PromotionsstipendiatenTrotz Stipendium am Existenzminimum

Wer seine Promotion mit einem Stipendium finanziert, kratzt an der Lohnuntergrenze. Eine Initiative kämpft für Doktoranden-Ermäßigungen. Unterstützung gibt es aber kaum. von Bettina Malter

Promotion, Stauts, Doktoranden, Hochschule

© Brian Snyder/Reuters

Als Andreas Hartmann die Zusage für sein Promotionsstipendium bekam, erwartete er nicht, dass der damit am Existenzminimum leben würde. "Ich habe mich bewusst für ein Promotionsstipendium entschieden und nicht für eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter, damit ich mich voll auf mein Thema konzentrieren kann", sagt der 32-Jährige. Diese Entscheidung spürt er nun in seinem Geldbeutel.

Wie jeder promovierende Stipendiat bekommt Hartmann 1.050 Euro pro Monat, zuzüglich einer Forschungspauschale in Höhe von 100 Euro. Davon zahlt er 180 Euro für die Krankenversicherung. Vergünstigungen für Doktoranden gibt es bei den Krankenkassen nicht. Denn laut eines Urteils des Bundessozialgerichts gehört die Promotion nicht mehr zur wissenschaftlichen Ausbildung.

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Hartmann findet das ungerecht. Seit gut einem Jahr engagiert er sich deshalb in der Promovierenden-Initiative (PI), einem Zusammenschluss von Promotionsstipendiaten der zwölf Förderwerke wie zum Beispiel der Heinrich-Böll-Stiftung oder der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Aktuelles Ziel der Initiative: Ein einheitlicher gesetzlicher Status für Doktoranden wie ihn auch Studenten haben. Den gibt es bislang nämlich nicht. Solch ein Status würde Doktoranden stärkere Mitbestimmungsrechte einräumen – und so die Chancen steigern, Ermäßigungen bei Kranken- und Sozialversicherung durchzubringen.

Mit einem offenen Brief an die Landesregierungen versuchte die Initiative, auf die "prekäre berufliche Situation" von Promovierenden, die nicht an der Universität angestellt sind, aufmerksam zu machen. Im Internet starteten sie eine Petition, um ihre Forderungen zu untermauern. Doch nur gut 4.000 Personen unterstützten die Initiative – eine magere Ausbeute, schließlich gibt es bundesweit rund 200.000 Promovierende.

Der Grund ist offensichtlich: Viele Doktoranden haben einen festen Arbeitsvertrag an einer Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Die Anliegen der Stipendiaten betreffen sie nicht, denn die Promovierenden bekommen ein höheres Gehalt als den Stipendiensatz und sind als Angestellte im sozialen Sicherungssystem integriert.

Promovieren ohne soziale Sicherheit

Das können die Promotionsstipendiaten nicht von sich behaupten: Promovieren wird hinsichtlich des Arbeitslosengeld-Anspruchs nicht als Berufszeit angesehen. Finden Doktoranden nach ihrem Abschluss keine Arbeit, erhalten sie also kein Arbeitslosengeld, sondern müssen direkt Hartz IV beantragen. Das gilt auch, wenn sie vor der Promotionsphase Beiträge in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben.

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte die Stipendiengeber deshalb auf, ihren Doktoranden eine Sozialversicherungszulage zu zahlen, mit der sie die Kranken-, Pflege- und die freiwillige Rentenversicherung finanzieren können. Auf lange Sicht empfiehlt die Gewerkschaft, dass Promovierende an ihrer Uni als wissenschafltiche Mitarbeiter angestellt werden sollten.

Der Trend geht jedoch in eine andere Richtung . Immer mehr Promotionsstellen werden gestrichen und durch externe Doktoranden mit Stipendien ersetzt. "Dieses mag den kurzfristigen Sparzielen der öffentlichen Haushalte entgegen kommen, kann aber den Wissenschaftsstandort auf lange Sicht gefährden", schreibt der Anwalt Cord Würmann in seinem Ratgeber für Promovierende .

Bisher ist es ruhig geblieben um die Forderungen der Stipendiaten. Keine Landesregierung hat auf den offenen Brief der PI reagiert. Auf Anfrage teilt das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Bayern mit, ein eigener Doktoranden-Status widerspreche dem Promotionsrecht der Universitäten: "Ein Eingriff in die Selbstbestimmung der Universitäten in diesem Bereich erscheint weder notwendig noch gut."

Ohne eine größere Zahl an Unterstützern werden die Stipendiaten mit ihren Forderungen weiter ins Leere laufen; solange Promovierende mit festem Arbeitsvertrag nicht für die Anliegen der PI zu begeistern sind, scheint das Vorhaben beinahe aussichtslos. Andreas Hartmann will trotzdem weiter kämpfen: "Es macht doch keinen Sinn, dass die Gesellschaft gute Leute fördern will, und diese mit solchen Unsicherheiten allein lässt."

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Leserkommentare
    • paul12
    • 25. Juli 2012 12:00 Uhr

    "Ich habe mich bewusst für ein Promotionsstipendium entschieden und nicht für eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter, damit ich mich voll auf mein Thema konzentrieren kann", sagt der 32-Jährige."

    Ich frag mich, ob der Hartmann Vorlesungen begleitet bzw. Tutorien.
    Nach meiner Erfahrungen halten viele wiss. Mitarbeiter Übungsstunden und Tutorien.

    MFG

    • TAR86
    • 25. Juli 2012 12:19 Uhr

    Nun ja, ich meine dass ein paar Aspekte in der Darstellung fehlen:

    * Stipendien sind auch eine Prestigefrage und von der Steuer befreit. Manchmal bleibt netto trotzdem weniger übrig (das hängt vom Stipendium ab) -- jedoch ist eine Kombifinanzierung möglich und z.B. bei manchen Arbeitsgruppen üblich. Per WH4 Stelle wird dann aufgestockt, was dann auch für die KV nützlich ist.

    * Stipendien bedeuten zumindest in der Chemie *keine* Befreiung von Lehrleistung. Tatsächlich werden diese Doktoranden genauso eingesetzt, eine Befreiung habe ich eher für stressige Projektphasen oder zum Zusammenschreiben gesehen.

    • ludna
    • 25. Juli 2012 12:30 Uhr

    aber die Politik spuckt auf uns.

    • Dr_Z
    • 25. Juli 2012 12:36 Uhr

    ist dieser Artikel ja schon. Zunächst, wie die Vorredner schon sagten, gibt es das Stipendium steuerfrei, womit Promotionsstipendiaten nach Abzug ihrer Krankenversicherung auf etwa das Geld kommen, was eine volle (19 Std) WHK-Stelle auch einbringt. (das gilt zumindest für NRW, die genauen Sätze variieren ja)

    Zudem ist es (evtl. auch nur abseits der Naturwissenschaften) eher die Regel denn die Ausnahme, dass auch WMA-Stellen nur als halbe Stellen mit 20 Wochenstunden vergeben werden. Damit ist man dann netto um die Ausgaben für die Krankenversicherung (nehmen wir die genannten 180€) besser gestellt als ein Stipendiat. Dafür verlängert sich die Promotionszeit deutlich, da es seltenst bei besagten 20 Stunden bleibt. Eine volle WMA-Stelle mit einer Promotion zu vereinbaren erscheint mir hingegen nur dann möglich, wenn diese Stelle explizit für die betreffende Promotion geschaffen wurde und zumindest die Hälfte der Arbeitszeit "Promotionszeit" ist. Dies ist aber in Sozial- und Geisteswissenschaften meiner Erfahrung nach nahezu niemals der Fall.

    Was mich jedoch am stärksten verstört ist die Tatsache, dass der Artikel verschweigt, dass auch Stipendiaten in der Regel bis zu 10 Wochenstunden arbeiten dürfen. Das reicht für einen nicht ganz zu vernachlässigenden Zuverdienst, der beispielsweise eine private Rentenvorsorge ermöglicht und somit keinesfalls eine Schlechterstellung gegenüber einer halben WMA-Stelle bedeutet, sondern ganz klar eine Besserstellung.

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    Letztlich sieht das ein Stip.Vertrag ungefähr so, dass 40h/ Woche fachnah und 20h/ Monat fachfern gearbeitet werden darf. Jedoch ist mir kein Stipendiat bekannt, der in der Lage wäre, neben der Promotion noch 2 1/2 Tage in der Woche fachnah einer Arbeit nachzugehen.

    ...ist die Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung schon bezahlt. Man steht also mit einer halben Stelle besser da als ein Stipendiat. Zudem profitiert man vom regelmäßigen Kontakt zu seinem Betreuer, vorausgesetzt man ist nicht an einen der "Ausbeuter" gelangt, die meiner Erfahrung nach jedoch eher die Ausnahme als die Regel bilden (insofern sollte man sich eben vorher informieren). Die besten Leute wird man sich als Professor aber immer ans Institut holen und auch dafür sorgen, dass diese zügig durchkommen.

    Dagegen findet in den Augen der Bildungspolitiker Exzellenz vor allem in den Graduiertenschulen statt, wo Stipendiaten zum Teil mit völlig blödsinnigen Kursen ihre Zeit verschwenden müssen.

  1. Promotionsstudenten sind jedenfalls als ordentliche!!! Studenten an der Universität eingeschrieben und zahlen Sozialabgaben und Semesterbeträge wie alle anderen Studenten auch. Ebenso ist die Promotion eine Ausbildung auf dem Weg zum Hochschullehrer bspw. Es ist außerdem ganz klar abzugrenzen zwischen Doktoranden in einer wirtschafts- oder naturwissenschaftlichen Disziplin und einer geisteswissenschaftlichen Disziplin. Da unterscheiden sich die finanziellen Mittel auch mal um das dreifache. Die hohen Krankenkassenbeiträge kommen zustande, da das komplette!!! Stipendium mit sämtlichen Extrazahlungen (Büchergeld, Forschungspauschale, Kinderbezüge) mit dem kompletten (15,5% KKV plus 2% PfV) berechnet werden. Mit Miete etc. liegt man als Doktorand an einer deustchen Universität damit knapp über ALG II mit einem Altersdurchschnitt von über 30Jahren und nach dem man bereits ein prekäres Studium hinter sich hat.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hartz IV | Arbeitslosenversicherung | Arbeitsvertrag | Bundessozialgericht | Euro | Existenzminimum
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