Bafög-PrüferHaben die das verdient?

Hans-Peter Becker, 61, liest die Bafög-Anträge von Studenten und entscheidet, wer Geld bekommt – und wer nicht. von Oskar Piegsa, Caterina Lobenstein

ZEIT CAMPUS: Herr Becker, seit 30 Jahren prüfen Sie Bafög-Anträge. Wie reagieren Leute, die Sie ablehnen?

Hans-Peter Becker: Manche brechen in Tränen aus. Andere sagen ganz still: »Das war’s dann für mich.« Ab und zu gibt es welche, die mich vermöbeln wollen. Einer hat mal einen Tobsuchtsanfall bekommen. Er schrie: »Blödmann, Bürokratenarsch!« Er hat Türen eingetreten und Stühle durch die Gegend geworfen. Den hab ich persönlich rausgeschmissen.

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ZEIT CAMPUS: Sie haben während Ihres Jurastudiums selbst Bafög bekommen. Hatten Sie oft Geldsorgen?

Becker: Ich bekam 200 Mark Bafög, aber als meine Schwester fertig mit dem Studium war, wurde das gestrichen. Meine Mutter hat 70 Mark für Miete überwiesen und war ansonsten der Meinung, 3,50 Mark reichen pro Tag. Da waren Zigaretten und so nicht mit drin. Also hab ich gearbeitet. In den Semesterferien war ich als Fernfahrer unterwegs: Spanien, Frankreich, Ostblock. Ich hätte gern mehr Zeit zum Lernen gehabt, aber das ging nicht anders.

ZEIT CAMPUS: Spielt Ihre eigene Geschichte eine Rolle, wenn heute jemand vor Ihnen sitzt und einen Antrag stellt?

Becker: Ich glaube schon. Ich schmettere einen Antrag nicht ab, nur weil jemand einen nicht ganz geraden Lebenslauf hat oder länger krank war. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es nicht einfach ist, mit ein paar Euro auszukommen.

ZEIT CAMPUS: Gibt es auch Studenten, die versuchen, Ihre Nachsichtigkeit auszunutzen? 

Becker: Ja, und ich habe ein ganz gutes Gespür dafür entwickelt, ob mich jemand belügt und mir ein gefälschtes Attest unter die Nase hält. Aber grundsätzlich bin ich der Meinung: Wir heißen Amt für Ausbildungsförderung. Mit Betonung auf dem »für«. So verstehe ich meine Aufgabe.

ZEIT CAMPUS: Haben die Studenten, denen Sie Bafög verschafft haben, das eigentlich verdient?

Becker: Das ist die falsche Frage. Es ist kein persönliches Verdienst, wenn man Bafög bekommt, sondern ein Recht, das einem das Gesetz zusichert. Viele Studenten muss ich wieder nach Hause schicken, weil sie zu alt oder die Eltern zu wohlhabend sind. Manchmal sitze ich aber auch im Büro und denke: Was für ein lebensfernes Gesetz.

ZEIT CAMPUS: Warum?

Becker: Weil so viele durchs Netz fallen.

ZEIT CAMPUS: Wer zum Beispiel?

Becker: Die Kinder aus Familien, die nicht reich genug sind, um ein Studium zu finanzieren, aber über dem Freibetrag liegen. Das sind so viele, dass es mittlerweile einen Begriff für diese Lücke im Fördersystem gibt: Mittelschichtsloch. Diese Familien verhungern nicht, aber wenn ein oder zwei Kinder studieren, kommen sie schnell in Not. 

ZEIT CAMPUS: In anderen Ländern geht es ohne Geld vom Staat.

Becker: Wir haben aber ein Grundgesetz, und in dem steht: Die Bundesrepublik ist ein sozialer Rechtsstaat. Dieser Staat muss dafür sorgen, dass ein Kind armer Eltern nicht weniger Chancen auf ein Studium hat als ein Millionärskind. Außerdem profitiert auch die ganze Gesellschaft davon, wenn fähige Leute studieren . Deshalb wird das Bafög von allen Bürgern mitfinanziert.

ZEIT CAMPUS: Seit 40 Jahren gibt es Bafög, aber in kaum einem Industrieland studieren so wenige Kinder aus ärmeren Familien wie bei uns. Wirkt das Bafög nicht?

Becker: Ich glaube, dass es ein gutes und wichtiges Instrument ist. Aber es setzt zu spät an. Bis in die achtziger Jahre gab es ab der zehnten Klasse ein Schüler-Bafög, um zu verhindern, dass Kinder aus armen Familien früher von der Schule gehen. Es wäre klug, so etwas wieder einzuführen.

ZEIT CAMPUS: Was bedeuten die steigenden Studienanfängerzahlen für die Bafög-Ämter?

Becker: Wir sind überlastet. In den vergangenen Jahren hat sich allein hier in Köln die Zahl der Bafög-Anträge fast verdoppelt, aber die Personalstärke wurde nicht erhöht. Von August bis Dezember arbeiten wir freiwillig auch samstags, sonst wäre das nicht zu schaffen. Unter der Woche klingelt 80-mal am Tag das Telefon, das macht einen mürbe. Wir verwalten hier den Notstand.

ZEIT CAMPUS: Wissen Sie, was aus den Studenten geworden ist, die Sie in den vergangenen 30 Jahren betreut haben? 

Becker: Manchmal, selten, bekomme ich einen Dankesbrief. Da schreibt mir dann jemand zum Beispiel: »Danke, Herr Becker. Ich bin heute Lehrerin.«

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Leserkommentare
  1. "In anderen Ländern geht es ohne Geld vom Staat."
    In anderen Ländern gibt es dafür viel mehr Stipendien als in Deutschland.

    Außerdem nervt es mich, wenn man Deutschland mit Ländern vergleicht, die weniger leisten - man will doch oben mithalten, oder? Dann sollte man vielleicht mit Ländern vergleichen, wo die Sitation besser ist.

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    Vielleicht gibt es in anderen Ländern mehr Stipendiate, das sei dahingestellt. Fakt ist, dass auch in Deutschland viele dieser Förderungsplätze nicht vergeben werden. a) weil es keine passenden Bewerber gibt, b) weil die Anforderungen nicht passen. Also die Unterstützung ist prinzipiell da - sie müsste nur effizienter vermittelt werden.
    Und was heißt hier "Länder, die weniger leisten"?! Es ist im Text einfach nur die Rede von "anderen Ländern". Ich denke, verschiedene Systeme darf man nicht auf so einer pauschalisierenden Ebene vergleichen. Außerdem sagt der nächste Satz im Text ja "in kaum einem Industrieland studieren so wenige Kinder aus ärmeren Familien wie bei uns" - da findet sich bei mir jetzt nen Widerspruch zu deinem "Länder, die weniger leisten"...

  2. bin nie wirklich sicher gewesen ob ich für mein kommendes Studium Bafög beantragen sollte. Nachdem mir dann ein Freund den REchner vorgesetzt hat und ich dann (mit ungefähren zahlen) meinen Betrag ausgerechnet hab, sah ich, dass ich viel mehr bekommen würde als gedacht.
    Ich würde mit dem, was ich da bekommen würde locker auskommen.

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    • MCBuhl
    • 18. Juni 2012 11:57 Uhr

    Denn da könnte ich mich selbst als Gegenbsp. einbringen (reichte nicht)

    Am Ende sind beides nur persönliche Anekdoten. Was zählt sind Fakten, Statistiken. Und da steht einiges im Text dazu.

    • vvmeto
    • 17. Juni 2012 18:45 Uhr

    ...mit unfassbaren Pensionsansprüchen gibt es insgesamt? Wäre es nicht effizienter, wenn jeder Student Bafög bekommt und dafür Zinsen zahlen muss?

    Multi-Billionen gehen an Banken und andere Aliens - die sog. Stresstest sind allesamt fake, wie man drei Monate später festgestellt hat - aber für die eigene Bevölkerung hat man keine Peanuts für Studenten und HIV-Kinder...

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    • Pyr
    • 17. Juni 2012 18:53 Uhr

    Zinsen haben den immensen Nachteil, dass man bei einem Studienabbruch nicht nur auf den Kosten sitzen bleibt und sie irgendwie anders aufbringen muss, sondern dass man in einen Teufelkreis der Schuld gerät, weil man immer mehr bezahlen muss und vielleicht nur die Zinsen tilgen kann.

    Das Bafög ist super, weil man sich ohne Gefahr sehr viel Zeit lassen kann bei der Rückzahlung - ohne dass einem dann das gesamte Eigentum gepfändet wird.

    Zinsen würden überdies keinen Sinn ergeben: die Rendite des Staates liegt ja gerade darin, dass viele Leute dank Bafög ein Studium abschließen können.

    Der Vorschlag ist brilliant! Wir brechen einfach ein paar Verträge und alles wird gut. Klingt nach Erfolgsrezept, wird in Griechenland auch propagiert.

    Ach ja, wer megareich werden möchte, wird die Beamtenlaufbahn als armselig links liegen lassen, da es mit Nebenbeschäftigungen nicht ganz so einfach ist und auch das Bakschisch hier nicht so ergiebig fließt. Steht aber in derselben Beschäftigungsgrundlage wie die Pension, also weg damit!

  3. "Die Kinder aus Familien, die nicht reich genug sind, um ein Studium zu finanzieren, aber über dem Freibetrag liegen. Das sind so viele, dass es mittlerweile einen Begriff für diese Lücke im Fördersystem gibt: Mittelschichtsloch. Diese Familien verhungern nicht, aber wenn ein oder zwei Kinder studieren, kommen sie schnell in Not. "

    Ein ganz wichtiger Punkt, den ich auch aus meinem privaten Umfeld bestätigen kann!

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    • AtoY
    • 17. Juni 2012 19:53 Uhr

    ...aber einiges ist verbesserungsbedürftig!

    Alleine die Sache mit der Wohnung, die hier angesprochen wurde.
    In Frankfurt am Main gibt es sogar nur noch wenige Wohnheime die unter unter 250 Euro kosten! Ich war am Freitag bei jemandem zur Besuch, für ein Zimmer von ca. 12qm inkl. eigenem Dixi-Bad (anders kann ich es nicht bezeichnen, weil es wirklich so aussieht), gemeinsame Wohnküche für 6 Personen, zahlt man 300 !! Euro und da ist nicht einmal das Internet dabei. Außerdem wird am Ende des Jahres nochmals die Stromabrechnung usw. irgendwie total seltsam auf alle aufgeteilt, so dass alle jedes Jahr eine Nachzahlung haben, egal ob sie sparen oder nicht, fand ich sehr seltsam was sie da für ein komisches System haben.
    Hinzu kommt aber noch, dass dieses Wohnheim (von der kath. Kirche betrieben) an den Mietspiegel von FFM gebunden ist, das ist auch noch so ein krasses Ding. Die eine Person wohnt jetzt dort bissl länger und hat bei ca. 240 angefangen und jetzt ist diese Person schon bei 300 Euro im Monat, aber es gibt nach wie vor den gleichen Betrag vom Bafögamt, der schon beim Einzug gar nicht passte.

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    anfing kostet ein Zimmer in einer WG/Wohnheim um die 200DM inkl. allem. Heute braucht man nur mal in einschlägigen Seiten nachblättern. Ich bin auch nie in den 'Genuss' des Bafögs gekommen. Jedoch nehme ich heute an, selbst mit Bafög wird ein Student genötigt neben seinem Studium noch zu Job, angesichts der Lebenshaltungskosten.
    Da man nicht davon ausgehen kann, dass sich sowohl Wirtschaft, wie die Gesellschaft (Vermieter, Energiekonzern usw) dieser Gruppe sozialverträglich entgegenkommt, könnte man den Staat fordern nachzubessern. Schließlich möchte "er" ja dem "Fachkräftemangel" entgegenwirken.
    Andererseits sieht man wie schwer sich die Gesellschaft mit der Bildung seines Nachwuchses, allein an der grotesken Diskussion um Kindergärten, tut.
    Andererseits steigt die Zahl der Studenten. Das ist zu einem ein Markt, den man abschöpfen will. Andererseits ist der Arbeitsmarkt in einer Schieflage. Wo früher ein Hauptschulabschluss reichte um eine Lehre zu bekommen, wird heute dem Realschüler, Gymnasiasten den Vorzug gegeben. Viele Eltern versuchen daher ihre Kinder auf ein Gymnasium zu schlicken - unter dieser Verschiebung allein leidet die Bildung.
    Diese Verschiebung zieht sich dann später durchs Berufsleben fort. Ich habe schon Ingenieure an Stellen in einer Produktionskette gesehen, die von der Qualifikation Facharbeitern inne waren. Aber warum sollte man einen Facharbeit nehmen, wenn man, dank des Drucks auf den Arbeitsuchenden, für das gleich Geld ein Ingenieure bekommt.

    Ich studiere in Schottland und zahle für mein Wohnheimzimmer mit kleinem Bad und geteilter Küche auf dem Campus (15 qm, warm + Internet) ca. 480 Pfund = ca. 600€ ;)

    • Peip
    • 17. Juni 2012 20:01 Uhr

    untergräbt leider die Zustimmung zum Bafög, denn diese Leute sind die typischen Netto-Steuerzahler, kommen eben so über die Runden und gehen bei fast allen Leistungen leer aus - irgendwann kommt dann die amerikanische Mentalität: am besten der Staat bekommt gar kein Geld von mir - denn ich habe von ihm auch nichts zu erwarten ...

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  • Schlagworte Bafög-Antrag | Eltern | Familie | Grundgesetz | Lebenslauf | Miete
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