Die Studentenproteste im Québec sorgen zum Semesterbeginn für Chaos. Seit Monaten gehören Streiks, Demonstrationen und Unterrichtsausfälle zum Alltag, an einen geregelten Studienbetrieb ist nicht zu denken. "Ich bin weit davon entfernt zu glauben, dass alles so klappt wie geplant", sagt die Professorin Pascale Dufour. Seit Februar habe sie nur sieben Mal unterrichtet. Den Rest der Zeit sei kein Student im Hörsaal gewesen.

An der französischsprachigen Université de Montréal (UdeM), an der Dufour unterrichtet, werden im Zuge des Streiks ganze Trimester nach hinten verschoben. An einigen Fakultäten soll das Herbstsemester nun am 1. Oktober beginnen. Soweit zumindest die Planung.

Seit Jean Charest, Premierminister vom Québec, im Februar angekündigt hat, die Studiengebühren massiv erhöhen zu wollen, kommt Montréal und die gesamte kanadische Provinz nicht zur Ruhe. Verhandlungen zwischen Regierung und Studenten verliefen bislang ergebnislos.

Strafen bis zu 125.000 Dollar

Wie es weitergeht, ist unklar. Die UdeM hat eine Infoseite mit einem Studienkalender mit aktuellen Informationen eingerichtet, den die Studenten regelmäßig checken sollen. Die Uni kann die Kurse aber kaum weiter verschieben. "Wir haben überhaupt keinen Spielraum mehr“, sagt der Universitätssprecher Mathieu Filion. Das Gesetz zwinge die Universität, ihre Lehrveranstaltungen auch im Fall eines Streikes anzubieten.

Die Rede ist von einem Sondergesetz, bekannt als Loi 78, das das Parlament im Mai unter großen Protesten verabschiedet hatte. Unter anderem wird den Mitarbeitern der Hochschulen das Streikrecht entzogen, stattdessen sollten sie für Ordnung auf dem Campus sorgen.

Außerdem schränkt das Gesetz die Demonstrations- und Versammlungsfreiheit ein. Demonstrationen müssen von den Behörden genehmigt werden. "Kaum eine Demonstration kommt durch", sagt Dufour, die meisten seien illegal. Wer den Bestimmungen des neuen Gesetzes nicht nachkommt, muss mit hohen Geldstrafen rechnen: bis zu 5.000 kanadische Dollar für einfache Bürger, bis zu 35.000 für Studenten und Lehrer und bis zu 125.000 für Studentenorganisationen.

Wollte die Regierung den Streik mit dem Gesetz beenden, hat sie längst das Gegenteil erreicht: "Was anfangs ein Studentenprotest war, ist zu einer sozialen Bewegung geworden", sagt die junge Québecerin Mélissa Serrano. Das Gesetz 78 hat weite Teile der Bevölkerung empört. An den Demonstrationen beteiligten sich inzwischen auch viele Bürger, die verärgert sind über die Regierung und für grundlegende Reformen auf die Straße gehen.

Darunter finden sich auch Dozenten. Einige haben eine Homepage erstellt, auf der sie zur Petition gegen das Gesetz aufrufen. In einem Manifest erklärten sie vergangenen Freitag, demokratische Entscheidungen der Studenten für die Fortsetzung des Streikes respektieren zu wollen. Mehr als 2.000 Professoren haben bis heute unterzeichnet.