Zwangsexmatrikulation : Zwölf Semester und Schluss

Wie lange darf man studieren? Nicht so lang wie Patrick Luzina. Seine Uni hat ihn rausgeworfen. Den Kampf für "individuelle Bildungsbiografien" führt er weiter.

30 Stunden in der Woche hat die Politik oft aufgefressen, sagt Patrick Luzina. Sein Kampf für den "Master für alle" und für den achtsemestrigen Bachelor, die Treffen mit der Hochschulrektorenkonferenz: Es gab viel, um das er sich als Sprecher von "Campus Grün" kümmern musste. Dazu kam der Nebenjob, mit dem er sein Studium finanziert. Manchmal kam er gerade mal dazu, einen einzigen Schein pro Semester zu machen.

Seit Beginn seines Studiums ist der 32-jährige Patrick Luzina hochschulpolitisch aktiv, zuletzt war er drei Jahre im Bundesvorstand der Grünen Hochschulgruppen. Sein Einsatz könnte ihn nun seine Studienberechtigung kosten. Denn die Freie Universität Berlin (FU), wo er seit 2006 am Otto-Suhr-Institut Politik auf Diplom studiert, hat ihm vor einigen Wochen per Post mitgeteilt, dass sie ihn exmatrikuliert hat. Grund: Er ist zu langsam.

Wie lange darf ein Student studieren? Die Studierendenvertreter in den Asten sind für Selbstbestimmung. Jeder soll selbst entscheiden können, wie schnell er ist. Erst recht, da Studierende unterschiedlich belastet sind: Die meisten müssen jobben, manche haben Kinder, wieder andere haben gesundheitliche Schwierigkeiten. Jeder nach seiner Façon – für frühere Generationen war das völlig normal. Mit 17 oder gar mit 22 Semestern wurde noch in den neunziger Jahren niemand an der FU schief angeguckt. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Kampf für "individuelle Bildungsbiografien"

Luzina würde jetzt sein 13. Semester beginnen. Vor knapp zwei Jahren wurde er zu einem Beratungsgespräch gebeten, weil schon damals absehbar war, dass er mehr als die neun Semester Regelstudienzeit bis zum Abschluss brauchen würde. Gemeinsam mit einem Professor entwarf er einen Zeitplan für noch fehlende Seminare und Hausarbeiten. Zwei Semester planten sie dafür ein. Ja, erinnert Luzina sich, er habe das unterschrieben. Auf eine drohende Exmatrikulation im Fall der Nichterfüllung dieser Auflagen habe ihn damals aber niemand hingewiesen.

Im Juni meldete sich die FU wieder bei ihm und forderte eine Begründung, warum er noch immer nicht fertig sei. Diesmal drohte die Universität ausdrücklich mit Exmatrikulation. Luzina, der meinte, nun ein Ende absehen zu können ("in drei bis vier Semestern"), wollte das nicht hinnehmen. Beim Asta der TU Berlin ließ er sich rechtlich beraten. Ihm wurde mitgeteilt, die FU habe für ihre Berufung auf das Beratungsgespräch keine rechtliche Grundlage. Das teilte Luzina seiner Uni mit. Doch statt einer Antwort auf sein Schreiben erhielt er im August seine Exmatrikulation, die Uni blieb bei ihrer Version. Weil Luzina auch auf seiner bestand, hat er beim Berliner Landesverwaltungsgericht Klage eingereicht. Er fühlt sich für sein politisches Engagement und seine Arbeit im Büro eines Abgeordneten der Berliner Grünen bestraft. "Am Institut wird doch immer gefordert, dass wir Theorie und Praxis verbinden sollen", sagt er. "Wie sollen wir denn sonst Einblicke und Kontakte in die Politik bekommen?" Bei Campus Grün kämpft Luzina seit Langem für "individuelle Bildungsbiografien", für das Grundrecht auf freie Berufswahl, gegen Zwangsberatungen und für die Möglichkeit, eine Prüfung so oft wie nötig zu wiederholen.

Luzina vermutet, dass hinter dem Handeln der FU vor allem "unternehmerische" Gründe stehen, weil die Uni für Langzeitstudierende kein Geld vom Senat bekommt. Auch Christine Ilgert vom Asta der TU, vermutet finanzielle Motive: Die FU wolle sich vor allem der verbliebenen 2.800 Studierenden in den auslaufenden Diplom- und Magisterstudiengängen entledigen. Etwa einmal im Monat komme jemand mit einer Drohung auf Exmatrikulation in die Beratungsstunde. Meistens sind es Diplom- oder Magisterstudierende, sagt Ilgert.

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Kommentare

78 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

"Finanzielle Gründe"

Ich finde, was in dem Artikel leider nicht gut zur Geltung kommt ist, dass jene "finanzielle Gründe" der FU völlig legitim sein können. Wie zwar abschließend erwähnt werden die Studienplätze von Steuergeldern finanziert. Daher finde ich es wichtig, dass Unis versuchen, mit ihren finanziellen Mitteln effizient zu wirtschaften. Ferner ist die Anzahl der Studienplätze begrenzt. Deshalb gibt es auch einen moralischen Konflikt nicht aber zwischen Uni und Kläger, sondern um die Frage, wer den Platz verdient. Man sollte nicht vergessen, dass viele Studiengänge sehr begehrt sind. Häufig können Bewerber aufgrund voller Plätze nicht angenommen werden. Daher halte ich Disziplinarverfahren bei langsamen Studenten für sinnvoll. Ob diese nun in dem speziellen Fall auch korrekt ausgeführt wurden ist wieder eine andere Frage.

KapVO

Direkt belegt er natürlich keinen Erstsemesterplatz. Jedoch hängt die Anzahl von angebotenen Studienplätzen auch von dem sog. „Curricularwert“ ab. Diesen beeinflusst jeder immatrikulierte Student. Die dazugehörige Verordnung:

http://www.hochschulstart...

eine auf die Uni Mainz bezogene Zusammenfassung findet sich hier:

http://www.puc.verwaltung...

Sind wengier Studenten immatrikuliert, sind die Unikapazitäten weniger gebunden und es ergibt sich ggf. ein höherer Wert.

Re: "Finanzielle Gründe"

Ich finde, was in dem Artikel leider nicht gut zur Geltung kommt ist, dass jene "finanzielle Gründe" der FU völlig legitim sein können.

Eigentlich sollten der Universität diese "Bummelstudenten" sehr gelegen kommen. Schließlich bringen sie Geld in den Topf ohne dass sie etwas kosten. Aus Sicht des Steuerzahlers ist das natürlich nicht so schön. Das Problem sind hier aber letztendlich nicht die Studenten sondern die unsinnigen Finanzierungsmethoden.

welche Kosten ?

Wieso Sozialschmarotzer ? In dem Artikel steht, dass der Student aus dem beschrieben Fall seinen Lebensunterhalt durch Arbeit verdient. Welche Kosten verursacht er der Allgemeinheit konkret ?

Teilweise wird das Argument gebraucht ein Studienplatz würde dem Staat viel Geld kosten. Bei diesen Berechnungen handelt es sich jedoch um einen Durchschnittsbetrag, der keine Unterschiede zwischen sehr teuren Studiengängen wie z.B. Medizin oder sehr günstigen wie Politikwissenschaften macht. In Studiengängen wie Politik gibt es fast keine teuren Kleingruppen, keine Materialkosten usw.

Im Endeffekt dürften die Kosten die gleichen sein, egal ob er nur 2 oder 3 Vorlesungen im Semester besucht und länger braucht oder 6 Vorlesungen pro Semester besucht und schneller fertig wird. Die Kosten für die Klausrenkorrektur, Bereitstellung der Plätze im Hörsaal, verteilte Kopien oder ähnliches sind die selben.

Vielleicht wäre es einigen am liebsten, wenn in Deutschland niemand mehr studiert und nur noch Akademiker aus dem Ausland angeworben werden, für deren Ausbildung ja die Steuerzahler eines anderen Landes aufgekommen sind ?

Der Langzeitstudent schadet sich auch selber durch Verlust von Lebenszeit, in der er mehr verdienen könnte und durch schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt... Doch so lange er sich alleine finanziert, sollte er dies selber entscheiden können und ich verstehe die Wut und den Ärger nicht, die in einigen Kommentaren zu Tage treten.

Schöner Traum

Meine Eltern können mir das Studium nur mit Ach und Krach finanzieren, dennoch beträgt mein BaFöG-Anspruch ganze 18 Euro. Selbst arbeiten kann ich nicht, weil Jura halt nun mal ein Zeitfresser ist. Bliebe also nur der Kredit. Erst mal muss ich eine Bank findet, bei der ich die Voraussetzungen überhaupt erfülle. Ich sehe es aber irgendwie nicht ein, in einem Land, das ein Recht auf Bildung propagiert, mich nur meines Studiums wegen mit über 30.000 Euro zu verschulden, zumal ich später in den Justizdienst möchte und dann mithin StaatsDIENER bin.

Scharfe Worte

Wenn Sie mit "Sozialschmarotzer" "argumentieren", sollten Sie auch belegen, an welcher Stelle das verlängerte Studium des dargestellten Studenten der Universität doppelt so viele Kosten bereitet wie das Studium eines Studenten in Regelstudienzeit. Wer nur einen Schein im Semester macht, verursacht auch nur die Kosten eines Scheines.

Abgesehen davon könnten Sie auch mal Ihre Behauptung belegen, dass kein Student arbeiten gehen müsste, um sich das Studium zu finanzieren. Sind das alles Worcaholics, oder warum jobben so viele Studenten? Nach dem 30. Geburtstag bekommen Sie nichts mehr, nicht mal'ne bezahlbare Krankenversicherung, und wenn Ihre Eltern Ihnen den vom Bafögamt anempfohlenen Unterhalt nicht zahlen können oder wollen, haben Sie auch erstmal zu tun, diesen entweder doch zu erhalten (klagen) oder eben selbst zu verdienen. Also wo sind die 1000 Möglichkeiten, hätte ich gerne vor sechs Jahren gewusst!

Dummer

"Die hier benannten "normalen" StudienUmstände sind im übrigen lächerlich, was die Studiensituation angeht. Keiner MUSS für ein Studium in Deutschland nebenher arbeiten. Es gibt diverse Möglichkeiten sich das Studium anderweitig zu finanzieren (bafög, kindergeld, Unterhalt für leute bis 25/27, andere Formen von Studienkrediten, gibt tausend Möglichkeiten). Außerdem haben zB Medizinstudenten per se am Anfang ne 60 Stunden Woche, da sind seine 30 Stunden freiwillig nix gegen."

Selten so einen Scheiß gelesen. Wer seinen Eltern nicht auf der Tasche liegen will und kein Bafög bekommt, muss oft nebenher arbeiten. Und zwar in oft in schlecht bezahlten Jobs.

"Das man die Sozialschmarotzer, die auf Kosten anderer ihr Bummelstudentenleben genießen und sich dann noch über die ganzen Ungerechtigkeiten beschweren von den Hochschulen kickt ist längst überfällig und gehört auch noch verschärft."

Steht irgendwie im Gegensatz zu den Thesen, die sie weiter oben vertreten haben, oder? Wer sich selbst finanziert, sollte so lange studieren können wie er will - meine Meinung.

Genau!

Genau, Sie haben mir aus der Seele gesprochen.

1. Wer bekommt denn heute noch Bafög...?

2. Kindergeld reicht vorne und hinten nicht aus, um ein Leben zu finanzieren.

3. Studienkredite sind dafür da, um Studiengebühren zu bezahlen - nicht den Lebensunterhalt.

4. Was soll es denn sonst noch an weiteren tausend Möglichkeiten geben...??

Dazu kommt auch, dass viele Studenten bei Eintritt ins Arbeitsleben verschuldet sind - auch wenn sie nebenbei gearbeitet haben. Und dann sollen sie sich auch noch als Sozialschmarotzer beschimpfen lassen...?
Viele, die nicht studiert haben, wissen nicht, was man teilweise für ein Arbeitspensum zu bewältigen hat (Studium und Teilzeitjob).
Soll Luzina doch so lange studieren, wie er möchte. Er liegt offensichtlich niemandem auf der Tasche.

Re: Exmatrikulation

Keiner MUSS für ein Studium in Deutschland nebenher arbeiten.

Es ist aber auch in keiner Studienordnung festgeschrieben, dass man nicht neben einem Studium arbeiten darf. Ich für meinen Teil habe kein BAföG bekommen, wollte aber auch nicht meinen Eltern auf der Tasche liegen und habe mich daher entschlossen, neben dem Studium Lebens- und Praxiserfahrung zu sammeln und habe dafür in Kauf genommen, dass alles mit Faktor 2 gestreckt wird. Das fünfjährige Studium dauerte also 10 Jahre. Nebenbei habe ich noch zwei zukünftige Rentenzahler geschaffen und versorgt. Das ging solange gut, bis die Uni mir die Pistole auf die Brust gesetzt hat und meinte, ich müsse innerhalb von zwei Semestern fertig sein. Im Nachhinein stellte sich das als rechtlich unzulässig heraus, aber man ist erstmal geschockt, weil die komplette Lebensplanung durcheinander geworfen wird und man angedroht bekommt, einen Abschluss auf dem man bereits seit sieben Jahren hinarbeitet, nicht zu bekommen.

Dafür, dass die Universität viel Geld vom Steuerzahler bekam, weil ich immatrikuliert war, konnte ich nichts. Ich bin weder für die Haushaltsplanung der Universität zuständig noch für die sinnvolle Verwendung der Mittel des Steuerzahlers. Ich war bloß ein Student, und übrigens auch Steuerzahler.

Das mag sein..

das WIR ihm dankbar sein sollten, für sein Engagement.
Aber: Wenn jemand nicht in der Lage ist, sich um seine Angelegenheiten zu kümmern, und zunächst einmal sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen, kann er auch nicht wirklich viel gelernt haben.
Wenn man etwas aus seinem Leben machen will, ist es in der heutigen Zeit leider so, das ein Zettel mit dem Aufdruck "Diplom" oder "Bachelor" fast unumgänglich ist. Um so einen zu bekommen, ist ein wenig Zielstrebigkeit von großem Nutzen. Zielstrebigkeit hilft einem im übrigen auch nach dem Studium.
Tenor meines Beitrages: Mein Mitleid hält sich in überschaubaren Grenzen !

Kosten

was für Kosten hat eine Uni denn ganz konkret von langsamen Studenden?
wenn die keine Vorlesungen besuchen bzw. sonst praktisch Luft, Karteileiche sind, welche begrenzten Ressourcen nehmen sie in Anspruch/ sperren sie gegenüber anderen Studenten?

man wird doch wohl so viele Studenten aufnehmen können,
dass in der Erwartung für über den Daumen ausreichend Platz in allen Kursen ist,
20 Personen-Kurse bei 300 im Jahrgang sind sowieso schon immer eine Frage von Glück und Zufall

im Zweifel kann man die erkannten Langzeitstudenten in eine 'Zweite Klasse' abstufen:
es werden genau so viele neue/ andere Studenten zugelassen als wärst du gar nicht da, in Seminaren & Co. hast du keinen Garantieplatz, aber bist dennoch willkommen, noch 30 Jahre die Statistik auszuschmücken und wo immer doch ein Plätzchen ist hineinzurutschen

Keine Kosten aber Mindereinnahmen

Es steht im Artikel, daß die Uni für Langzeitstudenten keinen Zuschuss vom Senat bekommt. Damit verursachen Langzeitstudenten keine höheren Kosten, aber immerhin Mindereinnahmen, die die Uni nicht hätte, wenn alle Studienplätze nach der Regelstudienzeit neu belegt werden könnten.

Ich denke im Einzelfall kommt es immer darauf an, wie der Langzeitstudent sich verhält, bzw. welche Argumente er vorbringen kann. Wer Abmachungen mit der Uni trifft und diese dann nicht einhält, macht es sich sicher nicht leichter.