Plagiate und SpickzettelStudie offenbart Schummel-Kultur an deutschen Unis

Spicken, plagiieren, fälschen: Eine Studie erhebt erstmals Daten zum Schummeln im Studium. Danach täuschen vier von fünf Studenten. Fast nie fliegt der Schwindel auf. von 

Schummeln gehört an der Uni zum Alltag. Der Spickzettel unter der Sitzbank, die Hausarbeit aus dem Internet oder der Laborbericht, in dem die Messergebnisse ein klein wenig aussagekräftiger gemacht wurden, als es das Experiment hergibt – sie alle sind keine Einzelfälle an deutschen Universitäten. Das zeigt eine neue Studie, die erstmals empirische Daten zum Schummeln unter mehreren Tausend Studenten und Dozenten erhoben hat und vorab exklusiv ZEIT CAMPUS vorliegt.

Das Ergebnis: 79 Prozent aller Studenten haben innerhalb eines Semesters mindestens einmal geschummelt, knapp jeder fünfte hat mindestens ein Plagiat abgegeben. Erwischt wird kaum jemand: 94 Prozent der Plagiatoren bleiben unentdeckt, trotz der Aufregung über die Doktorarbeiten des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg oder der Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin .

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Die Fairuse -Studie wurde von Soziologen der Universität Bielefeld und der Universität Würzburg im Auftrag des Bundesbildungsministeriums durchgeführt. Die Wissenschaftler fragten bewusst nicht nur nach Plagiaten, sondern auch nach anderen Verstößen gegen die Prüfungsordnung. "So wie in den Medien über studentischen Betrug diskutiert wird, sind die Naturwissenschaften fein raus", sagt Sebastian Sattler, Projektleiter der Studie. "Über das Fälschen und Erfinden von Messergebnissen redet niemand. Dabei betrifft es etwa ein Drittel aller Naturwissenschaftler und Mediziner." Zudem schreiben 37 Prozent aller befragten Studenten in Klausuren vom Nachbarn ab, bei den Medizinern sind es sogar zwei Drittel.

Zufriedene Studenten schummeln seltener als unzufriedene

Ein herausragendes Schummelfach gibt es laut der Fairuse -Studie allerdings nicht. Ob und auf welche Art geschummelt wird, hängt vor allem von der Art der Prüfung ab – und davon, wie die befragten Studenten mit ihrem Studium zurechtkommen. Zufriedene Studenten schummeln demnach seltener als unzufriedene. Zum Täuschen neigt dagegen eher, wer gestresst ist, starken Konkurrenzdruck empfindet oder mit Prüfungsangst kämpft. Das gilt für alle Arten des Schummelns und für alle Fächer. Und auch diejenigen, die sich mit ihrem Fach und dessen Methoden auskennen, sind ehrlicher.

ZEIT Campus 5/2012
ZEIT Campus 5/2012

Damit bestätigt die Studie, was Experten schon länger vermutet haben. "Im Bereich Prävention und Methodenlehre gibt es in Deutschland noch Verbesserungspotenzial, das muss sich durchs ganze Studium ziehen", sagte der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Prof. Dr. Wolfgang Marquardt, schon vor Bekanntwerden der Ergebnisse ZEIT CAMPUS.

Studienleiter Sebastian Sattler sieht zudem die Dozenten in der Pflicht. Diese beschränken sich laut der Ergebnisse der Fairuse-Studie oft auf ein Minimum an Prävention. Nur ein kleiner Teil derjenigen, die an ihrer Universität Zugang zu einer Plagiatssoftware haben, nutzen diese auch. Und nicht mal jeder vierte befragte Hochschullehrer gibt Sätze aus Hausarbeiten stichprobenartig bei Google oder anderen Suchmaschinen ein.

Professoren in der Pflicht

Zwar sagten fast alle, sie achteten bei Klausuren darauf, dass ihre Studenten weit auseinander säßen und keine Smartphones dabei hätten. Aber nur eine Minderheit verteilt unterschiedliche Klausurversionen, in denen die Fragen anders sortiert sind, um das Abschauen zu erschweren. Das liegt neben dem Zeitmangel der Dozenten laut Sattler auch daran, dass viele einen Generalverdacht ihren Studenten gegenüber vermeiden wollen, um das Lehrklima zu schonen.

Der Soziologe warnt davor, das Schummeln an deutschen Universitäten kleinzureden, auch wenn ein hastiger Blick auf die Klausur des Nachbars eine andere Qualität habe, als ein wochenlang ausgetüfteltes Plagiat. "Es wird viel Geld in die Bildung investiert – wenn Leute betrügen, ist das eine Fehlinvestition", sagt  Sattler. "Zudem sollen an der Uni nicht nur Stoffe, sondern auch Werte vermittelt werden. Nicht zufällig gibt es in vielen Berufen Probleme mit Korruption, Diebstahl am Arbeitsplatz oder unzuverlässiger Zeitabrechnung. Das verursacht einen volkswirtschaftlichen Schaden. Und irgendwo fängt die Bereitschaft zu betrügen an."

Zwischen 2009 und 2012 haben Sattler und seine Kollegen in mehreren Erhebungswellen zwischen 2.000 und 6.000 Studenten sowie rund 1.400 Dozenten anonym befragt. Ihre wichtigsten Ergebnisse werden in der neuen Ausgabe von ZEIT CAMPUS abgedruckt, eine vollständige Publikation der Studie ist für September 2012 geplant.


 

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Leserkommentare
  1. Ich hab es mir bisher im Studium nicht zugetraut. Aber ich kann es absolut verstehen.

    Mit 6 Klausuren innerhalb von 3 Wochen und mit etwas Pech 2 an einem Tag ist es unmöglich, gute Noten zu erzielen, ohne in irgendeiner Form zu schummeln. Dazu kommt, dass man für die meisten Klausuren nurnoch AUSWENDIG lernen kann, was nicht nur erziehungswissenschaftlicher Bullshit ist, sondern auch extrem an den eigenen Reserven nagt.

    Ich kenne viel zu viele, die unter dem Stress zusammenbrechen und Burn-Out oder Depressionen entwickeln.

    Schummeln ist da ein (wenn auch ungalanter) Ausweg aus der Misere.

    Mehr Qualität im Studium könnte da gegensteuern, doch das ist angesichts des Ba-/Ma- Unfugs Wunschdenken.

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    6 Klausuren in 3 Wochen sind jetzt nicht unbedingt so viel. Ich habe mal 5 Klausuren in einer Woche geschrieben.
    Ich bin mit einem befreundet, der zu den besten im Jahrgang gehört. Das liegt daran, dass er eben frühzeitig mit dem lernen anfängt, es gut organisiert und mit Begeisterung für das Fach macht. So schafft er es in allen Klausuren zu den beaten zu gehören, ohne schummeln und ohne zu betrügen. Es ist auch nicht so, dass er kein Privatleben hätte.

    • Afa81
    • 13. August 2012 16:49 Uhr

    ...indivuduellen Lernen falsch verstanden. In der Praxis sieht aber das Lernen individuell meist gleich aus. Man wartet bis zur letzten Möglichkeit und muss sich dann Unmengen an Stoff reinziehen.

    "Des Weiteren geht es um selbstgesteuertes Lernen, aber - und dies ist hochschuldidaktisch bedeutsam - unterstützt durch methodisches Coaching im Bedarfsfall."

    Ich bin vielen Vorlesungen fern geblieben, habe zu Hause die Sachen durchgearbeitet und habe den Professor meist nur Abends gesehen, wenn ich in seiner Sprechstunde saß. Da sind wir dann die Aufgaben durchgegangen, die ich nicht verstanden hatte. Ich war immer der einzige. Die Studenten haben diese Möglichkeiten nie wahr genommen.
    Es gibt teils zu viele Möglichkeiten für Studenten. Es gibt Tutorien, es gibt zu fast allem sogar schon ein YouTube Video. Es gibt Vorlesungen. Es gibt Übungsaufgaben. Es gibt die Möglichkeit, Abends in die Sprechstunde zu gehen. Nach der Vorlesung hat eigentlich jeder Professor noch die Zeit, auf Fragen einzugehen. Man kann interaktiv Lerngruppen bilden. Es gibt all diese Möglichkeiten doch schon lange.

    Ich glaube, und das ist jetzt eine Unterstellung, das gebe ich zu: In den aller meisten Fällen haben die Studenten einfach zu lange nichts gemacht und zu viel auflaufen lassen...

    Eigenständiges Arbeiten und sich einfach mal mit Internet, Büchern, Händen, Füßen und Grips durch ein Problem durchzuarbeiten ist sehr wichtig... man muss die Leute auch von der Hand lassen...

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    ist in der Tat kein neues Problem. Und dass es verschiedene Möglichkeiten der Unterstützung gibt - geschenkt. Dennoch muss über geeignete Methoden zum Selbstlernen bis zum Zeitmanagement einiges erlernt resp. eingeübt werden. Dies muss die Uni auch in adäquater Form gewährleisten. Wer's nicht braucht und z. B. lieber zuhause lernt - umso besser. Von grundsätzlicher Anwesenheitspflicht in allen Veranstaltungen (insb. Vorlesungen) halte ich gar nichts.

    Hier noch etwas Hintegrund in Form eines Dossiers über "Leistungsnachweise in modularisierten Studiengängen" der Uni Zürich mitsamt zwei interessanten Praxisbeispielen zu einer etwas intelligenteren Leistungsüberprüfung -> http://www.afh.uzh.ch/ins... So etwas erschwert auch das Schummeln.

  2. 6 Klausuren in 3 Wochen sind jetzt nicht unbedingt so viel. Ich habe mal 5 Klausuren in einer Woche geschrieben.
    Ich bin mit einem befreundet, der zu den besten im Jahrgang gehört. Das liegt daran, dass er eben frühzeitig mit dem lernen anfängt, es gut organisiert und mit Begeisterung für das Fach macht. So schafft er es in allen Klausuren zu den beaten zu gehören, ohne schummeln und ohne zu betrügen. Es ist auch nicht so, dass er kein Privatleben hätte.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Schummeln? Klar"
  3. ist in der Tat kein neues Problem. Und dass es verschiedene Möglichkeiten der Unterstützung gibt - geschenkt. Dennoch muss über geeignete Methoden zum Selbstlernen bis zum Zeitmanagement einiges erlernt resp. eingeübt werden. Dies muss die Uni auch in adäquater Form gewährleisten. Wer's nicht braucht und z. B. lieber zuhause lernt - umso besser. Von grundsätzlicher Anwesenheitspflicht in allen Veranstaltungen (insb. Vorlesungen) halte ich gar nichts.

    Hier noch etwas Hintegrund in Form eines Dossiers über "Leistungsnachweise in modularisierten Studiengängen" der Uni Zürich mitsamt zwei interessanten Praxisbeispielen zu einer etwas intelligenteren Leistungsüberprüfung -> http://www.afh.uzh.ch/ins... So etwas erschwert auch das Schummeln.

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    vom Selbstlernen

  4. 125. Edit:

    vom Selbstlernen

    • Orbit1
    • 13. August 2012 17:26 Uhr
    126. Laborheft

    Ich betreue Physikpraktika in einem Bsc. Studiengang. Wenn jemand nicht die Messwerte bekommt, die er bekommen sollte, in der Auswertung aber genau erläutert wo der Fehler lag und was hätte herauskommen sollen, muss niemand den Versuch wiederholen...
    Was ich aber gut nachvollziehen kann und auch selbst schon gemacht habe: Messwerte die offensichtlich nicht in die Messreihe passen und falsch sind gar nicht erst notieren

  5. Antwort auf "Mich würde..."
  6. da habe ich mich wohl vertan ;-)
    und nein ich habe nur diesen einnen acc.

    hinsichtlich der pauschalen aussage widerspreche ich jedoch, da das meist - im gegensatz zu "immer" - eine hinreichende einschränkung in der aussage darstellt.

    Antwort auf "Selbstbezug"
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    "und nein ich habe nur diesen einnen acc."

    ...

    "hinsichtlich der pauschalen aussage widerspreche ich jedoch, da das meist - im gegensatz zu "immer" - eine hinreichende einschränkung in der aussage darstellt."

    Das stimmt natürlich nicht. "Meist" heißt, dass eine Aussage auf die Mehrheit aller Fälle zutrifft. Auch das kann man als Pauschalisierung bezeichnen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Google | Karl-Theodor zu Guttenberg | Diebstahl | Doktorarbeit | Hochschullehrer | Mediziner
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