ParlamentswahlStudentenrevolte könnte Québecs Regierungschef das Amt kosten

Seit Monaten protestieren Studenten in der kanadischen Provinz gegen höhere Studiengebühren. Die Regierung agiert unbeholfen. Bei den Wahlen droht ihr die Quittung dafür. von afp und dpa

Seit neun Jahren ist Jean Charest Regierungschef der kanadischen Provinz Québec. Das könnte sich bei der Parlamentswahl am heutigen Dienstag ändern. Umfragen sagen einen Sieg für Pauline Marois von der linksgerichteten Parti Québécois (PQ) voraus. Das Meinungsforschungsinstitut Crop sah die PQ eine Woche vor der Wahl bei 33 Prozent und die Liberalen von Amtsinhaber Charest bei 26 Prozent. In diesem Fall müsste die 63-Jährige allerdings eine Minderheitsregierung bilden. Koalitionsregierungen sind in Kanada nicht üblich.

Im Fokus der Wahl stehen vor allem die seit Monaten andauernden Studentenproteste gegen höhere Studiengebühren. Als Reaktion darauf hatte die Regierung im Mai ein befristetes Gesetz durch das Parlament gebracht, das die Demonstrationsfreiheit stark einschränkte. Proteste sollten fortan mehrere Stunden vorher angemeldet werden müssen. Wer sich mit Masken verhüllte, musste hohe Geldstrafen zahlen. Die Reaktion der Studenten: Noch heftigere Proteste , nun auch gegen das neue Gesetz. Krawalle führten zu Tausenden Festnahmen.

Anzeige

Spitzenkandidatin Marois stellte sich im Frühjahr auf die Seite der Studenten. Auf ihrer Liste hat die PQ einen prominenten Studentenführer, der sich um einen Sitz im 125 Abgeordnete zählenden Parlament bewirbt. Die große Frage wird sein, wie sehr die Proteste der Regierung des liberalen Jean Charest geschadet haben. In der Vergangenheit war die Wahlbeteiligung der jüngeren Wähler stets gering ausgefallen, doch die große Unzufriedenheit könnte viele Studenten nun zum Wählen bewegen. Marois kann auch mehrheitlich auf die weiblichen Wähler zählen, die sie zur ersten Frau an der Spitze der Provinzregierung machen wollen.

Vom Zweikampf könnte ein Dritter profitieren

Der Premierminister seinerseits warb bei den knapp sechs Millionen Wahlberechtigten mit Wirtschaftswachstum und niedriger Arbeitslosigkeit, die er sich und seiner erfahrenen Regierung zuschreibt. Er stehe für Stabilität, während Marois Chaos und Straßenkampf symbolisiere. Die Wahlversprechen seiner Gegenkandidatin seien unrealistisch.

Von dem Zweikampf der Traditionsparteien könnte ein Dritter profitieren, der Geschäftsmann Legault. Er will sich um den Aufschwung in Québec kümmern. Dabei geht es dem  55-Jährigen vor allem um die Korruptionsbekämpfung. Auch sein Versprechen, die Steuern um tausend kanadische Dollar (gut 800 Euro) pro Haushalt zu verringern, dürfte ihm Wählerstimmen einbringen.

Wer letztlich das Rennen machen wird, ist schwer vorauszusagen. Die Zeitung "Toronto Sun" kommentierte : "Wenn man drei Papierschnipsel mit den Namen der Parteien in einen Hut schmeißen und nacheinander ziehen würde, wüsste man ungefähr genauso sicher, wer sich wo platzieren wird, als wenn man ein Umfrageinstitut oder ein politischer Analyst wäre." Der Nachrichtensender "CBC" sieht dagegen einen Regierungswechsel kommen : Charest habe zwar die bessere Wahlkampfmaschinerie, "die Menschen in Québec sehnen sich aber nach Veränderung".

2008 hatte Charest mit seiner Partei die absolute Mehrheit errungen und war mit 66 Vertretern in das Parlament in der Provinzhauptstadt Québec eingezogen. Seine drei Amtszeiten waren eine Seltenheit in der frankophonen Provinz Kanadas, in der rund acht Millionen Menschen leben.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Just btw, Kanada ist /nicht/ die einzige frankophone Provinz Kanadas, auch in New Brunswick (Nouveau Brunswick) und Ontario wird ebenso französisch gesprochen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Stimmt, Fehler ist beseitigt. Grüße aus der Redaktion

    Quebec meinte ich natürlich ;)

  2. Redaktion

    Stimmt, Fehler ist beseitigt. Grüße aus der Redaktion

    Antwort auf "Kleiner Anmerkung"
  3. 3. eeheee

    Quebec meinte ich natürlich ;)

    Antwort auf "Kleiner Anmerkung"
  4. ...dass die PQ eine separatistische Partei ist, die schon seit Jahrzehnten die Abspaltung Quebecs von Kanada fordert. Die englisch-feindlichen Gesetze in Quebec sind schon heute lächerlich und auch des eigentlich liberalen Kanada unwürdig: so müssen Ladenschilder/Etiketten etc. immer französisch sein, wenn sie _auch_ englisch sind, dann _muss_ das englische kleiner geschrieben sein. Noch viel abstruser ist das Schulsystem: Alle Kinder _müssen_ französischsprachige Schulen besuchten, es sei denn die Eltern (!) können nachweisen, dass sie selbst den größten Teil ihrer Ausbildung in Englisch absolviert haben. Das gleiche gilt für Kinder, die schon vorher z.B. in einer anderen Provinz auf Englisch unterrichtet wurden. Allen anderen ist somit per Gesetz verboten, eine nicht-französische Schule zu besuchen.
    Bei einem Sieg der PQ erwarte ich weitere solche Schildbürgerstreiche und wenig gutes für Kanada und v.a. für die englischsprachigen Universitäten in Montreal (McGill und Concordia), auf deren Seite sich die PQ ja im Rahmen der Studentenproteste vermeintlich auch gestellt hat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    sie können ihr Kind auf eine englischsprachige Schule in Quebec schicken. Machen übirgens viele hier, sie schicken ihr Kind fürs erste Jahr auf eine private englische Schulen (oder die internationale dt. Schule in Baie D'Urfe) und schulen sie dann nach einem Jahr auf eine der wenigen anglo Schulen um. Kostet zwar um die CAD 5000 für ein Jahr ist aber gut angelegtes Geld, wenn man dort bleiben will. Und die anglophonen CEGEPs (Vanier und Abbott) sind gut besucht.

    Zur PQ und den Separatisten, die kommen ca. alle 10 Jahre mit ihrem Referendum aus der Versenkung, ist schon so langweilig, dass die meisten Non-Quebecker sich kaum noch drum kümmern oder sagen na dann zu. Und sollten sie sich wirklich abspalten, würde der südliche Teil bis Montreal wohl an Ontario fallen, denn es gibt anscheinend keinen binden Vertrag der die permanente Abtretung an Quebec regelt.

    Und was soll den McGill passieren (selber Alumni) die haben mWn schon durchgespielt ob sich eine Verlagerung rechnet, und wenn push come to shove werden sie auch gehen, glaube es jedoch nicht und um Concordia und sein Mutlikulti-Albtraum Campus wär es nicht schade (sehr persönliche Meinung, hat nichts mit der akademischen Quali zu tun).

    @Thema
    Leider verschweigen die Autoren, dass es vornehmlich die Studenten der francophonen Unis/Colleges sind die den Terz machen.
    Und wer Je me souviens auf seinem Nummerschild hat, sagt alles shcon über sein Selbstverständnis aus.

    • Isi 1st
    • 04. September 2012 16:30 Uhr

    "Als Reaktion darauf hatte die Regierung im Mai ein befristetes Gesetz durch das Parlament gebracht, das die Demonstrationsfreiheit stark einschränkte."
    *
    ...es ist erschreckend, dass eine kleine Horde von unzivilisierten Studenten die Möglichkeit der freien Meinungsäußerung und Demonstration ausnutzt, um Unfrieden zu sähen und Sachwerte (guter Staatsbürger) zu zerstören.
    Die Regierung der kanadischen Provinz Québec, kann gar nicht anders handeln und muss die Gesetze anpassen.
    Das sie eine Demokratie ist, wird dadurch verdeutlicht, dass es nur befristet zur Einschränkung der Freiheit kommt.
    Hoffen wir, dass die Unruhen durch die Chaoten, von denen auch schon aus England berichtet wurde, nicht auf Deutschland übergreifen.
    Bis Dato konnten (wenn die Ursache auch eine andere war) die Unruhen aus Griechenland und Spanien, den Frieden in Deutschland nichts anhaben.
    Hier bewiesen unsere unabhängigen Medien durch ihre ausgewogene Berichterstattung Souveränität und Weitsicht.
    Wünschen wir den Ordnungskräften dieser Länder ein glückliches Händchen und viel Erfolg, dass sie den Chaoten bald Einhalt zu gebieten werden, damit wir alle wieder in Ruhe und Frieden weiterleben können.
    Danke
    *

  5. sie können ihr Kind auf eine englischsprachige Schule in Quebec schicken. Machen übirgens viele hier, sie schicken ihr Kind fürs erste Jahr auf eine private englische Schulen (oder die internationale dt. Schule in Baie D'Urfe) und schulen sie dann nach einem Jahr auf eine der wenigen anglo Schulen um. Kostet zwar um die CAD 5000 für ein Jahr ist aber gut angelegtes Geld, wenn man dort bleiben will. Und die anglophonen CEGEPs (Vanier und Abbott) sind gut besucht.

    Zur PQ und den Separatisten, die kommen ca. alle 10 Jahre mit ihrem Referendum aus der Versenkung, ist schon so langweilig, dass die meisten Non-Quebecker sich kaum noch drum kümmern oder sagen na dann zu. Und sollten sie sich wirklich abspalten, würde der südliche Teil bis Montreal wohl an Ontario fallen, denn es gibt anscheinend keinen binden Vertrag der die permanente Abtretung an Quebec regelt.

    Und was soll den McGill passieren (selber Alumni) die haben mWn schon durchgespielt ob sich eine Verlagerung rechnet, und wenn push come to shove werden sie auch gehen, glaube es jedoch nicht und um Concordia und sein Mutlikulti-Albtraum Campus wär es nicht schade (sehr persönliche Meinung, hat nichts mit der akademischen Quali zu tun).

    @Thema
    Leider verschweigen die Autoren, dass es vornehmlich die Studenten der francophonen Unis/Colleges sind die den Terz machen.
    Und wer Je me souviens auf seinem Nummerschild hat, sagt alles shcon über sein Selbstverständnis aus.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich verstehe nicht, dass Sie schreiben, dass es falsch sei, dass Kinder nur unter besonderen Voraussetzungen in englischsprachige Schulen dürfen. Ich habe Familie in Montreal, weiss es daher aus erster Hand und wenn dem folgenden link können sie es auch entnehmen, sind die von mir genannten Einschränkungen doch in der "Charta der Französischen Sprache" als Gesetz festgelegt: http://en.wikipedia.org/w...

    Was Sie beschreiben, ist ein Weg, dieses Regelung zu umgehen, indem man das Kind auf eine Privatschule schickt. Ändert nichts an der Tatsache, dass die von mir beschriebenen Regelungen gelten, v.a. wenn man nicht das Geld hat, diese zu umgehen...

  6. 7. falsch

    Ich verstehe nicht, dass Sie schreiben, dass es falsch sei, dass Kinder nur unter besonderen Voraussetzungen in englischsprachige Schulen dürfen. Ich habe Familie in Montreal, weiss es daher aus erster Hand und wenn dem folgenden link können sie es auch entnehmen, sind die von mir genannten Einschränkungen doch in der "Charta der Französischen Sprache" als Gesetz festgelegt: http://en.wikipedia.org/w...

    Was Sie beschreiben, ist ein Weg, dieses Regelung zu umgehen, indem man das Kind auf eine Privatschule schickt. Ändert nichts an der Tatsache, dass die von mir beschriebenen Regelungen gelten, v.a. wenn man nicht das Geld hat, diese zu umgehen...

    Antwort auf "Das stimmt nicht"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP
  • Schlagworte Parlamentswahl | Regierungschef | Geldstrafe | Minderheitsregierung | Parlament | Protest
Service