In der Plagiatsaffäre um Annette Schavan liegt jetzt eine erste, aber gewichtige gutachterliche Stellungnahme vor. Auf 75 Seiten hat der Vorsitzende des Promotionsausschusses der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf, Stefan Rohrbacher, die Ergebnisse seiner intensiven Prüfung der Doktorarbeit von Frau Schavan niedergelegt.

Auf zwei Seiten diskutiert er darin abschließend und eher knapp die "Relevanz der erhobenen Befunde" für den Plagiatsvorwurf, und in drei knappen Zeilen resümiert er das Ergebnis. "Eine leitende Täuschungsabsicht" sei zu konstatieren, und nicht ohne Grund wird dieser Satz in der Öffentlichkeit wie ein vorweg genommenes Urteil der Fakultät interpretiert; denn so eindeutig formulieren deutsche Professoren selten. Das erwartbare Urteil, ein Schuldspruch, scheint also schon formuliert und ist auch öffentlich geworden.

Doch ist die Beweisführung überzeugend? Wir, ein Autor dieser Zeilen und ein "betroffener" in der Dissertation zitierter Autor, haben uns im Sommer im Blick auf die Plagiatsvorwürfe schon einmal geäußert, zwar Zitierfehler und handwerkliche Fehler gefunden, aber weder den Plagiatsvorwurf akzeptiert noch gar eine "leitende Täuschungsabsicht" konstatiert. Hat uns Herr Rohrbacher eines Besseren belehrt?

Zitierfehler ja, Täuschung nein

Nein. Zwar sind "Regelwidrigkeiten", also die von uns schon genannten "Zitierfehler" nicht zu bestreiten. Aber eine ausschließlich Textstelle für Textstelle vergleichende Technik erscheint uns nicht hinreichend, um Dissertationen zu bewerten oder Doktorgrade zu entziehen. Es ist überraschend, dass Herr Rohrbacher aus der Frequenz und Verteilung von "Regelwidrigkeiten" Erkenntnisse gewinnt, die einen Rückschluss auf "Absichten", hier sogar auf "leitende Täuschungsabsichten" erlauben. Wie funktioniert das, der kühne Schluss von empirischen Verteilungen auf Motive, die die Urheberin des Textes bei seiner Konstruktion vermeintlich gehabt hat, die sie aber – die Täuschungsabsicht – explizit schon mehrfach geleugnet hat?

Gut hermeneutisch verlässt sich Herr Rohrbach bei der Klärung der konkreten Textgestalt und der zu konstatierenden "Regelwidrigkeiten" nicht auf den Urheber des Textes, sondern auf seine eigene Methode der Analyse. Zwei Hypothesen prüft er, um nicht nur zu zählen, sondern die Textgestalt insgesamt zu erklären. Die erste geht "von Flüchtigkeit und mangelnder Sorgfalt in der Befolgung von Regeln und Konventionen" aus.

 Aber diese Erklärung befriedigt ihn nicht, schon wegen der Frequenz der Fehler. Er sucht nach dem System, das die Fehler generiert und findet "eine gewisse Systematik". Diese sei als "Ergebnis einer plagiierenden Vorgehensweise" erklärbar und ein "das Profil der Dissertation wesentlich mit prägendes Element". Im Verweis auf den umfangreichen Teil 2 der Arbeit, in dem die übergroße Zahl der "Regelwidrigkeiten" zu finden ist, sei deshalb auch eine "weitgehende oder auch vollständige Abhängigkeit von Leistungen anderer" zu konstatieren, so dass also – so darf man wohl diesen Hinweis konkretisieren – nach Meinung des Gutachters offenbar plagiiert werden musste, weil der Autorin zu ihrem Thema selbst nichts eingefallen sei.