Wissenschaft : Wikipedia forscht mit

Zwar nutzen viele Forscher das Onlinelexikon im Alltag, wissenschaftlich anerkannt ist es aber nicht. Wikipedianer in Forschungseinrichtungen sollen das ändern.

Die Zeit scheint stehengeblieben in der Podbielskiallee in Dahlem: In dem verwunschenen Garten blühen die Stauden, innen in der grauen Villa knarrt das Parkett. Im Haus Wiegand, der Zentrale des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), spürt man immer noch den Atem des frühen 20. Jahrhunderts.

Aber längst auch den des 21. Jahrhunderts. "Wir versuchen, die Wikipediakultur ins Becken der DAI-Kultur zu werfen." Der Mann, der das sagt, heißt Reinhard Foertsch, seit Anfang August ist der Kölner Archäologieprofessor hier neuer Wissenschaftlicher Direktor für Informationstechnologie. Foertsch hat ehrgeizige Pläne, zumal für die Sichtbarkeit deutscher archäologischer Forschungsarbeiten im Internet.

Dass er dabei ausgerechnet mit Wikipedia kooperiert , ist keine Selbstverständlichkeit. Zwar nutzen viele Wissenschaftler die Webseite im Alltag, wissenschaftlich anerkannt aber ist das von Laien geschriebene Onlinelexikon nicht, geschweige denn zitierfähig. Warum will ein weltweit anerkanntes Institut, das 400 Mitarbeiter in 12 Ländern beschäftigt und auf eine fast zweihundertjährige Forschungsgeschichte zurückblickt, mit der Plattform eng zusammenarbeiten? Sogar ein hauseigener Wikipedianer – ein "Wikipedian in residence" – ist seit Kurzem am DAI engagiert.

Hobby-Enzyklopädisten in Forschungseinrichtungen

Auch wenn das Institut in Deutschland Neuland betritt – international befindet es sich in guter Gesellschaft. Den Anfang machte 2010 der Wikipedia-Autor Liam Wyatt am British Museum in London , es folgten Wikipedianer in Versailles, am Museum of Modern Art in New York , am Museu Picasso in Barcelona und in vielen anderen Einrichtungen. "Das Residenceprogramm ist Teil der sogenannten GLAM-Bewegung in der Wikipedia-Community", sagt Barbara Fischer vom Förderverein Wikimedia Deutschland. GLAM steht für Galleries, Libraries, Archives und Museums. Seit knapp zwei Jahren bemühen sich die Hobby-Enzyklopädisten, weltweit enger mit Archiven und Forschungseinrichtungen zusammenzuarbeiten. Unter dem Dach von GLAM finden gegenseitige Weiterbildungen statt, redaktionelle Zusammenarbeiten, die Erschließung digitaler Bestände sowie die Entwicklung neuer Formen der Wissensvermittlung.

Das alles ist jetzt auch die Aufgabe von Marcus Cyron. Er wird als "Wikipedian in residence" bis Ende 2012 am Deutschen Archäologischen Institut arbeiten. "Für mich geht ein Lebenstraum in Erfüllung", sagt der 36-Jährige, der aus gesundheitlichen Gründen sein Studium nicht beenden konnte. Fachliche Qualifikationen bringt der ehemalige Student der Altertumswissenschaften, der seit sieben Jahren Wikipedia-Autor ist, trotzdem mit. Von den rund 26.000 Artikeln, die es in der deutschsprachigen Wikipedia zum Thema Altertum gibt, hat Cyron über 2.000 geschrieben, darunter den Eintrag zum Pergamonaltar. "Außerdem habe ich mich ein wenig auf griechische Keramik spezialisiert", sagt der Vielschreiber.

Aber um Becher oder Vasen geht es in den kommenden Monaten gar nicht. Cyrons Werkvertrag wird zwar sowohl vom Verein Wikimedia als auch vom DAI finanziert, als gefälliger Auftragsautor ist er aber nicht engagiert. Er wird keine neuen Artikel über archäologische Artefakte oder Ausgrabungsstätten produzieren. Für IT-Direktor Foertsch ist Wikipedia vielmehr eine Schnittstelle zwischen dem Rohmaterial der Datenbanken und den gedruckten Publikationen, die beide jeweils nur von einem kleinen Fachpublikum verstanden würden. "In der Wikipedia werden archäologische Erkenntnisse für eine breitere Öffentlichkeit greifbar." Diesen Gedanken will Foertsch aufgreifen, ihn in der Kommunikationskultur des Instituts verankern.

Noch fremdeln die deutschen Wissenshüter

Marcus Cyron führt deshalb vor allem Workshops durch, bei der die Institutsmitarbeiter das Innenleben der Wikipedia kennenlernen. "Ich erlebe dabei erstaunlich oft, dass die Wissenschaftler zwar Wikipedia als Leser nutzen, aber das Partizipationsprinzip, das dahinter steckt, überhaupt nicht verstanden haben." Cyron zeigt den Forschern, wie man mitschreiben kann, was aus Sicht der Wikipedia relevant ist, warum und wo wilde Debatten toben. Und natürlich hat er eine politische Botschaft: Dass die Idee vom freien Wissen nicht nur von freiwilliger Mitarbeit, sondern auch von freien Lizenzen und Zugängen lebt. "Wenn ich es schaffe, wenigstens ein paar Wissenschaftler zur Partizipation zu ermutigen, wäre das ein großer Erfolg."

Die Unterstützung des IT-Direktors hat er jedenfalls. "Man begibt sich mit Wikipedia in einen Diskursprozess", sagt Foertsch begeistert, der am liebsten durchsetzen würde, dass DAI-Mitarbeiter auch in ihrer Arbeitszeit offiziell an Wikipedia-Einträgen mitwirken dürfen. Eine Einstellung, die noch lange nicht in allen Universitäten, Museen und Archiven salonfähig ist. Im Gegenteil: Meistens ist es für die ehrenamtlichen Wikipedia-Autoren schwer, sich überhaupt Zugang zu den Primärquellen zu verschaffen.

Zwar ist das Niveau der 1,4 Millionen deutschen Artikel mittlerweile beachtlich hoch, aber viele Einträge müssen regelmäßig überprüft und aktualisiert werden. Für die deutschen Wikipedia-Autoren, deren Zahl zurzeit bei 6500 stagniert , eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Wikimedia bemüht sich deshalb, weitere Wikipedianer in Residence zu vermitteln. Doch die Verhandlungen seien schwierig, sagt eine Sprecherin. Und das, obwohl der Förderverein die Kooperationen finanziell mitträgt. Noch aber herrsche großes Fremdeln seitens der deutschen Wissenshüter: "Da gibt es so viele Vorbehalte, das fängt bei Urheberrechtsbedenken an und geht bis hin zu der Sorge, dass im Museum die Besucher wegbleiben, wenn Abbildungen der Kunstwerke online zu sehen sind."

Für Cyron zählen diese Einwände nicht. Seiner Meinung nach schade Wikipedia niemandem und nütze vielen. Weil es für die Wissenssuchenden oft die erste Anlaufstelle sei, und weil sie von hier aus weiterklicken: zu den Webseiten der Archive, Museen, Fototheken. Ob er aus seinem Intensivhobby eine berufliche Perspektive entwickeln kann, ist noch unklar. Die Zusammenarbeit mit dem DAI ist befristet, danach wird Cyron sich nach neuen Partnern umsehen müssen. "Mein Traum", sagt er, "wäre eine Stelle als Wikipedianer in Residence auf der Museumsinsel. Den Ort liebe ich seit meiner Kindheit."

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Belege?

Aus dem Artikel: Zwar nutzen viele Wissenschaftler die Webseite im Alltag, wissenschaftlich anerkannt aber ist das von Laien geschriebene Onlinelexikon nicht, geschweige denn zitierfähig.

Kann der Author des Artikels diese Aussage auch belegen? Ich für meinen Teil habe in meiner Studienarbeit mehrere Wikipedia Artikel zitiert, und dies wurde vom Betreuer und vom Professor auch anerkannt. Mir ist auch nicht klar, wie man immer wieder behaupten kann, dass wikipedia nicht zitierfähig sei - schließlich gilt es als erwiesen, dass die Qualitiät von Wikipedia die anerkannter Nachschlagewerke wie den Brockhaus längst übersteigt.

Mal ganz abgesehen davon, dass jede Quelle in einer Wissenschaftlichen Arbeit zitierfähig ist - wichtig ist lediglich, dass man sich mit seinen Quellen kritisch auseinandersetzt. Es gibt keine fehlerfreien Quellen.

mfg henry

Zitierfähigkeit

Also ich bin Doktorand an einer englischen Universität und würde mir eher die Finger abhacken als in meiner Arbeit Wikipedia zu zitieren.

Wikipedia-Artikel bestehen doch auch zu großen Teilen aus externen Quellen, da kann man doch gleich in den externen Quellen nachschauen.

Ich arbeite selber an der Wikipedia mit und muss leider immer wieder feststellen wieviel schlechte Artikel es gibt, auch wenn der Standard wie Sie richtigerweise sagen mittlerweile schon relativ hoch ist.

Geht es noch?

Wikipedia ist ein Lexikon also kompiliert es Wissen.

Das Gute an Wikipedia ist, dass sie dort einen schnellen Zugriff auf mögliche Quellen haben.

Außerdem hilft es Ihnen schich schnell ohne viel "Geschwafel" in Themen einzulesen.

Die richtige Forschungsarbeit muss man dann schon noch selbet machen.

Das selbe Argument könnten Sie aber auch für den Brockhaus oder die Enzyclopaedia Britannica vorbingen.

Wikipedia ist nicht zitierfähig.

" Zwar nutzen viele Wissenschaftler die Webseite im Alltag, wissenschaftlich anerkannt aber ist das von Laien geschriebene Onlinelexikon nicht, geschweige denn zitierfähig."

Das stimmt schon so. Wikipedia taugt gut, um einen ersten Einblick zu bekommen - zu mehr leider (noch) nicht. In meinem Fachgebiet (Festkörperphysik) z.B. schwankt die Qualität der Artikel zwischen "gut" und "grottenfalsch". Es ist gar nicht so einfach, einen richtigen und verständlichen wissenschaftlichen Artikel zu schreiben. Das erfordert viel Zeit und Fachwissen. Beides wird von den Autoren oft falsch eingeschätzt. Studenten z.B. verfügen über Zeit, oft fehlt es noch an Überblick: Studenten vor dem Examen fehlen oft die Zusammenhänge, Doktoranden dagegen neigen dazu, ihre persönliche Perspektive überzubewerten und randständige Spezialthemen in aller Tiefe einzuarbeiten. Den Fachleuten in Industrie und Forschung fehlt dagegen die Zeit, das Thema auszuarbeiten.

Für Laien ist die inhaltliche Qualität aber nicht zu erkennen. Und genau hier liegt das Problem mit der Zitierfähigkeit. Teilweise schwankt ja schon die Qualität innerhalb eines Artikels zwischen "sehr gut" und "haarsträubend". (Beispiele sind hier die Darstellungen von Städten oder Gemeinden, wo wirtschaftliche und geographische Aspekte oft gut dargestellt sind. Der historische Abriss gleitet dann ins Unkritisch-folkloristische ab)

Deshalb Wikipedia als Nachschlagewerk für den Einstieg ja, als Quelle für wissenschaftliche Arbeiten nein.

Sie...

falsch dargestellt, als dürfte man überhaupt nichts aus der WP übernehmen oder Zitieren.

Das gilt dann aber für fast jedes Lexikon.

Natürlich kann man auch aus der Wikipedia zitieren, wenn man es richtig macht und es zum Beispiel als breit verfügbare Quelle darstellt und die Literatur bearbeitet, welche dem entsprechendem Lemma zugrunde liegt.

Lexika allgemein sind Werkzuege und die muss man nur richtig benutzen.
Sie können ruhig falsch liegen, solange sie nicht vage sind.

Interpretationssache

Sie haben geschrieben:
"Also ich bin Doktorand an einer englischen Universität und würde mir eher die Finger abhacken als in meiner Arbeit Wikipedia zu zitieren."

Diese Aussage kann man wie folgt interpretieren:

"Potenziell würde ich aus der WP zitieren, wenn die Artikelqualität dies erlauben würden."

Und das ist einfach völlig daneben in meinen Augen. Die WP kann nie Quelle für ein Zitat sein, weil sie nie Primärquelle sein kann. Also selbst wenn ein Artikel gut wäre, er würde immer auf einer oder mehreren Primärquellen basieren die dann eher zu nennen wären.

Gut auf den Punkt gebracht

Stimme Ihnen da völlig zu.

Erweiterter Hinweis: bei Themen zu Geschichte, Religion oder politischen Themen wird Wikipedia häufig von Fanaktikern vereinnahmt und diese mobben neutrale Editoren eher raus oder diese geben auf.

Die größte Schwierigkeit für die Nutzung ist in der Tat, dass es es teilweise exzellente Artikel und grottenschlechte gibt und für einen Laien, das kaum oder nicht unterscheidbar ist.

Überblick gibt WP aber es ist mit Vorsicht zu genießen.

Kritik gilt auch für andere Quellen

Die Kritik, die hier mehrfach an Wikipedia geäußert, ist ja berechtigt - nur kann man diese Kritik auf nahezu jede Quelle anbringen (und zum guten wissenschaftlichen Stil gehört es auch, dass man sich kritisch mit seinen Quellen auseinandersetzt).

Wenn die Argumente, die hier aufgeführt werden, also dazu führen sollen, dass wikipedia nicht zitiert werden darf, dann darf konsequenterweise überhaupt keine Quelle mehr zitiert werden.

Richtig ist, dass wikipedia in nur in einigen Fällen Primärquelle ist, weswegen dann auch die eigentliche Primärquelle zitiert werden sollte.

mfg henry

Zitierfähigkeit

Prinzipiell halte ich Wikipedia für so zitierfähig, wie eine andere Enzyklopädie auch.
In wissenschaftlichen Artikeln zitiert man idR. originalarbeiten oder vielleicht noch ausführliche Übersichtsartikel/Bücher.
Wenn man aber tatsächlich mal in eine Situation kommen würde, in der man eine Enzyklopädie zitieren könnte (vielleicht für eine inhaltlich eher unbedeutende Aussage in einem motivierenden Textabschnitt, die man aber dennoch belegen möchte, etwas anderes fällt mir da eigentlich nicht ein.), dann kann man natürlich auch Wikipedia nehmen.

LEIDER nicht zitierfähig

Ich schreibe gerade an meiner Hausarbeit für die Uni und habe schon 3000 - Seiten Kommentare zum StGB nach einem einzigen, bestimmten Problem durchwälzt. Nirgendwo steht dazu auch nur ein Wort. Bei Wikipedia schon. Aber verwenden darf ichs ja leider nicht. Also mach ichs einfach so, dass ich das von Wikipedia übernehme, aber als Quelle die Literaturangaben von Wikipedia angebe. Merkt eh keiner...

Dann recherchieren Sie

"Bei Wikipedia schon. Aber verwenden darf ichs ja leider nicht. Also mach ichs einfach so, dass ich das von Wikipedia übernehme, aber als Quelle die Literaturangaben von Wikipedia angebe. Merkt eh keiner..." Dann beschaffen Sie sich doch die in Wikipedia zitierte Quelle und zitieren Sie diese korrekt. Dann brauchen Sie Wikipedia gar nicht zu zitieren. (Oder es hat sich erledigt. Die Originalquelle sollten Sie schon lesen. Es wäre aber nicht das erste Mal, wenn sich nach Studium der Originalquelle der Wikipedia-Artikel in einem anderen Licht darstellen würde.) Deshalb: Wikipedia ist ein gute Einstieg, erspart aber das kritische Arbeiten nicht.

Nicht zitierfähig

Bei mir herrscht die Regel, dass Wikipedia nur in sehr gut begründeten Fällen in Abschlussarbeiten zitiert werden sollte - das gilt allerdings auch für den "Brockhaus" oder andere lexikalische Werke. Denn schließlich sind bei Referenzen auf die wissenschaftliche Erkenntnisse anderer Autoren deren Originalarbeiten zu zitieren, oder - wenn die Methoden/Erkenntnisse schon soweit gediehen sind, dass sie in Lehrbüchern Eingang gefunden haben - auch mal ein klassisches Lehrbuch. Da Enzyklopädien (wie auch Wikipedia) auf dieser Sekundär- und Primärliteratur basieren, sind sie der beste Startpunkt für die Suche nach eben jener Originalliteratur, die dann auch zitiert werden sollte - aber sind selber nicht als Referenz geeignet. Wer in meinem Bereich als Wissenschaftler oder Studentin in einer wissenschaftlichen Arbeit also Wikipedia zitiert, zeigt für mich, dass er oder sie sich nicht die Mühe gemacht hat, die Originalarbeit zu suchen, zu lesen und zu zitieren.

Abschließend: zumindestens in meinem Bereich ist eine Referenz auf jede Form von Enzyklopädie selten und muss inhaltlich gut begründet sein.

Wikipedia als "Quellen-Quelle" nutzen

An meiner Uni oder zumindest in meinem Fachbereich ist das Zitieren von Wikipedia nicht anerkannt. Das finde ich weder falsch noch schlimm, weil sich Wikipediaartikel wunderbar als "Quellen-Quelle" eignen. Die Quellenangaben unter den Artikeln sind doch genau das, was man braucht.

Als Quellen-Quelle zu unkitisch

"Wikipediaartikel wunderbar als "Quellen-Quelle" eignen. Die Quellenangaben unter den Artikeln sind doch genau das, was man braucht." leider nein. Teilweise ist die Wahl der Quellen für den Fachmann nicht nachvollziehbar. Da wird dann gerne das erstbeste Fundstück (oder schlimmer: das eigene Paper) anstelle der bahnbrechenden Originalarbeit zitiert.

Die Auswahl der Quelle ist alles andere als einfach, da man für eine Aussage ja nicht das Zitat eines Zitats eines Zitats belegen will, sondern die erste Arbeit in der Kette und dazu vielleicht das Standard-Review.
In den Naturwissenschaften ist das vielleicht nur ärgerlich, bei geisteswissenschaftlichen Themen geht dieses Problem bis an den Kern.

Wikipediaartikel ist für mich deshalb eine Quelle für den Einstieg in ein Thema - man lernt Schlagworte für eine weitere Suche. Manchmal zeigt sich dann nach weiterer Recherche, dass der Artikel ziemlich gut ist - manchmal auch das Gegenteil. Wikipedia ist deshalb für den kritischen Gebrauch sehr gut geeignet, zum Nachschlagen von "geprüftem" Wissen eher nicht.

Wikipedia ist nicht verlässlich - akademische Anbindung nötig

Kürzlich las ich, dass ein besonders tüchtiger Wikipedia-Mitarbeiter an 10, 20 oder 100 oder so Einträgen mitgearbeitet hat.

Das wurde ihm hoch angerechnet. Ich aber denke, es zeigt genau das Problem Wikipedias auf: dass die Artikel von Laien, wenn auch intelligenten Laien hergestellt werden. Intelligente Laien können aus schon vorhandenen Zusammenfassungen neue Zusammenfassungen machen (und die Zusammenfassungen von Wikepedia sind ja häufig gut), aber sie können nicht wirklich

(a) überprüfen, was richtig und was falsch ist und
(b) einen Einblick in die neueste, noch rohe Forschung geben.

Dazu braucht man echte Fachleute, und die sitzen typischerweise an akademischen Instituten. Sie haben schon einen akademischen Grad und erwerben ihn nicht erst. (Ja, ich weiß, auch Experten können irren, wie man weiß wenn man ein Konversationslexikon von 1905 oder so aufschlägt. Aber wenn man die Laien von 1905 hätte schreiben lassen, wäre es sicher noch schlimmer geworden.)

Insofern ist die Hinwendung Wikipedias zur Hochwissenschaft ein konsequenter nächster Schritt. Leider geht dabei die Unbeschwertheit des Unterfangens verloren.

"Hochwissenschaft"

Die Vorstellung, Wikipedia wäre "genauer" oder gar nützlicher, wenn man nur mehr Autoren aus der Speerspitze der Wissenschaft hätte, ist gleich in mehrfacher Hinsicht belustigend.

Erstens gibt es natürlich jetzt schon sehr viele wissenschaftlich tätige Autoren, die auch Wikipedia-Artikel pflegen, denn damit können sie ihre Meinung zu ihrem konkreten Forschungsgebiet gut kundtun. Und da wären wir auch schon beim springenden Punkt, nämlich die Meinung der Wissenschaftler. Vielleicht ist das nicht allgemein bekannt, aber das was Experten, die tatsächlich in aktueller Forschung tätig sind auf ihrem jeweiligen Spezialgebiet zu sagen haben, ist größtenteils eher vage und sehr stark von persönlichen Ansichten durch kürzlich durchgeführte Experimente geprägt. Das liegt nicht daran, dass Wissenschaftler nicht objektiv genug wären - es ist einfach die Natur der Sache. Forschung wird erst durch kontinuierliche Rezeption und Reflektion einigermaßen "neutral". Auch und gerade durch Laien bzw. Wissenschaftler, die eben NICHT genau in diesem Gebiet forschen und damit kein direkter persönlicher Bezug gegeben ist.

Das Lesen eines Lexikons, bei dem Fachbeiträge genau von denen verfasst werden, die evtl. erst vor einigen Monaten zum jeweiligen Thema einen Artikel (Forschungsartikel, nicht Review) in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift abgeliefert haben, möchte ich nicht unbedingt lesen. Diese Informationen wären einfach zu neu, zu roh, zu unreflektiert und zu sehr persönlich eingefärbt.

Danke!

Danke Kommentar 12 für diese Klarstellung. Das klingt in meinen Ohren vernünftig.

Demzufolge bräuchte man für Wikepedia-Artikel Autoren sozusagen aus der "zweiten Reihe" der Wissenschaft, also solche, die Zusammenfassungen von Entwicklungen ihres Faches schreiben. Vielleicht auch Autoren aus der "dritten Reihe", also denen, die Fachaufsätze ihres Faches in allgmeinverständlichere Sprache übersetzen, sofern sie von denen aus der zweiten gegengelesen werden.

Je weiter man aber davon weg kommt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass sich Irrtümer verfestigen, nämlich solche, die sich in der Echokammer der Sekundärliteratur am längsten gehalten haben.

Hochwissenschaft vs Lehrbuchwissen

"Hochwissenschaft" hat in Wikipedia nur wenig verloren. Zu aktuellen Forschungsthemen gibt es oft eben noch keinen Konsens. Da bleibt dann nichts anderes, als die Hypothesen und deren Protagonisten zu nennen.

Natürlich schütz Konsens nicht vor Fehlern, das liegt in der Natur der Wissenschaft. Wenn aber schon der Forschungsstand nicht gesichert ist, hat das ganze in einem Nachschlagewerk wenig verloren. Insofern ist "Hochwissenschaft" nicht Wikipedia-Geeignet. Da gibt es bessere Wege, sich an das allgemeine Publikum zu wenden (eigene Blogs, Zeitschriften, Fernsehen etc). Dort kann man den Forschungsstand oft besser darstellen als in einem knappen Lexikon-Artikel. Wikipedia sollte nicht als Blog-Ersatz missbraucht werden.

Wichtiger ist das sogenannte "Lehrbuchwissen". Dieses Lehrbuchwissen gehört in konzentrierter Form in ein Nachschlagewerk. Und genau da sind viele Studenten und "praktizierende Wissenschaftler" überfordert (Laien erst recht). Und genau das merkt man vielen Artikeln an. Da es den "Überwissenschaftler" nicht gibt, der das aus dem Ärmel schüttelt, hilft hier hilft nur die Selbstreinigung, d.h. Qualitätskontrolle durch Fachleute. Dieser Aspekt kommt bisher deutlich zu kurz.

Bevor das mit dem Lehrbuchwissen in Wikipedia nicht sicher (= mit Qualitätsstandard) klappt, brauchen wir von "Hochwissenschaft fürs Volk" in Wikipedia nicht träumen.

Vor Wikipedia muss auch gewarnt werden

Es gibt Themen in Wikipedia, wo sich Fanatiker und Ideologen durchsetzen. Das Betrifft vor allem Geschichts- und Religionsthemen oder Themen wie Tibet, wo chinesische Propagandisten mitmischen.

Ich habe meine Mitarbeite bei Wikipedia deshalb vor Jahren schon eingestellt. Die vielgerühmten angeblichen "Selbstkorrektur-Mechanismen" sind ein Witz, weil sich letztendlich die User durchsetzen, die am meisten Zeit, den längsten Atem haben und sich mit ihres Gleichen verbünden können.

Prof. Schuh hat das Dilemma (so wie ich es auch erfuhr), sehr gut hier zusammengefasst: http://www.tibetinstitut....