Plagiate und Spickzettel : Studie offenbart Schummel-Kultur an deutschen Unis

Spicken, plagiieren, fälschen: Eine Studie erhebt erstmals Daten zum Schummeln im Studium. Danach täuschen vier von fünf Studenten. Fast nie fliegt der Schwindel auf.

Schummeln gehört an der Uni zum Alltag. Der Spickzettel unter der Sitzbank, die Hausarbeit aus dem Internet oder der Laborbericht, in dem die Messergebnisse ein klein wenig aussagekräftiger gemacht wurden, als es das Experiment hergibt – sie alle sind keine Einzelfälle an deutschen Universitäten. Das zeigt eine neue Studie, die erstmals empirische Daten zum Schummeln unter mehreren Tausend Studenten und Dozenten erhoben hat und vorab exklusiv ZEIT CAMPUS vorliegt.

Das Ergebnis: 79 Prozent aller Studenten haben innerhalb eines Semesters mindestens einmal geschummelt, knapp jeder fünfte hat mindestens ein Plagiat abgegeben. Erwischt wird kaum jemand: 94 Prozent der Plagiatoren bleiben unentdeckt, trotz der Aufregung über die Doktorarbeiten des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg oder der Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin .

Die Fairuse -Studie wurde von Soziologen der Universität Bielefeld und der Universität Würzburg im Auftrag des Bundesbildungsministeriums durchgeführt. Die Wissenschaftler fragten bewusst nicht nur nach Plagiaten, sondern auch nach anderen Verstößen gegen die Prüfungsordnung. "So wie in den Medien über studentischen Betrug diskutiert wird, sind die Naturwissenschaften fein raus", sagt Sebastian Sattler, Projektleiter der Studie. "Über das Fälschen und Erfinden von Messergebnissen redet niemand. Dabei betrifft es etwa ein Drittel aller Naturwissenschaftler und Mediziner." Zudem schreiben 37 Prozent aller befragten Studenten in Klausuren vom Nachbarn ab, bei den Medizinern sind es sogar zwei Drittel.

Zufriedene Studenten schummeln seltener als unzufriedene

Ein herausragendes Schummelfach gibt es laut der Fairuse -Studie allerdings nicht. Ob und auf welche Art geschummelt wird, hängt vor allem von der Art der Prüfung ab – und davon, wie die befragten Studenten mit ihrem Studium zurechtkommen. Zufriedene Studenten schummeln demnach seltener als unzufriedene. Zum Täuschen neigt dagegen eher, wer gestresst ist, starken Konkurrenzdruck empfindet oder mit Prüfungsangst kämpft. Das gilt für alle Arten des Schummelns und für alle Fächer. Und auch diejenigen, die sich mit ihrem Fach und dessen Methoden auskennen, sind ehrlicher.

Damit bestätigt die Studie, was Experten schon länger vermutet haben. "Im Bereich Prävention und Methodenlehre gibt es in Deutschland noch Verbesserungspotenzial, das muss sich durchs ganze Studium ziehen", sagte der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Prof. Dr. Wolfgang Marquardt, schon vor Bekanntwerden der Ergebnisse ZEIT CAMPUS.

Studienleiter Sebastian Sattler sieht zudem die Dozenten in der Pflicht. Diese beschränken sich laut der Ergebnisse der Fairuse-Studie oft auf ein Minimum an Prävention. Nur ein kleiner Teil derjenigen, die an ihrer Universität Zugang zu einer Plagiatssoftware haben, nutzen diese auch. Und nicht mal jeder vierte befragte Hochschullehrer gibt Sätze aus Hausarbeiten stichprobenartig bei Google oder anderen Suchmaschinen ein.

Professoren in der Pflicht

Zwar sagten fast alle, sie achteten bei Klausuren darauf, dass ihre Studenten weit auseinander säßen und keine Smartphones dabei hätten. Aber nur eine Minderheit verteilt unterschiedliche Klausurversionen, in denen die Fragen anders sortiert sind, um das Abschauen zu erschweren. Das liegt neben dem Zeitmangel der Dozenten laut Sattler auch daran, dass viele einen Generalverdacht ihren Studenten gegenüber vermeiden wollen, um das Lehrklima zu schonen.

Der Soziologe warnt davor, das Schummeln an deutschen Universitäten kleinzureden, auch wenn ein hastiger Blick auf die Klausur des Nachbars eine andere Qualität habe, als ein wochenlang ausgetüfteltes Plagiat. "Es wird viel Geld in die Bildung investiert – wenn Leute betrügen, ist das eine Fehlinvestition", sagt  Sattler. "Zudem sollen an der Uni nicht nur Stoffe, sondern auch Werte vermittelt werden. Nicht zufällig gibt es in vielen Berufen Probleme mit Korruption, Diebstahl am Arbeitsplatz oder unzuverlässiger Zeitabrechnung. Das verursacht einen volkswirtschaftlichen Schaden. Und irgendwo fängt die Bereitschaft zu betrügen an."

Zwischen 2009 und 2012 haben Sattler und seine Kollegen in mehreren Erhebungswellen zwischen 2.000 und 6.000 Studenten sowie rund 1.400 Dozenten anonym befragt. Ihre wichtigsten Ergebnisse werden in der neuen Ausgabe von ZEIT CAMPUS abgedruckt, eine vollständige Publikation der Studie ist für September 2012 geplant.


 

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Kommentare

145 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Mich würde...

eher interessieren, ob die Zahlen in der Studie auch richtig sind, oder ob da einer einfach einen Skandal sucht. Muss man sich anhand der Ergebnisse schon fragen.

Vielleicht liegt der Fehler auch nicht bei den Studenten. Die meisten Prüfungen an Unis sind sowas von überzogen, dass zum Lernen für das reale Berufsleben später kaum Zeit bleibt, weil man stupide irgendwelche Dinge auswendig lernen muss, die weder anwendungsbezogen noch nützlich sind.

Ich glaube nicht, dass es "an den Studenten"...

...liegt. Es ist eher die sie umgebende Kultur, die für sich und Freunde Rechtsbruch immer relativiert, trivialisiert und abtut. Was schließlich will man erwarten, wenn die Leitfiguren die Gesetze laufend zu brechen scheinen ohne Konsequenzen, Politiker, Richter und Beamte sich abstimmen um im Ausland systematisch zur Industriespionage anzustiften oder die Verfassung mit Verträgen wie ESM oder Maastricht aushöhlen und das Wohl des Volkes verlogen einer interessengemeinschaft burokratischer Eliten Opfern. Warum sollte der Student sich ethisch "richtig" verhalten in einem Umfeld in dem "ethisch" aussieht wie "dumm".

Wen wunderts?

Wenn populäre Politiker in ihrer Doktorarbeit in einem anspruchsvollen Fach praktisch ganze Bücher abschreiben und diese auch noch mit "summa cum laude" durchgewunken wird und dann nicht einmal eine wirkliche Strafe zu befürchten haben, ist es doch klar, dass sich die Studenten fragen, warum sie das nicht auch tun sollten. Genau genommen ist es ja nicht mal unmoralisch, denn unser lieber Guttenberg wurde ja von praktisch alles einflußreichen Medien verteidigt á la "der hat doch nur ein bisschen abgeschrieben. Wer hat denn noch nie mal abgeschrieben? Der arme Mann wird sooo gejagt und hat sich dabei noch nichts zu schulden kommen lassen." Gerade als Jurist sollte Guttenberg es besser wissen...

Wenn er wenigstens politisch abgesägt wäre. Aber das ist er ja nicht. Er wird ein paar Jahre in der EU geparkt und wird dann wie der Heiland persönlich zurückkehren in die Arme seiner Schäfchen...

So einer soll ein Vorbild sein? Lächerlich, echt lächerlich.

Warum sollte ich also nicht schummeln. Gibt ja ohnehin keine Konsequenzen und wenn es schon hohe Würdeträger tun dürfen, darf ich das wohl auch.

Bologna-Reform ist die Ursache

""Im Bereich Prävention und Methodenlehre gibt es in Deutschland noch Verbesserungspotenzial, das muss sich durchs ganze Studium ziehen""

Dazu gehört eben nun einmal üben, üben, üben. Das Erlernen wissenschaftlicher Methodik ist allerdings seit Umsetzung der Bologna extrem unchic geworden. Das Ziel der "Vergleichbarkeit" von Leistungen an Hand vorgegebener "Standards" kann nur über Klausuren erreicht werden. Bei Hausarbeiten und Referatsausarbeitungen geht das nicht - die mit dem Vergleich der Leistungen der Studenten beauftragten Betriebs- und Verwaltungswirte in den Hochschulverwaltungen wären damit vollkommen überfordert.

Bologna hat das deutsche Universitätswesen kaputt gemacht.

So weit würde ich nicht gehen...

"Bologna hat das deutsche Universitätswesen kaputt gemacht."

... aber ohne große Not hat dieser Wahn, alles Globalisieren und Internationalisieren zu wollen, die starken Wurzeln deutscher Bildungstradtion (im hochschulischen Bereich) beschädigt. Um so bedauerlicher, als dass dies eine der wenigen Errungenschaften nationalen Ausmaßes waren.

Das kann ich so nicht bestätigen

Hingegen gilt es in einigen Generationen noch immer als extrem chic, bei jeder Gelegenheit gegen Bologna zu wettern. Plagiiert haben die Studierenden auch bereits vor Bologna, nicht nur das: dumm plagiiert haben auch Magister und Diplomanden! Pröpädeutika wurden weit vor Bologna abgeschafft: Wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert, wie richtig zitiert und bibliographiert wird, durfte ich mir vor zehn Jahren während meines Grundstudiums selbst aneignen.
Ich lehre selbst an der Universität und kann getrost behaupten, dass das einzige, was den Studierenden heute wie damals vollständig abgeht ist die Fähigkeit und der Wille, sich selbständig, also informell, bestimmte Kenntnisse und Kompetenzen anzueignen.
Was sich allerdings - um adäquat auf Ihre Behauptung, Bologna sei Schuld, einzugehen - geändert hat: Es werden an allen Instituten und Fachbereichen, aber auch fächerübergreifend, zunehmend Tutorien und Mentorien angeboten, in denen Kompetenzen wissenschaftlichen Arbeitens vermittelt werden, in denen gelehrt wird, wie und wo man recherchieren kann, welche Zitierweisen es gibt, wie wissenschaftliche Arbeiten zu verfassen sind etc.pp.
Ich möchte Sie an den Qualitätspakt für die Lehre erinnern...
Bologna immerzu als Sündenbock für alles zu nominieren ist zwar bequem, aber weiß Gott nicht zeitgemäß.

Und abgesehen davon:

Ich habe als studierendes Mitglied im Fachbereichsrat sitzen dürfen just zu jener Zeit, als die Umstrukturierung vonstatten ging: Wenn etwas das Universitätswesen kaputt gemacht hat, dann die ewig Gestrigen. Das sich nicht einlassen Wollen auf die neuen Strukturen, das nicht Erkennen der neuen Möglichkeiten, das ewige Gezicke und Gezanke der Lehrstühle, das noch immer mit Wonne praktiziert wird. Worum wird denn gefürchtet? Die Denker sind nicht weniger geworden, zumindest nicht in den Geisteswissenschaften.
Was hingegen bei dem Blockade-Gebaren gelitten hat ist tatsächlich die Studienstruktur an vielen Universitäten; Viele Studiengänge kochen regional, wenn nicht universitär ihr eigenes Süppchen, man mag das Gefühl bekommen, beinahe in beleidigter Manier. Gemeinsam wäre Bologna auch kurzfristig zum Erfolg geworden. So wie es jetzt läuft, wird es längerfristig zum Erfolg, denn in Bologna sieht meine Generation viele Chancen und zeitgemäße Neuerungen, die nun aber erst einmal etabliert werden müssen.
Und noch etwas: Die neueren Studierendengenerationen leben schon jetzt mit Bologna und kennen das Studieren überhaupt nicht mehr anders: Warum wird immer noch daran gerührt? Warum werden sie immer noch gegen BaMa aufgestachelt? Vielleicht ist es an der Zeit, das Alte einmal loszulassen. Das haben wir bei der Rechtschreibreform geschafft, das sollte auch bei Bologna funktionieren. BaMa bleibt. Daran wird auch das destruktive Gezicke dagegen nichts mehr ändern.

Völlig korrekt:

die Studierenden heute wissen gar nicht, was ihnen entgangen ist. Aber sie wissen ganz genau, was sie von Bologna haben: ein windschlüpfriges Mainstream-Studium, das keine Abweichungen zuläßt, eine unglaubliche Notengeilheit (es wird jetzt schon darüber diskutiert, daß eine "2" keine akzeptable Note sei und man sich als Dozent schon rechtfertigen muß, wenn man eine Leisung als "befriedigend" bewertet), keine Zeit für "vernünftige" Arbeiten, sondern lediglich aufgeblasene Hausarbeiten als erster berufsqualifiziernder akadmischer Abschluß, Matrikel, die sich eher als Klassenverbände wahrnehmen denn als Student/innen (und die dementsprechend schon von "Wiederholern" reden, wenn jemand ein Semster ausgesetzt hat).
Und das ist nur ein kleiner Teil von Bologna, den man in die Tonne treten kann.
Aber zurück zum Thema: eben diese erlebte Insuffizienz (was z.B. die Jagd nach Noten angeht) führt zu einer Ausweitung des Plagiatwesens: die Leute sitzen anschließend meist heulend da und meinen, sie hätten doch nur eine gute Note haben wollen. Wichtig dabei ist, daß dieses Turbostudium auch kaum noch Zeit läßt, Literatur "als Ganzes" zu bearbeiten, sondern daß die google-Mentalität zu dem Glauben führt, mit einigen oberflächlichen Abhandlungen die Breite des Gegenstandes erfaßt zu haben: was nie gelingt.
Und wenn man von "Struktur" redet: selbstverständlich hat sich die Struktur der Uni nicht geändert, sondern lediglich bestimmte Organisationspribzipien.

Für technische Studiengänge perfekt

Was Sie hier beschreiben ist nicht Bologna. Ich habe Maschinenbau auf Diplom studiert. Pro Semester waren das zw. sieben und zehn Fächer. Darunter waren Hausarbeiten wie: Konstruieren Sie einen pneumatischen Spannbock, konstuieren Sie ein zweistufiges Schaltgetriebe, welches elektrisch geschaltet wird, konstruieren Sie eine Karosseriegehänge (waren am Ende 1.200 Einzelteile), Auslegung einer Heizung für ein komplettes Haus uvm.

Bei den Konstruktionsarbeiten hatten 100 Studenten die gleiche Aufgabe - Betreut von drei Professoren. Die hatten nie die Zeit, sich das in der Gänze anzusehen. Man musste sich untereinander austauschen.

Der Völlständigkeit halber: Ich studiere jetzt Angewandte Mathematik neben der Arbeit auf Master - es ist wie Ferien auf einer Farm entgegen dem Maschinenbau-Diplomstudiengang.
Und ich kann nach dem Bachelor den Master auf einem anderen Gebiet machen. Also MEHR Flexibilität als früher.

Sie plädieren dafür, dass man Studenten mehr Zeit gibt. Ich plädiere dafür, dass Studenten zumindest in den MINT Bereichen möglichst schnell aus diesen praxisfernen Bildungsstätten raus kommen um in der Wirtschaft zu lernen, wie man es richtig macht. Warum auch sollen sich die Studenten zu jedem Fach durch alle Bücher wühlen? Das interessiert die doch eh nicht mehr danach. Breite, knappe Ausbildung und dann in den Beruf. Und was man da in einem Jahr lernt, lernt man in der Uni nie.
Und etwas Studentenleben muss ja auch noch sein :-)

Die anderen sind Schuld

Das ist, glaube ich, zu einfach. Man kann Bologna zwar für sinnlos halten, aber die Qualität der Lehre hängt doch davon ab, was der Dozent erzählt und macht. Wie man die Prüfungsaufsicht organisiert und wie man Hausarbeiten benotet wird durch Bologna auch nicht vorgeschrieben. Problematischer ist da eher, dass Studenten Internetzugang haben. Nach meiner Kenntnis wurd das Internet aber nicht durch die Bolognaprozesse eingeführt.

Was der Dozent machen kann

glanebridge am 13.08.2012 um 12.42 Uhr: "Man kann Bologna zwar für sinnlos halten, aber die Qualität der Lehre hängt doch davon ab, was der Dozent erzählt und macht."
Das wäre korrekt, wenn der Dozent noch entscheiden könnte, was er erzählen und machen will. Kann er aber gar nicht mehr. Er muß schließlich konform bleiben.

Nein, was aus der Misere helfen könnte, wäre: die Uni zur "high school" machen, an der die Leute kurz, schnel und angepasst ausgebildet werden, aber dann ohne apokalytisch absurde Anforderungen. Und für Leute, bei denen Wissen, eigenständiges Arbeiten und tieferes Verständnis gefragt ist, ein Nachfolge-Uni-System aufbauen, das die ehemalige Uni fortsetzt. Für wenige, aber für die *ohne* Zeitdruck.

Denn die Kommentare schreien es ja wieder und wieder heraus: man _darf_ gar keinen Ehrlichkeitsanspruch an sich selbst haben, sofern das auch nur einen Moment zusätzlicher Zeit erfordern würde. Diesen Zeitdruck muß man aus dem System kicken, dann kann es vielleicht auch wieder was werden.

Mit Gruß von
Oyamat

Sie wischen aber jetzt ein Problem auch vom Tisch...

Sehr viele Studenten haben die Schule ohne Unterbrechung in 12 bzw. 13 Jahren beendet. Und sobald das Studium losgeht, brechen sie ein. Klar, das erste Mal auf eigenen Beinen stehen, fern von Papi und Mami, sich in einer großen Stadt zurecht zufinden. Sich in einen Freundekreis integrieren. Und die vielen anderen Dinge, die auf einmal neu und interessant sind... politisch werden... es gibt Vieles was ablenkt...und schnell wichtiger als das Studium wird. Es gibt viele Studenten, die mit ihrem Studentenleben zufrieden sind. Sie jobben neben der Uni. Davon können sie sich ihre WG Wohnung, ihr Handy, ihr Nachtleben und ab und an mal etwas in Europa rum reisen leisten. Und mehr wollen sie nicht. Studenten, die mit 35 im xte Semester studieren und eigentlich garkeine Lust auf das Leben danach haben, sind doch auch keine Seltenheit.
Also, bei allem Gejammer über Bologna - ein wenig Druck haben einige anscheinend schon gebraucht.
Der Freund von meiner Frau macht jetzt Diplomarbeit - nach 10 Jahren (nicht Semester) Informatikstudium. Er hat immer mehr neben dem Studium gearbeitet, Familie gegründet etc. Dafür ist das Studium aber nicht gedacht. Das Studium ist eine Ausbildung und kein Lebensabschnitt. Würden sich einige mal halbwegs an die Regelstudienzeit halten, wären auch mehr Platz für die neuen Studenten.

Das war und ist ein beliebtes Argument (1):

"die Wirtschaft" will es so, damit endlich mal die Praxis gegen die graue Theorie eine Chance bekommt (wobei immer wieder unterschlagen wird, daß - nach Lewin - nichts praktischer sei als eine gute Theorie). Abgesehen davon, daß "die Wirtschaft" doch ein sehr unscharfer Begriff ist, scheint es auch gegenteilige Meinungen zu geben:
http://www.studis-online....
Jedoch kann diese Art der Ausbildung auch zu einem Nischendasein führen; hier hätte man dann den "Bologna-Finken", der sehr genau und dezidiert auf eine bestimmte wirtschaftliche Aufgabe hin trainiert wird, aber spätetens dann wieder vor der Tür steht, wenn die nächste Generation mit neuen Techniken ausgerüstet auf den Markt drängt (wobei ich diesen Generationenwechsel jeweils alle 10 Jahre sehen würde), denn es ist viel ökonomischer, neue Techniken einzukaufen als alte umzutrainieren.

Das war und ist ein beliebtes Argument (2)

Nun ist die wissenschaftliche Landschaft nicht ganz unschuldig an der Entwicklung: wenn sich wissenschaftliche Qualität an Drittmitteln festmachen soll und sich viele Unis und Hochschulen Grundordnungen verpassen, für deren Wirtschaftsnähe die zuständigen Senate und Rektor/innen in den 70ern über den Campus gejagt worden wären, dann muß man sich nicht wundern, wenn der Glaube an ein ständiges "Größer, Höher, Weiter" auch bei den Studierenden nicht haltmacht und sich zunächst im Notenwahn zeigt, dem man jedoch wenig ausgerüstet gegenübersteht.
Hier bei ZO ist ein netter Artikel zu finden, der das ganze Dilemma eigentlich aufzeigt:
http://www.zeit.de/wissen...
Hätte Schrödinger sich Gedanken um die Katze gemacht, wenn er ein Bologna-Studioum absolviert hätte? Ich glaube nicht ... .

Bolognia: Wie alle "Reformen" - Vollkommen schlecht

" Wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert, wie richtig zitiert und bibliographiert wird, durfte ich mir vor zehn Jahren während meines Grundstudiums selbst aneignen."

Während meiner Studienzeit mussten während des Grund- und Hauptstudiums insgesamt rund 50 große und kleine "Scheine" gemacht werden. Nur zwei davon waren Klausuren. Nur dort hatte man eine richtige Chance zu schummeln. Ansonsten galt in Hausarbeiten und Referatsausarbeitungen: pro geschriebene Seite zwei Artikel aus einschlägigen Fachzeitschriften. Wie zu zitieren war, war klar geregelt und leicht verständlich - und wer die 50 Scheine, die zur Zulassung zur Diplomprüfung erforderlich waren, gemacht hatte, der hatte diese Regeln am Ende verinnerlicht.

Heute läuft die Ausbildung vielerorts komplett anders: an die Stelle der Ausarbeitungen und Hausarbeiten sind Klausuren bzw. mündliche Prüfungen getreten. Ich habe beruflich viel mit Studenten zu tun und ich schlage immer wieder die Hände über dem Kopf zusammen, was und wie da heute an den Hochschulen "gelehrt" wird: in den Scheinrelevanten Prüfungen wird nur noch Reprodktionswissen abgefragt. Die Entwicklung eigenständiger Lösungsansätze ist nicht mehr gefragt, genausowenig die kritische Reflexion, die früher ein zentrales Element wissenschaftlichen Arbeitens war. An die Stelle des Studierens ist das "Bulemie-Lernen" getreten - das Pauken von irgendwelchen Lehrsätzen und Dogmen ins Kurzzeitgedächtnis. Akademische Ausbildung sieht anders aus.

Sorry, aber Quatsch....

Sie haben nicht verstanden, was ich meinte. Der Bologna-Finke kann garnicht nach 10 Jahren von einem anderen Absolventen abgelöst werden, denn das würde ja bedeuten, dass der Absolvent in drei Jahren an der Uni mehr gelernt hat, als der Bologna Finke in zehn Jahren Berufserfahrung + Studium. Wenn dem wirklich so wäre, würde ich den Arbeiter auch entlassen.
Zunächst mal sollten Sie sich von der Vorstellung verabschieden, dass Ihnen an der Uni der aktuelle Wissensstand vermittelt wird. Glauben Sie bitte nicht, dass ein Professor mit drei Wissenschaftlichen Mitarbeitern am Institut für Strömungsmaschinen mehr Ahnung von Turbinen hat als Siemens PG oder GE, wo ein ganzes Team aus Ingenieuren den ganzen Achtstundentag nichts anders macht, als Turbinen weiter zu entwickeln. Die haben ein KnowHow, welches die auch nie freiwillig veröffentlichen würden - verständlich.
Also Uni = Siemens - 20 Jahre.

Ich persönlich bin in einem sehr theoretischen Bereich tätig. Ich beschäftige mich mit numerischen Berechnungen. Dafür vertreiben und supporten wir unsere Software. Und jedes mal, wenn ich einen Studenten am Telefon habe, muss ich ihn erstmal von diesen Vorstellungen, wie man es vor 1000 Jahren gemacht hat, befreien.

Ein neuer Techniker kann nichts. Er ist wie ein neuer Computer. Neu, aber die Festplatte ist leer. Wenn Sie mir einen Ingenieur auf meinem Fachgebiet zeigen, der genauso effizient ist wie ich und gerade von der Uni kommt, räume ich freiwillig meinen Stuhl.

Herr Schrödinger soll sich im Studium...

...keine Gedanken um Katzen machen (ich weiß, von welcher speziellen Katze Sie sprechen).
Er soll sich im Studium Gedanken über sein Studium machen. Wenn er dann Dipl. Phys. oder Dr.rer.nat ist, dann kann er sich Gedanken über Katzen machen.
Wenn er sich nur mit Quantenmechanik beschäftigen will, dann soll er das Studium abbrechen. Wer sich Physiker schimpfen will, muss eben durch alle Gebiete der Physik durch.

Es ist doch absolut illusorisch, dass jedem Studenten diese geforderte Freiheit und Zeit geboten wird. Das wäre auch den Menschen gegenüber unfair, die nicht studieren sondern eine Ausbildung machen und dann mit 15 Jahren Anfangen um 05:00 Uhr aufzustehen um sich an Maschinen zu plagen... die zahlen immerhin auch die Professoren mit.
Forschen kann man, wenn man seine Dr. Arbeit macht. Und in Ingenieursstudiengängen hat man dafür mind. drei Jahre, meist mehr Zeit. Und am Ende kommt dabei dann eine Arbeit über 100 bis 150 Seiten raus, wovon 95 % altes, bekanntes Wissen sind. Um dafür priviligiert zu sein, muss man aber nunmal wie jeder andere auch, vorher durch den ganzen anderen, teilweise langweiligen Mist durch...
Und wer weiter forschen will, kann an der Uni bleiben oder in eine Forschungseinrichtung wechseln (DLR, PTB, etc.). Da verdient man weniger, hat aber auch weniger Druck... es gibt für jeden was, aber eben nichts geschenkt.

Ach, wissen Sie, was "Quatsch"

ist bzw. sein wird, entscheiden nicht Sie oder ich.
Viele Leute haben im Zuge der Bologna-Reform Entwicklungen vermutet, die vehement als absolut negativistisch bezeichnet wurden. Blöderweise sind viele dieser Vermutungen Realität geworden.
Zudem können Sie mit meinen Einlassungen offensichtlich ebenfalls wenig anfangen (ohne daß ich Ihre Einlassungen dann als Quatsch bezeichne): Schrödinger wäre gerade nach einem Bologna-Studium nicht auf die Idee gekommen, sich über Katzen Gedanken zu machen, weil das - angeblich - außerhalb seines Gegenstandes gelegen hätte. Grundlagen der eigenen Profession, die sich mit weiteren, auch gesellschaftlichen, ethischen, wissenschaftstheoretischen ... Fragen beschäftigen, sind out of order - was eben dazu führt, daß plötzlich nur noch (meist ökonomisch begründete) sog. Sachzwänge eine Rolle spielen, ohne das den Leuten begreiflich gemacht werden kann, daß diese Sach"zwänge" selbstverständlich hausgemacht sind.
Wenn Sie meinen, daß man sich im Studium Gedanken über sein Studium machen solle, dann dreht es sich dabei um "Tatsachen" - diese Sichtweise finde ich nun deutlich zu kurz gegriffen: damit produzieren Sie lediglich "Macher", die um ihr Machen keine Gedanken mehr verschwenden: ob die Kochtöpfe machen oder Stahlhelme ist dann nur eine Frage des Materials.

Bologna = Schulreform

Afa81 am 13.08.2012 um 14.42 Uhr:
"Er soll sich im Studium Gedanken über sein Studium machen. Wenn er dann Dipl. Phys. oder Dr.rer.nat ist, dann kann er sich Gedanken über Katzen machen."
Das heißt, die Uni *soll* oder *muß* sogar eine Schule sein, in der der Lehrstoff klar ist und jede Eigeninitiative darüber hinaus von Übel ist?

Denn schließlich wäre es ja "absolut illusorisch, dass jedem Studenten diese geforderte Freiheit und Zeit geboten wird."
Nach Bologna mag das stimmen. Die "Universität", die es mal gab, hat genau das in aller Gelassenheit geschehen lasen können: jeder Student hatte Zeit und Professorenkontakt, soviel er brauchte.

Das Bild, das Sie in Ihren Beiträgen vermitteln, ist ungefähr "Bologna ist der einzig gangbare Weg der Ausbildung von Fachkräften". Mag sogar sein, daß das für viele Fachkräfte stimmt. Aber Forscher und Gelehrte (!) in spe bekommt man mit Bologna nicht hin.

OGv Oyamat

Ich bin mir nicht sicher...

Ich kann Ihre Argumentation nachvollziehen, es sind genau jene Argumente, die immer wieder hervorgebracht werden. Zu den Gründen: Viele der Magisterstudiengänge wurden ohne nennenswerte Abzüge geschrumpft und in den Bachelor of Arts gepresst. Sie wurden, man möchte sagen, ohne Änderungen, Überlegungen, Pläne, Ideen, Kreativität und ohne Kompromisswillen modularisiert. Da kann es einen kaum noch mehr wundern, dass die Studierenden entsprechend darauf reagieren.
Allerdings: Ich erlebe eine andere Art von Studierenden in meinen Seminaren als Sie die heutigen Studierenden schildern. Ich erlebe junge, aufgeschlossene, kritikfähige, kreative Menschen, denen eine Studienzeit, eine Lebenserfahrung geraubt wurde, wie wir sie noch hatten. Während meines Studiums blieb Luft für selbstorganisiertes Lernen bzw. für das Selbststudium, so wie wir es noch nannten. Es bliebt Luft für ehrenamtliches Arbeiten in Gremien, es blieb Luft für das Werden.
Ich weigere mich, den Studierenden den schwarzen Peter zuzuschieben. Sie reagieren (und das positiv und aufgeschlossen) auf ein System, das sie, überspitzt formuliert, drangsaliert.
Und auch an Bologna liegt es nicht. Es liegt nach wie vor - ich wiederhole mich - an einer schlampigen, von Ablehnung und Wiederwillen gekennzeichneten Umsetzung.
Und noch ein Aspekt: Beschäftigt man sich mit dem Hochschulwesen wird schnell deutlich, dass inzwischen mit allen Mitteln versucht wird, den, wie sie es nennen, Insuffizienzen entgegenzuwirken.

Ein Blick in andere Länder lohnt!

Wie würde ein Bachelorstudium aussehen, das Platz für selbstorganisiertes Lernen lässt?
Weit weniger Präsenzveranstaltungen, max. sechs pro Woche, Lernbegleitung per E-Learning oder Mentoren, Stichwort Blended-Learning..., Wochenaufgaben - wissenschaftliches Arbeiten nicht erst zum Ende des Semesters.
Nur Ideen.
Was müsste her? Und jetzt das stets gegenwärtige Problem, wie wir es aus allen Bildungsbereichen kennen: Geld. Kleine Lerngruppen, eine höhere Dichte an Lehrpersonal - hier kommt der HochschulLEHRER ins Spiel, Forschung nur noch im Master, der BA wird an den Colleges vergleichbaren Institutionen abgelegt. Offenheit: viel mehr nicht-konsekutive Master an Universitäten!
Und noch ein Punkt in Hinblick auf die Qualitätssteigerung (kleiner Seitenhieb): eine adäquate Schulbildung.
Durch die Semester hinweg, egal ob Magister oder Bachelor: Die Menschen können nicht mehr schreiben.
Genug jetzt. ;)

An alle, die den Bachelor Studiengang von der Uni verbannen...

...wollen hier zwei Punkte, die zu überdenken sind:

Der Bachelor ist um einiges schwieriger als der Master, der nur deshalb einen höheren Stellenwert hat, weil er den Bachelor voraussetzt. Im Bachelor hat man alle Grundlangenfächer wie Mathe, Technische Mechanik, Elektrotechnik, Thermodynamik uvm. Das sind die Fächer, in denen die hohen Durchfallraten erzielt werden. Im Master
wird dann vertieft und es werden Führungsqualitäten durch Fächer wie z.B. Projektmanagement vertieft?
Ich habe auf Diplom studiert und absolut kein Eigeninteresse daran, den Bachelor zu verteidigen - doch der Bachelor ist absolut ein Hochschulstudium. Das ist die schwierigste Phase. Und alleine der Motivation wegen sollte man ihn auch an der Uni absolvieren, dass man immer sieht, was danach doch für interessante Dinge kommen. Mich hat in den ersten Semestern oft der Windkanal motiviert von dem ich
wusste, dass ich ihn erst im siebten Semester betreten werde...

Ja und nein

Ich gebe Ihnen Recht, ein notorischer Schummler wird nach der Uni schnell merken, was er sich selber angetan hat.

Allerdings kann es sein, dass der Schummler durch geschicktes Abschreiben und andere Mogelleien bessere Noten bekommt und insgesamt vermeindlich besser da steht, als ein ehrlicher Student. Und dann zum Auswahlgespräch für ein Stipendium eingeladen wird (zugegeben ein krasser Fall, hier mal zur Verdeutlichung meines Arguments), zu dem der fachlich bessere ehrliche Student nicht geladen ist.

So gesehen ist Schummelei nicht ganz egal. Aber Sie haben schon Recht, es sind meistens nicht die besten Noten, die erschummelt werden, sondern eher das Bestehen.