Studienreform : Die Bologna-Reform kann nichts dafür!

Überfüllte Hörsäle, Betreuungsnotstand, mangelnde Reflexionskultur: Bologna hat keine Probleme geschaffen, sondern lediglich alte sichtbar gemacht, kommentiert A. Frank.

Vor wenigen Tagen feierte die Bologna-Reform ihr zehnjähriges Jubiläum. Bildungsministerin Annette Schavan zog in einem Interview Bilanz und nannte den Bologna-Prozess "eine europäische Erfolgsgeschichte". Medien, Hochschulverbände und Politiker diskutieren seitdem erneut das Für und Wider der Studienreform.

Die Diskussion wird allerdings von einem Missverständnis überschattet. Besonders Lehrende reproduzieren gerne, dass schlechte Studienarbeiten sowie oberflächliches Studierverhalten Effekte des Bachelor und typisch für den Bachelorstudierenden seien. Früher, in Zeiten von Magister und Diplom, seien die Studierenden doch besser gewesen, klagen sie.

Dabei haben sich die Studierenden gar nicht so sehr verändert, wie viele meinen. Im Gegenteil: Die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge hat in erster Linie alte Probleme sichtbar gemacht, als dass sie neue geschaffen hätte. Dies gilt vor allem, aber nicht nur, für die bis dahin wenig strukturierten Studiengänge der Geistes- und Sozialwissenschaften.

Durch die Bologna-Reform ist die Qualität von Studienstruktur, Studienorganisation und Studien- und Lehrkultur mehr denn je in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten. Dadurch kommen nun Probleme ans Tageslicht, die seit Jahrzehnten existieren, von der Öffentlichkeit aber bislang nicht wahrgenommen wurden.

Überfüllte Hörsäle, schlechte Betreuung

Als erstes wurde die schlechte Betreuungsrelation sichtbar. Die Zahl der Studienanfänger hatte sich mit der Einführung der neuen Studiengänge nicht erhöht, aber plötzlich kamen alle in die Einführungsveranstaltungen. In vielen Studiengängen hatten sich Studierende und Lehrende so sehr daran gewöhnt, dass allenfalls die Hälfte der eingeschriebenen Studierenden auch tatsächlich erschien, dass die andere Hälfte nicht einmal als fehlend wahrgenommen wurde. Überfüllte Lehrveranstaltungen zeigten, dass die personelle und räumliche Ausstattung der Hochschulen nicht ausreicht.

Andrea Frank

Dr. Andrea Frank, 53, leitet den Bereich Beratung für Studium, Lehre und Karriere an der Universität Bielefeld.

Weil nun plötzlich ein größerer Teil der Studierenden anwesend war, wurde auch sichtbar, wie unterschiedlich sie sind. Die Heterogenität der Studierenden wäre vielleicht nicht weiter thematisiert worden, wären mit der neuen Abschlussstruktur nicht zugleich studienbegleitende Prüfungen eingeführt worden, die vom ersten Semester an Leistungsunterschiede im Studienverlauf sichtbar machen. Ein Professor der Geschichtswissenschaft bemerkte in einer Gesprächsrunde an der Uni Bielefeld zu ersten Erfahrungen mit Bachelorarbeiten: "Früher haben nur diejenigen eine Arbeit abgegeben, die der Aufgabe einigermaßen gewachsen waren. Von den anderen haben wir gar nichts gesehen und lesen müssen."

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Kommentare

40 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

"Bologna hat keine Probleme geschaffen, sondern lediglich...

.... alte sichtbar gemacht, ..."

Das ist schon klar. Sie hat aber auch die Probleme falsch angepackt. Wenn man Unis hoher und höchster Qualität will, tut man sich schwer, wenn sie hauptsächlich öffentliche Anstalten sind. Nun will man zwar die Privaten simulieren, aber das ist Muckefuck. Nachmachen ist nicht so gut wie selber machen. Also privatisieren.

USA und UK

Die überwältigende Mehrheit der (nach Reputation und div. Rankings) weltbesten Universitäten liegen zunächst in den USA, dann Großbritannien und mit einigem Abstand Australien, Deutschland, den Niederlanden, Frankreich etc.

Wo liegt der Unterschied? Viele europäische Nationen bieten ihre Universitätsbildung kostenlos oder zu vergleichsweise niedrigen Gebühren (ca. 1.000€ pro Jahr in den Niederlanden) an, während die USA und Großbritannien aus Bildung ein Geschäft gemacht haben.

Im Vereinigten Königreich kassieren die meisten Unis 9.000 Pfund im Jahr (einer Hochschule mit 15.000 Studenten bringt das im Jahr 135 Millionen ein), in den USA teilweise an die 30.000 Dollar (bei mittleren bis größeren Unis dann auch mehrere hundert Millionen). Harvard hat ein Stiftungsvermögen von über 30 Milliarden (!) Dollar, Cambridge umgerechnet etwa 7 Milliarden Dollar.

An mittelmäßigen bis schlechten Unis sind auch im anglikanischen Raum die Bedingungen nicht paradiesisch, aber hier in Deutschland denken wir halt nur an Ivy League, Oxbridge, St. Andrews, UCL, Imperial, King's etc.

USA...

...ein Medizinstudent in den sagte mir mal, dass er nach seinem Studium mit einer Viertelmillion Dollar verschuldet sein wird.
Und mittlerweile türmen sich die Schulden der amerikanischen Studenten und Akademiker aus unbeglichenen College-Loans in einer Höhe von $ 1 Trillion (zu deutsch: 1 Billion US$!) auf.

http://www.usatoday.com/m...

Ein Vorbild für Deutschland?

Die amerikanischen Colleges und ihre Forschungslaboratorien profitieren eigentlich vom Braindrain anderer Länder. Fragen Sie sich mal, ob eine gesetzlich festgelegte Befristung von Uni-Arbeitsverträgen für maximal sechs Jahre von promovierten Akademikern in Deutschland unbedingt sein muss.
Erst teuer ausbilden, und dann vor die Tür setzen....

Zum Teil richtig,

aber das Problem ist in vielen Studienfächern ein anderes. Das Lernen an sich fokusiert sich oft auf stumpfes Auswendig lernen, ohne die Zeit zu haben, das Gelernte zu vertiefen, so dass vieles schlicht wieder vergessen wird. Desweiteren bleibt eine individuelle Förderung komplett auf der Strecke.
Ein weiteres Problem ist die Akzeptanz des Titels Bachelor bei Firmen, welche lieber auf Diplom setzen. Somit versuchen die meisten Studenten einen Masterabschluss zu erzielen, so dass die Gesamtstudienzeit sich wieder annähert an die alten Studiengänge.
Leerlauf und Orientierungslosigkeit der Alten Studiengänge war wirklich nicht begrüssenswert, aber die Nachhaltigkeit der neuen Abschlüsse werden sich erst zeigen.

Was hat der Titel mit dem Inhalt zu tun?

Einerseits hat die Bologna-Reform ihre ursprünglichen Zielsetzungen zu einem großen Teil nicht erreichen können. Andererseits ist die Misere an den deutschen Hochschulen und Universitäten durch das ständige Hineinregieren der Politik in die Hochschulen mit dem Primärziel des Einsparens von Steuergeldern entstanden. Natürlich ist die Bologna-"Reform" DAFÜR nicht verantwortlich zu machen. Erstaunlich ist in einem an sich rohstoffarmen Land vielmehr, wie sich die Politik großzügigst mit Steuermitteln an der Euro-Rettung beteiligt, den einzigen echten Rohstoff >Bildung des Nachwuchses< aber sträflich materiell vernachlässigt. Das wird sich bald bitter rächen.

Was hat Bologna gebracht?

Ein Ziel von Bologna wurde umgesetzt. Es gibt keine Langzeitstudenten mehr(,die ja schon immer 90% der Studenten gestellt haben).
Der Bachelor sorgt dafür, dass talentierte Studenten, die mehrere Anläufe bräuchten schon nach der 2ten Wiederholungsklausur exmatrikuliert werden...
Stattdessen haben wir jetzt Studenten, die bulimieartig lernen, aber nichts verstehen müssen. Desweiteren haben die Bachelorstudenten herzlich wenig Zeit, um über den Tellerrand zu schauen und reifer zu werden. Dafür bekommt die Wirtschaft 22 Jahre alte unausgereifte Bachelorabsolventen, die aber in der Wirtschaft nicht willkommen geheißen werden.
Die Statistik wird natürlich sagen: "Rekordeinstellungen von Master und Bachelorabsolvent" Aber das nur, weil es keine Leute mit Diplom mehr gibt.
Ausserdem, ist es nicht interessant, also Argument für Bachelor wurde u.a. die Unstrukturiertheit bei den Geisteswissenschaften genannt. Somit hätten die MINT-Fächer von der Bolognareform ausgenommen werden müssen!

Bologna besteht aus einem Denkfehler

Richtig. Und Probieren sie mal in 3 läppischen Jährchen die Philosophiegeschichte zu verstehen oder Grundprobleme der Sprachwissenschaft.

Ich möchte wissen, wer es schafft in 3 Jahren Kant, Hegel, Habermas, Adorno, Descartes, Aristoteles, Platon, Sartre, Heidegger, Derrida, Hobbes, Hume, Humboldt, Schelling, Herder, Marx, Rawls, Nietzsche, Schopenhauer zu lesen und artgerecht zu verstehen. Und damit sind nur die Klassiker genannt, nicht die Texte der Gegenwartsphilosophie.

So viel zur Unstrukturiertheit der Geisteswissenschaften. Sie können sie gar nicht anders studieren, als ausführlich. Und damit zeigt sich, woran Bologna gescheitert ist. An der Ignoranz oder dem Unwillen, jedem Studium dem Raum zu geben, das es braucht.

unter dem Strich

... stimme ich Ihnen zu. Auch für Philosophie ist ein stabsplanmäßiges Zusammenquetschen nicht gut. Allerdings muss man sich schon die Frage gefallen lassen wieso man in Philosophie so viel Zeit mit den Klassikern verbringt und so wenig mit der Gegenwart. Da etwas weniger genau auf die Nuancen des einen oder anderen im Endeffekt eben auch wirklich nur noch historisch interessanten Klassikers ein zu gehen und sich dafür mehr mit dem Spannungsfeld zu beschäftigen, das zwischenzeitlich manchen glauben machte, die Philosophen hätten gar nichts mehr beizutragen (schwerer Fehler!), würde dem durchschnittlichen Philosophiestudenten meiner Ansicht nach mehr Relevanz für die heutige Gesellschaft erlauben.

Naturwissenschaftler können sich auch nicht drei Viertel ihrer Zeit mit der Geschichte beschäftigen und dann kurz einen Ausblick in die Gegenwart wagen. In der Hinsicht nehme ich die Geisteswissenschaften nämlich sehr ernst und würde mir wünschen, dass es nicht nur Ausnahmen wären, die sich mit dem aktuellen fortschrittsorientiert auseinander setzen.

Unterschiedliche Vorgehensweise

Die Geschichte der Naturwissenschaften spielt bei der Ausbildung der Naturwissenschaftler nur eine sehr untergeordnete Rolle. In der Mathematik z.B. wird natürlich gerne der „Urheber“ eines Satzes genannt. Aber dessen Ausführungen sind für die jeweiligen Beweise nur eingeschränkt relevant. Ursache hierfür ist die Formalisierung der Mathematik, die mit der Grundlagenkrise in Anfang des letzten Jahrhunderts gelegt wurde. Bei einem Studium der (übersetzten) jeweiligen Original-Literatur würde die Ausbildung sehr viel länger dauern und wäre auch ineffektiver, da jede Generation von Studenten gezwungen würde, die alten (teilweise auch fehlerhaften) Pfade wieder zu beschreiten.

Die Geisteswissenschaftler verheddern sich, meiner Auffassung nach, viel zu oft bei den historischen Persönlichkeiten. Natürlich macht ein Schmökern in alten Texten durchaus viel Spaß und ist auch lehrreich. Um diese aber wirklich verstehen zu können, sollte man sich aber auch mit den jeweiligen zeitlichen Kontext intensiv auseinandersetzen, damit man die Intentionen und Begrifflichkeiten der Werke überhaupt richtig einordnen kann. Aber sind die gewonnen Erkenntnisse wirklich so wesentlich? So bleibt die Essenz der Erkenntnisse der Wissenschaftler über die Jahrtausende, im Vergleich zur Zitierfähigkeit berühmter Namen?

Was sollte Bologna wirklich bringen?

Bologna ein Erfolg? Im Prinzip ja; es kommt nur auf die Blickrichtung an.

Die Verkürzung der Schulzeit (G8) und der Regelstudienzeit ist eine Maßnahme der Kultusminister sich ihrer zu vielen und zu teuren Schüler/Studenten früher entledigen zu können. Danach werden die BA-Absolventen dann bewußt mit einer Minderqualifikation (weniger Ausbildungsjahre, zu jung) auf den Arbeitsmarkt geschickt, wo sie in Praktika gehalten (volle Leistung für Null Gehalt) oder auf einem niedrigeren Gehaltsniveau eingestuft werden. Originalzitat: "Ein Bachelor kann technische Zusammenhänge nicht in vollem Umfang erfassen. Deshalb wird er als Techniker und nicht als Dipl.-Ingenieur eingestuft."

Die Wahrheit ist, daß Studierende, die sich erfolgreich durch die Diplomer-Inhalte in Bachelor-Zeit gekämpft haben, besser sind als die alten Diplomer. Somit bekommt die Industrie mit einem Mangeletikett versehene hervorragende Ingenieure zu einem Minderpreis.

Dieses ist die Zielsetzung von Bologna: Kostensenkung in allen Bereichen.

Es gibt nicht die eine Bolgnareform

Die in Bologna beschlossenen Rahmenvorgaben wurden von den Hochschulen ganz unterschiedlich umgesetzt und zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Deshalb gibt es ganz unterschiedliche Erfahrungen. Die Uni Bielefeld hat z.B. bereits 2001 die neue Studienstruktur eingeführt und seither beständig an Verbesserungen gearbeitet. Die Zahl der Prüfungen wurde reduziert, es wurden Freiräume für individuelle Schwerpunktsetzung im Studium geschaffen usw. Zwangsexmatrikulationen nach nicht bestandenen Klausuren hat es hier nie gegeben.