Wer neben dem Studium arbeiten muss, steht unter hohem Druck, sagt Bettina Malter. Im Interview fordert die Bildungsautorin eine Reform des Bafög-Systems.

ZEIT ONLINE: Sie sind nicht nur Mitarbeiterin von ZEIT ONLINE, sondern auch Mitherausgeberin des Buches Was bildet ihr uns ein? . Darin beschreiben Sie den Bildungsweg als Hürdenlauf. Was für Hürden sind Ihnen im Studium begegnet?

Bettina Malter: Ich hätte fast keinen Master bekommen, weil meine Noten nicht ausreichten. Ich habe meinen Bachelor mit 2,2 gemacht. Damit ist man heutzutage zu schlecht. Nun kann man sagen: Hätte sie sich halt mehr anstrengen müssen. Aber es wird oft vergessen, dass sich in der Note auch die Lebenssituation von Studierenden widerspiegelt. Viele Studierende müssen wie ich neben dem Studium arbeiten. Ich habe zwar Bafög bekommen, aber das reichte nicht, um alles zu finanzieren. Ich stand oft bis sieben Uhr morgens hinter der Bar. Dadurch hatte ich weniger Zeit, um mich auf mein Studium zu konzentrieren.

ZEIT ONLINE: Sind die Masterplätze denn so knapp?

Malter: Meistens erhalten nur die besten zehn Prozent einen Masterplatz. Das kann dazu führen, dass Bachelorabsolventen mit einen Durchschnitt von 1,6 abgelehnt werden. Das ist makaber und führt zu einem immensen Leistungsdruck. Viele versuchen inzwischen, nur noch so schnell und so gut wie möglich ihren Bachelorabschluss zu machen, ohne nach rechts oder links zu schauen. Hauptsache gute Noten.

ZEIT ONLINE: Dazu passt, dass viele Arbeitgeber über unsouveräne und schlecht ausgebildete Bachelor-Absolventen klagen.

Malter: Man muss sich grundsätzliche Fragen stellen: Soll es während des Studiums möglich sein, Dinge zu hinterfragen, sich sozial zu engagieren und über den Tellerrand des eigenen Faches zu blicken? Oder wollen wir Scheuklappen-Studierende? Es wird häufig nicht geschaut, wie sich Strukturen auf die Menschen auswirken, die darin lernen. Das ist ein Grundproblem unseres Bildungssystems.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Studenten brauchen mehr Zeit fürs Studium. Was ist die Lösung? Ein höherer Bafög-Satz, um nicht arbeiten zu müssen?

Malter: Ein höherer Bafög-Satz ist kein Allheilmittel, zumal nicht jeder den Höchstsatz bekommt. Ein Problem ist, dass man außerhalb der Regelstudienzeit kein Bafög mehr erhält. Durch die Doppelbelastung von Arbeit und Studium kann sich die Studienzeit verlängern. Auch Praktika zu machen ist für finanziell schlechter gestellte Studierende nahezu unmöglich, weil sie damit oft wenig oder gar kein Geld verdienen. 19 Prozent der Studierenden brechen ihr Studium ab, weil sie es nicht mehr finanzieren können. Für dieses Problem muss es eine Lösung geben.

ZEIT ONLINE: In den USA ist es normal, sein Studium mit privaten Krediten zu finanzieren. Könnte das nicht auch in Deutschland funktionieren?

Malter:Studienkredite sind keine Lösung, um jungen Menschen die finanzielle Angst zu nehmen, ein Studium zu beginnen. Die Schulden bei einem Studienkredit sind wesentlich höher als beim Bafög. Diese finanzielle Belastung schreckt viele ab.

ZEIT ONLINE: Sie fordern mehr Geld vom Staat. Kann der das in Zeiten der Finanzkrise leisten?

Malter: Bildung darf nicht von der Konjunktur abhängen. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt gibt Deutschland im OECD-Vergleich einen unterdurchschnittlichen Betrag für Bildung aus. Gleichzeitig beschreiben Politiker Deutschland immer wieder als Bildungsnation. Das passt nicht zusammen.