Studienplatzklage : Im Gerichtssaal immatrikuliert

Weil er keinen Masterplatz bekommt, verklagt ein Student eine Berliner Uni. Dem Anwalt überweist er mehr als tausend Euro. Doch die Uni ist gut gewappnet. Von B. Malter

"Leider müssen wir Ihnen mitteilen..." Jonas kann es nicht fassen, als er den Ablehnungsbescheid für den Maschinenbau-Master an der Technischen Universität (TU) Berlin in der Hand hält. Immer wieder hat er seine Professoren sagen hören: Für diejenigen, die an der TU ihren Bachelor machten, sei ein Masterplatz sicher. Und nun doch eine Absage. Jonas wird wütend, schließlich geht es um seine Zukunft.

"Mit einem Masterabschluss habe ich später viel bessere Aufstiegschancen", sagt der 26-Jährige. "Ich fühle mich noch nicht genug für einen Beruf qualifiziert." Laut dem Hochschul-Informations-System ist er mit dieser Einstellung in guter Gesellschaft: Die Mehrheit der Bachelor-Absolventen beginnt aus diesem Grund ein Masterstudium.

Jonas will die Absage nicht einfach so hinnehmen. Wenige Tage später geht er zu einem Anwalt und reicht Klage gegen seine Hochschule ein. Motiviert wird er von einem Kommilitonen, der sich vor einigen Jahren erfolgreich eingeklagt hat.

Das Recht auf freie Bildung

Seine Hoffnung setzt Jonas in den Artikel 12 des Grundgesetzes. Dort steht: Jeder hat das Recht, seinen Beruf frei zu wählen. Wenn ein Studienfach – egal ob Bachelor oder Master – einen Numerus Clausus hat, wird dieses Recht eingeschränkt. Das Bundesverfassungsgericht hat jedoch entschieden, dass Artikel 12 nicht verletzt wird, wenn die vorhandenen Ausbildungskapazitäten der Institutionen vollständig ausgeschöpft sind. Hier versuchen Anwälte, den Universitäten Rechenfehler nachzuweisen und ihren Mandanten so doch noch einen Studienplatz zu verschaffen.

Fehlende Kapazitäten sind nicht die einzige Möglichkeit, um in einen Master zu kommen. "Bei Klagen für den Master werden oft zwei Verfahren eingereicht", sagt der Anwalt Frank Selbmann, der sich auf Studienplatzklagen spezialisiert hat. Neben dem gerichtlichen Eilverfahren müsse auch gegen den Ablehnungsbescheid geklagt werden. Hierbei wird untersucht, ob Fehler beim Eignungsverfahren gemacht wurden. Häufig werde noch das Abiturzeugnis bei der Masterzulassung herangezogen, sagt Selbmann, dies sei nicht rechtens und könne angefochten werden.

Wegen der zwei Verfahren ist eine Masterklage erheblich teurer als eine Bachelorplatzklage . "Das können bis zu 1.700 Euro werden", sagt Anwalt Frank Selbmann. Viele seiner Mandanten erhalten dafür finanzielle Unterstützung von ihren Eltern. Prozesskostenhilfe wird bei diesen Verfahren nicht in allen Bundesländern genehmigt. Den meisten Klägern geht es Selbmann zufolge wie Jonas: Sie vertrauen darauf, für den Master an ihrer Hochschule bleiben zu können – und werden dann enttäuscht. "Zu mir kommen junge Menschen, die gute Abschlüsse haben", sagt Selbmann. Es sei ein Klischee, dass sich allein Studierende mit schlechten Noten einklagen.

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Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Studienplätze sind, je nach Fach, teuer

und deswegen sollte die der oder die Bestgeeigneste bekommen.
Werden dabei subjektive und unfaire Maßstäbe angelegt, so ist es richtig und wichtig, dass dagegen geklagt wird.

Allerdings ist es meistens nicht so. Viele Klagen laufen nach dem gleichen Schema:

Schlechtes Abi, deswegen keinen NC also ins Ausland oder anders an das Erststudium kommen.
Dann wechsel nach Deutschland mit Klageunterstüzung.

Da finde ich es sehr gut, dass die Unis nicht einknicken und so etwas abwehren können.

Falsch...

Das System krankt in sich selbst, denn die Politik hat einfach mal entschieden, dass sich nur X Prozent(ich glaube es war i-was zwischen 60 und 70) der Bachlorstudenten für ein weitergehendes Masterstudium interessieren.
Somit fehlen einfach schon an sich die Kapazitäten.
In Anbetracht der Tatsache, dass die Studienzeit eines Masterstudiums immer noch UNTER der eines Diploms liegt, hätte man eher sagen müssen, dass für jeden Bachelorstudent, der heute anfängt, in 3 Jahren ein Master zu Verfügung stehen muss. Wenn dann Masterplätze leer bleiben, kann man die, mit Hinblick auf zukünftige Bachelorabgänge, immernoch abbauen.

Masterstudium soll keine Erstausbildung mehr sein

Es gibt einen anderen, wichtigen Aspekt: Das Masterstudium ist nicht als Erstausbildung gedacht, sondern eher bei einer Promotion anzusiedeln: Eine beschränkte und freiwillige Weiterbildungsmöglichkeit.

Daher steht das Argument mit der freien Berufswahl auf tönernen Füßen. Es gibt auch bei den Chemikern und Medizinern nicht für alle Absolventen die Promotionsmöglichkeit.

Hier wird letztendlich auf juristischem Wege die Entscheidung gefällt, ob ein Bachelor eine hinreichend qualifizierte Erstausbildung ist. So eine Entscheidung gehört nicht ins Gericht.

zentrale Studienplatzvergabe

Dadurch, dass die zentrale Studienplatzvergabe immer weiter verschleppt wird, müssen die Unis mit dem bisherigen mangelhaften System bei der Studienplatzvergabe vorgehen. Das bedeutet aber, dass gute Leute alle Studienplätze angeboten bekommen, für die sie sich beworben haben (bei meinen Studis meistens 4-5), im Nachrückverfahren wieder dieselben Leute doppelt und dreifach Studienplätze bekommen, bis das Semester angefangen hat. Viel sinnvoller als zu klagen, ist es sich bei Unis in weniger beliebten Städten zu bewerben - es muß nicht immer Berlin sein - und im Zweifelsfall auch für ein Fach, das zulassungsfrei ist. Dann kann man im Wunschfach nach Absprache der Lehrenden i.a.R. Masterveranstaltungen besuchen und relativ unkompliziert wechseln. So sind schon viele meiner Studis in ihr Wunschfach gekommen - ohne Anwaltskosten.

Richtig getroffen

Danke, Sie haben es auf den Punkt gebracht. Wäre dieser Artikel in der BILD so erschienen, dann wäre er von unerschopflicher Tiefe gewesen. Er ist aber nicht in der BILD erschienen. Hier wurde wieder Tür und Tor für Spekulationen geöffnet, sonst nichts. Auch bei der Zeit geht man mit gleichnamiger ... und diese ist nun einmal von Oberflächlichkeiten geprägt. Auch von einem Onlinemedium erwarte ich fundierte Informationen, die sehrwohl kurz und übersichtlich dargestellt werden könnten, wenn man nur wollte. Doch diese (fehlenden) zehn Prozent des Artikels würden wohl 90 Prozent der Recherche ausmachen. Dafür fehlt "die Zeit".