Hans-Peter Becker, 61, liest die Bafög-Anträge von Studenten und entscheidet, wer Geld bekommt – und wer nicht.

ZEIT CAMPUS: Herr Becker, seit 30 Jahren prüfen Sie Bafög-Anträge. Wie reagieren Leute, die Sie ablehnen?

Hans-Peter Becker: Manche brechen in Tränen aus. Andere sagen ganz still: "Das war’s dann für mich." Ab und zu gibt es welche, die mich vermöbeln wollen. Einer hat mal einen Tobsuchtsanfall bekommen. Er schrie: "Blödmann, Bürokratenarsch!" Er hat Türen eingetreten und Stühle durch die Gegend geworfen. Den hab ich persönlich rausgeschmissen.

ZEIT CAMPUS: Sie haben während Ihres Jurastudiums selbst Bafög bekommen. Hatten Sie oft Geldsorgen?

Becker: Ich bekam 200 Mark Bafög, aber als meine Schwester fertig mit dem Studium war, wurde das gestrichen. Meine Mutter hat 70 Mark für Miete überwiesen und war ansonsten der Meinung, 3,50 Mark reichen pro Tag. Da waren Zigaretten und so nicht mit drin. Also hab ich gearbeitet. In den Semesterferien war ich als Fernfahrer unterwegs: Spanien, Frankreich, Ostblock. Ich hätte gern mehr Zeit zum Lernen gehabt, aber das ging nicht anders.

ZEIT CAMPUS: Spielt Ihre eigene Geschichte eine Rolle, wenn heute jemand vor Ihnen sitzt und einen Antrag stellt?

Becker: Ich glaube schon. Ich schmettere einen Antrag nicht ab, nur weil jemand einen nicht ganz geraden Lebenslauf hat oder länger krank war. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es nicht einfach ist, mit ein paar Euro auszukommen.

ZEIT CAMPUS: Gibt es auch Studenten, die versuchen, Ihre Nachsichtigkeit auszunutzen? 

Becker: Ja, und ich habe ein ganz gutes Gespür dafür entwickelt, ob mich jemand belügt und mir ein gefälschtes Attest unter die Nase hält. Aber grundsätzlich bin ich der Meinung: Wir heißen Amt für Ausbildungsförderung. Mit Betonung auf dem "für". So verstehe ich meine Aufgabe.

ZEIT CAMPUS: Haben die Studenten, denen Sie Bafög verschafft haben, das eigentlich verdient?

Becker: Das ist die falsche Frage. Es ist kein persönliches Verdienst, wenn man Bafög bekommt, sondern ein Recht, das einem das Gesetz zusichert. Viele Studenten muss ich wieder nach Hause schicken, weil sie zu alt oder die Eltern zu wohlhabend sind. Manchmal sitze ich aber auch im Büro und denke: Was für ein lebensfernes Gesetz.

ZEIT CAMPUS: Warum?

Becker: Weil so viele durchs Netz fallen.

ZEIT CAMPUS: Wer zum Beispiel?

Becker: Die Kinder aus Familien, die nicht reich genug sind, um ein Studium zu finanzieren, aber über dem Freibetrag liegen. Das sind so viele, dass es mittlerweile einen Begriff für diese Lücke im Fördersystem gibt: Mittelschichtsloch. Diese Familien verhungern nicht, aber wenn ein oder zwei Kinder studieren, kommen sie schnell in Not. 

ZEIT CAMPUS: In anderen Ländern geht es ohne Geld vom Staat.

Becker: Wir haben aber ein Grundgesetz, und in dem steht: Die Bundesrepublik ist ein sozialer Rechtsstaat. Dieser Staat muss dafür sorgen, dass ein Kind armer Eltern nicht weniger Chancen auf ein Studium hat als ein Millionärskind. Außerdem profitiert auch die ganze Gesellschaft davon, wenn fähige Leute studieren . Deshalb wird das Bafög von allen Bürgern mitfinanziert.

ZEIT CAMPUS: Seit 40 Jahren gibt es Bafög, aber in kaum einem Industrieland studieren so wenige Kinder aus ärmeren Familien wie bei uns. Wirkt das Bafög nicht?

Becker: Ich glaube, dass es ein gutes und wichtiges Instrument ist. Aber es setzt zu spät an. Bis in die achtziger Jahre gab es ab der zehnten Klasse ein Schüler-Bafög, um zu verhindern, dass Kinder aus armen Familien früher von der Schule gehen. Es wäre klug, so etwas wieder einzuführen.

ZEIT CAMPUS: Was bedeuten die steigenden Studienanfängerzahlen für die Bafög-Ämter?

Becker: Wir sind überlastet. In den vergangenen Jahren hat sich allein hier in Köln die Zahl der Bafög-Anträge fast verdoppelt, aber die Personalstärke wurde nicht erhöht. Von August bis Dezember arbeiten wir freiwillig auch samstags, sonst wäre das nicht zu schaffen. Unter der Woche klingelt 80-mal am Tag das Telefon, das macht einen mürbe. Wir verwalten hier den Notstand.

ZEIT CAMPUS: Wissen Sie, was aus den Studenten geworden ist, die Sie in den vergangenen 30 Jahren betreut haben? 

Becker: Manchmal, selten, bekomme ich einen Dankesbrief. Da schreibt mir dann jemand zum Beispiel: "Danke, Herr Becker. Ich bin heute Lehrerin."