Professoren-BoykottSchluss mit der Ranking-Hörigkeit!

Mehr als 300 Professoren haben ein BWL-Ranking boykottiert. Das Problem sind nicht die Ranglisten, sondern die falschen Erwartungen an sie, kommentiert Ruben Karschnick. von 

Ein Wirtschaftsexperten-Ranking und eine peinliche Casting-Show mit Dieter Bohlen – passt das zusammen? Sogar ziemlich gut, finden die BWL-Professoren Alfred Kieser und Margit Osterloh.

Sie gehören zu den Unterzeichnern eines offenen Briefes , der zum Boykott des BWL-Rankings aufruft, das vom Handelsblatt einmal im Jahr herausgegeben wird. Mehr als 300 Professoren unterschrieben den Boykottaufruf und untersagten dem Handelsblatt , sie in der Rangliste zu nennen, in der die "forschungsstärksten" BWL-Professoren aufgeführt werden. Darunter auch einige, die auf den vorderen Rängen gelandet wären.

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Die Kritik der Boykotteure: Es zähle allein die Masse der Veröffentlichungen. Einen guten Professor mache aber mehr aus als eine möglichst lange Publikationsliste. Wettbewerbe dieser Art würden der gleichen Logik folgen wie Deutschland sucht den Superstar , heißt es auf der Website.

Am 10. September wurde das um einige Profs erleichterte Ranking veröffentlicht. Fazit am Tag danach: Das Handelsblatt und die protestierenden Professoren werden nicht zusammenkommen. Das müssen sie aber auch nicht. Denn das eigentliche Probleme in dieser Sache sind gar nicht die kritisierten Erhebungsmethoden.

Rankings sind nicht Ursache, sondern Symptom des Übels

Genau genommen bildet das Ranking lediglich die geltenden Maßstäbe des wissenschaftlichen Betriebs ab: Hauptsache, ich publiziere – was, ist häufig nicht so wichtig. Es ist weniger Ursache, als Symptom des Übels. Gerade in den ersten Berufsjahren ist die Länge der Publikationsliste für Forscher meist wichtiger als der Inhalt der Veröffentlichungen. Besonders dann, wenn sie sich auf neue Stellen oder um Fördermittel bewerben. Etabliert hat sich dafür die Formulierung " publish or perish " ("veröffentliche oder gehe unter").

Dieses Prinzip hält sich hartnäckig. Auch Professoren, die das System kritisieren, können es sich nicht leisten, inhaltsschwache Vielpublizierer und deren Anhänger zu ignorieren. Letztlich ist es eben doch nicht egal, wenn der Kollege in einem Ranking, das bundesweit zitiert wird, höher platziert ist als man selbst – ob im Handelsblatt oder anderswo.

Gerade, weil es so schwer ist, sich in dem Dschungel aus Tausenden Forschern von Hunderten Universitäten zurechtzufinden, sind übersichtliche Rankings verlockend. Wie schön wäre es, man könnte die Qualität eines Wissenschaftlers, einer Uni oder eines Fachbereichs auf einen Blick erfassen – exakt durchnummeriert von Platz eins bis einhundert.

Hierin steckt das Problem. Wir wollen exakt messen, was sich nicht exakt messen lässt. Oder anders gesagt: Wir wollen einfache Wahrheiten, wo es keine gibt. Manager fragen: Wer ist der beste Wirtschaftswissenschaftler? Studenten fragen: Welche ist die beste Uni? Rankings liefern einfache und bequeme Antworten. Dabei sollten gerade Akademiker wissen, dass man sich an solchen Ergebnissen allenfalls orientieren kann. Nicht mehr, nicht weniger.

Wer Rankings liest, sollte genau hinschauen und ihnen nicht zu viel Bedeutung zumessen. Dabei hilft ein Vergleich mit der Bundesligatabelle beim Tippspiel: Bayern mag zwar erster sein, das heißt aber nicht, dass die Mannschaft nicht vom Tabellen-Letzten geschlagen werden kann. Oder dass am Ende nicht doch Dortmund Meister wird.
 

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Leserkommentare
  1. "Wer Rankings ließt" am Anfang des letzten Absatzes ist mehr als peinlich bei einem Artikel über Professoren.

    Am besten einfach korrigieren und diesen Nicht-Kommentar einfach gar nicht erst einstellen.

    Danke.

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  2. "Hierin steckt das Problem. Wir wollen exakt messen, was sich nicht exakt messen lässt. "

    Schon verwunderlich: das Prinzip des Rankings stammt doch aus der Betriebswirtschaft. Rankings sollen den "Wettbewerb" fördern und die geränkten zu Höchstleistungen anspornen - schließlich, so sagt der Zyniker, leben wir ja nicht im "Sozialistischen Kuschelstaat".

    Dass diese Rankings sich bei genauerer Hinschau als das entpuppen, was man in der DDR "Held der Arbeit" nannte, sei nur am Rande erwähnt.

    • Jana F
    • 11. September 2012 18:00 Uhr

    "Hierin steckt das Problem. Wir wollen exakt messen, was sich nicht exakt messen lässt. Oder anders gesagt: Wir wollen einfache Wahrheiten, wo es keine gibt."
    Das ist wohl wahr. Auch wenn sich fast 300 - z.T. sehr namhafte Wissenschaftler - gegen dieses Ranking ausgesprochen haben, wird das doch wenig ändern.
    Rankings wird es auch weiterhin geben, weil Leute sie gerne lesen.
    Und wer kann es Ihnen verübeln? Als Studienanfänger möchte man eben einen Überblick über die Hochschullandschaft haben und dabei sind Rankings immer eine gute Wahl. Leicht verständlich und einfach.
    Dennoch bleibt zu hoffen, dass die Qualität der Rankings ansteigt. Das wäre für alle Beteiligten eine enorme Verbesserung.

  3. Ob auf universitärem Gebiet oder im Prekariats-TV - Rankings sind DAS Symptom unserer Zeit. Nach oben, besser sein als der andere, sich mit seinem Status schmücken - das scheint mir bei immer mehr Menschen das einzige Lebensziel zu sein.
    Wie man letztlich den Platz an der Sonne erreicht (der sich allzu häufig als maskierte Schlechtwetterfront erweist), interessiert immer weniger - Hauptsache man erhält seine ersehnte Prominenz und gaukelt sich vor, man sei kein armes, inhaltsleeres Menschlein...

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  4. Guter Artikel.

    Dennoch: Auch diese Professoren werden ihren Studenten Noten geben. Weil Leistung nun mal bewertet wird im Leben, gute wie schlechte. Wenn den Profs das Handelsblatt-Ranking nicht gefällt, weil viel zu simplistisch (und das ist es), dann warten wir geduldig auf Vorschläge für bessere Rankings. Boykott ist albern und grenzt an Leistungsverweigerung, tut mir leid.

    Und noch was: ja, ich bin für die Abschaffung des scharfen s's. Hab ja selbst gar keines. Liesst wär aber auch nicht gut, gell?

    aj

  5. Das Grundproblem mit den Rankings ist eben das, dass ab der Einführung eines Ranking-Systems alle Beteiligten sich die größte Mühe geben werden, eine hohe Punktzahl zu erreichen.

    Und dafür muss man je nach Definition der Vergabekriterien für die Punkte nicht unbedingt etwas Sinvolles tun, sondern ganz bestimmte angeblich messbare Dinge. Die können den Alltagsbetrieb erheblich stören und auch kontraproduktiv sein.

    Das macht nichts, Hauptsache man bekommt eine hohe Punktzahl.

    2 Leserempfehlungen
    • LemuelG
    • 11. September 2012 19:43 Uhr

    In der Tat sind es doch die Realitäten im deutschen Universitären System, die ein solches Ranking sinnvoll machen - und gäbe es dieses nicht, so ließe es sich bei Bedarf mit ein wenig Aufwand leicht im erforderlichen kleineren Maßstab nachberechnen.

    Wann ist ein Ranking denn gefragt? In erster Linie bei der Besetzung von Lehrstühlen, wo die Publikationsleistung der Kandidaten verglichen werden soll. Das Ranking bietet hier nur die Abkürzung zur zusammenfassenden Bewertung, die ansonsten für jeden Bewerber selbst vorgenommen werden müsste. A-Journal-Publikationen sind hier gefragt, alles andere ist nahezu unwichtig - so ist es nicht ungewöhnlich, wenn allein anhand der Publikationen (ob via Ranking oder selbst überprüft) alle bis auf die Top 5 Bewerber aussortiert werden. Und nur diese schaut man sich dann näher an.

    Solange dies die Realitäten sind, und kein Bewerber incentiviert ist, auch nur einen Tag Aufwand in Dinge wie Lehrleistung o.ä. zu stecken (an manchen Hochschulen ist nicht einmal ein Lehrvortrag Teil des Bewerbungsprozesses), solange wird es auch die Rankings oder eben ein Äquivalent geben.

  6. Mit den Rankings verhält es sich so, wie überall in der Wirtschaft und zunehmend auch in der Verwaltung:

    Es werden Kennzahlen vorgegeben, die dann eingehalten oder am Besten noch übertroffen werden müssen. - Wie die Kennzahlen zu Stande kommen, ob sie sinnvoll oder kontraproduktiv sind etc. interessiert am Ende nicht. Der ganze Apparat arbeitet nur auf Kennzahlen hin. Eines der größten Probleme dabei ist, dass die Kennzahlen in der Regel nur den kurzfristigen - oder noch schlimmer - den angeblichen Erfolg fördern und ordentliche kaufmännische Nachhaltigkeit bestraft wird.

    Neben den Kennzahlen ist Formular-, Checklisten- und Protokollwahn (zur angeblichen Qualitätsverbesserung) ein weiteres Übel. Eigentlich eine gute Idee, aber in der Praxis führt das auch wieder dazu, dass alle Welt extremen Wert darauf legt, dass die Protokolle etc. richtig und korrekt ausgefüllt werden, denn diese werden hinterher schließlich kontrolliert. Das eigentliche Arbeitsergebnis interessiert oftmals gar nicht mehr; Hauptsache die Liste ist richtig ausgefüllt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Dieter Bohlen | Casting-Show | Dschungel | Logik | Qualität | Brief
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