Proteste in KanadaIn Québecs Unis herrscht der Ausnahmezustand

Aus Protest gegen höhere Studiengebühren und die Verschärfung des Demonstrationsrechts streiken Québecs Studenten. Professoren stehen vor leeren Hörsälen. von Daniela Heimpel

Die Studentenproteste im Québec sorgen zum Semesterbeginn für Chaos. Seit Monaten gehören Streiks, Demonstrationen und Unterrichtsausfälle zum Alltag, an einen geregelten Studienbetrieb ist nicht zu denken. "Ich bin weit davon entfernt zu glauben, dass alles so klappt wie geplant", sagt die Professorin Pascale Dufour. Seit Februar habe sie nur sieben Mal unterrichtet. Den Rest der Zeit sei kein Student im Hörsaal gewesen.

An der französischsprachigen Université de Montréal (UdeM), an der Dufour unterrichtet, werden im Zuge des Streiks ganze Trimester nach hinten verschoben. An einigen Fakultäten soll das Herbstsemester nun am 1. Oktober beginnen. Soweit zumindest die Planung.

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Seit Jean Charest, Premierminister vom Québec, im Februar angekündigt hat, die Studiengebühren massiv erhöhen zu wollen, kommt Montréal und die gesamte kanadische Provinz nicht zur Ruhe. Verhandlungen zwischen Regierung und Studenten verliefen bislang ergebnislos.

Strafen bis zu 125.000 Dollar

Wie es weitergeht, ist unklar. Die UdeM hat eine Infoseite mit einem Studienkalender mit aktuellen Informationen eingerichtet, den die Studenten regelmäßig checken sollen. Die Uni kann die Kurse aber kaum weiter verschieben. "Wir haben überhaupt keinen Spielraum mehr“, sagt der Universitätssprecher Mathieu Filion. Das Gesetz zwinge die Universität, ihre Lehrveranstaltungen auch im Fall eines Streikes anzubieten.

Die Rede ist von einem Sondergesetz, bekannt als Loi 78, das das Parlament im Mai unter großen Protesten verabschiedet hatte. Unter anderem wird den Mitarbeitern der Hochschulen das Streikrecht entzogen, stattdessen sollten sie für Ordnung auf dem Campus sorgen.

Außerdem schränkt das Gesetz die Demonstrations- und Versammlungsfreiheit ein. Demonstrationen müssen von den Behörden genehmigt werden. "Kaum eine Demonstration kommt durch", sagt Dufour, die meisten seien illegal. Wer den Bestimmungen des neuen Gesetzes nicht nachkommt, muss mit hohen Geldstrafen rechnen: bis zu 5.000 kanadische Dollar für einfache Bürger, bis zu 35.000 für Studenten und Lehrer und bis zu 125.000 für Studentenorganisationen.

Wollte die Regierung den Streik mit dem Gesetz beenden, hat sie längst das Gegenteil erreicht: "Was anfangs ein Studentenprotest war, ist zu einer sozialen Bewegung geworden", sagt die junge Québecerin Mélissa Serrano. Das Gesetz 78 hat weite Teile der Bevölkerung empört. An den Demonstrationen beteiligten sich inzwischen auch viele Bürger, die verärgert sind über die Regierung und für grundlegende Reformen auf die Straße gehen.

Darunter finden sich auch Dozenten. Einige haben eine Homepage erstellt, auf der sie zur Petition gegen das Gesetz aufrufen. In einem Manifest erklärten sie vergangenen Freitag, demokratische Entscheidungen der Studenten für die Fortsetzung des Streikes respektieren zu wollen. Mehr als 2.000 Professoren haben bis heute unterzeichnet.

Leserkommentare
  1. bei denen es m.E. nicht mehr nur um die Studiengebühren und die Einschränkungen des Demonstrationsrecht geht, sondern es wird zunehmend die "Systemfrage" gestellt, die (manipulative) Rolle der Medien oder das Unternehmertum im Neoliberalismus.

    Nicht umsonst wird die Bewegung in Anlehnung an den arabischen Frühling "printemps érable" genannt, Ahornfrühling oder mable spring.

    Die Auseinandersetzungen zwischen Staat, Ordnungskräften und Protestierenden werden in der francophonen Presse als "sans précédant", noch nie dagewesen, bezeichnet, und sie scheinen sich seit Monaten zu brutalisieren, wie einige Videos belegen.

    http://www.rts.ch/info/mo...
    http://de.euronews.com/20...

    Mittlerweile gibt es Solidarproteste auch in anderen kanadischen Provinzen, und eine Studentin formulierte, dass die Regierungen dieser Welt begreifen müssen, dass es irgendwann mal reicht.

    Die Proteste dauern ja mittlerweile schon einige Monate.

  2. mit den Protestlern!

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    gehe Dich jetzt mal empören und zwar ganz seriöslich!

    • Varech
    • 16. August 2012 11:10 Uhr

    Strafen, Vorschriften usw. kann man verschärfen. Das Recht wird dann geschmälert, beschnitten und am Ende vielleicht ganz aufgehoben.
    Recht, das man verschärfen kann, wäre schon als Un-Recht gedacht gewesen.

  3. Es ist ein Konflikt der meiner Ansicht nach unterzugehen scheint: Franco-Kanadier vs. Anglo-Kanadier. Die einen streben die Unabhängigkeit Quebecs an, die anderen wollen die Provinz anglisieren. Hat ja schon etwas von Nordirland nur ohne Terror.

    Ich habe mit einem Franco-Kanadier gesprochen, der mich ein wenig über die Situation aufgeklärt hat. Keine rosige Situation, auch wenn es nach außen hin alles noch nach heile Welt aussieht.

    Antwort auf "Quebec ist kein"
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    franco-canadian gesprochen oder mit einem Quebecker, wieder zwei paar Schuhe, die übrigens von den franco-canadians aufgemacht werden. Und bitte Belege dafür das Quebec anglisiert werden soll/sollte. Der Exodus der Anglos fand Ende der 60iger statt und hat sich bis heute fortgesetzt, mit dem Effekt das das Geld aus der Province abfliesst. Und wenn sie sich in Geschichte dort so gut auskennen, einfach mal informieren was passiert wenn Quebec sich separieren würde, Stichwort Lower Canada.

    Ach noch vergessen, New Brunswick die einizige zweisprachige Provinz.

    Übrigens ist in jeder Provinz ausserhalb Quebecs in Bundesbehörden zweisprachigkeit der Mitarbeiter Pflicht, nicht so in Quebec. Da werden Schriftstücke in franz. aufgesetzt, da man nicht ein Wort English spricht, dann nach Quebec City geschickt, die schicken es dann nach Ottawa zum Übersetzungsservice, der übersetzt das dann ins Englische, dann gehts über Quebec City zurück ans Amt.

    Ich würde die Separation befürworten, wie wohl auch die meisten Canadier, dann kann La Belle Province sehen wie sie klar kommt.

  4. 13. Dann...

    gehe Dich jetzt mal empören und zwar ganz seriöslich!

    Antwort auf "Meine Solidarität "
  5. als francophoner Quebecker in Alberta Arbeit zu finden sie Transatlantiker. Waren sie schon mal in Legal, Bonnyville, Plamondon and St. Paul. Das nicht alle Albertains Französisch sprechen ist eine andere Sache, aber mit selbst mit Deutsch findetman dort arbeitet und kommt weiter.

    Beschäftigen sie sich mal mit den Migrations Strömen der letzten 10 Jahre in Canada.

    Und bitte jetzt mal Butter bei die Fische, nennen sie ein Sprachgesetz in den anderen Provinzen. Und wie lange haben sie eigentlich in Canada oder Quebec gelebt und gearbeitet?

    Grüße aus Ste. Anne

    Antwort auf "Abgesehen davon ist"
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    Sie haben Schaum vorm Mund, was die Argumente nicht stärkt, aber das Diskussionsklima eintrübt. Auch wenn ich nur wenig von dem "persönlichen Erlebnis" als Argument halte, seien sie sich vergewissert, dass ich lange genug in Kanada gelebt habe und noch lebe. Sonst wäre ich nicht hier gelandet, weil sich in Deutschland sonst eigentlich kaum einer für die Problematik interessiert.

    Ich schätze nicht den Ethnozentrismus der frankophonen Québécois, doch kann ich ihn verstehen. Wenn Sie sich so gut auskennen, dann sollten sie auch die historischen Bedingungen der Französisierung kennen.

    ROC benötigt keine Sprachgesetze, um die Frankophonen rauszuhalten. Es gibt da andere, sehr viel wirkungsvollere Mechanismen, nicht zuletzt die Macht der Mehrheit. Bei den Studentenprotesten geht es um die moderat erscheinende Erhöhung der tuition fee, noch immer deutlich unterhalb des kanadischen Durchschnittsniveaus. Ein Luxusproblem möchte man meinen, doch steht dahinter die durchaus legitime Frage, was für eine Gesellschaft wir wollen und an welchen Leitbildern diese sich orientieren soll.

    Aber der politische Separatismus ist für die nächste Zeit tot. Die einen wissen, dass sie nicht überlebensfähig wären, die anderen wissen, dass sie ihre kanadische Identität verlieren würden - die Klügeren zumindest.

  6. franco-canadian gesprochen oder mit einem Quebecker, wieder zwei paar Schuhe, die übrigens von den franco-canadians aufgemacht werden. Und bitte Belege dafür das Quebec anglisiert werden soll/sollte. Der Exodus der Anglos fand Ende der 60iger statt und hat sich bis heute fortgesetzt, mit dem Effekt das das Geld aus der Province abfliesst. Und wenn sie sich in Geschichte dort so gut auskennen, einfach mal informieren was passiert wenn Quebec sich separieren würde, Stichwort Lower Canada.

    Ach noch vergessen, New Brunswick die einizige zweisprachige Provinz.

    Übrigens ist in jeder Provinz ausserhalb Quebecs in Bundesbehörden zweisprachigkeit der Mitarbeiter Pflicht, nicht so in Quebec. Da werden Schriftstücke in franz. aufgesetzt, da man nicht ein Wort English spricht, dann nach Quebec City geschickt, die schicken es dann nach Ottawa zum Übersetzungsservice, der übersetzt das dann ins Englische, dann gehts über Quebec City zurück ans Amt.

    Ich würde die Separation befürworten, wie wohl auch die meisten Canadier, dann kann La Belle Province sehen wie sie klar kommt.

  7. 16. Charta

    Ich glaube, Sie suchen das hier:

    http://de.wikipedia.org/w...

    :-)

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  • Schlagworte Kanada | Bildungsministerium | Dollar | Gebühr | Geldstrafe | Premierminister
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