabend sind. Manchmal sitze ich aber auch im Büro und denke: Was für ein lebensfernes Gesetz.

ZEIT CAMPUS: Warum?

Becker: Weil so viele durchs Netz fallen.

ZEIT CAMPUS: Wer zum Beispiel?

Becker: Die Kinder aus Familien, die nicht reich genug sind, um ein Studium zu finanzieren, aber über dem Freibetrag liegen. Das sind so viele, dass es mittlerweile einen Begriff für diese Lücke im Fördersystem gibt: Mittelschichtsloch. Diese Familien verhungern nicht, aber wenn ein oder zwei Kinder studieren, kommen sie schnell in Not. 

ZEIT CAMPUS: In anderen Ländern geht es ohne Geld vom Staat.

Becker: Wir haben aber ein Grundgesetz, und in dem steht: Die Bundesrepublik ist ein sozialer Rechtsstaat. Dieser Staat muss dafür sorgen, dass ein Kind armer Eltern nicht weniger Chancen auf ein Studium hat als ein Millionärskind. Außerdem profitiert auch die ganze Gesellschaft davon, wenn fähige Leute studieren . Deshalb wird das Bafög von allen Bürgern mitfinanziert.

ZEIT CAMPUS: Seit 40 Jahren gibt es Bafög, aber in kaum einem Industrieland studieren so wenige Kinder aus ärmeren Familien wie bei uns. Wirkt das Bafög nicht?

Becker: Ich glaube, dass es ein gutes und wichtiges Instrument ist. Aber es setzt zu spät an. Bis in die achtziger Jahre gab es ab der zehnten Klasse ein Schüler-Bafög, um zu verhindern, dass Kinder aus armen Familien früher von der Schule gehen. Es wäre klug, so etwas wieder einzuführen.

ZEIT CAMPUS: Was bedeuten die steigenden Studienanfängerzahlen für die Bafög-Ämter?

Becker: Wir sind überlastet. In den vergangenen Jahren hat sich allein hier in Köln die Zahl der Bafög-Anträge fast verdoppelt, aber die Personalstärke wurde nicht erhöht. Von August bis Dezember arbeiten wir freiwillig auch samstags, sonst wäre das nicht zu schaffen. Unter der Woche klingelt 80-mal am Tag das Telefon, das macht einen mürbe. Wir verwalten hier den Notstand.

ZEIT CAMPUS: Wissen Sie, was aus den Studenten geworden ist, die Sie in den vergangenen 30 Jahren betreut haben? 

Becker: Manchmal, selten, bekomme ich einen Dankesbrief. Da schreibt mir dann jemand zum Beispiel: »Danke, Herr Becker. Ich bin heute Lehrerin.«

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Kommentare

73 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

vielleicht

Vielleicht gibt es in anderen Ländern mehr Stipendiate, das sei dahingestellt. Fakt ist, dass auch in Deutschland viele dieser Förderungsplätze nicht vergeben werden. a) weil es keine passenden Bewerber gibt, b) weil die Anforderungen nicht passen. Also die Unterstützung ist prinzipiell da - sie müsste nur effizienter vermittelt werden.
Und was heißt hier "Länder, die weniger leisten"?! Es ist im Text einfach nur die Rede von "anderen Ländern". Ich denke, verschiedene Systeme darf man nicht auf so einer pauschalisierenden Ebene vergleichen. Außerdem sagt der nächste Satz im Text ja "in kaum einem Industrieland studieren so wenige Kinder aus ärmeren Familien wie bei uns" - da findet sich bei mir jetzt nen Widerspruch zu deinem "Länder, die weniger leisten"...

ich selber

bin nie wirklich sicher gewesen ob ich für mein kommendes Studium Bafög beantragen sollte. Nachdem mir dann ein Freund den REchner vorgesetzt hat und ich dann (mit ungefähren zahlen) meinen Betrag ausgerechnet hab, sah ich, dass ich viel mehr bekommen würde als gedacht.
Ich würde mit dem, was ich da bekommen würde locker auskommen.

Sie haben Recht der Staat

und seine Auftraggeber gewinnen, jeder Hinz und Kunz kann studieren, was eine Übersättigung des Akademikerarbeitsmarktesin D zur Folge hat, dies bedingt prekäre Arbeitsverhältnisse, Löhne kurz über der Armutsgrenze und dabei gewinnt nicht der Akademiker.
Habe selber kein BaföG bekommen dafür aber Stipendien inklusive academic fee waivers in Höhe die mir das Studium bis zum PhD an einer sehr gutn nordamerikanischen Uni erlaubt hat.
Also nix mit Schulden, und das Schöne nach dem Studium gabs einen Arbeitsplatz in einer kleinen Firma mit einem Package, das in D unmöglich wäre.
Und mit dem maN auch in absehbarer Zeit 5 Jahren einen 5 stelligen Kredit hätte zurückzahlen können ohne am Hungertuch zu nagen.
Übrigens gibt es auch in den USA eine Art BaföG, die Studeka die in der Schuldenfalle sitzen, haben meist einen Bankkredit mit variablen Zinsen aufgenommen und da sind sie dann imho selber Schuld, wenn die explodieren.

@Thema
Als Herr Becker studiert hat waren 200 DM viel Geld, aber das nur am Rande.
BaföG sollte nur nach Leistung vergeben werden und kein verkappter Jurist oder sonstige Freeloader sollte darüber entscheiden, dann würde auch die Diskussion aus armen Verhältnissen und nur Reiche können studieren aufhören.
Und die abgehenden Akademiker würden Gehälter bekommen, mit denen sie wiederum ihre Alma Mater unterstützen könnten und so wieder Leuten ein Studium ermöglichen.
Das erfordert jedoch einen gewissen Altruismus, etwas das viele Dt. imho verloren haben.

Nicht wirklich...

"und seine Auftraggeber gewinnen, jeder Hinz und Kunz kann studieren, was eine Übersättigung des Akademikerarbeitsmarktesin D zur Folge hat, dies bedingt prekäre Arbeitsverhältnisse, Löhne kurz über der Armutsgrenze und dabei gewinnt nicht der Akademiker."

Und wenn die Leute dann H4 bekommen, oder sich per Leiharbeit an der Supermarktkasse ausbeuten lassen, kommen dann Leute wie du und sagen: Pech gehabt, ihr seid halt nicht qualifiziert genug. Ihr habt es nicht anders verdient.

"BaföG sollte nur nach Leistung vergeben werden und kein verkappter Jurist"

*lol* dann entscheiden verkappte Professoren darüber ob ich studieren darf? 80% Durchfallerquote usw. schonmal gehört?

Dass Leute aus ärmeren Haushalten idR auch mit weniger Vorwissen kommen und mehr kämpfen müssen, sollte mittlerweile auch eine Binse sein. Reine Leistungsbevorzugung bevorteilt die Vermögenden.

Sie haben nicht richtig gelesen

oder Altruismus ist ihnen fremd, was mich nicht wundern würde.

Mir tun die Leute leid die sich für einen Apfel und ein Ei verdingen müssen, wenn sie einen akademischen Abschluss haben. Nur liegt das Problem am angesprochen System und an den Leuten, das zuviel studieren (Angebot Nachfrage) und auch nicht geext werden. Denn Studenten die bis zum Abschluss geführt werden sind bares Geld für die Einrichtungen und da schleift man dann halt jeden mit durch.
Mache mich grundsätzlich nicht über andere Leute lustig und hier mal ein Gedanke, was passiert wenn Leute sich nicht in Leiharbeit verhuren, denn dazu gehören immer zwei, dann sind die Unternehmen gezwungen anzustellen. Mal drüber nachdenken. Hartz4 imho ist übrigens nur eine Beschaffungsmaßnahme des Staates (Pimp) für die Unternehmen. Quersubventionierung der Wirtschaft durch die Regierung lässt grüßen, die übrigens von der dt. Bevölkerung gewählt wurde.

Und was ist denn bitte schön falsch am geext (80% Durchfallen) werden, siehe Vorpost. Viele gehören einfach nicht an eine Uni/HS und das betrifft Arm und Reich.

Note: Auch haben wir noch keinen miteinander getrunken auch wenn das you hier neutraler ist, Umgangsformen sind anscheinend selbst im Kommentarbereich Glücksache.

Das amerikanische Finanzierungssystem

hat eben dieses Problem. Allerdings kommt um die Hälfte der Studienanfänger aus Akademikerelternhaus, in DE um die 80%, von reichem Elternhaus mal abgesehen. Viele bekommen Stipendien, oder föderale Darlehen, die sie nicht voll zurückzahlen müssen, wenn sie exzellent absolviert haben. Förderprogramme für sozialschwache Schichten, Minoritäten, sog. diversity programs, etc. gibt es jede Menge. Darüber hinaus verfügen die USA einfach über mehr und mehr private Stiftungen, die Studenten nicht nur nach Exzellenz fördern. Übrigens bekommen auch Studenten aus DE für ihr PhD voll Stipendien. Mit seinen Mängeln, auf die Sie hinweisen, ist das amerikanische System im Endeffekt gerechter.

Zu BafoeG nach Leistung

kann ich Ihnen eine Geschichte erzaehlen.

Eine Ex-Mitschuelerin meines Bruders wollte unbedingt studieren. Der Vater war aber der meinung, dass sie das nicht braeuchte (er hatte ja auch nicht studiert war sein Argument) und war nicht willig, sie finanziell zu unterstuetzen. Also bewarb sie sich um BafoeG und bekam es auch. Nachdem sie zwei Jahre studiert hatte, konnte sie aufgrund bestimmter Gegebenheiten (Krankheit, musste nebenher auch noch arbeiten, da das BafoeG nicht reichte) nicht alle erforderten Scheine praesentieren und hat kein BafoeG mehr bekommen. Vater war weiterhin unwillig auszuhelfen, also musste sie das Studium aufgeben, weil sie sich nicht weiter finanzieren konnte. Ich weiss nicht, ob sie jemals zur Uni zurueckkehrte, aber falls nicht - was fuer eine Verschwendung sowohl von zwei Jahren aus jemandes Leben als auch von oeffentlichen Geldern. Haette es nicht mehr Sinn gemacht, das Maedel weiterhin zu unterstuetzen, so dass sie ihr Studium zu Ende fuehren kann? da haetten doch wohl alle mehr davon.

Aufgeben wegen Geldmangel?

Also wer sein Studium aufgibt, weil er keine Kohle mehr bekommt, der hats auch nicht wirklich gewollt. Es gibt genügend Leute, die ihr Studium mit arbeiten finanziert haben. Sicherlich brauchen die meisten dann länger, und einfach ist es auch nicht gerade, aber es geht. Das einzige, was wirklich blöd ist, ist die Krankenversicherung, wenn man über 30 ist. Die ist richtig teuer.

Wenn man wegen Krankheit die Regelstudienzeit nicht einhält, müsste man eigentlich nach Härtefallregelung trotzdem noch Bafög bekommen.

Ich kann

... ihnen aus eigener Erfahrung sagen, dass Ihre Behauptung Unsinn ist.

Abgesehen davon: In vielen Prüfungsordnungen ist es kaum noch möglich, etwas länger zu Studieren und dafür nebenher etwas mehr zu Arbeiten. Da hat man nach Regelstudienzeit plus zwei Semester fertig zu sein, und dies in einem Atemzug mit der Verkürzung des Studiums bei gleichem Stoffumfang im Zuge der Bologna-Reform.

Die Freiheit, einfach länger zu studieren und dafür mehr zu Arbeiten ist de facto nicht mehr gegeben.

Überheblichkeit

Entschuldigen Sie, dass ich dies sage, aber Ihre Kommentare sprudeln nur so vor Überheblichkeit.

Ich freue mich wirklich für Sie, dass Sie ein Stipendium bekommen haben und so bequem an einer angesehen Uni studieren konnten plus guter Anstellung danach.

Das rechtfertigt aber nicht, dass Sie es sich auf Ihrem geistigen Balkon gemütlich machen und auf andere herabschauen.

Einerseits kritisieren Sie, dass nicht jeder studieren sollte weil ein Studium dann nichts mehr ist, womit man sich von anderen abheben kann und andererseits sprechen Sie von Leuten, die sich in Leiharbeit "verhuren".

Ich hoffe für Sie, dass Sie nicht in die Situation kommen werden in der Sie sich aus Mangel an Alternativen verhuren müssen!

Die meisten meiner Mitstudenten müssen arbeiten, damit sie gerade über die Runden kommen (=weniger Lernzeit) und Durchfallqouten von teilweise >70% führen dazu, dass am Ende des Studiums nur noch 40% der Studenten übrig bleiben.

Ich sage nicht, dass 100% bestehen müssen, aber es ist lange nicht alles so einfach, wie Sie es darstellen bzw. sich vorstellen. Ein Perspektivenwechsel würde an dieser Stelle sicher nicht schaden.

Erfahrungswerte

Wenn wir uns schon auf der Ebene der Erfahrungen bewegen, dann kann ich Ihnen nur sagen, dass es nach meiner Erfahrung sehr wohl möglich ist, ein Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen und nebenher zu arbeiten.

Regelstudienzeit plus zwei Semester (wenn überhaupt) haben Bafögempfänger doch seit jeher als Grenze der Förderung gehabt, das hat nix mit Bologna zu tun. Aber es würde mich schon interessieren, an welchem studentenfeindlichen Institut man nach Regelstudienzeit plus zwei Semestern zwangsexmatrikuliert wird. Das erscheint mir doch sehr unwahrscheinlich.

Wenn man so schwer erkrankt, dass man für längere Zeit (> 3 Monate) das Studium unterbrechen muss, hat man gar keinen Anspruch auf Bafög für diesen Zeitraum. Wird diese Erkrankung als ursächlich für die Verlängerung des Studiums angesehen, erhält man über die Förderungshöchstdauer hinaus so lange weiter Bafög, wie die Zahlung vorher während der Erkrankung eingestellt wurde.

Erfahrungswerte sind so eine Sache...

"...dass es nach meiner Erfahrung sehr wohl möglich ist, ein Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen und nebenher zu arbeiten."

Vorsicht! Ich denke es gibt in der Hinsicht einen fundamentalen Unterschied zwischen den alten und den neuen Studiensystemen. Ich hatte das Glück, noch im alten System studieren zu können und da war die Arbeit mit dem Studium insgesamt gut vereinbar. Man konnte sich ganz gut ein bis zwei Tage in der Woche zum Brötchen verdienen freihalten und packte dann etwas mehr in die verbleibende Zeit.

Das neue B.A. und M.A.-System macht eine solche Aufteilung aber oft genug so gut wie unmöglich. Da gibt es halt über die gesamte Woche Pflichtveranstaltungen, die man besuchen muss. Und nur wenige haben das Glück, einen entsprechend flexiblen Job zu finden...

Erfahrungswerte

Ich weiß sehr wohl, dass man aus seinen eigenen Erfahrungen keine allgemeingültigen Weisheiten ableiten sollte. Nur manche Foristen argumentieren gerne auf dem "bei mir war das aber so und deshalb ist das so!"-Niveau.

Dass die neuen Studiengänge häufig sehr sperrig konstruiert sind, weiß ich ebenfalls. Trotzdem sollte man sich davon nicht abschrecken lassen, wenn man ein bestimmtes Fach unbedingt studieren möchte. Ein Vollzeitstudium mit 20 Stunden arbeiten nebenher ist kein Zuckerschlecken, da braucht man schon Durchhaltevermögen, Leistungsbereitschaft und eine gewisse zähe Konstitution. Aber es ist nicht unmöglich.

Nebenher auf eine Tätigkeit angewiesen zu sein kann auch erheblichen positiven Einfluss auf die Motivation, das Studium zu beenden, ausüben: Je eher man fertig ist mit dem Studium, je eher braucht man den ollen Job nicht mehr zu machen.

Das...

"(...) dass es nach meiner Erfahrung sehr wohl möglich ist, ein Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen und nebenher zu arbeiten."

Das habe ich auch nicht in Frage gestellt. Ihre These "Wer sein Studium wegen finanzieller Gründe abbricht, wollte nur nicht wirklich" hingegen schon. Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Paar Schuhe.

"Regelstudienzeit plus zwei Semester (wenn überhaupt) haben Bafögempfänger doch seit jeher als Grenze der Förderung gehabt, das hat nix mit Bologna zu tun."

Sie haben vom Studienabbruch aufgrund finanzieller Gründe gesprochen, nicht vom BAföG-Bezug. Warum kommen Sie jetzt auf einmal damit an?

"Aber es würde mich schon interessieren, an welchem studentenfeindlichen Institut man nach Regelstudienzeit plus zwei Semestern zwangsexmatrikuliert wird."

Man wird nach zwei Semestern drüber nicht unbedingt sofort hart exmatrikuliert, hat aber spätestens dann erhebliche Probleme, weil alle noch nicht bestandenen Prüfungen z.B. automatisch als abgelegt und nicht bestanden gelten. Da kann man dann ganz schnell in andere Begrenzungen wie max. Anzahl von Zweit- und Drittversuchen laufen. Die Zwangsexmatrikulation erfolgt dann indirekt aufgrund der Studiendauer.

Derartige relativ harte Begrenzungen finden sich aber beispielsweise in der RaPO der Hochschulen in Bayern oder in der APO der TU München.

Noch was

"Ich weiß sehr wohl, dass man aus seinen eigenen Erfahrungen keine allgemeingültigen Weisheiten ableiten sollte. Nur manche Foristen argumentieren gerne auf dem "bei mir war das aber so und deshalb ist das so!"-Niveau."

Eine eigene Beobachtung, die einer These entgegensteht, ist jedoch ausreichend, um die These zu falsifizieren.

"Ein Vollzeitstudium mit 20 Stunden arbeiten nebenher ist kein Zuckerschlecken, da braucht man schon Durchhaltevermögen, Leistungsbereitschaft und eine gewisse zähe Konstitution. Aber es ist nicht unmöglich."

Ein Vollzeitstudium mit 40 Stunden pro Woche ist schon mit 20 Stunden Arbeit pro Woche vereinbar (wenn auch anspruchsvoll). Der Zeitbedarf eines _realen_ Vollzeitstudiums liegt häufig jedoch deutlich höher, und dann wird es mit 20 Stunden Arbeit nebenher schon etwas eng, wenn man nachts mehr als 4 Stunden schlafen möchte. Das hält man dann schon für 1-2 Semester durch, aber irgendwann ist Schluss.

Ich halte eben nichts von Sprüchen wie "Wer aufgibt, wollte nicht.".

Megareiche Beamte?

Der Vorschlag ist brilliant! Wir brechen einfach ein paar Verträge und alles wird gut. Klingt nach Erfolgsrezept, wird in Griechenland auch propagiert.

Ach ja, wer megareich werden möchte, wird die Beamtenlaufbahn als armselig links liegen lassen, da es mit Nebenbeschäftigungen nicht ganz so einfach ist und auch das Bakschisch hier nicht so ergiebig fließt. Steht aber in derselben Beschäftigungsgrundlage wie die Pension, also weg damit!

Und der...

...Verschuldungsstand der Eltern sollte berücksichtig werden.

Meine hatten sich für einen Anbau und eine neue Heizung verschuldet, was aber seinerzeit nicht mindernd aufs Einkommen angerechnet wurde. Geld für mich hatten sie trotzdem fast keines. Ich weiß nicht, ob das jetzt noch so ist, unter Schröder wurde mal was geändert zu Gunsten der Studenten.

Ich halte es generell für falsch, Studenten derart knapp zu halten. Die Sparsamkeit hat mein ganzes Studentenleben durchzogen: arbeiten statt lernen, lernen wenn andere sich ausspannen, nix mit weggehen und mal ein Bier trinken, Geld reicht nicht. Damit gehen die extrem wichtigen sozialen Kontakte fast völlig verloren oder kommen gar nicht zu Stande, was das Studium wiederrum erschwert. Ich trauere der Zeit jetzt noch nach.

Vollkommen richtig

Aber ein meiner Ansicht nach ganz wesentlicher Punkt (der auch im Artikel angesprochen wurde) fehlt noch:

Die Stellen, welche die BAföG-Anträge bearbeiten, sind personell mitunter höchst unzureichend Ausgestattet. Dies führt dazu, dass die Bearbeitungszeit der Anträge, welche stets die BAföG-Zahlung für ein Semester betreffen, mitunter mehrere Monate beträgt. Dies führt dazu, dass man als Student irgendwie mehrere Monate ohne das "Haupteinkommen" auskommen muss. Das ist eine äußerst belastende Situation, die sich durchaus negativ auf das Studium auswirken kann, weil man sich andauernd Sorgen um das blöde Geld machen muss und jedes Halbe Jahr im Kreis telefoniert, um diverse Rechnungen aufgeschoben zu bekommen.

Da ist den Sachbearbeitern kein Vorwurf zu machen, bei denen Stapeln sich die Anträge zu Semesterbeginn bisweilen in Großen Haufen in deren Büros (das sieht tatsächlich aus wie in Filmen), der Politik hingegen schon. Die Anträge sind äußerst Umfangreich und den Stellen, die die Anträge Bearbeiten, werden mitunter noch erheblich die Mittel gekürzt.

Also wären zum einen die Anträge stark zu vereinfachen (z.B. mittels Elternunabhängigkeit), zum Anderen sind die bearbeitenden Stellen (bei uns: Studentenwerke) mit mehr Personal auszustatten.

Miete

"Ich welcher deutschen Universitätsstadt kann man denn noch mit 224 Euro eine Wohnung mieten??"

In München vermutlich nicht. Aber ich z.B. vermiete eine 2-Raumwohnung für 350 € warm an zwei Studenten. Das macht dann 175 € pro Nase und da kann man bis 224 € noch ein paar Feten feiern oder Lehrbücher finanzieren.
Und die Uni in Halle ist keine schlechte. Man muss vielleicht mal etwas weiter suchen, wenn man knapp bei Kasse ist.

mehr als nur ärgerlich

Die überlangen Bearbeitungszeiten haben nicht nur zur Folge, dass man sich ärgerlicherweise Sorgen ums Geld machen oder im Kreis telephonieren muss, obwohl das schon nervig (und teuer) genug ist, wenn Lastschriften platzen oder Rechnungen nicht bezahlt werden können.

Dramatischer ist allerdings eine andere Folge verspäteter Bafög-Auszahlung: Wer die Finanzlücke nicht anderweitig stopfen kann, ist aufs Arbeiten angewiesen - wer eh nicht den Höchstsatz bekommt und auch mit Bafög-Zahlung jobben gehen muss, kann dann schnell an die Zuverdienstgrenze stoßen, wenn er die baföglosen Monate mit Mehrarbeit überbrückt. Dann heißt es ein Jahr später: tadaa, zuviel verdient, Bafög-Kürzung. Ob man nur deshalb mehr verdient hat, weil man schlicht kein Bafög hatte, interessiert dann auch keinen mehr.

Eine weitere blöde Folge ist, dass man evtl. im Studium nicht so vorankommt, wie man eigentlich sollte, weil man mehr nebenher arbeiten muss - tadaa, Regelstudienzeit nicht eingehalten, Bafög weg.

Bafög läuft übrigens m.W. für ein Jahr, also zwei Semester.

Anmerkungen

Bitte erlauben sie mir einige Anmerkungen zu folgenden Zitaten:

"Vermögensfreibeträge nach Studienzeit staffeln/ erhöhen:
Es kann nicht sein, dass ein Student in 5 Jahren Studium überhaupt nicht finanziell in die Zukunft denken kann. 5200 Euro ist momentan der Vermögensfreibetrag, und zwar bei jedem Wiederholungsantrag, sodass irgendwann jeder Bausparvertrag aufgelöst werden muss"

>>> Wenn das Vermögen nicht berücksichtigt wird, führt dies im Ergebnis dazu, dass der Steuerzahler unterstützend eingreift, obwohl es nicht notwendig ist, da ja vermögen vorhanden ist. In ihrem Beispiel führt das dazu, dass der Steuerzahler den Bausparvertrag des Studenten bezahlt

"Mietpreise berücksichtigen:
Ich welcher deutschen Universitätsstadt kann man denn noch mit 224 Euro eine Wohnung mieten??"

>>> Die Mieten sind teuer, ohne Frage. Aber man muss nicht in München studieren, es gibt günstigere Städte. Selbst in Köln gibt es in bester Lage Top-WG-Zimmer für 266 € vom Studentenwerk.

"Von Stipendien entkoppeln:
Die meisten Stipendien ersetzen das BAföG. Die Frage ist wieso? Sollten gute Leistungen nicht belohnt werden?"

>>> Gute Leistungen MÜSSEN belohnt werden und das geschieht auch. Nehmen wir Studienstiftung, KAS, FES etc. als Beispiel:
Das Büchergeld ist bedarfsunabhängig. Darüber hinaus muss man bedürftig sein, was sich nach BaföG beurteilt. Das BaföG wird also lediglich unter anderem Namen weiterbezahlt.

Im Übrigen trifft es die Mittelschicht tatsächlich am härtesten. :-(